„Altes Ingenieurswissen“ up to date

Altes Wissen für neue Technologien

Altes Wissen für neue Technologien

Je höher die Innovations-Geschwindigkeit ist, desto weniger veraltungsanfällig sind alte Lebensformen, so die überraschende Feststellung des Philosophen Odo Marquard. Die moderne Wandlungsbeschleunigung würde selber in den Dienst der Langsamkeit treten. So sollte man sich beim modernen Dauerlauf Geschichte – je schneller sein Tempo wird – unaufgeregt überholen lassen und warten, bis der Weltlauf – von hinten überrundend – wieder bei einem vorbeikommt. Gerade die neuesten Technologien benötigen die alten Fertigkeiten und Gewohnheiten. Unsere Arche Noah im Umgang mit der Überinformation sei eine alte Kunst: der Rückgriff aufs Mündliche. Das war schon so zur Zeit des Buchdrucks so.

Renaissance von Schrift und Mündlichkeit

„Wir werden künftig mitnichten dauernd vorm Bildschirm sitzen, sondern – je mehr datenspendende Schirme flimmern – wir werden fern vom Bildschirm im kleinen oder großen Gesprächskreise mündlich jenes Wenige besprechend ermitteln, was von dieser flimmernden Datenflut wichtig und richtig ist“, schreibt Marquard in seinem überaus klugen Essay „Zukunft braucht Herkunft“.

So bleiben die schnellen Informationsmedien zähmbar und in der Reichweite der langsamen Menschen. Auch die neue Welt kommt ohne die alten Fähigkeiten nicht aus. Jedes Medium rücke verdrängte Effekte oder Eigenschaften wieder in den Vordergrund.

Die Renaissance der Verschriftung im Kundenservice bestätigt das. Wo dumme Call Center-Anbieter vom Markt gefegt und in die Insolvenz getrieben werden, entdeckt man alte Fähigkeiten mit überraschenden Vorteilen. Die Kundenanfrage über eine Hotline ist anonym und garantiert nicht, auf den richtigen Experten zu treffen. Läuft die gleiche Anfrage in schriftlicher Form über Twitter, Facebook oder über eine Online-Community, dann kann sie gesichtet und gezielt an den Spezialisten weitergegeben werden.

Fähigkeiten für All-IP-Netze

Im technischen Service eines größeren Heizungsherstellers sind das Meister, Techniker und Ingenieure, die speziell für das Social Web geschult werden. Die beantworten auch Fragen auf Facebook und eben nicht das Marketingteam. Effekt: Viele Fragen werden gar nicht mehr gestellt, da die Antworten auf den Social Web-Präsenzen des Unternehmens schon abrufbar sind – andere Kunden hatten das gleiche Problem und eine Lösung liegt für die Crowd vor.

Selbst beim Umgang mit Datenbanken ist altes Können gefragt. Egal, wo Daten abgelegt und organisiert werden. In Fragen der Systemsoftware braucht man immer noch Kenntnisse der alten Programmiersprachen, um die Migration der Daten in andere Umgebungen erfolgreich abzuschließen. Auch die radikale Umstellung und Konvergenz von Fernsehen, Telefon, Videokonferenzen oder Musikdienste auf das Internet-Protokoll ist kein profaner Vorgang, der ein- und ausgeschaltet werden kann wie ein Lichtschalter, so die Erfahrung des Netzwerkspezialisten Bernd Stahl von Nash Technologies.

So genannte All-IP-Netze benötigen einen sanften Übergang von der alten analogen in die digitale Welt.

„Um das zu realisieren, muss man beide Welten gut verstehen. Entsprechend ist auch das alte Systemwissen der Telekommunikation mehr denn je gefragt, wenn es um Ausfallsicherheit und dergleichen mehr geht“, bestätigt Stahl im ichsagmal-Interview.

Siehe auch:

Telekommunikationsnetze im Übergang – Vom Telefon zum intelligenten Allzwecknetz

Das Netz der Zukunft.

Alles in die Wolke.

Live-TV mit dem Handy und der Blick für technologische Revolutionen #StreamCamp13

Onkel Pelle in Aktion

Onkel Pelle in Aktion

In Deutschland gibt es eine merkwürdige Stimmungslage, wenn es um Netzthemen und neue Technologien geht. Besonders die Berichterstattung gehe in eine Richtung, die viele nicht mehr ertragen können, sagt Sebastian Matthes, Ressortleiter Technik & Wissen der Wirtschaftswoche und designierter Chefredakteur der Huffington Post Deutschland.

Es komme eine neue Idee oder Technik auf den Markt und man findet alles ganz fürchterlich.

„Technologie hat in Deutschland einen positiveren Blick verdient“, so Matthes in Deutschlandradio Wissen.

Es gebe auch einen negativen Bias der Medien, wenn über Internet-Themen berichtet wird. Deutschland könne einen etwas konstruktiveren Blick auf das Netz und auf das Leben im Netz vertragen. Genau das werde er in seiner neuen Aufgabe bei der Huffington Post versuchen.

Google macht vieles richtig

Das heißt nicht, alles hochzujubeln. So machen Google im Umgang mit den eigenen „Kunden“ eine Menge falsch. Stichwort: Content-Zensur und AGB-Diktatur. Technologisch macht der Suchmaschinen-Konzern aber auch einen unglaublich guten Job. Etwa bei der Etablierung des Streaming-Dienstes Hangout on Air, mit dem man Videos live ins Internet übertragen kann. Vor gut einem Jahr war das noch ein unglaublicher Kraftakt und es gab Experten, die betrachteten das Livestreaming von Video- oder Audio-Beitragen als Königsdisziplin der Datenübertragung im Netz. Die Bedenkenträger in Deutschland zerreden das Ganze entweder medienrechtlich oder mosern an der Einfachheit der Anwendung herum. Wer so etwas nicht selber zusammen bastelt, sei kein würdiger Vertreter der Podcast- oder Videozunft.

