Hi, Ai – Liebesgeschichten aus der Zukunft – Filmabend am Freitag in Bonn

Filmabend zur Künstliche Intelligenz im bpb:medienzentrum am 15. November um 18 Uhr / Diskussion mit Filmproduzent und Philosphieprofessorin / Eintritt frei inklusive Snacks und Getränke

Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb lädt ein zum Filmabend „Hi, Ai – Liebesgeschichte aus der Zukunft“ am Freitag, 15. November 2019 um 18 Uhr im bpb:medienzentrum, Adenauerallee 86 in Bonn. Im Anschluss gibt es eine Diskussion mit der Philosophieprofessorin Susanne Hahn von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Der Produzent Stefan Kloos wird per Skype dazu geschaltet.

Die Entwicklungen in der Künstlichen Intelligenz und Robotik schreiten mit großen Schritten voran und verändern unser Verhältnis zu Maschinen nachdrücklich. Die ehemals scharfen Trennlinien zwischen Mensch und Maschine verwischen zunehmend und werfen nicht nur technische Fragen auf.

Für den Dokumentarfilm wurden Menschen begleitet, die mit Robotern in Beziehung stehen: die mit ihnen eine Reise unternehmen oder sie in den Kreis ihrer Familie aufnehmen. Der Film thematisiert die Frage wie sich die zunehmend enge Interaktion zwischen Menschen und autonomen Maschinen nicht nur sicher, sondern auch moralisch verantwortungsvoll gestalten lässt. Wo liegen die ethischen Grenzen der Technisierung und wie kann das Zusammenleben mit den zunehmend selbst denkenden Maschinen gestaltet werden?

Moderiert wird die Veranstaltung von Nora Hespers, freie Journalistin und Buchautorin.

Auf einen Blick:
Filmabend „Hi, Ai – Li ebesgeschichten aus der Zukunft“
Zeit: 15. November, 18 – 20:30 Uhr
Ort: bpb:medienzentrum, Adenauerallee 86, 53113 Bonn

Den Link zur Anmeldung, der Trailer zum Film und weitere Informationen.

Zum 75. Geburtstag von Peter Weibel: Utopische und anti-utopische Visionen für die Netzkultur

Der französische Comic-Zeichner und Erzähler Albert Robida entwarf in seinen Science-Fiction-Geschichten Ende des 19. Jahrhunderts ein erstaunlich genaues Bild unserer heutigen Kommunikationsgesellschaft. In seinen Erzählungen stehen riesige Flachbildschirme herum, über die auf Endlosbändern Nonstop-Nachrichten aus aller Welt laufen, es gibt Videotelefon-Konferenzen und ein immens beschleunigtes Leben. In einem Interview im Jahre 1919 sagte er, er beneide die Menschen der Zukunft kein bisschen: „Sie werden ihren Alltag im Räderwerk einer total mechanisierten Gesellschaft verbringen, in einem Maße, dass ich mich frage, wie sie noch die einfachsten Freuden genießen wollen, die uns zur Verfügung stehen: Stille und Einsamkeit. Aber da sie all das überhaupt nie kennengelernt haben werden, wird es ihnen auch nicht fehlen.“

Die Szenarien der so genannten Anti-Utopisten wie Robida oder Jules Vernes sind erstaunlich treffsicher. Ihre Denkanstöße sollte man sehr ernst nehmen, wenn es um die Mensch-Maschine-Interaktion geht. So sind Google und Facebook ja keine selbstlosen Vereine, sondern entwickeln sich zu mächtigen Schaltzentralen der digitalen Öffentlichkeit und kassieren dafür kräftig Werbegelder. Sie sind Infrastrukturanbieter und sollten sich auch dementsprechend verhalten. Die Chefs der Internet-Giganten führen bei jeder sich bietenden Gelegenheit die steigende Zahl der Nutzer als Beweis ihrer Leistungsfähigkeit ins Feld führen. Alles sei so einfach und komfortabel. Dahinter steht die Botschaft: Werde ein Teil dieser schönen neuen Welt der sozialen Netzwerke. Im Beschwerdemanagement sind diese Konzerne dann alles andere als komfortabel und kompetent. Dann kippt die Ökonomie der Beteiligung in eine höchst undurchsichtige Servicebürokratie.

