The New Urban Crisis (Rez.)

17/01/18 kmjan
Wenige Titel seit der Jahrtausendwende hatten einen solchen Nachhall wie The Rise of the Creative Class (2002) von Richard Florida.  Wann immer von Kultur- oder Kreativwirtschaft, von Strukturwandel, Stadtentwicklung,  Standortpolitik und ihren weichen Faktoren, Diversity, aber auch von Gentrifizierung gesprochen wird, stehen bzw. standen Floridas Thesen im Hintergrund. Der „3T- Ansatz“ Talent, technology and tolerance wurde zum festen Begriff im Wettbewerb der Standorte um innovative Menschen in der entstehenden Digitalwirtschaft.  Und es gab Indices: Gay Index und Bohemian Index sollten die Einflüsse meßbar machen. An der öffentlichen Wahrnehmung gemessen war und ist der Aufstieg der kreativen Klasse eine äusserst erfolgreiche und wirkungsmächtige Geschichte.

The New Urban Crisis erschien im Frühjahr 2017, nach Trumpwahl und Brexit. Fünfzehn Jahre nach 2002 ist deutlich, dass es Gewinner und Verlierer gibt, Reiche wurden reicher, und es gibt eine neue Krise des Urbanen. Die urbane Krise der 60er und 70er Jahre war die der De- Industrialisierung und der Abwanderung der Mittelklasse in die Vorstädte, die neue ist die der Ungleichheiten zwischen den sozialen Gruppen, festgemacht an den Kategorien creative, Service und working class. Die 50 wirtschaftsstärksten Ballungsräume generieren weltweit 40% des Wachstums, aber es leben dort nur 7%  aller Menschen. Die Clustering Force von konzentriertem Talent und ökonomischer Aktivität ist gleichzeitig Motor für städtisches Wachstum und Betreiber der Ungleichheit.

räumliche Segregation in der Bay Area/San Francisco (148)

Eine deutsche Übersetzung von The New Urban Crisis  ist nicht zu erwarten (auch The Rise of the Creative Class wurde nie übersetzt)- das Buch bezieht sich weitgehend auf die USA, eingeschränkt Kanada und Großbritannien. (Kontinental)- europäische und deutsche Städte kommen nur am Rande vor: Sie  weisen geringere Ungleichheiten und Segregation auf. Berlin kommt als urbanes Technologiezentrum, das sich gerade wegen seiner Bohème-Qualitäten bes. für Mikroentrepreneurs entwickelt, vor.  Es gibt jede Menge Tabellen und Karten nordamerikanischer (+London) Städte und Ballungsräume, die die räumliche Segregation illustrieren, es gibt viele Rankings u.a. nach einem New Urban Crisis Index, in den u.a. Ungleichheiten in Einkommen, Bildung, und Segregation der unterschiedl. Klassen einfliessen.

Creative Class ist ein sehr charmanter Begriff, der nicht nur klassisch kreative Tätigkeiten umfasst. Florida bezog die sog. Creative Class Professionals ein, „to include people in science and engineering, architecture and design, education, arts, music and entertainment whose economic function is to create new ideas, new technology, and new creative content“ (2002, S. 8; genaue Definitionen 2017, S. 231)so zählen auch Finanzwirtschaft, Rechtsdienstleistungen und Verwaltungsposten zur Creative Class letztlich also das, was man insgesamt als wissensbasierte Dienstleistungen zusammenfasst. Die Abgrenzung überschneidet sich weitgehend mit dem Neuen Mittelstand bei Andreas Reckwitz. Dieser „kreativen“ Klasse stehen Working Class (die bluecollar old economy) und Service Class ( von der Pflege bis zur Sicherheit) gegenüber.

Was bleibt? Lenkte der Begriff Creative Class um die Jahrtausendwende den Blick auf sich neu konstituierende Cluster, die Bedeutung eines kulturellen Umfeldes, die Anziehungskraft einer Umgebung der Vielfalt, wirkt er heute in dem sehr weitgefassten Bedeutungsumfang nur noch arrogant, fast neofeudal: Was macht die eine Klasse zu einer kreativen, die andere zu einer dienenden?
In den englischsprachigen Reaktionen wird zum einen hervorgehoben, dass The New Urban Crisis die Probleme der großen Urbanisierung Amerikas mit überzeugenden Daten aufzeigt und dazu durchdachte Lösungen für die Herausforderungen und Chancen bietet. Deutlich negativer ist die Resonanz in Großbritannien, dort wird es als Richard Florida is Sorry tituliert, in den Kommentaren geht es bis hin zur offenen Beschimpfung als Wanker (Wichser).
Letztlich geht es um die Frage, wer Gewinner ist in der digitalen Ökonomie, und wie ein guter Ort zum leben beschaffen sein soll. In der Kultur des fordistischen Zeitalters wurde Regelbeachtung verlangt, darüber hinaus wurde man in Ruhe gelassen. In der Kultur der digitalen Welt ist das, was früher nicht im Mainstream war in den Wertschöpfungsketten eingepreist.

Richard Florida: The New Urban Crisis. Gentrification, Housing Bubbles, Growing Inequality, and what we can do about it. (UK Edition) London 2017, 480 S. ISBN: 978-1-518-78607-212-2, 320 S.

