Die Kunst des Lesens aus dem Geist der Respektlosigkeit

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Bücherhaufen

1970 wurde in Berlin der Merve-Verlag gegründet und galt nach anfänglichen marxistischen Ausflügen als publizistische Zentrale von Postmoderne und Dekonstruktion. So bilanzierte der entkollektivierte Merve-Gründer Peter Gente Ende der 1970er Jahre, dass man an der Dialektik irre wird. Das Verlags-Kollektiv zerbröselte irgendwann. Unter dem Deckmantel „proletarischen Erfahrungsinteresses“ flüchteten die Genossen ins partikulare Private: Bluesmusik, Nietzschelektüre, Malen, Biokost und Esoterikliteratur. Peter Gente entdeckte das Nachtleben.

Die Verlockungen der Kneipe

Seine Unlust am Diskutieren soll in dem Maß gewachsen sein, wie er den Lockungen der West-Berliner Kneipenlandschaft erlag, schreibt Philipp Felsch in einem Beitrag für die “Zeitschrift für Ideengeschichte” (Schwerpunkt: Die Insel West-Berlin).

Der hausmeisterliche universitäre Diskurs stand jedenfalls nicht mehr auf der Agenda des Verlages und bescherte uns doch wahnsinnig interessante Bücher. Aus der Internationalen Marxistischen Diskussion wurde ein Internationaler Merve Diskurs. Man entdeckte die Kunstszene und die Neuen Wilden, die sich im Schöneberger „Dschungel” tummelten: Markus Oehlen, Rainer Fetting, Martin…

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Die Buchstabensuppe des fokussierten und weltweit führenden Metzgermeisters

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Laberland In meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“ beschäftige ich mich mit den Laber-Ritualen der Unternehmenskommunikation. Hier schon mal ein kleiner Vorgeschmack.

In der guten alten Zeit vor dem Internet glichen Unternehmen und Medienhäuser den mittelalterlichen Trutzburgen: Wann die Zugbrücke heruntergelassen und welche Informationen über den Wassergraben ins Land hinaus durften, entschieden wenige Meinungsführer. Von Zeit zu Zeit zeigte sich der Vorstandsvorsitzende am Burgfenster und die Medienöffentlichkeit sah ihm aus der Ferne zu, wie er – meist während der Bilanzpressekonferenz – vorgefertigte Worthülsen vortrug. Dieser diskursive Austausch von Klingeltönen war schon immer eher dem Imponiergehabe von Vorstandsbossen geschuldet und diente weniger oder gar nicht dem Dialog mit der Öffentlichkeit.

Die digitale Öffentlichkeit kennt keine Leser, Hörer oder Zuschauer, die von ihr zu unterscheiden wären. Meinungsbildung findet über Tausende von Netzwerken statt, in Foren und Blogs, Wikis und Videos. Kunden, Leser und Journalisten spüren heute direkter und schneller, ob der Vertreter…

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Westliche Wirtschaftsbranchen unter chinesischer Vorherrschaft #KPChina

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China

In der September-Ausgabe der Zeitschrift brandeins geht der Management-Professor Stephan A. Jansen auf die Einkaufstour von China in der westlichen Welt ein. Und da passiert zur Zeit ja einiges: Das Reich der Mitte definiert sich nicht nur als „Weltmacht der Plagiate“. Die KP China will mehr, wie Jansen meint: „….es geht um die Konzentration ganzer Branchen unter chinesischer Vorherrschaft. So hat sich die Chang Gong Group ein Nähmaschinen-Cluster mit Dürkopp Adler, Pfaff und Stoll zusammengekauft. Und das geschieht auch in der Elektronik- oder der Luft- und Raumfahrtindustrie.“

Oder im Netzwerkgeschäft in Konkurrenz zu Ericsson und Co. Oder im Maschinenbau und in der Robotik – Stichwort „Kuka“. Ob die Entwicklung bedrohlich sei, lässt Jansen offen. Es würden noch keine verlässlichen Langfrist-Studien vorliegen, wie sich die übernommenen Firmen entwickelt haben. Aber es scheine so, dass die wirtschaftliche Entwicklung meist positiver ist als die der Konkurrenz, weil zusätzliche Mittel geflossen sind und notwendige…

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Hangout on Air – Ein Nekrolog #SMCBN

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Hangout on Air

Den Nachruf zum Livestreaming-Dienst Hangout on Air, den Google am 12. September abschaltet, gibt es heute live um 19 Uhr beim Social Media Chat Bonn.

