Deutschland 4.0 – Wie die Digitale Transformation gelingt (Rez.)

deutschland_40Zur Digitalen Transformation sind in den letzten Jahren eine ganze Reihe Bücher  erschienen – einige davon habe ich in meinem Blog besprochen: „Dematerialisierung – Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus“ von Ralf Kreuzer & Karl-Heinz Land; Tim Cole  mit „Digitale Transformation. Warum die deutsche Wirtschaft gerade die digitale Zukunft verschläft und was jetzt
getan werden muss!
 – um nur die zu nennen, die Transformation bereits im Titel führen.
Tobias Kollmann (Prof. BWL u. Wirtschaftsinformatik) und Holger Schmidt (Journalist/Netzoekonom) sind seit langem als Speaker und Autoren zu digitalen Themen bekannt. Autoren empfehlen sich mit solchen Titeln als Experten und Berater – hier geht es offensichtlich um Politikberatung. Bereits der Einband kommt schwarz/rot/golden staatstragend daher. Und es geht ausdrücklich um Deutschland als führende Industrienation, die auch in der neuen Digitalen Wirtschaft ein starker Player bleiben soll.
Seitdem Web 2.0 vor einem Jahrzehnt eine ganz Netzepoche prägte, wurden immer wieder Begriffe mit Versionsnummer in den Raum gestellt. Deutschland 4.0 bezieht sich auf Industrie 4.0, ein Konzept, das von den Autoren übrigens kritisch gesehen wird (vgl. S. 166). Industrie 4.0 und davon abgeleitete Begriffe, wie Arbeit 4.0 und Bildung 4.0 gehen auf die von der Bundesregierung eingeleitete Kampagne Zukunftsprojekt Industrie 4.0, Deutschlands Zukunft als Produktionsstandort sichern zurück. „Industrie 4.0 gilt zwar als Zukunftskonzept der deutschen Industrie zur Absicherung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie, ist aber de facto kaum verbreitet“ (nach dem Strukturreport des  Instituts der Deutschen Wirtschaft, s. S. 71).
Das Buch ist sehr strukturiert, übersichtlich gegliedert. Gesellschaft, Technologie, Wirtschaft, Arbeit, Politik – alles 4.0 – sind die Felder von Analyse und Bestandsaufnahme, wobei Wirtschaft und Politik deutlich mehr Raum zugeteilt wird.

die erste Halbzeit der Digitalisierung verpasst

die erste Halbzeit der Digitalisierung verpasst

Die Geschichte ist die: Deutschland hat „die erste Halbzeit der Digitalisierung verschlafen“ (S. 64), v.a. in der Plattformökonomie hat es den Anschluß verpasst. Plattformen sind die Schlüsselstellen zumindest der aktuellen Digitalisierungswelle.
Transaktionsplattformen sind Mittler zwischen Anbietern und Kunden; Innovationsplattformen bündeln die Entwicklung von Technologien/Produkten.
Plattformen bestimmen insbes. die Spielregeln in Konsumentenmärkten und schöpfen den Großteil des Mehrwerts ab. Nicht nur Amazon und Ebay mit ihren Verkaufsplattformen, AirBnb, Uber zählen dazu, Buchungssysteme, Apple’s Plattform für Entwickler und Facebook als Plattform für Medien, auch Datingportale sind weitere Beispiele: Betreiber stellen die Struktur, auf der Angebot und Nachfrage sich in grösstmöglicher und aktuellster Auswahl finden. Branchen wie der Einzelhandel, Reisemarkt, Hotellerie, Medien, Liefer- und Transportdienste u.v.m. wurden längst von diesen Digitalisierungsschüben erfasst. Das ist die digitale Gegenwart.