 

Die Gesellschaft der Singularitäten (Rez.)

von Klaus M. Janowitz
Soziologische Monographien der letzten Jahrzehnte  erschienen bezeichnenderweise immer wieder unter Titeln, die von einem einzelnen Begriff aus das Gefüge spätmoderner Gesellschaften aufrollen: Risiko-, Erlebnis-, Multioptions-, Abstiegs- gesellschaft, Resonanz als Weltbeziehung etc. – bei Andreas Reckwitz geht es nun um Singularitäten als solche. Mit einigen Abstrichen befassen sich alle diese Titel mit Erscheinungen des Übergangs von der klassischen  Industriegesellschaft zur Spätmoderne, bei Ulrich Beck (Risikogesellschaft) z. B. Erste und Zweite Moderne genanntReckwitz‘  Thema ist die kulturelle Transformation von der industriellen Moderne zur Spätmoderne. Vorausgegangen war „Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung“ (2013).

Kernthese des jetzt (10/2017) erschienenen Buches ist ein Bedeutungsverlust des Allgemeinen (d.h. auch des Konformen und Konventionellen) gegenüber dem Besonderen. An die Stelle normbildender Gleichheit, die sich vielfältig niedergeschlagen hatte, so „in Volksparteien, im keynesianischen Steuerungs- und Wohlfahrtsstaat, in Massenmedien und Fernsehkultur(Die Zeit, 4.10.17), ist das Ideal des sich selbst entfaltenden Individuums, ein expressives Selbst, das nicht nur einfach den Konventionen folgt, getreten. Träger ist die mit der Bildungsexpansion gewachsene akademisch gebildete Neue Mittelschicht mit dem Anspruch an ein gutes Leben. Kennzeichnend sind die Suche nach authentischen Erfahrungen in Beruf, Privatleben und Freizeit und einem ästhetischen und ethischen Anspruch an das eigene Leben.

Singularitätsmarkt CraftBeer

Singularisierung ist mit Kulturalisierung verbunden, d.h. Güter und Dienstleistungen werden mit Wert bedacht – valorisiert, erhalten eine narrativ- hermeneutische Dimension. Am augenfälligsten sind Singularisierungen in Lebensstil und Konsum. So beim Essen – ein Connaisseurtum wird nicht nur beim Wein gepflegt. Genuß- und andere Lebensmittel wie CraftBier, Kaffee, SchokoladeBeef, Ethnic Food etc. bieten Gelegenheit dazu. Bausteine eines singularistischen Lebensstils finden sich in den meisten Lebensbereichen: Wohnen, Reisen, Mode, in allen Sparten von Kultur und Sport, im gesellschaftlichen Engagement – und im Verhältnis zum eigenen Körper. Der Kulturbegriff ist längst so weitgefasst, dass er alle Formen von Hoch- und Popularkultur genauso umfasst, wie Alltagskulturen jeglicher Herkunft aus Gegenwart und Vergangenheit. Der Bogen reicht von Paläo- Diät  zu Industriekultur, Fußball- und Games- bis etwa zur Sneakerkultur, entscheidend ist der Anschluß an Narrationen. Handwerkliche Herstellung, Manufakturwaren erleben ein Revival. Im Kulturkapitalismus wird die Singularität eines Gutes zu dessen Kapital (172).

Singularisierte Arbeit im Projektteam Bild: time. / photocase.de

In der postindustriellen (= spätmodernen) Gesellschaft transformiert sich die Arbeitswelt. In innovationsgetriebenen Branchen (Wissens- u. Kulturökonomie, Digitales) treten Projektstrukturen und Netzwerke an die Stelle der hierarchisch- arbeitsteiligen Matrix. Dieser Arbeitsmarkt fordert ein möglichst einzigartiges Profil von Kompetenzen und Potentialen (182) – und deren Umsetzung in einer angemessenen Performance. Intrinsische Motivation wird erwartet. Der Mitarbeiter/Selbstunternehmer hat beständig an seiner Arbeitsmarktfähigkeit/Employability zu arbeiten. Markterfolg ist abhängig von seiner Performance mit einer in sich stimmigen Besonderheit – erstrebenswert ist eine gelungene Balance zwischen Konzentration und Lässigkeit im AuftrittHR Management kommt die Identifizierung und Förderung von Besonderheiten zu. Nebendem bestehen routinisierte und zunehmend automatisierte – profane –  Arbeiten weiter:  „Die Arbeit ist profan, wenn der Arbeitnehmer austauschbar ist (und sich selbst auch so wahrnimmt), und sie ist singulär, wenn das nicht der Fall ist“ (185). Lovely Jobs und Lousy Jobs liegen oft nahe beieinander.

Von der industriellen Moderne zur Kreativ- und Wissensökonomie in der Spätmoderne

Inwieweit wird „Die Gesellschaft der Singularitäten“ dem Anspruch als Zeitdiagnose gerecht? Die Erosion der industriellen Logik, Individualisierung, der Abschied von einer Gesellschaft der Normarbeitsverhältnisse mit arbeitsrechtlichen und sozialstaatlichen Absicherungen, Konvergenzen von Neoliberalismus und Gegenkultur, die „Creative Economy“ sind seit einigen Dekaden Thema.
Reckwitz bezieht sich immer wieder auf letztere, erweitert als experience economy, als der treibenden Kraft der postindustriellen Wirtschaft. Neben der Kreativ- und Wissensökonomie (incl. der Digitalwirtschaft) im engeren Sinne fallen Sport, Tourismus, Entertainment, Gastronomie etc., auch Teile von Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion, Gesundheitswirtschaft, das Umfeld von Beratern, Start-Ups, Influencern, Solopreneuren aller Art, darunter – soweit sie der Logik der kulturellen Singularitätsgüter entsprechen: Authenzitätsanspruch, Erlebnisqualität, maßgeschneiderte Produkte und Problemlösungen. Kulturkapitalismus bzw. Kulturökonomisierung hat hier seinen Ursprung. Akteure und Unternehmen entstammen oft lokalen oder subkulturellen  Inkubationszentren.