Vielleicht sollte man sich stärker an den Ur-Gedanken der Netz-Visionäre orientieren, die anknüpfen an die Dialogutopie von Lesegesellschaften, literarischen Salons und Debattierclubs. So erkunden Kurd Alsleben, Antje Eske und befreundete Künstler, Philosophen und Wissenschaftler, welche künstlerischen Möglichkeiten mit den neuen Kommunikationsformen des Netzes auftreten und entwickeln eine Kunst der Konversation, die auf eine lange Tradition verweisen kann: von der antiken „ars sermonis“, den Musenhöfen der italienischen Renaissance, der französische Salonkultur des 17. und 18. Jahrhunderts, bis zum Surrealismus und Dadaismus des 20. Jahrhunderts.

„Konversationskunst“ sei eine Kunst des Austauschs, die sich von der alltäglichen Kommunikation abhebt. Sie produziere kein Werk, sondern erlaubt das gemeinsame, spielerische Sammeln von Erfahrungen und das Entstehen von Ideen, die den aktuellen gesellschaftlichen Common Sense überschreiten. „Ich weiß allein nicht weiter“ ist das Leitmotiv dieses Konversierens.

Das 21. Jahrhundert könnte wieder ein Jahrhundert des Gesprächs sein. Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Manifeste. Was wir jetzt erleben, ist eine Abweichung von geschlossenen Medienformaten. Schon in den 1980er Jahren experimentierten Alsleben und Eske mit vernetzten Dialogen über HyperCards. Essentiell sei dabei die kulturelle Tiefe der Konversationen. Beide wollen die künstlerischen Qualitäten und die politische Dimension des Social Web abtesten. Basta-Entscheidungen und das reine Manifestieren von politischen Positionen würden nicht mehr funktionieren. Es geht immer mehr um das mühsame Aushandeln von Positionen und um die Frage „Wie wäre es denn schön“.

Auch für Professor Peter Weibel vom Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) gibt es einen Bogen von der Salon-Konversation, über die Aufklärung bis zum Chat-Room: „Das Internet führt fort, was im Umkreis der Aufklärung begonnen wurde und man kann hoffen, dass es sich als eine erweiterte politische Macht etabliert.“ Die Dialogformen der sozialen Medien seien nichts anderes als die demokratisierte Form der Salonkonversation, die früher nur in elitären Kreisen geführt wurde – heute ist es ein Jedermann-Phänomen. Das Internet habe das Gespräch als politische Kraft zu einem Instrument der gemeinsamen Lebensgestaltung gemacht. Diese Dialoge müsse man als Philosophie des Sprechaktes sehen. „Hier werden Dinge mit Worten gemacht“, so Weibel. Das Monopol der Sprecher in den Parlamenten und Massen sei gebrochen.

Als Vorbild für den Netz-Diskurs könnte auch das dadaistische Cabaret Voltaire in Zürich dienen. Hier ging es vor allen Dingen um den spielerischen Umgang mit den Fragen des Lebens. Ein Dadaist war zugleich Anti-Dadaist. „Sein liebster Zeitvertreib ist es, Rationalisten in Verwirrung zu stürzen, indem er zwingende Gründe für unvernünftige Theorien erfindet und diese Theorien dann zum Triumph führt“, erläutert mein Lieblingsphilosoph Paul Feyerabend in seinem Buch „Wider den Methodenzwang“. Das einzige, wogegen sich der Dadaist eindeutig und bedingungslos wendet, sind allgemeine Grundsätze, allgemeine Gesetze, allgemeine Ideen wie „die Wahrheit“, „die Vernunft“, „die Gerechtigkeit“, „die Liebe“ und das von ihnen hervorgerufene Verhalten, wenn er auch nicht bestreitet, dass es oft taktisch richtig ist, so zu handeln, als gäbe es derartige Gesetze und als glaube er an sie. Der Dadaist vereint Vernunft und Unvernunft, Sinn und Unsinn, Plan und Zufall – sie gehören als notwendige Teile eines Ganzen zusammen. Denn letztlich ist alles ein Produkt unserer schöpferischen Einbildungskraft und nicht das Ergebnis eines Universums von Tatsachen.

Dafür stehen auch die Regellosigkeit des Netzes und der Kontrollverlust. Es gibt keine Gewissheiten im Netz: „Manchmal lassen sich verkrustete Probleme nur durch Neugründung einer Alternative lösen, und nirgends ist das Weiterziehen und Neugründen leichter als im Internet, wo die unbesiedelten Kontinente nie zu Ende gehen. Die Konvektionsbewegung zwischen agilen Neugründungen, erstarrten Imperien, Zerfall und Erneuerung gibt es online wie offline, im Internet sind ihre Zyklen nur kürzer als draußen“, stellt Kathrin Passig fest.