Völlig unterschätzt wird die bahnbrechende Veränderung durch die Graswurzel-TV-Bewegung.

„Technologisch beginnt der Wandel mit der Atomisierung der Distributionskosten. Das Betreiben eines Blogs kostet im Gegensatz zum Druck einer Zeitung praktisch kein Geld mehr. Die Aufnahme und Bereitstellung eines Podcasts ist kaum den Betriebskosten eines Radiosenders zu vergleichen. Nur im Fernsehen hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die Distributionskosten unbezahlbar seien“, schreibt Nikolai Longolius in seinem Buch „Web-TV – AV-Streaming im Internet“.

Auch diese Bastion wird niedergerissen. In einem Focus-Gastbeitrag hat Andreas Graap von Webschorle.de kompakt die Vorteile von Liveübertragungen via Hangout on Air zusammengefasst:

„Fernsehen und Rundfunk arbeiten bei Live-Übertragungen mit schwerer Maschinerie: Ein oder gleich mehrere Übertragungswagen bringen Mitarbeiter mit der notwendigen Technik zum Ort der Liveübertragung. Die Bandbreite reicht von Kleinbus bis Sattelschlepper. Aber der bisher kleinste Übertragungswagen ist der ‚Smart’, mit dem zum Beispiel die ‚Lokalzeit’ des WDR von unterwegs Fernsehen macht. Hier laufen Regie, Ton, Kamera und Moderation zusammen und werden per Satellit übertragen. Erstaunlich also, dass all diese Technik heute in ein Smartphone passt.”

Vor nicht allzu langer Zeit dachte wohl auch der professionelle Journalismus nicht daran, dass man mit Mobiltelefonen bald eigene Live-Reportagen starten könnte, so Graap.

„Heute geht das: Live-Streaming-Dienste wie Hangout on Air haben es vorgemacht, andere werden folgen. Das könnte die Medienlandschaft und insbesondere den TV-Journalismus komplett verändern.”

Die Huffington Post setzt Hangouts intensiv in den TV-Nachrichtensendungen ein, um Zuschauer direkt in die Live-Berichterstattung reinzuholen und mitdiskutieren zu lassen. Bis auf wenige zaghafte Versuche ist davon in Deutschland noch nichts zu sehen. Beim StreamCamp in Köln kann man das übrigens am 16. und 17. November nachholen.

Ahnungslos im Jammer-Modus

Der deutsche Jammer-Michel beklagt sogar Phänomene, die man noch nicht einmal in Spurenelementen verorten kann, wie etwa die so genannte Gamification. So warnt ein emeritierter Volkswirtschaftsprofessor gegenüber der Computerwoche vorauseilend vor der Ausbeutungsgefahr, obwohl er sich nicht gerade als Experte für Computerspiele in der Vergangenheit hervorgetan hat. Das Bewusstsein von Ort und Zeit gehe beim Spiel verloren. Man stehe im Wettbewerb mit sich selbst:

„Heute schaffe ich mehr als gestern.“

Von dieser verschärften Konkurrenz profitiere in erster Linie der Arbeitgeber. Peng. Ende. Aus. Der Schlaumeier-Michel hat sein Urteil gesprochen – als Blindfisch der Gaming-Szene. Dabei geht es genau um das Gegenteil.

„Was die so genannten Experten wie der VWL-Professor von sich geben, ist eigentlich ein trauriger Indikator für die Lage in Deutschland. Es geht bei Gamification eben nicht darum, noch mehr aus den Mitarbeitern herauszuholen oder Zockergefühle für einen sechzehnstündigen Arbeitstag zu wecken. Es geht darum, Unternehmen besser zu machen im Umgang mit Mitarbeitern und Kunden. Es soll ein Umfeld geschaffen werden, in dem man gerne arbeitet“, erläutert der Gaming-Experte Christoph Deeg im Interview mit Bloggercamp.tv.

Gamification könne dumme Chefs oder ausbeuterische Unternehmen nicht ändern. Bei solchen Verhältnissen werde es aber auch nicht gelingen, Gamification in die Organisation zu tragen und zu verankern.

„Auch mit den Bonitätsmodellen ist es nicht möglich, Leute wirklich zu motivieren, wenn der Laden autoritär und schlecht geführt wird. Wenn Führungskräfte Gaming einsetzen und sich dennoch als unangreifbare Gottheiten in Szene setzen, sollte ihnen klar sein, was am Ende eines Computerspiels lauert. Da kommt der große Endgegner“, bemerkt Deeg.

Es gehe nicht um den Einsatz irgendwelcher Tools oder Web-Anwendungen. Es gehe um die Unternehmenskultur, die sich fundamental ändern müsse.

„Wer mit Computerspielen sozialisiert wurde, was bei vielen IT-Nachwuchskräften der Fall ist, der erkennt sehr schnell, ob Gamification nur als Blendwerk bei der Mitarbeiterführung eingesetzt wird. Das wird sich auf die Rekrutierung von talentierten Fachleuten eher negativ auswirken“, meint IT-Personalexperte Karsten Berge von SearchConsult.