Wie die Alternative Youtube Live eingesetzt werden kann, hab ich heute früh bereits via Facebook Live gezeigt.

Hier ist das Ergebnis – Hanogut über Youtube Live:

Man hört, sieht und streamt heute um 19 Uhr beim #SMCBN 🙂

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Werkzeuge gegen Organisationen im Befehlsmodus @fonski_berlin

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FonskiVerlagBerlinIn meinem letzten Live-Hangout via Google+ mit Lydia Krüger aka @fonski_berlin sind einige Methoden zur Sprache gekommen, wie man Hierarchie-Organisationen intern und extern auseinander nehmen kann:

Spielerisch mit dem Quartett Kampf der Abteilungen, in Meetings mit dem Notizblock Buzzword-Bingo und für Rhetorikschlachten mit autoritären sowie cholerischen Führungskräften können ab September Antwortkarten gegen Totschlag-Argumente zum Einsatz kommen.

Man hört, sieht und streamt sich künftig ohne Hangout on Air als eigenständigen Dienst von Google

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Hangout on Air-Livestream via Google+ wird abgeschaltet

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Unser Livestreaming-Opus hat noch ein paar Aspekte, die weiterhin aktuell bleiben :-) Unser Livestreaming-Opus hat noch ein paar Aspekte, die weiterhin aktuell bleiben 🙂

Google+ als integrale Plattform für alle Dienste des Suchmaschinenkonzerns gehört schon lange der Vergangenheit an. Nun erwischt es auch die Livestreaming-Technologie Hangout on Air.

„Hangouts On Air ist ab dem 12. September nicht mehr über Google+, sondern über YouTube Live verfügbar. Für neue Hangouts On Air musst du daher YouTube Live verwenden. Nach dem 12. September können keine Livestreams mehr auf Google+ geplant werden. Bereits vorhandene Livestreams, die nach dem 12. September übertragen werden sollen, müssen zu YouTube Live verschoben werden“, teilt Google mit.

Überraschend ist diese Entscheidung nicht, denn seit rund gut drei Jahren gab es keine nennenswerten Veränderungen bei Hangout on Air. Die Entwickler wurden von diesem Projekt abgezogen. Die Hangout-App ist grottenschlecht, weitere Applikationen wie die Hangout Toolbox wurden nicht installiert, Interaktionen während der Liveübertragungen finden auf Google+ kaum noch statt im Gegensatz zu…

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Wie man Verhaltenskontrolleure in den Wahnsinn treibt #GegenteilTage

Kybernetische Kontrolle war gestern

Kybernetische Kontrolle war gestern

Instrumente zur Verhaltenskontrolle oder Verhaltensmanipulation werden über kurz oder lang bemerkt. Man erkennt die Absichten und verhält sich absichtsvoll anders. Wolfgang Streeck, Direktor am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, verweist auf die Hawthorne-Experimente (1924 bis 1932). Forscher wollten herausgefunden haben, dass Arbeiterinnen auch ohne Lohnerhöhung schneller und besser arbeiten, wenn man freundlich zu ihnen ist und die Wände gelb anstreicht.

„Aber nachdem sich unter den Beschäftigten herumgesprochen hatte, dass das Management mit seinen guten Worten und der gelben Farbe nur Geld sparen sollte, kam es zu Lohnforderungen und einem Streik“, führt Streeck aus.

Die Geltung derartiger Modelle und Theorien kann durch ihr Bekanntwerden schnell wieder außer Kraft gesetzt werden – und das ist gut so.

Machen wir doch einfach jeden Tag einfach einen Gegenteil-Tag

Gefragt ist deshalb mehr Unberechenbarkeit für das subversive, anarchische und vor allem autarke Protestleben. Das Rüstzeug liefert der Renaissance-Dichter François Rabelais. Nachzulesen in seinem Schelmenstück „Gargantua und Pantagruel“. Das Werk enthält „phantastische und chaotische Auflistungen“ (Umberto Eco), um die engstirnigen Bürokraten, meckernden Hausmeister, Machthaber, Blender, Prahlhänse, Hierarchieverliebten, Phrasendrescher, eitlen Gecken, Heuchler, Verleumder, Vertuscher, schulmeisterlichen Besserwisser und bigotten Status-quo-Verteidiger in den Wahnsinn zu treiben.