Digitalisierung greift in die Kernbranchen deutscher Wirtschaft

Die nächste Digitalisierungswelle greift über auf die Kernbranchen der deutschen Wirtschaft und wird auch hier zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor (vgl. S. 69). Für diese zweite Halbzeit gilt: „Wenn Deutschland die Produktionstechnologie- Abteilung der Welt bleibt, dann haben wir viel erreicht. Auf dieses Ziel arbeiten wir hin.“ Ziel sei es, ,,auch künftig die Welt mit Maschinen zu beliefern, die aber intelligent sind„, so Siemens CTO /Russwurm (S.70). Selbstfahrende Autos, intelligente Roboter, aus der Ferne zu steuernde Maschinen, das Internet of Things (IoT), datengetriebene Industrie und 3D- Druck,  SmartHome, Fintech, E-Health sind die Themen. Letztendlich geht es um die digitale Wettbewerbsfähigkeit der klassischen Industrie, des Mittelstandes und von Start-Ups. Das ist die digitale Zukunft.
Im Kapitel Politik 4.0 werden die Anforderungen an die einzelnen Politikfelder – Infrastruktur-, Bildungs-, Wirtschafts-, Arbeits- und Europapolitik – Schritt für Schritt durchdekliniert. Hervorheben lassen sich das Bekenntnis zum Prinzip Netzneutralität, die Einbindung digitalen Wissens in den Bildungskanon, Unterstützung von Start-Ups und die digitale Aktivierung des Mittelstandes, flexible Beschäftigung und die Einbindung in eine europäische Perspektive.
Gegenüber den Ausführungen v.a. zu Wirtschaft und Politik fällt das Kapitel Gesellschaft 4.0 deutlich ab. Die Wechselwirkung von gesellschaftlicher, technischer und wirtschaftlicher Entwicklung, die Transformation gesellschaftlicher Systeme ist wohl ein eigenes Thema. Konzepte wie Networked Sociality und Vernetzter Individualismus kommen nicht vor.
In der bisherigen Resonanz wurde Deutschland 4.0 ziemlich einhellig positiv bewertet. Das Buch enthält in kompakter Form die wesentlichen Themen des Digitalen Wandels. Mit einem 25- Punkte Programm zur Digitalen Transformation schließt das Buch ab.
Ein wenig irritiert die durchgehende 4.0 Rhetorik. Zwar setzen sich die Autoren von Industrie 4.0 ab – doch sind die davon abgeleiteten Begriffe in allen Kapiteln präsent. 4.0 tritt uns auch in zahlreichen Publikation von Bundes- und Landesregierung NRW entgegen, zuletzt ein Weißbuch Arbeiten 4.0.  Der Begriff soll auf eine vierte industrielle Revolution verweisen – und bringt damit jeweils die Fragen mit sich, was denn nur die zweite und die dritte gewesen sei. Ob der Begriff als weitverbreiter Slogan glücklich gewählt ist, ist fraglich.
Manche Leser sehen in Deutschland 4.0. nicht nur eine Betriebsanleitung für Digitale Transformation, sondern gleich eine Bewerbungsgrundlage für regierungsamtliche Aufgaben als Minister oder Staatssekretär für Digitales – man wird sehen …. klausmjan
Kollmann, Tobias & Schmidt, Holger: Deutschland 4.0 Wie die Digitale Transformation gelingt. Springer Gabler, Wiesbaden 2016, 186 S. 24,95 €.
Nebenbei: Wenn auch Titel zur Digitalisierung vornehmlich als gedrucktes Buch verbreitet werden, dann zeigt das die Resistenz des Mediums Buch gegenüber digitaler Transformation an. 

Hirnintensive Netzökonomie statt Industrie 4.0-Gequatsche – Schaut nach Schweden

Wie viel 4.0 steckt in der Industrie?

Wie viel 4.0 steckt in der Industrie?

Ständig wird einem von Lobbyisten und Regierungspolitikern eingetrichtert, wie wichtig die Industrie sei als Stabilitätsfaktor der Konjunktur.