Ähnliches gilt übrigens auch für Aktivitäten im Social Web. Sie bringen die unternehmensinternen Probleme erst so richtig ans Tageslicht. Wer sich öffentlich zum Dialog bekennt, ihn aber im Umgang mit Kunden oder Mitarbeitern ignoriert, zählt schnell zum Fallobst des Netzes.

Warum Regelbrecher die wahren Innovatoren sind und Prozessgläubige auf der Strecke bleiben

Heute schon eine Regel gebrochen?

Heute schon eine Regel gebrochen?

Umstrukturierung, Neuorganisation oder die Fokussierung auf Kernkompetenzen gehören zum täglichen Management-Geblubber wie die semantischen Speerspitzen Effizienz, Effektivität und das Prozessmanagement von Ideen, Innovationen und Kreativität – alles natürlich auf Basis der neuesten Solutions, Tools und Implementierungen. Manager wollen zu jeder Zeit kreativ, innovativ und effizient an ihrer Effektivität arbeiten. Das geht am besten mit ganzheitlichen Strategien, um den Kunden wieder stärker zu fokussieren und kostenoptimal den Return on Investment zu erarbeiten.

In Vorstandsetagen wird täglich in „Meetings“ nach der „Strategy“ gefahndet, um sich besser aufzustellen, neue Projekte einzukippen, „Commitments“ zu erzielen und am Markt durch „Empowerment“ den ultimativen USP zu erreichen. USP steht für „Unique Selling Proposition“ und ist in seiner Bedeutung profan: das einzigartige Verkaufsargument. Statt der hier aufgezählten Bullshit-Hitparade könnte man auch die Aussage „Kuchen“ aus der Sparkassen-Werbung setzen und wäre am Schluss genauso schlau wie vorher.

Das ganze Gerede um Prozesse, Optimierung, Kollaboration, Effizienz und Effektivität ist brotlose Kunst. Faktisch sind es immer charismatische und ein wenig verrückte Unternehmerpersönlichkeiten, die Neues durchsetzen und sich vom Routinebetrieb abgrenzen. Wer nur das anwendet, was man gelernt hat und sich an den übergekommenen Grundlagen seiner Organisation orientiert, ist ein passiver Anpasser und Verwalter. Routine, Prozesse und Regeln braucht man mit Sicherheit für die Herstellung von Produkten, für Wartung und Reparatur oder für die Buchhaltung –  für Ideen und Erfindungen benötigt man Regelbrecher. Dazu kommt noch eine Portion Zufall und eine feine Nase für Veränderungen.

Das findet man aber nicht in den Lehrbüchern der BWL und schon gar nicht an den Business Schools, so der Management-Experte und Buchautor Alexander Ross.

„Die Business-Schools sind überteuert, der Unterricht weltfremd, die Forschung schmalspurig und die MBA-Absolventen versagen in Serie“, so Ross.

Meine tägliche Phrase gib mir heute

Meine tägliche Phrase gib mir heute

Ein MBA verwalte, würde aber nichts unternehmen. So weisen die Business-School-Experten Stuart Crainer und Des Dearlove darauf hin, dass MBA-Absolventen bei erfolgreichen Unternehmensgründungen auffallend unterrepräsentiert sind. Wenn sie selbstständig seien, dann meist mit einem Beratungsunternehmen.

Was an den meisten Manager-Kaderschmieden abgespult werde, sei reine Stoff-Bulimie, kritisiert Professor Michael Zerr, Präsident der Karlshochschule in Karlsruhe:

„Reinschaufeln, auskotzen, vergessen. So funktioniert die Wirtschaftswissenschaft bislang wie ein Jahrmarktsverkäufer. Hier noch eine Leberwurst und eine Salami – einen Büchsenöffner gibt es noch kostenlos dazu. Ein bisschen Jura, Mathe und Rechnungswesen. Regeln, Regeln, Regeln und das ist es dann“, beklagt sich Zerr.

Studenten sollten lernen, Dinge in Frage zu stellen, beispielsweise über den Sinn des Controllings.

„In erster Linie handelt es sich um eine Inszenierung von Rationalität. Unsere Studenten beschäftigen sich damit, wie man eine kalkulatorische Wirklichkeit inszeniert, welche Rituale sich im Management abspielen, welche Metapher verwendet werden, um in einer Organisation Mikropolitik zu machen. Das ist das Programm unserer Universität“, so Zerr.

Studenten würden sich mit den Wirklichkeitskonstruktionen auseinandersetzen aus Sicht der etablierten Wirtschaft und aus Sicht der Regelbrecher. Dann komme man irgendwann zu den Möglichkeiten des Wandels und der Innovation. Manager müssten heute intelligent stören. Schöner Scheitern statt Benchmarking sollte ihre Devise sein.

Egal, ob man den Regelbruch in Organisationen kultiviert oder nicht, wäre es nach Ansicht des IT-Personalexperten Udo Nadolski schon ein großer Fortschritt, wenn sich Manager von ihrer Rationalitätsgläubigkeit verabschieden und stärker mit dem Unerwarteten kalkulieren würden.

„Wer gesellschaftliche und wirtschaftliche Phänomene nur in Aggregatzuständen wahrnimmt und berechnet, vernachlässigt die Wirkung von Innovationsrevolutionen. Technologien und Geschäftsmethoden können über Nacht wertlos werden. Etablierte Branchen gehen unter und neue entstehen. Der Routineunternehmer gehört zu den ersten Opfern“, weiß Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash in Düsseldorf.