Siehe auch:

Ideengeber und Kunstweltbeweger: Symposium zum 75. Geburtstag von Peter Weibel

Europäische Öffentlichkeit schaffen – Goethe als Vorbild

Wie froh wäre Johann Wolfgang von Goethe gewesen, das grenzenlose und echtzeitige Netz für den transnationalen Dialog einzusetzen. Der Dichterfürst nutzte den Postweg – allerdings mit einem privilegierten Status. Das Postmonopol war in privater Hand und galt als Grundpfeiler der vorindustriellen Modernisierung. Ihr “Erfinder” Franz von Taxis wurde auf eine Stufe mit Christoph Kolumbus gestellt. Der damalige Provider “Thurn und Taxis” gewährte Goethe ein Freibriefrecht. “Für Briefe von und an Goethe musste kein Porto bezahlt werden”, erwähnt der Literaturwissenschaftler Peter Goßens im Interview mit Sabria David, die in einem internationalen Projekt des Goethe-Instituts die Salonkultur des 18. und 19. Jahrhunderts wiederbelebt.

Der europäische Netzwerker

Goethe konnte so viele Briefe schreiben, wie er wollte. Mit dieser freien Kommunikationsform entwickelte er sich zum Netzwerker für den europäischen Diskurs. Es war die Triebfeder seines kosmopolitischen Humanismus, von dem sich die besorgten Bürger eine Scheibe abschneiden sollten. Heute würde Goethe dafür Facebook, Twitter, Periscope und einen Blog einsetzen. Damals setzte er vor allem seine eigene Zeitschrift “Ueber Kunst und Alterthum” ein, um mit den “Literatoren” Europas in Kontakt zu treten.

Neben seiner umfangreichen Korrespondenz, den Besuchern und Gesprächen, die zum Weimarer Alltag gehörten, war es vor allem das Projekt der Zeitschrift, die es dem alternden Goethe ermöglichte, ein virtuelles, aber durch seine gedruckte Form manifestes Kommunikationsnetz zu spannen und seine Wahrnehmung des weltliterarisch Bedeutsamen bekannt zu machen, schreibt Goßens in seiner Habilitationsschrift “Weltliteratur”, erschienen im J.B. Metzler-Verlag.

Transnationales Kommunikationssystem im 19. Jahrhundert

Goethe schuf damit eine kleine, aber sehr einflussreiche europäische Öffentlichkeit. Er suchte und fand Verbündete für sein weltliterarisches Unterfangen zur Schaffung eines transnationalen Kommunikationssystems. Weltliteratur wird von Goethe nicht als Kanon definiert, sondern als Programmatik zur Überwindung nationaler Verblendung. Nicht die Lektüre literarischer Werke steht im Vordergrund, sondern die grundlegende Kenntnis der Kulturen anderer Länder. Der Dichterfürst verstand sich als Katalysator zur Herausbildung einer europäischen Leserschaft. Zu seiner Lieblingslektüre zählte dabei “Le Globe“, die sich nationalen Vorurteilen und kulturellen Hegemonie-Bestrebungen entgegenstellte. Sein Anliegen wurde von nationalistischen Bedenkenträgern als undeutsche Gesinnung ausgelegt. Mit seiner internationalen Netzwerkstärke konnte Goethe dieses Stammtisch-Gebrüll deutlich übertönen.

Neue Ideen für Europa

Ähnliches erhofft sich Günther Rüther von den Intellektuellen unserer Zeit.

Im 19. und 20. Jahrhundert waren es vor allem Kriege, die der europäischen Idee neue Kraft verliehen. Den Intellektuellen ging es dabei um die Überwindung nationalistischer Vorurteile, den Abbau von Hass oder Intoleranz und vor allem darum, verloren gegangene Freundschaften zwischen den Völkern erneut zu stiften, schreibt Rüther in seinem Buch “Die Unmächtigen – Schriftsteller und Intellektuelle seit 1945”, erschienen im Wallstein Verlag. Europa brauche jetzt die Stimme der Intellektuellen. Sie müssen die Sprache der Macht und der Expertokratie dechiffrieren, um der europäischen Idee wieder Auftrieb zu geben.