Im Konzept der Singularitäten fügen sich ganz unterschiedliche Phänomene der Spätmoderne zusammen: in Lebensstil und Konsum, auf den Märkten und dem Arbeitsmarkt, in der Erziehung und im Wettbewerb. Auf der individuellen Ebene z.B., wenn die eigene Arbeit und die eigene Performance beständig valorisiert und abgeglichen werden. Konzepte wie New Work oder Storytelling erscheinen neu beleuchtet. Ein schöner Satz: Im Modus der Singularität wird das Leben nicht einfach gelebt, sondern kuratiert(9). Gesellschaftliche Prozesse, die seit einigen Jahrzehnten stattfinden,  verstärken und beschleuniogen sich sich mit der Digitalisierung (vgl. Kultur der Digitalität von F. Stalder).

Recknitz stellt die einzelnen Felder äußerst detailreich dar, manchmal erscheinen seine Ausführungen etwas überakzentuiert.  Ein Buch das Zeit braucht, immerhin knapp 500 Seiten.
Weniger folgen kann ich ihm dort, wo er von einer Neuen Klassengesellschaft spricht (FAZaS, 22.10.17), zumindest in der Form, in der die Neue Mittelklasse einer Alten Mittelklasse und einer Neuen Unterschicht gegenübersteht – und er dazu die (kleine) vermögende Oberschicht der Neuen Mittelklasse zuschlägt. Recknitz stuft den Anteil der Neuen Mittelklasse auf ca. 1/3 der Bevölkerung  ein –  in Anlehnung an vier der Sinus- Milieus. Kulturelle Bruchlinien sind wohl zu erkennen, doch sind Gemeinsamkeiten zunächst begrenzt: kulturelles Kapital, ein Ideal der Selbstverwirklichung, Zugang zu den öffentlichen Diskursen, eine mehr oder minder expressive Performance. Das Risiko der Prekarität, des Sich-Durchwurschtelns (Muddling through) trifft nicht nur eine Unterklasse. New Work schafft Macht in Unternehmen und Organisation nicht ab. Auch die Creative Economy ist zumindest entzaubert. Reale Machtunterschiede treten immer wieder hervor, so etwa aufg dem Immobilienmarkt.

Gelegentlich wird von einem Auseinanderfallen, gar einer Atomisierung der Gesellschaft gesprochen. Für die großen normsetzenden Organisationen und Milieus mag das gelten – und Reckwitz spricht beinahe nostalgisch vom Verschwinden der sozial angepassten Persönlichkeit (9), des klassischen Kleinen Mannes. Was sich verändert hat, ist die Figuration von Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung. Charakteristisch sind z.B. interessenbestimmte Neogemeinschaften und sich immer wieder neu nach jeweils singulären Merkmalen zusammenfügende Teilöffentlichkeiten. Und wer danach fragt: Es wird auch weiterhin Raum für ein sozial angepasstes Leben geben.

Es hat den Anschein, dass die Forderungen der sog. Künstlerkritik, die sich gegen Entfremdung im fordistischen Kapitalismus richtete – Freiheit, Autonomie, Sinn, Authentizität und auch Spaß einforderte – zumindest partiell zu einem Leitbild wurden. Kein entfremdeter Konsum und keine entfremdete Arbeit, sondern kuratierter Konsum und kuratierte Arbeit. Demgegenüber steht die Sozialkritik, die Solidarität, Sicherheit und Gleichheit einfordert.

Merken sollte man sich einige Begriffe und Konzepte: die Valorisierung kultureller Praxis im weitesten Sinne. Valorisierung bedeutet zunächst eine Wertzumessung ästhetischer, ethischer oder körperlich erfahrbarer Art (Einbindung in eine Narration/Storytelling zählt dazu), schließt eine kommerzielle Verwertung aber nicht aus. Man kennt es aus der Markenbildung, von Stadtmarketing, Eventgastronomie etc.
Ebenso Serielle Singularitäten (135) – dieser Begriff kommt bei Reckwitz zwar nur am Rande vor, trifft aber die algorithmisch geschaffenen Singularitäten. Im Plural werden Singularitäten nicht zu Massengütern – sondern zu personalisierten seriellen Singularitäten.

Politische Planungs- und Steuerungsphantasien, wie sie noch die industrielle Moderne prägten, prallen an der Gesellschaft der Singularitäten ab (442), Politik wird immer öfter zur Moderation.

Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin, Oktober 2017, 480 S. ISBN: 978-3-518-58706-5. Interviews in: Die Zeit, 4.10. 2017 u. FAZ am Sonntag, 22.10.2017 