In dieser Gemengelage sollte eine MIT-Umfrage besonders die Firmenchefs nachdenklich stimmen. Demnach erweisen sich vor allem die Unternehmenslenker als Digital-Muffel.

40 Prozent der vom MIT befragten Unternehmen kämpfen mit dem Trägheitsmoment der Chefetage, schreibt der Smarter Service-Blog. Je tiefer man in die Organisation steigt, desto dringlicher wird der Zwang zum Wandel empfunden.

„Selbstgefälligkeit und Ignoranz werden als Hauptursachen für den schleppenden Umbau genannt.“

Der ehemalige IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck verwies vor einigen Jahren in seinem Vortrag auf dem Trendgipfel in Bonn auf Erkenntnisse von Geoffrey Moore, der bei der Durchsetzung von Innovationen das Bild der Kluft oder Schlucht prägte.

„Er wies an vielen Beispielen in seinem berühmten Buch ‚The Chasm of Innovation‘ nach, dass die meisten Innovationen scheitern, dass sie es nicht schaffen, von den pragmatischen Menschen als nützlich angesehen zu werden“, erläutert Dueck.

Als echter Lehrmeister für die Managementpraxis erwies sich der Venture Capitalist Gifford Pinchot. Er fragte Dueck:

„Wie viel Prozent der normalen Innovationen bringen Geld?“. Es seien nicht 25 Prozent, wie die meisten schätzen, sondern nur fünf Prozent. „Und wenn ich als Venture-Profi alles betreue?“ Die antwortet war 11 Prozent. „Mit einem von zehn Geschäften muss ich zehnfaches Geld machen. Bei drei, vier von zehn komme ich gerade so raus, der Rest ist weg.“

Ist die Erkenntnis in Unternehmen, Regierungen oder Forschungseinrichtungen präsent?

„Ich glaube bis heute, die Controller glauben, nur so 25 Prozent aller Projekte scheitern“, so Dueck.

Wie man über die Schlucht springen könne, werde an Lehranstalten nicht vermittelt.

„Weil wir das nicht wissen und weil wir die Chasm-Lehren ungelesen in der Bibliothek lassen, beginnen wir mit den immer scheiternden Innovationsritualen, die nie funktionieren. Wir starten Wettbewerbe, Verbesserungs-Vorschlagspreise, versuchen uns in eiligen Meetings an Brainstorming-Aktionen, für die bei machen Unternehmen tapfer viele Minuten eines kostbaren Tages investiert werden, an dem man sich eigentlich nur die Zahlen der Vergangenheit ansehen will“, resümiert Dueck.

Warum Friedrich Merz den „Marie Antoinette-Neuland-Orden“ verdient

ichsagmal.com

Es ist so herrlich, was Egghat in seinem Blog dokumentiert: Friedrich Merz: Gegen Abhören des Handys hilft das Festnetz.

„Unfassbar, welchen Schwachsinn unsere Politiker in diesem Skandal so absondern. Hauptsache irgendeinen Beschwichtungs-Schwachsinn labern. In der vagen Hoffnung, dass die Leute da draussen vom Neuland noch weniger Ahnung als die Politiker selber.“

Ich bin mir aber nicht sicher, ob Merz als Vorsitzender des deutschen USA-Freundeskreises “Atlantik-Brücke” nichts anderes sagen und sein Vorschlag als reine Beschwichtigung gewertet werden könne. Mit Neuland meinte wohl Merkel in erster Linie ihre eigenen Parteimitglieder.

Die Politstrategen vom Schlage Friedrich Merz kommen einem vor, wie die französische Königin Marie Antoinette, die dem nach…

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Kochtopf mit Internetanschluss: Das Möglichmacher-Netz

Gestern-Industrie ohne Zukunft

Gestern-Industrie ohne Zukunft

 

Die vernetzte Ökonomie macht auch vor der klassischen Industrieproduktion nicht halt. Schlagworte wie Industrie 4.0, Smart Factory, intelligente Fabrik, Integrated Industry, Machine-to-Machine-Kommunikation und Internet der Dinge sind ein Wegweiser für die Veränderungen in den nächsten Jahren:

„Sie beschreiben die Vernetzung der bisher insular aufgebauten Produktion und der Unternehmen; oder auf gut Deutsch: Ohne Internet und Software geht künftig gar nichts mehr. So wie fast jeder Büroarbeitsplatz einen Internetzugang hat, wird zukünftig jede Maschine einen solchen Zugang haben. Vor allem geht es darum, dass die Maschinen untereinander vernetzt werden und kommunizieren können“, so FAZ-Redakteur Georg Giersberg.

Es reicht nicht mehr aus, über Spezialkenntnisse für Mechanik, Maschinenbau oder Fertigung zu verfügen – Wissen über Software und Programmierung müssen dazu kommen.

„Der Anteil der Softwareingenieure nimmt in der Industrie deutlich zu“, so Giersberg.

Es gebe kaum eine technische Disziplin, die ohne elektronische Steuerungen und ohne Vernetzung mit anderen Steuerungssystemen oder dem Internet auskommt – das gilt selbst für Kochtöpfe, Heizungsanlagen und Druckmaschinen.

So kann Siemens schon längst nicht mehr als lupenreiner Elektrokonzern bezeichnet werden. Der Unternehmensriese habe heute mit 18 000 Softwareingenieuren etwa so viele wie Microsoft.

„Obwohl Siemens kein klassisches Softwarehaus wie SAP ist, hat das Münchener Unternehmen bisher mehr als 7 Millionen Softwarelizenzen verkauft. Der Bereich Industriesoftware – die Verbindung von Maschinen mit Programmen – wächst erheblich schneller als die gesamte Automationstechnik“, erläutert Giersberg.