Popkultur statt rückwärtsgewandter Abendländerei

Erinnert sei an eine Rede von Rüdiger Altmann: Von rückwärtsgewandten “Ersatzideologien” wie der “Abendländerei”, jener in den fünfziger Jahren vor allem in weiten Teilen des deutschen Katholizismus verbreitete “Abendland”-Idee, hielt der frühere Berater von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard gar nichts. Das formulierte er bereits in den 1990er Jahren:

Im Grunde ist es die Aufgabe Europas, den Kulturkonflikt dieser sich wandelnden Welt auszuleben und mit neuen Ideen zu überwinden… Welches sind die europäischen Ideen, die Europas Existenz heute ausmachen? Das kann nicht die Idee eines sich gegen die übrige Welt abgrenzenden Europas sein, das um seine Identität, auch um seine geschichtliche Identität, ringt. Die entscheidende Frage ist: Findet Europa den Mut, neue Ideen zu formulieren und auszuleben, die die ganze Welt angehen, also in diesem Sinne nicht spezifisch europäische sind? Auf diese Weise könnte Europa wieder jene Weltgeltung erlangen, die es früher gehabt hat.

Altmann betont dabei die Kraft der Popkultur. Die mediale Kultur habe einen großen Bedarf und Verbrauch an Ideen.

“Darin unterscheidet sie sich deutlich von der Kultur der Klassengesellschaft alten Stils. In gewissem Sinne ist sie unideologisch. Zugleich entfaltet sie in der Massengesellschaft ein Kommunikationsfeld von großer Kraft…” Genau das sollte von der europäischen Zivilgesellschaft ausgehen. Vielleicht ist die Popkultur ein veritables Mittel, den Nationalisten und Rassisten in den europäischen Staaten das Wasser abzugraben – in transnationalen Dialogformaten nach dem Vorbild des Dichterfürsten Goethe.

Die CIO-Kuratoren in Aktion: #Habeck, #Hass und #Hacker – #9vor9 mit den Digitalthemen der Woche @digitalnaiv @larsbas @WinfriedFelser @itbeobachter

Sehr lustig 🙂

Unternehmerische Verantwortung und politische Bildung – Bonner Gesprächsrunde am 1. Februar

Wir übertragen das live 🙂

Die IHK Bonn/Rhein-Sieg und das CSR-Kompetenzzentrum Rheinland laden zur Veranstaltung „Unternehmerische Verantwortung und das demokratische Gemeinwesen. Herausforderungen, Chancen und Perspektiven für die Wirtschaft und Politische Bildung“ ein. Podiumsdiskussion und Publikumsgespräch zum politischen Neujahr 2018 finden am Donnerstag, 1. Februar, 2018, 18 Uhr, in der IHK-Zentrale im Bonner Talweg statt – mit anschließendem Empfang und Get-together. Unter der Moderation von Dr. Karoline Rörig diskutieren Daniel Kraft (Bundeszentrale für politische Bildung,  Leiter Stabsstelle Kommunikation), Dr. Ulrike Hospes (Konrad-Adenauer-Stiftung, Leiterin Büro Bundesstadt Bonn), Martin Pfafferott (Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro NRW) und Stephan Multhaupt (gmc² und Botschafter des CSR-Kompetenzzentrums).

Zum Auftakt des Neuen Jahres analysieren und diskutieren Vertreter der politischen Bildung den Zustand und die Zukunft des demokratischen Gemeinwesens in der Bundesrepublik. Angesichts der vielfältigen nationalen Problemlagen und globalen Herausforderungen, der damit verbundenen Verunsicherungen und eines grassierenden Populismus stellt sich allen voran die Frage nach den in unserem Gemeinwesen geteilten Grundwerten, Idealen und Zukunftsvisionen und deren Vermittlung. Einen Ausgleich zwischen den vielfältigen Interessen innerhalb der Gesellschaft zu schaffen und für die Gemeinschaft tragfähige Kompromisse zu finden, das ist die Aufgabe der Politik. Doch agiert diese nicht losgelöst von der Gesellschaft. Insbesondere Unternehmen als Motoren und Rückgrat unserer Wirtschaft sind gefragt, sich in den Diskurs einzubringen. Mit der Veranstaltung sollen neue Impulse gesetzt, gemeinsame Handlungsfelder von Unternehmen und politischer Bildung aufgetan und innovative Formen der Auseinandersetzung mit den politischen Kontexten, Grundlagen und Bedingungen des unternehmerischen Handelns gefunden werden. Mit unserem Podium findet ein Erfahrungs- und Ideenaustausch statt.

Anmeldung bei Julia Hoffmann, Telefon 0228/2284-186, E-Mail hoffmann@bonn.ihk.de oder unter http://www.ihk-bonn.de, Webcode 6492114. Oder auf der Facebook-Eventseite. 

