Sätze für die dümmsten Irrtümer der Technik-Geschichte: „Wir haben das Auto erfunden“ und müssen uns vor Apple und Co. nicht fürchten

#WirtschaftimRheinland

Apple

“… wir haben das Auto erfunden. Und Erfahrung ist in einem so komplexen Geschäft wie dem Automobilbau mitentscheidend”, verkündete Daimler-Chef Dieter Zetsche in einem Interview als Reaktion auf Gerüchte, Apple werde in das Automobilgeschäft einsteigen.

Das klingt nach einer Selbstsicherheit, die man auch als betriebsblinde Arroganz interpretieren könnte. Oder anders ausgedrückt: Die Geschäftserfolge der Vergangenheit wirken wie Denkfallen. Wer ausschließlich wie eine Hardware-Company denkt, verpasst neue Chancen, weil man ähnlich wie Best Buy versucht, die Neuentwicklung zu bremsen, indem man Störsender in den Verkaufsflächen installiert, anstatt wie in den Apple Stores neue Zahlverfahren per Handy einzuführen, um den vernetzten Kunden besser zu bedienen. Vernetzung, Plattformen und digitale Ökosysteme werden auch für Industriebetriebe immer wichtiger.

“Das kommende System Auto basiert auf einem vernetzten Betriebssystem über das Einzelfahrzeug hinaus, aus dem sich neue Produkte und Märkte ergeben. Uber wird mit rund 40 Milliarden Dollar bewertet (sechs Mal mehr als Lufthansa), weil es…

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Lobo statt Zetsche: Warum der Daimler-Chef ein schlechter Ratgeber für die vernetzte Ökonomie ist

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Neuerfindung des Systems "Auto" Neuerfindung des Systems „Auto“

Mehr als drei Viertel der deutschen mittelständischen Unternehmen sehen zwar eine rasante digitale Transformation der Wirtschaft und erkennen, dass ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit ohne zunehmende Digitalisierung bedroht ist. Aber nur bei jedem zweiten Unternehmen ist die Digitalisierung Bestandteil der eigenen Strategie. Für fast die Hälfte der Unternehmen spielt laut einer DZ Bank-Studie die Digitalisierung der Geschäftsprozesse derzeit noch gar keine oder nur eine geringe Rolle. Ich halte das sogar für eine konservative Einschätzung. Selbst deutsche Autokonzerne gehen recht lässig mit den Herausforderungen der digitalen Transformation um: So hat sich Daimler-Chef Dieter Zetsche in einem Interview zum Gerücht geäußert, Apple werde in das Automobilgeschäft einsteigen:

„… wir haben das Auto erfunden. Und Erfahrung ist in einem so komplexen Geschäft wie dem Automobilbau mitentscheidend.“

Das klingt nach einer Selbstsicherheit, die man auch als betriebsblinde Arroganz interpretieren könnte: Oder anders ausgedrückt: Die Geschäftserfolge der Vergangenheit wirken wie Denkfallen. Wer ausschließlich…

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Nur bei jedem zweiten Unternehmen ist die Digitalisierung Bestandteil der eigenen Strategie: Live-Hangout um 16:30 #cebit15 #Mittelstandslounge

Auf zur Cebit

Auf zur Cebit

Mit zahlreichen neuen und maßgeschneiderten Angeboten unterstützt die Cebit den Mittelstand bei der Digitalisierung.

„Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen stehen vor der Frage, welche digitalen Anwendungen sie einsetzen und wie sie ihre Geschäftsprozesse effizienter machen können. Die CeBIT gibt hier wertvolle Antworten“, sagt Cebit-Geschäftsbereichsleiter Marius Felzmann.

Dazu wartet die Fachmesse vom 16. bis 20. März mit zahlreichen Lösungen auf, die sich explizit an Unternehmen aus Industrie, Handel und Handwerk richten. Das sind unter anderem ein Digitalisierungscheck, eine Mittelstandslounge und passende Kooperationsangebote.

Mehr als drei Viertel der deutschen mittelständischen Unternehmen sehen zwar eine rasante digitale Transformation der Wirtschaft und erkennen, dass ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit ohne zunehmende Digitalisierung bedroht ist. Aber nur bei jedem zweiten Unternehmen ist die Digitalisierung Bestandteil der eigenen Strategie. Für fast die Hälfte der Unternehmen spielt laut einer DZ Bank-Studie die Digitalisierung der Geschäftsprozesse derzeit noch gar keine oder nur eine geringe Rolle.

„Gerade in der Digitalisierung von Prozessen im Vertrieb, in der Kundenansprache oder auch beim Erschließen neuer Marktsegmente schlummert großes Potenzial“, so Felzmann.