Die aktuell diskutierte Revolution des Produktionsprozesses rüttelt an vielen Paradigmen der Berufswelt der Ingenieure: Neben der technischen Expertise, wird zusätzliches Informatikwissen über Interoperabilität, Offenheit und Skalierbarkeit durch die dazu notwendigen IT-Architekturen und Middleware-Komponenten verlangt.

IT-Stress für Ingenieure

„Dies sind im Grunde genommen unvereinbare Anforderungen, die einen Ingenieur an die Grenze seiner mentalen Fähigkeiten bringt. Entweder man ist ein begnadete Schrauber und Nerd oder der vorausschauende konzeptionell denkende IT-Architekt“, sagt Kasten Berge, Geschäftsführer von SearchConsult in Düsseldorf.

Die praktische Lösung für diese Herausforderung könne zurzeit nur die geschickte Zusammensetzung von Projektteams sein, die sowohl aus Personen mit Ingenieursdenke, als auch aus Informatikern bestehen.

„Diese Teammitglieder werden eine Zeit lang trefflich aneinander vorbeireden, da die jeweiligen Begriffswelten durch ihr jeweiliges Studium unterschiedlich geprägt sind. Die ‚Wanderer’ zwischen den Welten der Informatik und des Ingenieurwesens haben hier erhebliche neue und attraktive Chancen am Arbeitsmarkt. Die Unternehmen werden auf externe Hilfe angewiesen sein, um diese Experten am Markt zu finden und für das eigene Unternehmen zu begeistern“, weiß Personalberater Berge.

Vernetzte Welt

Der reine Abgleich von Fachbegriffen in einem Lebenslauf und einer Stellenausschreibung reiche nicht aus, um den passenden Kandidaten für eine offene Vakanz zu finden. Außerdem werden solche Spezialisten nur auf direkte Anfrage über ein belastbares Netzwerk reagieren.

Talente wandern ab

Um diese Talente zu rekrutieren, sollten aber auch die Entscheider in Politik und Verbänden ihre Hausaufgaben machen. „Schon aus Prestigegründen ist es für junge Deutsche viel attraktiver, nach Kalifornien zu gehen“, betont bwlzweinull-Blogger Matthias Schwenk. Er kann es sich nicht erklären, warum Deutschland eine Verschiebung der Technologien in die vernetzte Welt nicht stärker als Chance begreift und in der Spitze mitspielt. Über Jahrzehnte seien wir als Industrienation immer vorne gewesen. Die Notwendigkeit der digitalen Transformation wird nicht gesehen – auch nicht in den Industrieverbänden:

„Dass sich die Technologien verändern und verschieben, bekommt kaum einer so richtig mit. Die Politik schläft und von den Industrieverbänden kommt auch zu wenig. Diese alten Herren, die selber noch mit der Hand am Arm arbeiten, können die digitale Sphäre gar nicht nachvollziehen, weil sie es selbst nicht erleben. Da werden die Tagesmappen noch von der Sekretärin ins Chefzimmer reingetragen, um alles sehr schön auf Papier abzuzeichnen. Wer so arbeitet, sieht nicht, was sich wirklich bewegt“, moniert Schwenk.

Die netzökonomischen Themen stehen aber selbst bei den Internetaktivisten kaum eine Rolle. Von den meisten aktiven Bloggern, die sich mit Netzpolitik befassen, werde das Internet als Medium für Inhalte gesehen.

„Das Netz ist aber auch Möglichmacher für neue Geschäftsmodelle und vernetzte Wertschöpfungsketten. Das haben nur wenige Netzaktivisten im Blick. Da gibt es aber auch aus den Forschungsinstituten und Hochschulen zu wenig Unterstützung. Auch von dort müsste mehr geliefert werden“, resümiert Schwenk.

Auf nach Köln am 16. und 17. November

Auf nach Köln am 16. und 17. November

 

Vielleicht sollten wir dazu mal ein Barcamp mit netzökonomischen Themen auf die Beine stellen – im nächsten Jahr. Jetzt kommt erst einmal das #StreamCamp13 in Köln am 16. und 17. November in Köln. Ein digitales Experimentierlabor fürs Livestreaming von Audio und Video. Nicht nur für die Streaming-Community ein wichtiges Datum – da geht es auch um Netzökonomie:
Siehe auch: Warum Unternehmen eine erweiterte Medienkompetenz benötigen und zum #StreamCamp13 kommen sollten.

Von Silverstripe zu WordPress – Beta-Stadium

www.ne-na.de

Medienprofessor Jeff Jarvis hat die Prinzipien der neuen Medienwelt in seinem Buch „Was würde Google tun“ schon vor einigen Jahren treffend beschrieben und unsere Motivation für die Neugestaltung von www.ne-na.de beflügelt: Das Knappheitsmodell der Wirtschaft und damit die Kontrolle über Inhalte haben ausgedient. Google hatte eben frühzeitig den Instinkt, Plattformen und Netzwerke zu schaffen, statt Inhalte zu kaufen oder zu produzieren. Deshalb der Rat von Jarvis: Wer heute neue Medienformate entwickelt, sollte dezentralisiert denken. Nachrichtenorganisationen können sich nicht mehr auf die Vorstellung verlassen, dass die Welt sich bis zu ihren Toren durchschlagen wird: Die Menschen finden ganz allein zu den Nachrichten. Über unendlich viele neue Wege: Blogs von Freunden, Communitys, Youtube, Nachrichten-Websites, kooperative Nachrichten-Websites wie Digg, Feeds auf Facebook oder Twitter und, und, und.