Siehe dazu auch mein Gespräch mit Daniel Kraft im Sommer 2017:

Siehe dazu auch meine Kolumne: Das Märchen vom ehrbaren Kaufmann

#vdav eprivacy-Rechtsverordnung der EU realitätsfern und undurchführbar

Die EU-Kommission hat am 10. Januar 2017 den Entwurf einer Rechtsverordnung zum zukünftigen Umgang mit personenbezogenen Daten in der elektronischen Kommunikation vorgelegt – die eprivacy-Richtlinie.

„Mit Art. 15 des Entwurfs haben die Brüsseler Experten allerdings Regelungen formuliert, die nicht nur vollkommen an der Realität vorbeigehen, sondern auch schlicht undurchführbar sind“, so der Verband Deutscher Auskunfts- und Verzeichnismedien (vdav).

Informationspflichten über die Eintragungen in Kommunikationsverzeichnissen und Telefonverzeichnissen sollen den Verlegern oder Auskunftsbetreibern auferlegt werden.

„Dass diese in der Regel keinen Kontakt zu den Personen haben, die dort gefunden werden möchten und schon aufgrund anderer datenschutzrechtlicher Vorschriften gar keinen Kontakt zu diesen aufnehmen dürfen, haben die Brüsseler schlicht übersehen“, kritisiert der vdav.

Würde Artikel 15 in der vorgelegten Form Rechtskraft erlangen, wäre dies nicht nur das Aus für Kommunikationsverzeichnisse mit den Kontaktdaten Privater wie Das Örtliche oder Das Telefonbuch, sondern auch für die Telefonauskunft. Dies nicht nur in Deutschland, sondern europaweit. Die von der Kommission kommunizierten Ziele wie Entbürokratisierung, optimierter Datenschutz, fairer Wettbewerb und optimierte Kommunikationsmöglichkeiten werden so nicht nur nicht erfüllt, sondern in Gänze konterkariert.

Art 15 konkretisiert erstmals, dass die „Betreiber öffentlich zugänglicher Verzeichnisse“ das Einverständnis der in den Verzeichnissen eingetragenen natürlichen Personen einholen und sie über die weiteren Einzelheiten, die mit einer Eintragung verbunden sind, informieren müssen. In Deutschland beruht die Veröffentlichung der Kontaktdaten bereits seit rund zwei Jahrzehnten auf dem Antrag der Teilnehmer (Paragraf 104 TKG).

Dieser Antrag wird beim Abschluss eines Vertrags mit einem Carrier oder Provider am so genannten Point of Sales, also im Shop des Anbieters, gestellt, bei Abschluss eines Vertrags im Internet über entsprechend auszufüllende Formulare, die den Vertragsunterlagen beigefügt sind.

Die Directory-Provider in Deutschland – in vielen anderen Mitgliedsstaaten der EU ist die Situation identisch – verfügen über keinerlei Kontakt zu Subscribern oder Endnutzern, ja dürfen aufgrund der bereits geltenden datenschutzrechtlichen Bestimmungen auch gar keinen Kontakt zu diesen aufnehmen.

Endnutzer, die über ihre Eintragungsmöglichkeiten nicht informiert wurden oder diese Möglichkeit nicht zur Kenntnis genommen haben, sind für die Verzeichnisanbieter darüber hinaus nicht zu identifizieren, ein Kontakt zu diesen ist bereits faktisch unmöglich.

Betreiber von Verzeichnisdiensten sind nach Auffassung des vdav nicht in der Lage, den in Art 15 des Entwurfs festgelegten Verpflichtungen nachzukommen:

„Die seit Jahrzehnten bewährte Systematik, dass die Kommunikationsdaten vom Anbieter der elektronischen Kommunikationsdienste aufgenommen werden, muss daher zwingend beibehalten werden.“

Bei den personenbezogenen Daten handelt es sich um Namen und Kommunikationsadressen, die zur Aufrechterhaltung einer möglichst breiten, barrierefreien und netzwerkunabhängigen Kommunikation zwingend notwendig sind.