Länder wie Frankreich hätten es da nicht so gut. Die gallische Wirtschaft sei weitgehend deindustrialisiert, produziere nichts mehr Gescheites oder müsse wie Peugeot Citroën von chinesischen Konzernen aufgefangen werden. Was da wohl noch mit VW passiert. Ein anständiger industrieller Anteil wird als Voraussetzung für eine ausgewogene ökonomische Entwicklung gesehen. Die VWL-Berater flöten es Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel ins Ohr: Es müsse wieder mehr produziert, gebaut, geschraubt werden. Das war auch nach der Finanzkrise das Allheilmittel.

Abwrack-Politik

Abwrackprämie statt Investitionen in Wissensberufe oder den Ausbau der digitalen Infrastruktur. So konnte der Industriesektor seinen Anteil an der Wertschöpfung bei 25 bis 26 Prozent stabilisieren. Gleiches gilt für die Zahl der Industriebeschäftigten. Für die globalen Märkte hat sich Deutschland auf Luxusautos, Maschinenbau und Chemie spezialisiert – allerdings mit einer sinkenden Fertigungstiefe im eigenen Land. Wird ein großer industrieller Sektor auch künftig noch von Vorteil sein, fragt sich der Wirtschaftspublizist Henrik Müller. Diese trügerischen Stärken können sich sehr schnell und gut in Schwächen umkehren.

“Osteuropäische, später asiatische Volkswirtschaften, allen voran China, industrialisierten sich im Zeitraffer. Davon profitierte Deutschland wie kein anderes Land: Weil es hierzulande noch potente Firmen gibt, die Fabriken mit Maschinen ausstatten oder gleich ganze Fabriken errichten, weil es Infrastrukturanbieter wie Siemens gibt, die etwa ganze Bahnsysteme zu installieren in der Lage sind, weil es Luxusautohersteller gibt, die die neuen Reichen in den Schwellenländern mit Statussymbolen versorgen. Kurz: Deutschland hat all das noch im Angebot, was es anderswo längst nicht mehr gibt – weil der Strukturwandel in den 1980er und 1990er Jahren hierzulande verzögert ablief.”

Wissensintensive Dienstleistungen als Wettbewerbsfaktor

Wenn sich aber der Aufholprozess in diesen Schwellenländern abschwächt, was derzeit der Fall ist, wenn ausländische Autohersteller lernen, die Bedürfnisse der neuen Mittelschichten zu befriedigen, dann fragt sich, wer denn künftig die Kunden der deutschen Industrie sein sollen. Der Niedergang des Wolfsburger Konzerns könnte das im Zeitraffer beschleunigen. Generell wird die Industrie in der Massenproduktion an Bedeutung verlieren.

“Wirtschaft und Gesellschaft wachsen über das Produzieren und Konsumieren von physischen Produkten hinaus und verlegen sich aufs Dienen und später aufs Wissen. Dienstleistungen, zunehmend auch wissensintensive Dienstleistungen dominieren heute in allen entwickelten Ländern die Wirtschaftsstrukturen. Es werden nicht mehr zuvörderst physische Güter hergestellt, viel wichtiger sind Leistungen an Mensch oder Materie”, schreibt Müller in seinem Opus “Wirtschaftsirrtümer”.

Postindustrielle Arbeitsplätze

Gesundheit, Bildung, Freizeit, Ernährung, Haushaltsservices, Vernetzungskonzepte, Apps oder Cloud-Technologien werden wichtiger.

Auch Deutschland habe diese Entwicklung seit den 1970er Jahren durchgemacht, allerdings ist sie im Zuge der Globalisierung zum Stillstand gekommen. Um 1997 hat sich die industrielle Produktion stabilisiert. Die absolute Zahl der produzierenden Beschäftigten ist dabei in den vergangenen Jahren in etwa stabil geblieben:

„Die beeindruckenden deutschen Beschäftigungsgewinne haben in anderen Sektoren stattgefunden. Im Jahr 1995 waren ein Viertel der Arbeitnehmer mit Produzieren beschäftigt, heute sind es nur noch ein Fünftel. Beschäftigungszuwächse konnten vor allem die Unternehmensdienstleister verbuchen, teils durch Outsourcing von Aktivitäten aus traditionellen Industriekonzernen sowie Informations-und Kommunikationsservices”, so Müller.