Die Digitalisierung sei als Strategie nicht mehr nur auf eine Funktion im Unternehmen beschränkt. Es geht um das ganze Unternehmen und auch um das gesamte Eco-System einer Organisation – inklusive Kunden und Lieferanten. Mit fachlich stark besetzten Foren, konkreten Anwendungsbeispielen und Austauschformaten mit Experten soll die Digitalisierung von mittelständischen Unternehmen auf der Cebit thematisiert werden. Etwa über den kostenfreien digiBusiness-Check. In nur wenigen Minuten können Entscheidungsträger aus dem Mittelstand überprüfen, ob ihr Unternehmen in Sachen Digitalisierung noch Nachholbedarf hat oder auf dem aktuellen Stand ist. Mit dem Testergebnis erhält der Nutzer auch gleich konkrete Besuchsempfehlungen für die Themen der Cebit, bei denen er sich tiefergehend über die identifizierten Digitalisierungspotenziale informieren kann.

Digitalisierung von A-Z in der Mittelstandslounge

Zentraler Anlaufpunkt für Besucher aus Handwerk und Mittelstand ist die neue Mittelstandslounge unter dem Motto „Digitalisierung von A-Z“ in Halle 5, die die Deutsche Messe AG gemeinsam mit der Initiative „digitalize your business“ ausrichtet. An acht Live-Arbeitsstationen können sich Besucher darüber informieren, wie sich der abstrakte Begriff „Digitalisierung“ in arbeitsfähige Unternehmenspraxis überführen lässt. Zur Verfügung stehen Realbeispiele, Simulationen und praxisorientierte Anleitungen. Im persönlichen Gespräch mit Experten sollen Firmenverantwortliche konkrete Denkanstöße erhalten, wie sie eine digitale Roadmap für ihr Unternehmen aufstellen. Dienste wie der Taxi-Konkurrent Uber beweisen, dass das Wort von der „Digital Disruption“ keineswegs graue Theorie ist: Die Digitalisierung kann ganze Märkte aufbrechen und bestehende Wertschöpfungsketten auf den Kopf stellen. Es besteht also Handlungsdruck.

Über die gesamte Messedauer stehen in der Mittelstandslounge, gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, so genannte eBusiness-Lotsen zur Verfügung. Die Lotsen geben anbieterunabhängig Tipps zur Implementierung digitaler Prozesse in mittelständischen Unternehmen. Sie gehen gezielt auf die Bedürfnisse kleiner und mittelständischer Firmen ein, und verweisen auf Umsetzungserfahrungen und mögliche Stolpersteine bei der Digitalisierung. Darüber hinaus bietet die Mittelstandslounge praxisorientierte Impulsvorträge in der Speakers Corner.

Ein weiteres Angebot richtet sich an Industrie- und Handelskammern sowie Unternehmerverbände und Interessensgruppen. In der Mittelstandslounge werden für diese geschlossenen Gruppen von jeweils rund 50 Personen morgens zu Messebeginn und abends nach Messeschluss individuelle Networking-Empfänge veranstaltet. Hier können sich die Teilnehmer untereinander austauschen und konkrete Erfahrungen mit der Digitalisierung von Prozessen diskutieren.

Welchen Status die Digitalisierung im Mittelstand hat und welchen Nutzen Unternehmen aus dem digiBusiness-Check ziehen können, diskutieren wir heute Nachmittag im Live-Hangout ab 16:30 Uhr. Gäste: Hannes Häfele von Oracle Deutschland, Hartwig von Saß vom Cebit-Presseteam, Rechtsanwalt Markus Nessler und Andreas Fischer vom G+F-Verlag. Moderation: Gunnar Sohn.

Mitdiskutieren während der Liveübertragung über die Frage-Funktion der Google Plus-Eventseite oder via Twitter mit dem Hashtag #Mittelstandslounge

ichsagmal.com wird übrigens alle wichtigen Keynotes, Roundtable und Interviews während der Cebit direkt aus Halle 5 live über Hangout on Air übertragen 🙂

Notizen für den digitalen Zettelkasten: Hampelmänner, Informationsfluten, Kopisten und die Unendlichkeit

Zettelkasten

Die Klagen über Komplexität, Informationsfluten und Unübersichtlichkeit sind nicht wirklich neu. Sie erinnern ein wenig an die an die Hampelmänner in dem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil. Und hier besonders an General Stumm, der auf der Suche nach dem erlösenden Gedanken ist:

„‘Du erinnerst Dich’, sagte er, ‘dass ich mir in den Kopf gesetzt habe, den erlösenden Gedanken, den Diotima sucht, ihr zu Füßen zu legen. Es gibt, wie sich zeigt, sehr viele bedeutende Gedanken, aber einer muss schließlich der bedeutendste sein; das ist doch nur logisch? Es handelt sich also bloß darum, Ordnung in sie zu bringen.’“