Zudem dürfen diese Daten nur für Verzeichnis- und Auskunftszwecke genutzt werden. Eine darüber hinaus gehende Verwendung der Daten etwa für Zwecke des Direktmarketings ist nicht gestattet. Es handelt sich hier lediglich um die Veröffentlichung und Nutzung von Daten zur Ermöglichung von Kommunikation. Insofern sei es nicht nachvollziehbar, so der vdav, warum eine ausdrückliche Einwilligung der Endnutzer erforderlich sein müsste. Tatsächlich wird in der überwiegenden Mehrheit der Mitgliedsstaaten den Endnutzern auch bislang ein einfach auszuübendes Widerspruchsrecht gegen die Veröffentlichung seiner Daten eingeräumt, das zudem dem Datenschutzbedürfnis der Endnutzer vollkommen genüge leistet.

„Die negativen Folgen einer schon aus Unkenntnis über die Regelung und deren Folgen nicht abgegebenen Einwilligung werden vielfach erst nach Monaten wahrgenommen und sind dann kaum noch zu heilen. In der Praxis heißt dies, dass nicht wenige Kunden erst Wochen nach einem Vertragsabschluss oder einer Vertragsänderung feststellen, dass sie über einen Auskunfts- oder Verzeichnisdienst nicht mehr gefunden werden können. Vielen wurde die Notwendigkeit einer zwingenden Willenserklärung dafür am Point of Sales nicht erläutert, sie haben die Regelung selbst oder aber die Folgen schlicht nicht verstanden oder damit andere Belastungen (Direktmarketing, Spam etc.) in Verbindung gebracht, obwohl sie de facto weiterhin gefunden werden wollen. Ein klares, einfach und unkompliziert auszusprechendes ‚NEIN‘ wird unseres Erachtens gerade in dieser Hinsicht auch auf Seiten der überwiegenden Mehrheit der Endnutzer als vollkommen ausreichend angesehen und trägt dem Schutzbedürfnis – wie auch die weitestgehend kritiklose Nutzung von Diensten wie WhatsApp deutlich belegt – vollkommen und umfassend Rechnung.“

Aufgrund der ausgeprägten Wettbewerbssituation in Deutschland gibt es flächendeckend mindestens zwei, in bestimmten Regionen auch weitere Verzeichnisse mit Kommunikationsdaten natürlicher Personen, die von verschiedenen Verzeichnisanbietern angeboten werden. Hinzu kommen weitere Online- und mobile Angebote. Allein zum Betrieb einer Telefonauskunft hat die Bundesnetzagentur entsprechende Rufnummern an rund 50 Unternehmen vergeben, die – bis auf die wenigen Carriereigenen Auskunftsdienste – alle selbst eine solche Einwilligung einholen müssten.

Müsste jeder einzelne dieser Anbieter ein eigenes Opt-In einholen und den Endnutzer entsprechend informieren, würde dies dazu führen, dass mehrere Dutzend Verzeichnis- und Auskunftsanbieter jeweils die Genehmigung jedes einzelnen Teilnehmers einholen müssten.

Schon bei zwei verschiedenen Anbietern würde sich der Endnutzer über Gebühr belästigt fühlen, was dazu führen könnte, dass er bereits aus diesen Gründen einer Einwilligung kritisch oder ablehnend gegenüber steht und aus diesen nicht tatsächlichen Gründen sein Opt-In verweigert.

Die im Entwurf formulierte Regelung sei auch aus diesem Grund nicht zweckmäßig und würde einen fairen Wettbewerb sowie den Markteintritt neuer Player oder neuer Angebote ohne Notwendigkeit über Gebühr beschränken, resümiert der vdav.

Von gleichen Wettbewerbsbedingungen mit den Silicon Valley-Datenkraken kann wohl nicht mehr die Rede sein. Wie seht Ihr das?

Thema wird auf dem Branchentreff des vdav in Berlin sicherlich intensiv diskutiert.

Hier die Stellungnahme des vdav. 

Toxisches Systemdenken im Management

Stoff für den netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs

Stoff für den netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs

Von Professor Rupert Hasenzagl gibt es eine vernichtende Prophezeiung für das Management: „Wir bedienen uns derzeit eines toxischen Systems und fahren mit 300 Stundenkilometer gegen die Wand.“

Wir könnten uns noch gar nicht vorstellen, wo wir in fünf Jahren stehen würden, weil uns die Dimensionen fehlen. Weil wir uns in einem enormen Umbruch befänden. Weil Unsicherheit und Angst zunähmen. Weil es vielen Managern an der Profession fehlt, um die Komplexität zu erfassen. Stattdessen würden wir die Dosis an Macht und Bürokratie erhöhen.