Filterblasen, Fake News und neue Medienöffentlichkeiten

An den Strukturen bilden sich Blasen

Der US- amerikanische Wahlkampf, die Erfolge und die Methoden von Rechtspopulisten haben Diskussionen zum Manipulationspotential im Social Web angefacht. Drei Begriffe treten dabei hervor: Filterblase, Fake News und postfaktisch. 
„Im Internet schenken viele Menschen anderen Meinungen als ihrer eigenen keinen Glauben mehr. Das liegt daran, dass in ihren Social-Media-Kanälen fast nur noch Meldungen auftauchen, die ihrer Einstellung entsprechen – sie leben in sogenannten Filterblasen.“ Schließlich werde selbst der grösste Quatsch zur gefühlten Wahrheitso die Meinung der öffentlich- rechtlichen TagesschauDass Social Media eine Rolle bei der politischen Meinungsbildung spielen ist unbestritten, inwieweit aber Filterblasen sogar eine Gefahr für die Demokratie sein sollen, ist sehr fraglich.
Das Social Web von heute ist nicht mehr das Web 2.0 von 2007. Plattformen wie Facebook, youtube, die selber keine Inhalte produzieren, dominieren das Netz. Musste man sich zu den Zeiten des Web 2.0 noch selber eine Menge an Kenntnissen aneignen, bündelt Facebook Funktionen des Social Web und macht sie für jeden auf einfache Weise zugänglich. Die Timeline ist der Einstieg in die digitalen Kanäle, ein personalisiertes Portal, bequem wie eine TV- Fernbedienung. Sie verbindet private, meist spontane Kommunikation  mit Medienangeboten, und bindet die Teilnehmer des Social Web in die Online- Werbewirtschaft ein. Was angezeigt wird, berechnet ein Algorithmus nach den verfügbaren Daten („Freunde„, gelikete Sites).
Nicht mehr TV- Programme oder Zeitschriftentitel konkurrieren untereinander um Aufmerksamkeit, sondern persönliche Kontakte aller Art mit Informationskanälen aller Art. Dass sich Menschen die Kanäle wählen, die ihrer Weltsicht entsprechen und denen sie sich verbunden fühlen, ist naheliegend. Filterblasen hat es in allen Medienepochen gegeben, meist verstärkt durch den sozialen Druck, sich an bestimmten normativen Mustern zu orientieren.

Digitale Medienöffentlichkeiten sind „volatil“

Tatsächlich verändert hat sich die Genese von Öffentlichkeiten und Formen der Vergemeinschaftung.
Medienöffentlichkeiten waren  lange Zeit fast nur als Sender-zu-Empfänger Figurationen verbreitet. Von der Verbreitung der Zeitung im 19. Jh., des Radios seit den 20er Jahren und später des Fernsehens als Massenmedien. Das Berufsbild des Journalisten mit einer Verpflichtung zu Objektivität und der Prüfung von Tatsachen hat sich daran herausgebildet. Viele Subkulturen kannten hingegen immer Medienöffentlichkeiten mit wechselnden Rollen.
Digitale Medienöffentlichkeiten schwanken in ihren Zusammensetzungen. Consozialität ist ein Prinzip: Menschen, die gemeinsame Interessen oder Leidenschaften teilen, finden und verbinden sich – ein gemeinsamer #hashtag. Das Social Web verbindet jede, in anderen Zusammenhängen minoritäre Position, vermittelt das Gefühl mit seiner Ansicht nicht allein zu stehen. Digitale Medienöffentlichkeiten folgen den Mustern von Konnektivität und Personalisierung. Konnektivität ist Voraussetzung: die Möglichkeit, dass sich jeder Teilnehmer des Social Web mit jedem anderen und auch jeder anderen Teilöffentlichkeit verbinden kann. Personalisierung bedeutet deren jeweils passende Adressierung – meist von Algorithmen gesteuert.
Im Netz gibt es keine Instanz, die die Wahrhaftigkeit von Nachrichten überprüft, Gerüchte und Fake News können sich auf viralem Wege verbreiten, dort, wo sie ihren Boden finden. Genauso vertreten sind aber auch die Medienmarken, öffentlich- rechtliche und das Quartett Spiegel, Zeit, Süddeutsche, FAZ, im deutschsprachige Raum überraschend wenige ohne langjährigen Offline- Medien Hintergrund. Es gibt eine Fülle von Möglichkeiten, die Plausibilität von Nachrichten und Einschätzungen zu prüfen. Wo gezielte Fehlinformationen, Verleumdung und Verhetzung stattfinden, greift zivilgesellschaftliches Handeln – letztlich auch die Justiz.

Bleibt postfaktisch – ob das Wort die aktuelle Diskussion überlebt ist eine Frage. Soziale Medien machen die öffentliche Kommunikation direkter, spontaner, persönlicher – damit steigt die Bedeutung der gefühlten Lage. Subjektive, gefühlte Wirklichkeit wird zum ThemaUnd es entwickeln sich daran politische Strategien, die austesten, was gesagt, behauptet und als gefühlte Tatsache eingebracht werden kann.
Dass Soziale Medien eine politische Spaltung verschärfen ist eine steile Behauptung. Nachgelassen hat jedenfalls die Bindungskraft der grossen Organisationen: Kirchen, Parteien, Gewerkschaften und auch der lange Zeit vorherrschenden, redaktionellen Medien – Gesellschaft ist volatiler geworden.

Deutschland 4.0 – Wie die Digitale Transformation gelingt (Rez.)