Man sollte zu einer Plattform und Teil von Netzwerken werden, proklamiert Jarvis. Sich kooperativen Netzwerken anzuschließen sei hilfreich. Die Zeitung 2.0 werde mit ausgewählten Bloggern, Unternehmern, Bürgern und Communitys zusammenarbeiten, die Nachrichten sammeln, verbreiten und sie unterstützen.

Das war allerdings mit unserem Content Management System „Silverstripe“ nur schwerlich möglich. Zu komplex, zu empfindlich und für jeden Autor erklärungsbedürftig. Für eine Kultur des Teilens und der Beteiligung nicht wirklich geeignet. Das soll sich mit dem Umzug zu WordPress mit dem Theme Bold News ändern.

Wer also an dieser Nachrichten-Plattform im Netz-Dschungel mitwirken möchte, ist herzlich eingeladen. Budgets kann ich noch nicht bieten. Die Finanzierung muss man neu überdenken, Werbepartner und Sponsoren gewinnen. Wer seine eigenen Blogpostings in nachrichtlicher Form verwerten will, das Netzgeschehen kuratieren und Ideen mit anderen Interessierten im Social Web nach vorne bringen möchte, sollte mich einfach kontaktieren. Schwerpunkt ist das Netz und die digitale Transformation, die als Querschnitts-Technologie das Leben in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Bildung und Kultur verändert. Habe ich einen Plan? Nein. Da finde ich die Erkenntnis von Zeit Online-Chefredakteur Jochen Wegner so erfrischend:

„Alle Thesen und Prognosen, die wir in der Vergangenheit aufgestellt haben, sind nicht in Erfüllung gegangen. Nichts von dem, was wir prognostiziert haben, ist wahr. Nur eine einzige These ist übrig geblieben und die lautet: Alle Thesen im digitalen Journalismus sind falsch.“

Sein Credo und das Credo von http://www.ne-na.me: Durchwursteln!

Oder etwas vornehmer ausgedrückt: Man soll sich als Beobachter des Zufalls bewähren. Gelegenheiten erkennen, statt einer Schimäre der rationalen Entscheidung hinterherzulaufen. Ein Unternehmer ist für den Ökonomen Israel Kirzner ein Häscher des Okkasionellen – ein Chancenverwerter. Occassio ist die Göttin der Gelegenheit mit einem nach vorne fallenden Haarschopf, an dem man sie zu ergreifen hat; wer diesen Augenblick verpennt, hat keine zweite Chance, denn von hinten ist die Dame kahl.

Über die Neuland-Ideologie der Merkel-Partei

Wohl nichts...

Wohl nichts…

Der Wissenschaftler und CDU-Politiker Stephan Eisel bezeichnet sich als kritischen Rationalisten im Geiste von Karl Popper und legt dementsprechend strenge Kriterien an, wenn ein Themengebiet wie „Internet und Demokratie“ erforscht wird. Alles müsse quellenkritisch hinterfragt werden, so Eisel in seinem Socialbar-Vortrag im Bonner Wissenschaftsladen. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete und frühere Redenschreiber von Helmut Kohl zählt sicherlich nicht zur netzpolitischen Avantgarde seiner Partei – als wichtigen Stichwortgeber im schwarzen Lager sollte man ihn schon ernst nehmen. Er bietet sozusagen den ideologischen Überbau für die Neuland-Thesen seiner Kanzlerin. Alles, was mit dem Internet zu tun habe, müsse doch nüchterner und realistischer betrachtet werden, so Eisel.

So bewege sich der Zugang zum Internet seit Jahren in einer Größenordnung von 75 bis 80 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung über 14 Jahren und verändert sich nicht. Der neue (N)ONLINER-Atlas der Initiative D21 und die ARD-ZDF-Onlinestudie würden diese Stagnation bestätigen.

Gottgegeben und alternativlos ist dieser Status quo mitnichten. Deutschland dümpelt wie beim Breitbandausbau und der Etablierung eines schnellen Internets im Mittelfeld herum. Die Online-Durchdringung der 27 EU-Staaten liegt bei 76 Prozent. Spitzenreiter sind die skandinavischen Länder und die Niederlande, in denen über 90 Prozent der Bürgerinnen und Bürger online sind. Was können die, was wir nicht können, Herr Eisel?

Ein Land von passiven TV-Couchpotatoes?

Wenn es um die Digitalisierung von Bildung, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik geht, sind wir schlechtes Mittelmaß. Vielleicht sollten die selbsternannten Politikflüsterer hier eine Ursache für die mangelhafte Ausbreitung sowie Nutzung des Internets suchen und von der Bundesregierung endlich eine netzpolitische Agenda einfordern, die diesen Namen auch verdient. Stattdessen verweist Eisel auf die Popularität des Fernsehens als reines Konsummedium und sieht hier mögliche Ursachen für Netzaversionen. Der Deutsche an sich zählt also wohl mehrheitlich zur Gruppe der passiven Couch-Potato-Klientel, die sich lieber berieseln lässt, als im Internet selbst die Initiative zu übernehmen. Wenn man die Glotze einschaltet und nichts tut, dann tut sich eben nichts – da können sich die politischen Meinungsmacher des Establishments wieder gemütlich zurücklehnen und sich an Polit-Talkshows ergötzen, in denen wie bei einer Karussell-Fahrt immer wieder dieselben Funktionärs-Nasen der guten, alten Zeit auftauchen.