Dadaismus

Es ist ein Traktat der fröhlichen Anarchie. Der Held des Romans für unberechenbare Scherze ist Panurge. Den Magistern steckte er Scheißkegel in die Klappenkrempe, heftete ihnen hinten kleine Fuchsschwänze oder Hasenohren an den Rücken oder tat ihnen sonst irgendeinen Schimpf an. In seinem Wams hatte Panurge mehr als sechsundzwanzig Täschchen und kleine Flicken, die waren allezeit einsatzbereit – eine unverzichtbare Ausrüstung für den Flashmob-Aktivisten. Dazu zählen Kletten, mit feinem Flaum befiedert, von Gänschen und jungen Kapaunen; die warf er den biederen Leuten auf Rück und Mützen, und oftmals setzte er ihnen so artige Hörner auf, die sie durch die Stadt trugen, manchmal ihr Leben lang. Dümmlichen Frauen setzte er zuweilen hinten solcherlei Dinger auf die Hauben, jedoch in Form eines Männergliedes. Zum Sortiment zählten auch kleine Tüten, alle gefüllt mit Flöhen und Läusen. Das Geziefer pustete er durch kleine Röhrchen oder Federkiele auf den Halskragen von zimperlichen Zeitgenossen, die er in der Regel in der Kirche fand. In einer anderen Tasche trug er einen erklecklichen Vorrat an Hämen und Haken, mit denen er manches Mal Männer und Frauen aneinander hakte, zumal solche, die feine Taftkleider anhatten. Wenn sie dann auseinander gehen wollten, zerrissen sie ihre Gewänder. Nützlich sind für den Gottesdienst auch Brenngläser. Es bringt so manchen Gläubigen außer Rand und Band und verwischt den Unterschied zwischen einem Kirchgänger, der seine Sünden bereut im stillen Gebet und einem Kirchgänger, der seine Sünden im Stillen begeht.

Nützlich für Panurge sind auch Nadel und Zwirn. So half er einem Franziskaner-Mönch am Ausgang des Palastes beim Ankleiden. Doch während er ihm in die Kleider half, nähte er ihm das Messgewand mit seiner Kutte und dem Hemd zusammen, und als dann die Herren vom Parlamentshof kamen und ihre Plätze einnahmen, um die Messe zu hören, stahl er sich davon. Als der Mönch sein Messgewand wieder ausziehen wollte, streifte er zugleich Kutte und Hemd über den Kopf, die daran festgenäht waren, und stand bis zu den Achseln splitternackt da, zeigte auch aller Welt seinen Zippidilderich, der wahrlich nicht klein war. Und je mehr der Franziskaner zerrte und zog, umso weiter enthüllte er sich, bis einer der Herren vom Hof sagte: „Ei was? Will uns denn der ehrwürdige Pater hier die Opferung und seinen Arsch zum Kuss bieten? Soll ihn das Sankt-Antons-Feuer küssen.“

Hochnäsigen Fräulein streute Panurge Federalaun in den Rücken, sodass sie sich vor aller Welt auskleiden mussten, manche tanzten wie ein Gockelhahn auf Kohlenglut oder wie eine Kugel auf der Trommel, andere rannten wie verrückt durch die Gassen, und er lief hinterdrein. Oder er furzte wie ein Ackergaul, sodass die Oberen sagten: „Aber, aber, Panurge, Ihr furzt ja.“ Er aber erwiderte: „Mitnichten, aber ich spiele die Begleitung zum Gesang, den Ihr mit euren Nasen zum Besten gebt.“

Das Asoziale Netzwerk

Wem die Anarcho-Existenz von Panurge zu anstrengend ist, kann es ja mit dem kommunistischen Känguru von Marc-Uwe Kling probieren. Etwa bei der Gründung eines Asozialen Netzwerks als Anti-Terror-Organisation („Das Känguru-Manifest“, Ullstein Verlag). Gegen den Terror der Schulen und Fabriken, der Medien und der Regierung, der Leitkultur und des Lobbyismus, der Religion und der Wirtschaft. Ein Manifest für das Asoziale Netzwerk ist schnell geschrieben, sagt das kommunistische Känguru und deutet auf das vor ihm liegende Penguin-Buch „Flexibility & Security“: „Ich muss nur Kapitel für Kapital das Gegenteil von dem schreiben, was in diesem BWL-Lehrbuch gedruckt steht.“ Besser hätte es SpongeBob auch nicht ausdrücken können. Machen wir also jeden Tag einen Gegenteil-Tag, das wird den Chef, Lehrer, Professor, Oberbürgermeister, Ordnungsamt-Knöllchenverteiler, Staatstrojaner-Programmierer, Innenminister oder Jägerzaun-Besitzstandswahrer in einen Zustand permanenter Verwirrung setzen.

Siehe auch:
Die Nasenring-Systeme in der Netzwerkgesellschaft.