deutschland_40Zur Digitalen Transformation sind in den letzten Jahren eine ganze Reihe Bücher  erschienen – einige davon habe ich in meinem Blog besprochen: „Dematerialisierung – Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus“ von Ralf Kreuzer & Karl-Heinz Land; Tim Cole  mit „Digitale Transformation. Warum die deutsche Wirtschaft gerade die digitale Zukunft verschläft und was jetzt
getan werden muss!
 – um nur die zu nennen, die Transformation bereits im Titel führen.
Tobias Kollmann (Prof. BWL u. Wirtschaftsinformatik) und Holger Schmidt (Journalist/Netzoekonom) sind seit langem als Speaker und Autoren zu digitalen Themen bekannt. Autoren empfehlen sich mit solchen Titeln als Experten und Berater – hier geht es offensichtlich um Politikberatung. Bereits der Einband kommt schwarz/rot/golden staatstragend daher. Und es geht ausdrücklich um Deutschland als führende Industrienation, die auch in der neuen Digitalen Wirtschaft ein starker Player bleiben soll.
Seitdem Web 2.0 vor einem Jahrzehnt eine ganz Netzepoche prägte, wurden immer wieder Begriffe mit Versionsnummer in den Raum gestellt. Deutschland 4.0 bezieht sich auf Industrie 4.0, ein Konzept, das von den Autoren übrigens kritisch gesehen wird (vgl. S. 166). Industrie 4.0 und davon abgeleitete Begriffe, wie Arbeit 4.0 und Bildung 4.0 gehen auf die von der Bundesregierung eingeleitete Kampagne Zukunftsprojekt Industrie 4.0, Deutschlands Zukunft als Produktionsstandort sichern zurück. „Industrie 4.0 gilt zwar als Zukunftskonzept der deutschen Industrie zur Absicherung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie, ist aber de facto kaum verbreitet“ (nach dem Strukturreport des  Instituts der Deutschen Wirtschaft, s. S. 71).
Das Buch ist sehr strukturiert, übersichtlich gegliedert. Gesellschaft, Technologie, Wirtschaft, Arbeit, Politik – alles 4.0 – sind die Felder von Analyse und Bestandsaufnahme, wobei Wirtschaft und Politik deutlich mehr Raum zugeteilt wird.

die erste Halbzeit der Digitalisierung verpasst

die erste Halbzeit der Digitalisierung verpasst

Die Geschichte ist die: Deutschland hat „die erste Halbzeit der Digitalisierung verschlafen“ (S. 64), v.a. in der Plattformökonomie hat es den Anschluß verpasst. Plattformen sind die Schlüsselstellen zumindest der aktuellen Digitalisierungswelle.
Transaktionsplattformen sind Mittler zwischen Anbietern und Kunden; Innovationsplattformen bündeln die Entwicklung von Technologien/Produkten.
Plattformen bestimmen insbes. die Spielregeln in Konsumentenmärkten und schöpfen den Großteil des Mehrwerts ab. Nicht nur Amazon und Ebay mit ihren Verkaufsplattformen, AirBnb, Uber zählen dazu, Buchungssysteme, Apple’s Plattform für Entwickler und Facebook als Plattform für Medien, auch Datingportale sind weitere Beispiele: Betreiber stellen die Struktur, auf der Angebot und Nachfrage sich in grösstmöglicher und aktuellster Auswahl finden. Branchen wie der Einzelhandel, Reisemarkt, Hotellerie, Medien, Liefer- und Transportdienste u.v.m. wurden längst von diesen Digitalisierungsschüben erfasst. Das ist die digitale Gegenwart.

Digitalisierung greift in die Kernbranchen deutscher Wirtschaft

Die nächste Digitalisierungswelle greift über auf die Kernbranchen der deutschen Wirtschaft und wird auch hier zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor (vgl. S. 69). Für diese zweite Halbzeit gilt: „Wenn Deutschland die Produktionstechnologie- Abteilung der Welt bleibt, dann haben wir viel erreicht. Auf dieses Ziel arbeiten wir hin.“ Ziel sei es, ,,auch künftig die Welt mit Maschinen zu beliefern, die aber intelligent sind„, so Siemens CTO /Russwurm (S.70). Selbstfahrende Autos, intelligente Roboter, aus der Ferne zu steuernde Maschinen, das Internet of Things (IoT), datengetriebene Industrie und 3D- Druck,  SmartHome, Fintech, E-Health sind die Themen. Letztendlich geht es um die digitale Wettbewerbsfähigkeit der klassischen Industrie, des Mittelstandes und von Start-Ups. Das ist die digitale Zukunft.
Im Kapitel Politik 4.0 werden die Anforderungen an die einzelnen Politikfelder – Infrastruktur-, Bildungs-, Wirtschafts-, Arbeits- und Europapolitik – Schritt für Schritt durchdekliniert. Hervorheben lassen sich das Bekenntnis zum Prinzip Netzneutralität, die Einbindung digitalen Wissens in den Bildungskanon, Unterstützung von Start-Ups und die digitale Aktivierung des Mittelstandes, flexible Beschäftigung und die Einbindung in eine europäische Perspektive.
Gegenüber den Ausführungen v.a. zu Wirtschaft und Politik fällt das Kapitel Gesellschaft 4.0 deutlich ab. Die Wechselwirkung von gesellschaftlicher, technischer und wirtschaftlicher Entwicklung, die Transformation gesellschaftlicher Systeme ist wohl ein eigenes Thema. Konzepte wie Networked Sociality und Vernetzter Individualismus kommen nicht vor.
In der bisherigen Resonanz wurde Deutschland 4.0 ziemlich einhellig positiv bewertet. Das Buch enthält in kompakter Form die wesentlichen Themen des Digitalen Wandels. Mit einem 25- Punkte Programm zur Digitalen Transformation schließt das Buch ab.
Ein wenig irritiert die durchgehende 4.0 Rhetorik. Zwar setzen sich die Autoren von Industrie 4.0 ab – doch sind die davon abgeleiteten Begriffe in allen Kapiteln präsent. 4.0 tritt uns auch in zahlreichen Publikation von Bundes- und Landesregierung NRW entgegen, zuletzt ein Weißbuch Arbeiten 4.0.  Der Begriff soll auf eine vierte industrielle Revolution verweisen – und bringt damit jeweils die Fragen mit sich, was denn nur die zweite und die dritte gewesen sei. Ob der Begriff als weitverbreiter Slogan glücklich gewählt ist, ist fraglich.
Manche Leser sehen in Deutschland 4.0. nicht nur eine Betriebsanleitung für Digitale Transformation, sondern gleich eine Bewerbungsgrundlage für regierungsamtliche Aufgaben als Minister oder Staatssekretär für Digitales – man wird sehen …. klausmjan
Kollmann, Tobias & Schmidt, Holger: Deutschland 4.0 Wie die Digitale Transformation gelingt. Springer Gabler, Wiesbaden 2016, 186 S. 24,95 €.
Nebenbei: Wenn auch Titel zur Digitalisierung vornehmlich als gedrucktes Buch verbreitet werden, dann zeigt das die Resistenz des Mediums Buch gegenüber digitaler Transformation an. 