Wenig vertraut mit Gedanken und ihrer Handhabung, noch weniger mit der Technik, neue zu entwickeln, beschließt General Stumm, sich in die Hofbibliothek zu begeben, ein grundsätzlich idealer Ort, um sich mit ungewöhnlichen Gedanken auszustatten, wo er sich „über die Stärke des Gegners Klarheit zu verschaffen“ und auf eine möglichst organisierte Weise zu der originellen Idee zu gelangen hofft, nach der er sucht. Der Besuch in der Bibliothek versetzt den General allerdings in große Angst, da er mit einem Wissen konfrontiert wird, das ihm keinerlei Orientierung bietet und über das er nicht die vollständige Befehlsgewalt hat, die er als Militär oder Zeitungsherausgeber gewohnt ist:

„Wir sind den kolossalen Bücherschatz abgeschritten, und ich kann sagen, es hat mich weiter nicht erschüttert, diese Bücherreihen sind nicht schlimmer als eine Garnisonsparade. Nur habe ich nach einer Weile anfangen müssen, im Kopf zu rechnen, und das hatte ein unerwartetes Ergebnis. Siehst du, ich hatte mir vorher gedacht, wenn ich jeden Tag da ein Buch lese, so müsste das zwar sehr anstrengend sein, aber irgendwann müsste ich damit zu Ende kommen und dürfte dann eine gewisse Position im Geistesleben beanspruchen, selbst wenn ich das ein oder das andere auslasse. Aber was glaubst du, antwortet mir der Bibliothekar, wie unser Spaziergang kein Ende nimmt und ich ihn frage, wie viel Bände denn eigentlich diese verrückte Bibliothek enthält? Dreieinhalb Millionen Bände, antwortet er! Wir sind da, wie er das sagte, ungefähr beim siebenhunderttausendsten Buch gewesen, aber ich habe von dem Augenblick an ununterbrochen gerechnet (Google oder Wolfram Alpha könnten das in einer Nanosekunde ausspucken); ich will es dir ersparen, ich habe es im Ministerium noch einmal mit Bleistift und Papier nachgerechnet: Zehntausend Jahre würde ich auf diese Weise gebraucht haben, um mich mit meinem Vorsatz durchzusetzen!“

Die Unendlichkeit der Lektüremöglichkeit ist also kein Problem der Internetzeit. Jeder Leser ist eben auch ein Nicht-Leser. Es ist das alte Problem von Kultur und Unendlichkeit, die auch mit Boole’scher Mathematik nicht in den Griff zu kriegen ist. Das wäre auch anmaßend.

Kopisten: Mönche waren vor der Erfindung des Buchdrucks vor allen Dingen Kopisten und leisteten eine wichtige Arbeit für die klösterlichen Bibliotheken. Nur war doch der Literaturkanon höchst eingeschränkt. Das Buch der Bücher dominierte als Zentralgestirn die Auswahl und Lektüre aller anderen Schriften, „so dass sich die mittelalterliche Bibliothek der Herrschaft eines bibelgeleiteten Selektions- und Ordnungsschemas fügt. Die Bestände umfassen nur wenige Dutzend oder hundert Bände und befinden sich lediglich zur Kontrolle ihrer Vollständigkeit in Inventaren aufgelistet“, schreibt Markus Krajewski in seinem lesenswerten Werk „Zettelwirtschaft – Die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek“ (erschienen im vorzüglichen Kadmos Verlag, den ich nicht genug preisen kann!). Das Mittelalter las und schrieb wenig – kein Wunder, lieber Herr Pechoc, waren die meisten Menschen doch Analphabeten.

Und wo die Neigung zu „verbotenen Büchern“ hinführen kann, ist dem Umberto Eco-Roman „Der Name der Rose“ zu entnehmen. Die Kloster-Bibliothek endete im Fegefeuer. Einige Kopisten mussten vorher ins Gras beißen. Die Kopisten-Arbeit des Mittelalters war zudem kein Zuckerschlecken. Die Schreiber des Mittelalters stöhnten über die schlechten Arbeitsbedingungen und kritzelten ihre Klagen an die Ränder der Bücher – wie ein gewisser „Florencio“ aus der Mitte des 13. Jahrhunderts: „Es ist eine Quälerei. Es raubt mir das Augenlicht, es krümmt mir den Rücken, es quetscht mir die Eingeweide und die Rippen, es bringt den Nieren Schmerzen und dem ganzen Körper Müdigkeit.“ Siehe auch: Alberto Manguel, Eine Geschichte des Lesens, S. 515.

Leidenschaft des Sammelns

Büchernarren: Verbreitet war im Spätmittelalter der Spott über den Bücherwurm, den kurzsichtigen Leser und Literaturtrottel. Vergraben in Büchern wurde der bebrillte Leser zur Verkörperung des Narren, die Brille zum Zeichen intellektuellen Hochmuts. Einen Bestseller brachte 1494 Sebastian Brant mit dem Bändchen „Das Narrenschiff“ heraus. Gleich das erste Bild nach dem Titelblatt zeigt einen närrischen Gelehrten am Lesepult seines Studierzimmers, umgeben von Büchern. Er trägt eine Schlafmütze, im Nacken hängt die Narrenkappe, und mit der rechten Hand schwingt er den Staubwedel, um die Fliegen von den Büchern fernzuhalten.