Er sieht keinen Grund, dass die Schwellenländer einen fundamental anderen Weg gehen werden. Wir sollten uns deshalb neue Vorbilder suchen, die besser dastehen als wir selbst. Schweden zum Beispiel.

“Das skandinavische Land genießt ein höheres Wohlstandsniveau als Deutschland (eine Differenz von 2.000 US-Dollar pro Kopf). Beschäftigungsstand, Lebenserwartung und Lebenszufriedenheit sind höher, die Einkommensverteilung gleichmäßiger. Staat und Wirtschaft geben einen größeren BIP-Anteil für Forschung und Entwicklung aus als alle anderen OECD-Länder (außer Finnland): Stabil zwischen 3 und 4 Prozent des BIP. Das Vertrauen ins politische System ist hoch. Um nur einige Wohlfahrtsindikatoren zu nennen. Man muss Schweden nicht in allen Facetten als vorbildlich ansehen, aber dass das Land ökonomisch und gesellschaftlich gegenüber Deutschland einen Vorsprung hat, ist offensichtlich. Schwedens Wirtschaft ist hochgradig wettbewerbsfähig, was sich in ähnlich hohen Leistungsbilanzüberschüssen niederschlägt, wie sie Deutschland verzeichnet”, weiß Müller.

Folgt man der Litanei der Industrievertreter, dürfte es das nicht geben. Denn Schweden habe einen vergleichsweise kleinen industriellen Sektor: 20 Prozent trägt die Industrie noch zum BIP bei, deutlich weniger als im Jahr 2000. Die Zahl der Jobs, im produzierenden Gewerbe, ist von 19 auf 15 Prozent der Gesamtbeschäftigung gefallen.

“Aber das skandinavische Land verfügt über eine große Stärke, die Deutschland nicht hat: Es verdient sehr erfolgreich im Handel mit Dienstleistungen. Mehr als 20 Milliarden US-Dollar Überschuss erwirtschaftete Schweden 2011 mit dem Verkauf von Services, Patenten und Lizenzen – viermal so viel wie noch 2004. Deutschland hingegen machte im selben Zeitraum ein Defizit im Dienstleistungshandel von knapp 32 Milliarden US-Dollar”, führt Müller aus.

Der Handel mit hirnintensiven Dienstleistungen und der Verkauf von Wissen ersetzen in Schweden zunehmend den Handel mit physischen Produkten – postindustrielle, hochproduktive Aktivitäten mit großem Input von Wissen. Wenn man so etwas leistet, ist auch so etwas möglich: Göteborg testet den 6-Stunden-Arbeitstag – mit überraschenden Ergebnissen.

Zulieferer unter Druck: De-Industriealisierung mit „Target Cost Squeeze”.

Industriemuseum

Industriemuseum

Seit den 1960er Jahren geht die Zahl der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe runter. Seit 1980 sind wir nach den Daten des Statistischen Bundesamtes kein Industrieland mehr. Und aktuell gibt es andere “Maßnahmen” der Industriekonzerne, die zu einer Beschleunigung der De-Industrialisierung in Deutschland beitragen, ganz ohne Industrie 4.0-Geschwätz und Digitalisierung. So richtig in Fahrt kam das Ende der 1980er Jahre, wie der Automotive-Experte Thomas Meichsner, Geschäftsführer Operations bei der Firma Faurecia Interior Systems, im Interview mit dem Wirtschaftsmagazin Boardreport deutlich macht:

“In der ersten Phase der Kostensenkung sind wir mit einer so genannten ‘verlängerten Werkbank in die neuen Bundesländer gegangen. Wenige Zeit später eröffnete ich unsere ersten Low Cost Standorte in Polen, Rumänien und dann in China. In diesen Werken sollte nur produziert werden, die Verwaltung mit der Entwicklung und der Hauptproduktion fand immer noch in Deutschland statt. In der zweiten Phase investierten wir massiv in die Kostenreduzierung durch eine hohe Automatisierung in der Produktion durch Roboter und spezielle CIM Fertigungslinien. Die Entwicklung stellten wir komplett vom manuellen Zeichenbrett auf CAD mit 3D Simulation aller Prozessschritte um.”