„Ein bedeutender Indikator für Probleme bei der Komplexitätsbearbeitung ist die seit mehr als 20 Jahren steigende Zahl an sogenannten Managementmoden. Wie der mittlerweile emeritierte Mannheimer Organisationsprofessor Alfred Kieser bereits 1996 in seinem bekannten Artikel in dem wissenschaftlichen Journal ‚DBW’ gezeigt hat, neigen Manager dazu, auf die steigende Umweltkomplexität mit einfachen Konzepten zu reagieren“, schreibt Hasenzagl.

Organisationen als ISO-Norm

In diesen bürokratischen Organisationen gedeiht eine trügerische Fantasie der Rationalität. Sie verschanzt sich hinter Controlling-Kennzahlen, Erbsenzähler-Monitoring-Systemen, ISO-Normen, Zertifikaten, Testaten und sonstigen Hilfsmitteln der Planungsgläubigkeit. Professor Benedikt Hackl sprach beim HR-Festival auf der re:publica von einer verhängnisvollen Zahnradlogik, die in vielen Organisationen das Tagesgeschäft dominiert.

Es werden mit analogen und digitalen Instrumenten Regel-Befolgungs-Automaten herangezüchtet:

„Fast überwunden geglaubte Herrschaftsformen leben wieder auf und verschärfen sich teilweise in Form von Benchmarking- und anderer Evaluationspraktiken. Im Grunde hat der Taylorismus nur eine andere Form angenommen und sich vertieft“, mahnt der Buchautor Reinhard K. Sprenger in seinem jüngsten Werk mit dem vielsagenden Titel „Das anständige Unternehmen“, erschienen im DVA-Verlag.

Mitarbeiter-Bashing mit Monitoring-Systemen

Freiräume werden immer mehr eingeengt, die letztlich in massiven Freiheitsbeschränkungen münden. Was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am meisten runterzieht, sei nach Auffassung von Sprenger nicht das offene Misstrauen der Vorgesetzten:

„Es ist das Pseudovertrauen, das knitterfreie, korrekt-opportune Verbalvertrauen, das mit der Forderung nach Transparenz einhergeht und sich dadurch ad absurdum führt.“

Man sagt seinem Gegenüber nicht mehr offen die Meinung, sondern versteckt die Giftpfeil-Attacken gegen Untergebene hinter Reporting- und Monitoring-Systemen. Denn Zahlen können ja nicht lügen – kleiner Scherz.

Mit Ethik-Seminaren zum betreuten Arbeiten

Mit den Tabula rasa-Steuerungsmethoden zerschlägt man das individuelle Anderssein. Jede Abweichung von einer Norm wird pathologisiert.

„Dahinter steckt eine weit verbreitete Optimierungsideologie“, so Sprenger, der von einer Pädagogisierung der Unternehmensführung spricht.

Unterschiede werden über das Personalmanagement wegtherapiert. Übrig bleibt eine geschmeidige Formmasse, die einer Sekte sehr nahe kommt. Dazu zählt Sprenger auch Mitarbeiterbefragungen, Ethik-Seminare oder ganzheitlich-idiotische Feedback-Rituale, die zur Entmündigung des Menschen beitragen – sozusagen „betreutes Arbeiten“. Es werden immer mehr Distanzen und Freiräume verschüttet, die sich mit menschlichem Anstand nicht vereinbaren lassen. Die Distanzlosigkeiten werden als solche oft gar nicht wahrgenommen und falls doch, werden sie als Fürsorge und Hilfe interpretiert.

„Aber der Preis ist hoch. Man lebt wie unter einer Glasglocke“, führt Sprenger im Welt-Interview aus.

Mechanistisches Denken in der Wissenschaft und im Management

Hinter den „Managementmoden“ steckt nicht Ansicht von Hagenzagl ein mechanistisches Verständnis der Wirtschaftswelt:

„Diese an die Naturwissenschaften angelehnten simplen Organisationsvorstellungen sind aber auch Grundlage der Betriebswirtschaftslehre und des Bürokratismus.“

Aufgrund der extremen Vereinfachungen, besonders bei der Abbildung sozialer Realitäten, sei die BWL aber nicht in der Lage, komplexe soziale Vorgänge auch nur annähernd abzubilden. Die Einfachheit des Organisationsverständnisses der BWL macht sie für die Prediger von Managementmoden so attraktiv.

„Das umso mehr, als das Weltbild der mechanistischen Theorien sich gut mit der atheoretischen Praxis deckt. Auf der Strecke bleiben Manager, die versuchen, überwiegend auf Basis der BWL-dominierten akademischen Managerausbildung ihre Unternehmen zu steuern“, kritisiert Hagenzagl in der Huffington Post.