Das Brant-Opus schilderte den Bücherwahn. Im öffentlichen Diskurs kritisierte man die Ruhmsucht des Lesers und des Buchautors. Illustrierte Bücher und die Liebe zu Bildern wurden als „Kränkung der Weisheit“ gewertet. Narren seien auch jene Autoren, die schlechte Bücher schreiben ohne die Klassiker zu studieren, ohne Kenntnis der Orthographie, Grammatik und Rhetorik. Diese Büchernarren können der Verlockung nicht widerstehen, ihr krauses Geschreibsel neben die Werke der Großen zu stellen – ein Unterhosenphänomen im 15. Und 16. Jahrhundert – kurz nach der Erfindung des modernen Buchdrucks durch den Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg.

Druckerpresse: Erst mit der Erfindung des Buchdrucks ertönt das Lamento von der Bücherflut. Und erst durch die Explosion der Schriftmenge erhält die Bibliothek eine breite Aufmerksamkeit, die ihr im Mittelalter fehlte. Und erst unter diesen hochflutenden Bedingungen wird die Bibliothek selbst zum Problem. Es stellte sich die Frage, wie diese Massen zu verwalten seien und Übersicht hergestellt werden könne. Einen ersten Versuch, Ordnung ins Bücher-Dickicht zu bringen, wagte im 16. Jahrhundert Konrad Gessner. Er verfasste mit der „Bibliotheca universalis“ eine der ersten Bibliographien. Gessner listete über 10.000 (!) Werke auf und widmete sich einer inhaltlichen Erschließung der Bibliotheksbestände:

„Das Material habe ich von überall her zusammengetragen: aus Katalogen von Druckern, deren ich nicht wenige aus verschiedenen Gegenden zusammengesucht habe; aus Verzeichnissen von Bibliotheken selbst, öffentlichen ebenso wie privaten, die ich in ganz Deutschland und Italien sorgfältig eingesehen habe, aus Briefen von Freunden, aus Berichten von Gelehrten und schließlich aus Schriftstellerkatalogen.“

Das von Gessner entwickelte Verfahren ist im Prinzip schon ein hybrider Zettelkasten in buchgebundener Form – eine analoge Suchmaschine. Verzettelungsverfahren waren damals eine echte Revolution und versprach eine Errettung aus dem Datenchaos. Als Hugo Blotius 1575 Leiter der Wiener Hofbibliothek wurde, schrieb er: „

In welchem Zustand, du lieber Gott, haben wir sie im Juli des vergangenen Jahres angetroffen! Wie ungepflegt und wüst erschien alles – wie viel Schimmel und Fäulnis überall – wie viele Schäden von Motten und Bücherwürmern – wie war alles von Spinnennetzen überzogen!…Als dann endlich die Fenster geöffnet wurden, die monatelang geschlossen gewesen waren und nie auch nur einen Sonnenstrahl zur Beleuchtung der unglücklichen und langsam verkommenden Bücher durchgelassen hatten, was strömte da für ein Schwall von verpesteter Luft hinaus!“

Gottfried Wilhelm Leibniz bewies als Bibliothekar der berühmten Barockbibliothek Wolfenbüttel große Umsicht und Konsequenz bei der Durchführung der ihm anvertrauten Katalogisierungsprojekte – er war halt ein begnadetes Kombinatorik-Genie im Geiste des Computererfinders Raimundus Lullus, der 1275 die erste Denkmaschine entwickelte (kleine Aufgabe für Mallorca-Touristen. Es gibt eine klösterliche Ausstellung auf der Ferieninsel, die man sich nicht entgehen lassen sollte). 1716 stirbt Leibniz und die Wolfenbütteler Bibliothek verwahrlost. Die Kataloge werden nur nachlässig fortgeführt, es schwinden die Möglichkeiten, anhand der Bücherverzeichnisse einen Text aufzufinden. Generell ist es wohl ein schweres Los der Bibliothekare, über das Missmanagement ihrer Vorgänger zu klagen. Bisherige Anordnungen werden verworfen, um neue, oftmals vollständig abweichende zu etablieren. So äußert sich Erhart Kästner als neuer Direktor der Herzog August Bibliothek, der von 1950 bis 1968 die Geschicke in Wolfenbüttel leitete, über den Amtsvorgänger Wilhelm Herse:

„Die Bibliothek sollte nichts kosten und Ruhe geben – was sie denn auch mit Eifer getan hat….Die Bibliothek vegetierte eben so hin. Sie machte keinerlei Anstrengung, sich auszuzeichnen, vermehrte sich kaum, hatte keinerlei Interesse, eine Rolle zu spielen; sie schonte sich eben.“