Fünf Fragen zum World Café „Transformation der Systeme“ #iw7

Die Veranstalter der siebten Internetwoche Köln haben mir fünf Fragen zum World Café – Transformation der Systeme gestellt

1. Wer seid Ihr? Stell Euch einmal kurz vor!

Wir, das sind fünf Netzbegeisterte, die sich zu einem Gemeinschaftsprojekt zusammengetan haben. Jeder von uns ist Experte in einem, oder auch mehreren Feldern des digitalen Wandels. Und jeder von uns steuert seine besonderen Kenntnisse bei.

Claudia Schleicher ist Organisationsentwicklerin mit Ausbildung zur Facilitatorin – erfahren in der Moderation von Prozessen und Formaten der neuen Arbeitswelt. Pirmin Vlaho kommt aus der Kölner Gründerszene und bringt mit TalareDigital.de Innovationen ins Corporate Learning. Ibo Mazari, PR- Chef beim Digital Signage Spezialisten dimedis in Köln-Kalk, kennt sich aus mit dem Wandel im Handel, dazu mit Gamification und digitaler Spielekultur. Gunnar Sohn ist Wirtschaftsblogger, Kolumnist und Livestreaming-Pionier. Mein (Klaus Janowitz) Hintergrund liegt in der Soziologie, Spezialgebiete sind Netnographie und Digitaler Wandel. Alle sind wir in unseren Spezialgebieten als Lehrbeauftragte, Autoren, Berater, Blogger etc. tätig.

2. Was macht Ihr bei der Internetwoche?

Wir laden ein zu einem World Café zum Thema Transformation der Systeme. Es geht um den Wandel gesellschaftlicher Organisation, um die Kontexte von Arbeit, Bildung, Handel und der sich entwickelnden Netzökonomie. Wir geben Impulse und Fragestellungen zu fünf einzelnen Themen. World Café ist ein Open Space Format, dass die Teilnehmer in einer angenehmen Atmosphäre miteinander in Gespräche und Diskussionen bringt. Café – weil es sich an der klassischen Kultur der Kaffeehäuser und Salons orientiert. Um den Diskurs zu vertiefen, wechseln die Teilnehmer mehrmals die Tische und die Gruppen werden durchmischt. Am Ende steht eine Abschlussrunde im Plenum, bei der es auch um die Fortführung ihrer Erkenntnisse über die Veranstaltung hinaus geht.

Wie sehen wir die Entwicklungen? Wie bringen wir uns in eine kollaborative Welt ein? Wie nutzen wir die vielfältigen Veränderungen?

3. Was erwartet die Besucher auf Euren Events?

Unsere Besucher erwartet ein spannendes Thema, und sie haben Gelegenheit ihre eigenen Erfahrungen und Überlegungen einzubringen. Die Diskussion zur Digitalen Transformation wird oft allein von wirtschaftlichem Innovationsdruck bestimmt. Wir sind der Überzeugung, dass die Digitalisierung genauso eine gesellschaftliche Transformation bedeutet – und damit ein neues Denken, eine andere Haltung erfordert. Der Prozess der Digitalisierung verläuft nicht monokausal. Es bilden sich neue Strukturen von Systemen heraus und das wollen wir thematisieren.
Vernetzte Sozialität/Networked Sociality ist ein neues Organisationsprinzip, manche Autoren sprechen von einem Neuen Sozialen Betriebssystem.

Und zum Abschluss erwartet die Besucher ein leckeres CraftBeer aus lokaler Produktion (Dank an unseren Sponsor dimedis).

4. Warum seid Ihr dabei?

Über die Jahre hinweg ist die Internetwoche Köln zu einer Institution geworden, in der sich innerhalb einer Woche die Veranstaltungen zum Thema Internet ballen. Ich erinnere mich an die erste Internetwoche 2010, wo wir zum Thema Netnographie das Netnocamp – ebenfalls in den Räumen der IHK – veranstaltet haben.
Internetwoche bedeutet eine erhöhte Aufmerksamkeit in der lokalen urbanen Öffentlichkeit. Wir wollen zum Denken anregen – und ebenso wie die an der Internetwoche beteiligten Firmen, wollen wir mit dem World Café – Transformation der Systeme – unsere Expertise nach außen hin zeigen und bekannter machen..

5. Was bedeutet das diesjährige Motto „Think global! Act local?“ für Euch?

Das Internet ist der Dorfplatz der Moderne, doch weil dieses neue Dorf global ist, gelangen die alten Modelle an ihre Grenzen ( so Gunnar Sohn).

Anmeldung ist erforderlich – die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Ein Klick auf die cropped-IW7_Banner-Silhouette_rgb_2.pngnebenstehende Graphik führt zum Anmeldeformular (bitte runterscrollen). Falls Ihr am 25.10. doch verhindert seid, gebt bitte eine Nachricht, so dass andere nachrücken können.