Netzaktivisten können kein Schwein schlachten

Zudem sollten die hochnäsigen Netzaktivisten zur Kenntnis nehmen, dass es eine digitale Spaltung in der Gesellschaft gibt, die uns allen etwas fremd vorkommt. CDU-Mann Eisel sieht die Spaltung in der Internet-Nutzung am Arbeitsplatz. Das sei vielen Menschen aufgrund ihrer beruflichen Situation verwehrt:

„Es gibt im Internet keine Chancengleichheit zwischen denen, die den ständigen Zugang haben und denjenigen, die den Zugang nur in ihrer Freizeit haben. Es macht einen Unterschied, ob ich Busfahrer oder Krankenpflegerin oder ob ich Kommunikationsleitern bin. Auch das wird viel zu wenig diskutiert – vielleicht auch deswegen, weil übers Internet vor allem in akademischen Zirkeln diskutiert wird. Und akademische Zirkel sind sich wenig bewusst, dass sie in der Minderheit sind.“

Auf die Netzkompetenz sollte man sich allerdings wenig einbilden, denn in vielen Berufen seien auch Akademiker Analphabeten, meint Eisel:

„Wenn wir ein Schwein schlachten und Wurst herstellen müssten, würden wir schnell an die Grenzen unserer Kompetenz stoßen.“

Hier kann man das Internet ausdrucken

Hier kann man das Internet ausdrucken

In der Tat, liebwertester Internet-Erklär-Gichtling Eisel. Jeder Experte ist auch ein Idiot und Laie fernab seiner Expertise. Nur sind die Metzgermeister wesentlich weiter, als es Politikwissenschaftler vermuten. So kommen beim Fleischverkauf intelligente Waagen zum Einsatz, die mit Warenwirtschafts-, ERP- oder SAP-Systemen verbunden sind – bis hin zur Kopplung an die Preisfindung. Mit der von Philipp Matthäus Hahn im 18. Jahrhundert erfundenen „Wand-Neigungswaage“ hat das nichts mehr zu tun. Die Metzger-Maschinen sind wiegende und druckende Internet-Terminals.

Auch Kühe und Schweine sind in der Computerwolke

Und selbst Traktoren, Milchvieh und Schweine halten sich schon längst im Netz auf. So etwas nennt sich Präzisions-Landwirtschaft – neudeutsch auch Precision Farming genannt.

„Beim Ackerbau wird nicht mehr konstant gedüngt, sondern nur noch punktuell nach dem Bedarf der Pflanzen“, erläutert Antje Krieger, Marketing-Managerin von Agri Con in einer Bloggercamp.tv-Gesprächsrunde.

So kann über Bodenanalysen der Stickstoff-Bedarf genau ermittelt werden. Die Traktoren ziehen über GPS automatisch ihre Bahnen, ohne dass der Fahrer lenken muss. Die Vermessung des Feldes liegt in der Computerwolke.

Die tägliche Nutzung des Internets am Arbeitsplatz skizzierte auch Gerald Maatmann, Jungbauer in der Grafschaft Bentheim. Früher wollte er seine 80 Kühe über Excel verwalten.

„Eine Kuh produziert Daten und die möchtest Du natürlich sofort eingeben. Da musste ich ständig zum Rechner rennen. Das klappt einfach nicht.“ Jetzt setzt er das Programm von der QSX-Datenschmiede ein. „Unser Lehrling hat die Anwendung auf seinem Smartphone und auch mein Vater. Es läuft auf dem Stallrechner. Man muss keine Updates installieren – einfach anmelden und alles ist da.”

Bei einer Trächtigkeitsuntersuchung seiner Kühe ist das Smartphone mal in den Gülle-Schacht gefallen. „20 Kühe hatten wir mit dem Tierarzt schon durch. Im vernetzten Stall gehen die Daten direkt nach der Eingabe in die Cloud. Das Gerät war hinüber, aber meine Daten nicht”, sagt Maatmann.

Man könnte noch weitere Anwendungsfelder anführen, die belegen, wie viele Berufsgruppen außerhalb des akademischen Milieus Zugang zum Internet haben und ohne Netzintelligenz gar nicht mehr auskommen können und wollen. Schaut man sich die von Eisel zitierten Studien etwas genauer an, sieht man auch dort die Dynamik der digitalen Transformation für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die sich quer durch alle Bevölkerungsgruppen vollzieht. So geht der Internet-Zuwachs in Deutschland vor allem von den über 60-Jährigen aus, von denen inzwischen 43 Prozent im Netz aktiv sind. 169 Minuten sind die Onliner täglich im Netz – eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 36 Minuten. Das liegt vor allem am Siegeszug von Smartphones und Tablets.

Aber, sagt jetzt wiederum Stephan Eisel, der Aktivitätsgrad im Internet sei doch viel geringer als viele Internet-Aktivisten tatsächlich wahrnehmen wollen. Er erwähnt die Zahl der regelmäßigen Nutzer von Facebook, die man auf rund 26 Millionen schätzt. Zur regelmäßigen Nutzergruppe werden auch jene gezählt, die sich nur ein einziges Mal im Monat einloggen. Das habe mit Aktivität wenig zu tun, so Eisel.

Er sollte sich die Statistik noch einmal etwas genauer anschauen, denn von den registrierten Nutzern sind 19 Millionen jeden Tag auf Facebook unterwegs – also knapp ein Viertel der deutschen Bevölkerung und nicht die vom früheren Kohl-Ghostwriter angeführten drei bis vier Prozent.