Die Bestandlücken waren beträchtlich. In Kästners erstes Dienstjahr fällt die Anschaffung des aktuellen Brockhaus-Lexikons und unentbehrlicher Hand- und Wörterbücher aus allen historischen Wissenschaften. Seinen Beschaffungsetat hätte Kästner nach heutigen Maßstäben wahrscheinlich auf andere kostbare Erstausgaben ausgerichtet. Interessant sind die ersten Gehversuche von Leibniz in Wolfenbüttel. Er erwandert die Werke ohne Katalog. Auf ausgedehnten Spaziergängen und zufälligen Bahnungen durch die Säle und Kabinette der Bibliothek findet er vergessene und unvermutete Bücher. Er entdeckt mit dem Zufallsverfahren im unüberschaubaren Fundus jene außergewöhnlichen Schriften, um deren Aushebung ihn die Fachwelt noch heute lobt. Ohne ein helfendes Register, ohne extra erstellte Übersichten zur Hand zu nehmen geraten seine Funde zum Produkt eines zufallsgesteuerten Zugriffs.

Bibliothek

Die Büchersammlung ist auch ein Depot für Zufallsfunde, für neue Gedanken und Ideen. Und selbst die Jagd nach Büchern wirkt anregend und erweitert den Horizont. So durchwandern die Schriftsteller Cees Nooteboom und Umberto Eco die verborgenen Schatzkammern von Amsterdam, darunter Antiquariate, die sich auf Okkultismus, Alchimie und Gnosis spezialisiert haben.

„Wir gingen zuerst in das Antiquariat, in dem ich früher am meisten gekauft hatte. Es gehört Nico Israel und ist auf Kartographie, Manuskripte und Naturwissenschaften spezialisiert; sein Bruder Max, den Eco bereits aus eigenem Forscherdrang entdeckt hatte, führt Wissenschaft, Medizin und Kunst. Dieser Nachmittag ist für mich eine kostbare Erinnerung geblieben, zum einen, weil ich nach so langer Zeit wieder diese heiligen Hallen besuchte, und dann, weil Eco, unermüdlich, ständig zum Lachen bereit, mit seiner Stentorstimme und seinem starken italienischen Akzent stets den Kern der Sache traf“, so die Abhandlung von Nooteboom „In Ecos Labyrinth“, erschienen in „Nootebooms Hotel“, Suhrkamp Taschenbuch.

Netznavigator: Ob nun eine Vorauswahl in Bibliotheken getroffen und Bestände ordentlich katalogisiert werden oder nicht, für Gottfried Herder stellt sich im 18. Jahrhundert die Frage, wie man eine ganze Bibliothek und das gesamte Weltwissen lesen kann. Zum Zeitpunkt seiner Abreise aus Riga zu einer langen Seefahrt ist Herder gerade einmal 24 Jahre alt.

„Er beklagt sein Gelehrtenschicksal und sieht sich geradezu ertränkt von Büchern. Er sei ‚ein Wörterbuch von Künsten und Wissenschaften‘. Herder beschreibt sich als trockener Gelehrter, als ein totes, künstliches System von Wissensbeständen. Er selbst sei ‚ein Tinenfaß von gelehrter Schriftstellerei. Mit 24 ist Herder so angefüllt von Wissen, dass er dieses als Ballast beklagt“, so Matthias Bickenbach und Harun Maye in ihrer Abhandlung „Metapher Internet – Literarische Bildung und Surfen“, natürlich wieder im Kadmos Verlag erschienen!

Was Herder mit seinem privaten Archiv erlebe, ist im Kleinen das, was im Fall des gelehrten Wissens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum generellen Problem wird: Der Buchmarkt als Massenmarkt. Die Bibliotheka universalis von Gessner sei zwar komplex und umfangreich, eine Kombination und Quervernetzung von Sachgebieten werde nicht ermöglicht. Eine Suche, die nicht bereits weiß, in welches Gebiet der akademischen Klassifikation das Gesuchte gehöre, hat keine Aussicht auf Erfolg. Die Unzulänglichkeit der Kataloge ist ein Bibliotheksproblem. Das Auffinden der Bücher war weitgehend auf den Gesamtüberblick des Bibliothekars, auf sein persönliches Gedächtnis angewiesen. Es gab weder eine Lösung, um Neueingänge schnell eingliedern zu können, noch wusste man, wie Misch- und Sammelbände zu klassifizieren oder wie Zeitschriftenbeiträge bibliographisch festzuhalten waren.

„Deutlich wird, dass eine Bibliothek zu stark auf die Ordnung des Wissens Einfluss nimmt, Innovationen erschwert oder unmöglich macht“, führen Bickenbach und Maye aus.