Digitaler Wandel und Digitale Transformation

Derzeit kursieren zwei Schlagworte: Digitaler Wandel und Digitale Transformation. Worin besteht der Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen? Beide Begriffe werden oft synonym verwendet, haben aber unterschiedliche Bedeutungshintergründe. Weder Wirtschaft noch Gesellschaft sind statisch. Wandel ist Normalzustand. Digitalen Wandel erleben wir seit mehreren Jahrzehnten in verschiedenen Stufen.

Transformation ist der komplexere Begriff. Er geht zurück auf den der ungarisch-österreichischen, später in die USA emigrierten Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Karl Polanyi (1886 – 1964). In seinem Hauptwerk „The Great Transformation“ bezeichnete er damit die Umstrukturierung der spätfeudalen, agrarischen Gesellschaft zu einer Industriegesellschaft mit reinen Marktgesetzen im England des späten 18. und des 19. Jahrhundert.

Wenn man es genau nimmt, steht Transformation für zwei Bedeutungen. Zum einen die Umstrukturierung in Wirtschaft und Gesellschaft, die durch die Digitalisierung ausgelöst wird. Das geschieht ohnehin. Es entstehen neue Branchen, neue Geschäftsmodelle, auch neue Fertigungsmethoden (z.B. 3 D-Druck). Einige Unternehmen und ganze Wirtschaftszweige werden verschwinden, weil sich das Umfeld verändert.

Zum anderen wird so auf der Ebene der einzelnen Unternehmen der zielgerichtete Einsatz von Maßnahmen bezeichnet, die die eigenen Wertschöpfungsprozesse unter Einsatz von digitalen Technologien neu- bzw. umgestalten sollen. In diesem Sinne ist Digitale Transformation im wesentlichen ein Fall von Change Management. Ob das in jedem Fall gelingt, ist ungewiss. Sicherlich ist dies ein umfangreiches und manchmal umkämpftes Feld von Beratungsdienstleitungen.

Kritik an dem Begriff der Digitalen Transformation weckt die Illusion, dass damit ein Prozess eingeläutet wird, der dann auch irgendwann abgeschlossen ist.

Jedes Unternehmen, jede Organisation hat das Bestreben, seinen Markt und seinen Einfluss beizubehalten. Aber wir haben in der Digitalisierung jetzt eine Stufe erreicht, auf der sich Organisationsformen verändern. Die Art, wie wir miteinander kommunizieren und wie wir zusammenarbeiten, hat sich verändert. Konsequenz der Digitalisierung von allem ist die Vernetzung von allem. Prozesse und Transaktionen sind auf ganz andere Weise steuerbar.

Nehmen Sie beispielsweise die Plattformen. Der Anbieter stellt nur die Plattform zur Verfügung, hat aber weiter mit den Produkten und Dienstleistungen nichts zu tun. Ebay ist ein frühes Beispiel dafür, auch Amazon betreibt Plattformen. Ebay verkauft selber nichts. Das Unternehmen stellt nur die Plattform zur Verfügung, auf der sich Käufer und Verkäufer treffen. Dieses Prinzip sehen wir immer wieder. Eine strukturierte Firma als eine Einheit von Planung, Produktion und Management ist für den Handel mit Gütern und Dienstleistungen in vielen Fällen nicht mehr erforderlich. Viele Unternehmen werden digitalisiert und dematerialisieren ihre Leistungen. Diese Strukturveränderungen finden wir  überall wieder. Letztlich geht es darum, wie bestimmte Nachfragen, auch z.B. in Bildung, nach Mobilität, erfüllt werden.

Von Digitalisierung können wir schon seit den 1980er Jahren sprechen. Das begann mit der Textverarbeitung, mit der Einführung der CD, in der Popkultur mit Computerspielen, elektronischer Musik. Um eine Nachricht zu versenden brauchte man irgendwann keine Briefmarke mehr zu kaufen. Die E-Mail war billiger und einfacher. Niemand mußte z.B. mehr mit Tippex hantieren, Schriftstücke und andere Dokumente können wir ganz einfach korrigieren, ablegen und immer wieder verwenden. So begann die Digitalisierung der Medien: Text, Bild, Ton, Bewegtbild und jetzt auch Life- Streaming.

Das Internet verbreitete sich seit Mitte der 1990er Jahre. Interessant ist die Beobachtung der Leitbegriffe, mit denen wir darüber sprachen: In den 1990er Jahren war es der abenteuerliche Cyberspace, um die Jahrtausendwende die spekulative New Economy, später das partizipative Web 2.0. Social Media verbreitete die Dienste und Plattformen, die die öffentliche Kommunikation veränderten und machte sie jedem zugänglich. Gleichzeitig verbreitete sich mit der mobilen Revolution das Internet im Alltag, weltweit. Es wanderte quasi vom Schreibtisch in die Hände und wurde damit allgegenwärtig und spontaner. Seit einigen Jahren sprechen wir vom Digitalen Wandel und von der Digitalen Transformation. Dahinter steckt allerdings mehr als ein Wandel von Begriffen und Themen. Menschen gewöhnen sich an Veränderungen und nutzen sie. Man nennt es „Habitualisierung“.