Die dürftige theoretische Durchdringung des ökonomischen Geschehens mit pseudo-rationalen Modellen kompensieren Führungskräfte mit dem Einsatz von Macht und steigern damit die Bürokratisierung ihrer Organisationen.

In Lehre und Praxis dominieren Aufzählungs-Friedhöfe, moniert Axel Gloger in seinem Opus „Betriebswirtschaftsleere – Wem nützt die BWL noch?“ Je stärker das Kästchendenken die Regentschaft in Organisationen prägt, desto geistloser funktioniert das System. In diesem Sperrgut der Leerformeln gedeihen Kontroll-Biotope, Misstrauen, ermüdende Rechtfertigungs-Meetings und gefälschte Erfolgsmeldungen. Siehe auch meine Ausführungen zu „Homer statt Wöhe – Über die Binsenweisheiten in der BWL und im Management“.

Akademisches Wissen und eine Ausbildung, die eine Profession begründen, fehlen dem Management, so das ernüchternde Resümee von Hagenzagl:

„Würden Sie zu einem Arzt gehen, der im Vorberuf Fleischhauer war und dann vielleicht in drei einwöchigen ‚Arzt Development-Ausbildungen’ Praxisvorstellungen vermittelt bekommt? Für Manager inmitten ihrer komplexen Umwelt ist eine derartige Karriere aber leider viel zu häufig Realität.“

Das gilt übrigens auch für jene Zeitgenossen, die sich als digital-transformatorisch-darwinistische Bühnenredner in Szene setzen. Auch sie singen das BWL-Lied der Optimierung und der Effizienz-Hubererei. Es ist altes Denken in digitalen Schläuchen, so der Einwand von Ole Wintermann von der Bertelsmann-Stiftung.

Wo lernt man Disruption?

Der ökonomische Mainstream – ob nun in der BWL oder in der VWL – versagt kläglich bei der theoretischen Fundierung von Entwicklungsdynamiken. Und das ist nach dem Philosophen Immanuel Kant eben keine gute Theorie – eine Theorie mit der sich praktisch arbeiten ließe, um Entwicklung zu fördern.

Die herrschende ökonomische Lehre bietet nichts an, um Entwicklungsprozesse zu erklären oder anzustoßen:

„Sie ist leer und nichtssagend, soweit sie richtig ist, und falsch, soweit sie etwas sagt“, schreibt der Joseph Schumpeter in seiner Entwicklungstheorie vor über hundert Jahren.

In dieser Sichtweise dominiert das Routineunternehmen und daran hat sich leider nichts geändert:

„Es ist das Anwenden dessen, was man gelernt hat, das Arbeiten auf den überkommenden Grundlagen, das Tun dessen, was alle tun. Auf diese Art wird nie ‚Neues‘ geschaffen, kommt es zu keiner eigenen Entwicklung jedes Gebietes, gibt es nur passives Anpassen und Konsequenzenziehen aus Daten“, bemerkt Schumpeter.

Kein Unternehmen könne dauerhaft existieren und keine Volkswirtschaft den Lebensstandard ihrer Bürger erhalten, geschweige denn erhöhen, wenn nur die Kosten verringert, aber keine neuen Märkte mit neuen Gütern erschlossen werden, warnt der Schumpeter-Forscher Jochen Röpke:

„An welchen Universitäten, in welchem MBA-Programm lernt man Disruption? Und disruptiv wollen die Absolventen auch nicht tätig sein, sonst würden sie nicht in die ‚Industrie’ gehen, sondern ihr eigenes Unternehmen hochziehen. Ihr universitäres Wissen ist ausgerichtet auf die Problemfälle inkrementellen Managements“, schreibt Röpke in seinem Buch „Reisen in die Zukunft kapitalistischer Systeme (Co-Autor Ying Xia).

Wirkliche Innovationen, Neukombinationen und umwälzende technische Erfindungen gehen in erster Linie von neuen Unternehmen aus.

Die Alternative zu immer billiger, immer flexibler ist die Erzeugung einer neuen Welle von Neukombinationen, einer neuen Basisinnovation. Ansonsten verharren wir in der Logik der DAX-Konzerne – höhere Gewinne durch niedrigere Löhne, Stellenabbau, niedrigere Steuern und Auslagerung.

Auch so etwas gehört zur Disruption: Ex-Mitarbeiter gründen Anti-Apple