Herder entwickelt in seinem Reisejournal die Kulturtechnik der kursorischen Lektüre. Er wird zum Läufer, zum Cursor, der im virtuellen Raum der Gelehrtenbibliothek zwischen Texten durcheilt und in dieser schnellen Bewegung neue Querverbindungen schafft. Es sei ein methodisches Verfahren, das ihm die Lizenz zum Flüchtigen gibt. In der so genannten „percursio“- im Durchlauf – darf aufgezählt und angehäuft werden, ohne dass es jeweils einer expliziten Behandlung der einzelnen Elemente bedarf. Herder praktiziert die gelehrte Lizenz, Materialmengen „aufs Geratewohl“ zu durcheilen. Die richtige Ordnung ist dabei zweitrangig. Die Sylvae wird definiert als Sammlung von schnell niedergeschriebenen Texten. Man schreibt nicht akademisch korrekt oder pedantisch genau, sondern aus dem Stegreif. Man formuliert aus dem Schwung heraus.

Herder befreit sich aus der Flut der Bücher. Er konnte nur noch zählen, registrieren, auflisten, was es alles gibt und was noch möglich wäre. Seine Seereise ist der Aufbruch für eine Abweichung. Seine Lektüre ist nicht mehr festgelegt auf einen ursprünglichen oder autoritätsfixierten Wortlaut. Herders Suchläufe kennen keinen Abschluss. Das Universalarchiv ist uneinholbar. Eine beständige Lektüre der Menschheitsschriften ist unmöglich. „Alles“ ist nicht zu lesen, zu kennen, zu wissen. Es reicht nur zu Verweisen und Fundorten. Entscheidend ist die Zirkulation der Daten, der Datenstrom, der keinen Anfang und kein Ende hat, der neue Routen und Entdeckungen zulässt. Kanonische Wissensbestände müssen durch intelligente Suchroutinen ersetzt werden. Herder als Netznavigator könnte uns helfen in der Informationsflut.

Zettelwirtschaft: Neben der kursorischen Lektüretechnik von Herder eignet sich auch das legendäre Zettelkastensystem des 1998 verstorbenen Soziologen Niklas Luhmann. Die Produktivität des 1998 verstorbenen Soziologen Niklas Luhmann stammte aus seinem legendären Zettelkasten. Zur technischen Ausstattung des Zettelkastens gehören hölzerne Kästen mit nach vorne ausziehbaren Fächern und Zettel im Oktav-Format. Alle Zettel haben eine feste Nummer – es gibt keine systematische Gliederung, der Zettelkasten ist also nicht systematisch geordnet.

„Es gibt also keine Linearität, sondern ein spinnenförmiges System, das überall ansetzen kann. In der Entscheidung, was sich an welcher Stelle in den Zettelkasten hineintue, kann damit viel Belieben herrschen, sofern ich nur die anderen Möglichkeiten durch Verweisung verknüpfe“, sagte Luhmann.

Seine Ideen ergaben sich aus den verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten der Zettel zu den einzelnen Begriffen.

„Insofern arbeite ich wie ein Computer, der ja auch in dem Sinne kreativ sein kann, dass er durch neue Kombination eingegebener Daten neue Ergebnisse produziert, die so nicht voraussehbar waren“, so Luhmann.

Literaturtipp für Geschädigte der Informationsflut: Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann?, Kadmos Verlag, Berlin 2004; Markus Krajewski, ZettelWirtschaft. Die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek, hg. von Dirk Baecker, Kadmos Verlag, Berlin, 2002.

Paralyse oder Bereitschaft zum digitalen Wandel: Wie viel Internet-Startup-Geist braucht der Mittelstand? #cebit15 #Mittelstandslounge

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Über die digitalen Superkräfte deutscher Unternehmen Über die digitalen Superkräfte deutscher Unternehmen

Viele Unternehmen haben nach einer Mind Business-Studie noch nicht den Einstieg in den digitalen Wandel gefunden. Es fehlt die notwendige Expertise, um die Chancen digitaler Technologien für das eigene Geschäft zu erkennen, zu bewerten und zu erschließen. Fehlender Leidensdruck in den Chefetagen verhindert oder verschleppt den Wandel, der von der Organisation bereits gesehen und gewünscht werde. Es mangelt dabei nicht an der Wahrnehmung der Umbrüche. Die Führungskräfte der deutschen Wirtschaft scheinen jedoch von schwerfälligen und komplexen Business Systemen und Prozessen „paralysiert“ zu sein.

Es liegt vielleicht an den klassischen hierarchischen Führungsmodellen, die in einer vernetzten Ökonomie nicht mehr so richtig greifen:

„Je stärker wir in das digitale Zeitalter kommen, umso stärker werden Unternehmen die Notwendigkeit spüren, Kommunikationsverantwortung und damit Macht zu dezentralisieren. Die Abneigung dem Neuen gegenüber, vor allem im Mittelbau deutscher Unternehmen, ist insofern verständlich, weil es gerade für sie ein mehr an…

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Gibt es überhaupt ein ambitioniertes digitales Projekt in Europa? #AskAnsip #AskOettinger

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Was soll auf die Digitale Agenda der EU? Twitter-Chat mit den Kommissaren Was soll auf die Digitale Agenda der EU? Twitter-Chat mit den Kommissaren

Der Aufbau eines EU-Binnenmarktes für die Digitale Wirtschaft ist angeblich eines der wichtigsten Projekte der EU-Kommission. Das meinen zumindest die Offiziellen der EU und rufen zu einem Twitter-Chat auf. Mit Andreas Ansip, Vizepräsident der Europäischen Kommission und Kommissar für den Digitalen Binnenmarkt, sowie Günther Oettinger, Kommissar für Digitale Wirtschaft, kann in den nächsten Tagen diskutiert werden, was im Digitalen Binnenmarkt noch so alles angepackt werden muss.