Das globale Wachstum führte zu einer Vervielfältigung der Produktionsstätten mit den modernsten Fertigungstechnologien rund um den Globus.

“Aus dem Erlernten in einer bestehenden Fabrik wurde jeweils das nächste Werk in einer verbesserten Version aufgebaut. Die modernsten Werke sind heute in China realisiert worden und das ist auch ein Teil der Erfolgsgeschichte der deutschen Automobilkonzerne in Asien”, erläutert Meichsner.

Aktuell lauten die Vorgaben der Einkäufer in der deutschen Automobilindustrie Global Sourcing“ und „Target Cost Squeeze”.

“Lieferanten bei neuen Aufträgen werden nur berücksichtigt, wenn wir osteuropäische Löhne als Kalkulationsbasis zu Grunde legen. Zusätzlich fordern Firmen wie VW sogenannte Quick Savings, das sind sofort fällige Preisreduzierungen auf das bestehende Geschäft in Höhe von fünf Prozent als Gegenleistung für den Erhalt eines neuen Auftrages. Häufig ist es dann so, dass das Bestandsgeschäft noch in Deutschland produziert wird und hier der Nachlass gegeben wird, auch wenn die Produktion später in einem Low Cost Standort erfolgt. Bei jedem neuen Auftrag sinkt die Umsatzrendite im Altstandort immer weiter. Des Weiteren müssen vier Jahre lang je fünf Prozent an Preisreduktion zugesichert werden. Dieser Preisnachlass lässt sich durch Produktivitätssteigerung nur noch in den Low Cost-Standorten darstellen, da in Deutschland die meisten Abläufe bereits automatisiert wurden. Aufgrund des hohen Kostendrucks werden zusätzlich ganze Entwicklungsaufträge in Niedriglohnstandorte verlegt. In Indien arbeitet ein CAD-Entwicklungsingenieur für rund fünf Prozent des deutschen Gehaltsniveaus und zusätzlich ohne Arbeitszeitbegrenzung. Darüber hinaus erfolgt die Produktion der meisten Werkzeuge und Maschinen ohnehin schon in Asien”, weiß Meichsner.

Mit einem Lohnkosten-Unterschied von rund 40 Euro in Deutschland und vier bis sechs Euro in den osteuropäischen Ländern, werden immer mehr Industriearbeitsplätze in Niedriglohnländer verlagert.

Wer von Industrie 4.0 redet, sollte über die Realität nicht schweigen.

Das komplette Interview mit Thomas Meichsner erscheint in der Doppelnummer von Boardreport Ende Januar.

Meldung ausführlich auf ichsagmal.com nachzulesen.

SMOWL-Vorstand im Amt bestätigt – Die Ost-Westfalen-Lippe-Vernetzer

Der alte und neue SMOWL-Vorstand

Der alte und neue SMOWL-Vorstand

Das Wirtschafts- und Kompetenz-Netzwerk Social Media OWL e.V. gehört nach eigenen Angaben zu den jungen und zugleich erfolgreichen Netzwerken „made in OWL“ – also Ost-Westfalen-Lippe:

„Seit 2011 haben sich die Experten für digitale Kommunikation nicht nur bestens in der Region vernetzt, sondern stehen heute bundesweit als Berater, Referenten, Dozenten und Moderatoren in der ersten Reihe und begleiten Unternehmen und Organisationen bei allen Aufgabenstellungen rund um die Themen Kommunikation, Social Media, digitaler Wandel und digitale Transformation“, teilt der Verein mit.