Wandel bietet immer wieder Anlass zur Sorge: Wer ist der Gewinner, wer ist der Verlierer. Es gab immer wieder öffentliche Diskussionen über den Verlust von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung. Man denke zurück an die frühe Digitalisierung in der Druckvorstufe: der angesehene Beruf des Schriftsetzers war nach einigen Jahren verschwunden. Immer wieder wurden ganze Branchen und Wirtschaftsbereiche umgekrempelt, die Musikindustrie ist ein weiteres bekanntes Beispiel. Arbeitsplätze und damit soziale Sicherheit, wie wir sie gekannt haben, werden verschwinden –bei steigender Produktivität. Hier liegt eine Aufgabe von Politik und Zivilgesellschaft.

Heute sind digitale Techniken omnipräsent und können sich miteinander verbinden. Das ist erst durch das Internet und durch die entsprechenden Bandbreiten möglich geworden. Die Digitale Transformation, von der wir heute sprechen, umfasst erstmals alle Wirtschaftsbereiche. Wir haben eine Schwelle erreicht, ab der digitale Strukturen die Organisationsformen von gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Leben berühren. Das müssen wir begreifen und wir können es gestalten.

 

 

 

World Café – Transformation der Systeme #iw7

Hashtag

Der Fliegende #Hashtag über Köln

Jedes Jahr  im Herbst, in der letzten Oktoberwoche, startet die Internetwoche Köln. Mittlerweile bei Nummer 7 angelangt und diesmal mit dem Untertitel „Das Festival für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft„. Beteiligt sind Akteure der digitalen Szene Köln: StartUps und andere Unternehmen, Hochschulen, öffentliche Einrichtungen, Verbände, Anwaltskanzleien (!) und unabhängige Veranstalter. Insgesamt gibt es unter der Dachmarke Internetwoche Köln >100 Diskussionen, Workshops, Fachvorträge, Netzwerkrunden  und auch ein Frühstück – meist kostenlos, dank Sponsoring und Eigenarbeit der Veranstalter. Auch das Netnocamp im Jahre 2010 fand übrigens im Rahmen der ersten Internetwoche Köln statt.

Am Dienstag, den 25.10. gibt es unter dem Titel Transformation der Systeme – Wie digitaler Wandel Systeme verändert, die unseren Alltag bestimmen“,  eine  „Gemeinschaftsproduktion“ in den Räumen der IHK Köln. „Gemeinschaftsproduktion“ von fünf Experten aus der „Online-Szene“:  Claudia Schleicher (Prozessbegleitung/Facilitating, OpenSpace Methoden), Pirmin Vlaho (Bildung), Gunnar Sohn (Wirtschaftsblogger, Live-Streaming Pionier), Ibo Mazari (Gamification, Digital Signage) und Klaus Janowitz (Netnographie, Digitaler Wandel).

Dass Digitaler Wandel bzw. Digitale Transformation genauso ein gesellschaftlicher und kultureller wie ein wirtschaftlicher und technologischer Prozess ist, ist mittlerweile Allgemeingut. In zahllosen Diskussionen geht es um Veränderungen in der Arbeitswelt, in Bildung und Mobilität, im Handel, den Medien und in den grundlegenden Mustern von Vergemeinschaft und gesellschaftlicher Organisation.
Immer wieder treten dabei eine Reihe von Prinzipien hervor: Konnektivität als Möglichkeit der Verbindung zwischen Menschen, Dingen und Prozessen, Personalisierung als Möglichkeit der persönlichen Zuordnung – oft automatisiert mittels Algoritmen. Schließlich das Matching bei gelingender Verbindung. Ein von uns vertretener Leitgedanke ist dabei das Konzept der Vernetzten Sozialität/Networked Sociality, damit verbunden ist u.a. das Bild eines Neuen Sozialen Betriebssystems. 

Café du monde

Café du monde

Ein solches Thema soll nicht allein mit aufeinander abfolgenden Vorträgen von Experten + Diskussion auf Wortmeldungen abgehandelt werden.
Wir geben Impulse – mit dem Open Space Format World Café beziehen wir die Teilnehmer ein. World Café bietet Gelegenheit, mit den im Raum versammelten Kompetenzen Szenarien zu entwickeln und – gerne auch kontrovers – zu diskutieren.
Zu fünf Themenfeldern (Arbeit, Bildung, Handel, gesellschaftliche Organisation, Netzökonomie, evtl. auch Mobilität) werden Thementische eingerichtet, an denen zu drei jeweils gleichen Fragestellungen Szenarien entwickelt und  Haltungen dazu formuliert werden. Nähere Informationen,  sowie einige Kurzvideos zu den Themenfeldern werden wir einige Zeit vorher auf der Facebook- Seite zum Event veröffentlichen.

Zukunftsforscher (und „Erfinder“ des Megatrend– Konzeptes) Matthias Horx  äußerte sich kürzlich skeptisch zur Zukunftsgläubigkeit der Digitalisierung. Sicherlich ist Digitalisierung nicht der einzige Antrieb der Entwicklung, sie ist verbunden mit anderen Innovationen und langfristigen gesellschaftlichen Entwicklungen und Prozessen. Die Verbreitung des Internet und die Digitalisierung der Medien bietet aber die Infrastruktur durch die solche Entwicklungen wirksam werden. Somit sprechen wir zu Recht von Digitalem Wandel und Digitaler Transformation (zu den beiden Begriffen habe ich im Mai einen Blogbeitrag geschrieben).

iw7_banner-silhouette_rgb_100Wir erwarten einen spannenden Nachmittag und freuen uns auf zahlreiche und engagierte Teilnehmer.
Um frühzeitige Anmeldung wird gebeten – die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Ein Klick auf die nebenstehende Graphik führt zum Anmeldeformular (bitte runterscrollen). Falls Ihr am 25.10. doch verhindert seid, gebt bitte eine Nachricht, so dass andere nachrücken können.