Die vorgeschlagene Agenda klingt nicht sehr ambitioniert:

Wie steht es um die EU-Datenschutzreform? Wie kann EU-weit für ein einheitliches Urheberrecht gesorgt werden (etwa ein Leistungsschutzrecht in europäischer Form, gs)? Wann fallen die Roamingkosten und wie soll die Netzneutralität in Zukunft gewährleistet werden? Was bringt der Digitale Binnenmarkt den Bürgern?

Mehr ist der EU-Kommission in der Presseverlautbarung nicht eingefallen. Da sollte man den Kommissaren doch auf die Sprünge helfen.

Am Montag, den 23…

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#Syriza und die wirtschaftspolitischen Vereinfacher – Feind-Rhetorik und wenig Programmatik

Polit-Blabla

Wer die ökonomische Welt nur in Aggregatzuständen betrachtet, verliert die wesentlichen Quellen wirtschaftlicher Kreativität und technologischer Entwicklungssprünge aus dem Auge. Das ist das Manko von Planungsfetischisten und Makroökonomen. Sie unterschätzen die tiefgreifende wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle von unvorhersehbaren Innovationen, die alles durcheinander würfeln und Technologien sowie Geschäftsmethoden revolutionieren. „Mehr investieren, weniger sparen“ ist so eine der üblichen Forderungen aus der Trickkiste jener Denker, die gerne den Wald betrachten, sich aber wenig um die Bäume scheren. Das wiederholt sich im politischen Diskurs über die Griechenland-Krise in schöner Regelmäßigkeit. Mit solch simpler Steuerungslehre ist wirtschaftspolitisch aber kein Staat zu machen. Man braucht nur in die jüngere Geschichte zu schauen. So wurde in den 1970er Jahren der Konjunkturzyklus dank des Einsatzes von Instrumenten der „staatlichen Globalsteuerung“ für tot erklärt. Erinnert sei an den Ausspruch von Alt-Kanzler Helmut Schmidt: „Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit“. Also Staatsausgaben ankurbeln, um die Volkswirtschaft zu gesunden. Einfach gedacht, aber gnadenlos gescheitert. Als Ergebnis dieser Planungshybris ernteten wir Stagflation – also Stagnation, Rekordarbeitslosigkeit und Inflation. Die Klempner der Makroökonomie scheitern leider regelmäßig an den Unwägbarkeiten von Einzelentscheidungen, die häufig irrational aus dem Bauch getroffen werden. Sie können noch nicht einmal eindeutig den Verlauf der Konjunktur für ein Jahr vorhersagen. Warum soll das dann beim Einsatz makroökonomischer Instrumente in der Konjunkturpolitik besser laufen?

Wie Finanzindikatoren sowie das ganze Börsen- und Schulden-Spektakel auf die Realwirtschaft durchschlagen, ist ungewiss. Darauf machte bereits in den 1920er und 1930er Jahren der Ökonom Joseph A. Schumpeter aufmerksam. Makroökonomen würden sich nur mit Aggregaten beschäftigen, also mit der Gesamtsumme der Mittel, die Volkswirtschaften für den Konsum und für Investitionen aufwenden. Einzelne Unternehmer, Firmen, Branchen, Konsumenten, die Rolle von staatlichen Institutionen und die Wirkung von Gesetzen verschwinden aus dem Blickfeld. Vor allem die Rolle von Innovationen werde heruntergespielt, bemängelt Schumpeter, der sich mit seinen konjunkturpolitischen Abhandlungen leider nicht aus dem Schatten von John Maynard Keynes lösen konnte.

Keynes und der totale Staat

Schumpeter pochte auf die Neutralität des Wissenschaftlers und lehnte politisches Engagement ab, Keynes hingegen war ein Meister der Vereinfachungen und der politischen Agitation, wie man im Vorwort der deutschen Ausgabe von „Allgemeine Theorie der Beschäftigung“ nachlesen kann. Keynes schrieb diese Zeilen am 7. September 1936 (!):

„Kann ich deutsche Ökonomen überzeugen, dass Methoden formeller Analyse einen wichtigen Beitrag zur Auslegung zeitgenössischer Ereignisse und zur Formung einer zeitgenössischen Politik bilden? Es lohnt sich sicherlich für mich, den Versuch zu machen“, schreibt der britische Wirtschaftswissenschaftler.