Ja aber, erwidert dann Meister Eisel, Like-Klicks könne man doch nicht mit einem fundierten Diskurs verwechseln, der in einer Demokratie so wichtig sei. Er könnte noch auf die von Jakob Nielsen vor sieben Jahren aufgestellte 90-9-1-Regel für Online-Communities verweisen. Demnach konsumieren 90 Prozent die Informationen eher passiv, neun Prozent tragen gelegentlich etwas mit Beiträgen bei und nur ein Prozent sind wirklich aktiv bei der Erstellung von Inhalten. Aber auch diese These aus den Frühzeiten des Social Webs hat sich erledigt. Nach Analysen von BBC ist die Nielsen-Verteilung nicht mehr zu halten, da sich heute bereits mindestens 17 Prozent der Menschen intensiv im Social Web beteiligen. 60 Prozent sind aktiv beim Hochladen von Fotos, beim Start von Diskussionen oder bei der Gründung von Initiativen, da das technische Rüstzeug für die Beteiligung im Social Web immer komfortabler und einfacher in der Handhabung wird.

eGovernment oder das Reich der digitalen Untoten

Es gibt allerdings immer noch ein „Ungleichgewicht der Partizipation” zwischen den Möglichkeiten, die das Social Web bietet und den Beteiligungsangeboten von Politik, Staat und Wirtschaft. Technologisch komfortabel gelöst ist beispielsweise das Portal FragdenStaat.de. Das Begehren nach Information und Partizipation wird allerdings von den Behörden mit einer perfiden Kunst des Abwimmelns zunichte gemacht. So hat das Informationsfreiheitsgesetz 13 Paragrafen und fast die Hälfte des Regelwerkes kann eingesetzt werden, um Anfragen wieder loszuwerden.

Wenn Partizipationsprojekte der öffentlichen Hand ins Leere gehen, wie beim „Liquid-Friesland-Projekt“, an dem sich innerhalb eines Jahres nur 60 Bürger beteiligt haben bei einer Landkreis-Einwohnerzahl von 100.000, liegt es vielleicht nicht in erster Linie an der mangelhaften Beteiligungsbereitschaft der Bevölkerung, sondern an der schlechten Umsetzung dieser Initiativen. Eisel kann sich mal das Vergnügen machen, den eGovernment-Aktionismus der Bundesregierung etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Stichwort BundOnline. Das sind Internet-Mumien, die das Dasein von Untoten fristen. Kaum ein Projekt hat die erhoffte Nutzerfrequenz erreicht. Das Kabinett-Ärzteteam hat bei seinen Online-Initiativen etwas Wesentliches vergessen: Wo krankt der Patient und welche Therapie macht Sinn? Wer braucht die Internetdienstleistungen des Bundes, was muss getan werden, damit sie auch genutzt werden und wie können Doppelentwicklungen vermieden werden? Ohne Anamnese gibt es keine erfolgreiche Medikation. Die verstorbenen Patienten des BundOnline-Projektes wurden in aller Stille zu Grabe getragen und die Todesursache lautet in allen Fällen „ärztliches Versagen“.

Man braucht sich nur das Verteidigungsministerium anschauen. Die schreiben seit Jahren lieber wöchentlich lange Berichte, warum sie etwas nicht können, statt es einfach zu tun. Das Phänomen der mangelhaften Beteiligung liegt wohl eher an der digitalen Inkompetenz von Verwaltungen und Regierungen. Oder an einer Blockadepolitik, um sich nicht in die Karten schauen zu lassen. Wenn also Internet-„Experten“ wie Eisel davor warnen, die eigene Lebenshaltung nicht auf andere zu projizieren, sollten sie doch bei ihren eigenen Analysen damit anfangen. Das gilt übrigens auch für Netzaktivisten, die an der Lebensrealität vieler Menschen vorbei agieren – allerdings an der digitalen Lebensrealität von Menschen wie Jungbauer Maatmann.

Johannes Mirus hat die Eisel-Zahlenbrei gut auf den Punkt gebracht:

„Wie Poli­ti­ker das so machen, nutzte er wun­der­bare Sta­tis­ti­ken, von denen er nur die zwei Zah­len raus­pickt, die seine Argu­men­ta­tion unter­stüt­zen, wäh­rend er den Rest geflis­sent­lich igno­riert. So kommt er auf den Trich­ter, dass der sta­gnie­rende Anteil von Onlinern in Deutsch­land nichts mit der Demo­gra­fie zu tun habe. Zum einen stimmt schon ein­mal nicht das Wort Sta­gna­tion, wenn man in Wirk­lich­keit nur eine sich abfla­chende Kurve vor sich hat, was völ­lig nor­mal ist bei der Dif­fus­sion einer Inno­va­tion. Zum ande­ren ist es tat­säch­lich Bull­s­hit, dass es nicht an der älte­ren Bevöl­ke­rungs­schicht liegt. Bei den 14- bis 19-Jährigen sind ein­hun­dert Pro­zent online, bei den Bis-29-Jährigen immer noch 97,5 Pro­zent. Bei denen, die sech­zig Jahre oder älter sind, dage­gen nur 42,9 Pro­zent. Das steht alles in den Zah­len, die er selbst ver­linkt hat. Oder, um es zu ver­kür­zen: Ste­phan Eisel redete nur Unsinn.“

Siehe auch:

Was macht Kuh 34? Wie Traktoren, Milchvieh und Schweine in der Computerwolke landen.