Er räumt ein, dass vieles in seinem Opus auf die Verhältnisse in angelsächsischen Ländern erläutert und dargelegt worden ist.

„Trotzdem kann die Theorie der Produktion als Ganzes, die den Zweck des folgenden Buches bildet, viel leichter den Verhältnissen eines totalen Staates angepasst werden als die Theorie der Erzeugung und Verteilung einer gegebenen, unter den Bedingungen des freien Wettbewerbes und eines großen Maßes von laissez-faire erstellten Produktion.“

Schumpeter widerstrebten Verkürzungen und grobe Theorien, Keynes suchte eher nach Argumenten zur Untermauerung seiner Botschaften. Letztere Methode war zu dieser Zeit üblich – also eine induktive oder positivistische Vorgehensweise. Man schließt vom Einzelnen auf das Allgemeine. Wissenschaftlich korrekt sei das nicht, so der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Karl Popper. Die wissenschaftliche Haltung müsse kritisch sein, „eine Haltung, die nicht auf Verifikationen ausging; sondern kritische Überprüfungen suchte: Überprüfungen, die die Theorie widerlegen könnten.“

Suspekt waren Popper trügerische Sicherheiten, die nicht kritisch infrage gestellt wurden. Vermeintliche Wahrheiten wurden und werden von gläubigen Anhängern ohne Überprüfung der Fehlerhaftigkeit verteidigt. Wer nicht an sie glaubt, gilt als verstockt, unaufgeklärt oder als Teil einer feindlich gesinnten Verschwörung. Skepsis und Zweifel werden ausgeblendet. Eine kritische Urteilsfähigkeit kann so nicht entstehen. Selbst eine noch so oft wiederholte Beobachtung der regelmäßigen Verbindungen von Dingen oder Ereignissen rechtfertigt es nicht, daraus eine logisch zwingende Schlussfolgerung auf eine Gesetzmäßigkeit zu ziehen. Jeder sollte daher kritische Widerlegungsversuche von Hypothesen und Theorien anstellen, statt nur nach Bestätigungen des eigenen Gedankengebäudes zu suchen. Bei Keynes und seinen Anhängern sucht man diese skeptische Haltung vergeblich – auch heute.

Unkonkret und populistisch

Bei der griechischen Syriza-Bewegung, die sich mittlerweile europaweit mit Ablegern etabliert, zählt das Gedankengut von Keynes zum intellektuellen Fundament. Und es ist wohl kein Zufall, dass der griechische Finanzminister Yannis Varoufakis und viele seiner Mitstreiter an englischen Universitäten wirtschaftstheoretisch geprägt wurden. Zu den wichtigsten Stichwortgebern zählt der im April des vergangenen Jahres verstorbene Argentinier Ernesto Laclau, der an der Universität Essex lehrte. Sein Credo: Populismus und Freund-Feind-Denken.

„Man müsse eine radikale Demokratie von unten etablieren, indem man breite Koalitionen gegen einen gemeinsamen Feind schmiede. Die Ideen lesen sich wie ein Strategiepapier von Syriza in den vergangenen Wochen“, schreibt die Zeit.

Und sie haben einen gemeinsamen Feind: das Spardiktat der Europäischen Union. Aber das ist nicht alles. So fordert Costas Lapavitas, Wirtschaftsprofessor an der University of London und Syriza-Parlamentsabgeordneter die Verstaatlichung des Bankensektors (Staatsbanken waren ja unglaublich vorbildlich bei den Geschäften mit Zockerpapieren), Kapitalkontrollen und die Rückkehr zu nationalen Währungen – europaweit. Die EU sei nicht reformfähig und müsse zerschlagen werden, um sie durch eine sozialistische Föderation zu ersetzen. Der Euro müsse scheitern.

Fragt man etwas konkreter nach den Weichenstellungen für wirtschaftliche Prosperität im Produktions- und Dienstleistungssektor, fallen die Antworten allerdings dünn aus. Laclau hätte gesagt, die Situation ändere sich ja ständig. Unternehmen, Innovationen, eine bessere Finanzverwaltung und die Bekämpfung der Korruption entstehen mit dieser recht dünnen Programmatik jedenfalls nicht. Man wird sehen, was die griechische Regierung in den nächsten vier Monaten zustande bringt.

Da Politik ein zähes, langwieriges und zeitraubendes Überzeugungsgeschäft ist und aus dem Bohren dicker Bretter besteht (Max Weber), sollten die hemdsärmeligen Sprücheklopfer im Syriza-Lager etwas weniger auf die Sahne hauen. Politisches Handeln besteht vor allen Dingen aus guten Gesetzen und guter Verwaltungsarbeit. Irgendwann verbraucht sich die Feind-Rhetorik und es zählen konkrete Taten.

Siehe auch:

EZB bereitet sich auf griechischen Euro-Austritt vor