Auf der Jahreshauptversammlung in Rheda-Wiedenbrück wurde nicht nur auf die Arbeit der vergangenen zwei Jahre zurückgeblickt. Auch der Vorstand musste neu gewählt werden. Thorsten Ising, Michael Kemkes und Frank Michna sind alter und zugleich neuer Vorstand und wurden einstimmig im Amt bestätigt.

In den vergangenen zwei Jahren haben sie das Kompetenz-Netzwerk bekannt gemacht und „SMOWL“ bundesweit in die Köpfe der Menschen getragen. Ob als Partner in Sachen Arbeit 4.0, im Austausch mit den Hochschulen und IHKs über die Grenzen von OWL hinaus oder als Impulsgeber auf Messen wie der CeBIT und zahlreichen Veranstaltungen in Berlin, Köln, München, Stuttgart und Hamburg – immer öfter taucht das Kürzel „SMOWL“ hinter den Namen von Referenten und Moderatoren auf, wenn über digitale Transformation und Kommunikation gesprochen wird.

Das Wirtschafts-Netzwerk habe sich zu einer Plattform für Wissenstransfer rund um den digitalen Wandel und die damit verbundenen Veränderungsprozesse in und um Unternehmen und deren Bild in der Öffentlichkeit entwickelt. Zu den Mitgliedern gehören Kommunikationsberater, Online-Agenturen und Webshop-Entwickler, ebenso wie Medien- und Markenanwälte, Datenschützer, SEO-Spezialisten und IT-Unternehmen. Sie alle stehen im permanenten Austausch und bilden sich untereinander fort. Das so erarbeitete Wissen geben sie bereitwillig weiter. So stehen die Experten des Netzwerks oft auch kostenfrei für Vorträge und Impulse zur Beratung von Vereinen und Non-Profit-Organisationen zur Verfügung.

„Wir stehen erst am Beginn eines gewaltigen Wandels, den ein einzelnes Unternehmen, sowohl in der Geschwindigkeit, als auch in der Tragweite, kaum begreifen und umsetzen kann. Deshalb haben wir uns organisiert, um Trends und Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und unseren Kunden Wissensvorteile zu verschaffen“, erklärt der Vorsitzende Thorsten Ising.

Gleichzeitig möchte man die Kompetenz in der Region sichtbarer machen.

Neues Veranstaltungsformat in Bonn: Next Economy Open #NEO15 als Plattform für Wirtschaft und Netzszene

NEO im LVR-Landesmuseum am Bonner Hauptbahnhof

NEO im LVR-Landesmuseum am Bonner Hauptbahnhof

Mit der bloßen Verwendung von Begriffen wie Digitale Transformation, Industrie 4.0, Internet der Dinge, Big Data, Content Marketing, Kollaboration oder Social Media erschließen sich häufig nicht die wesentlichen Triebkräfte für die nächste Stufe der Ökonomie. Oft sind es Leerformeln, die an den Entscheidern in Wirtschaft, Politik und Verbänden vorbei rauschen. Auch die so genannten Gesetze der Managementliteratur, Marktforschung oder Expertenrat sorgen nicht immer für Klarheit, um eigene Trends in der Wirtschaft zu setzen.

„Man braucht Leidenschaft, Ideen, Offenheit und den Gedankenaustausch, um die Betriebsblindheit zu überwinden und nicht in alten Denkmustern zu verharren. Mit der Next Economy Open am 9. und 10. November im LVR-Landesmuseum in Bonn wollen wir kein x-beliebiges Format für Definitionen und Kalenderweisheiten des digitalen Wandels bieten, sondern für Überraschungen sorgen. Es geht nicht nur um den Austausch von Visitenkarten, sondern um das Matchen, Moderieren und Managen der Next Economy – eine dauerhafte Dialog-Plattform für Wirtschaft, Gründer, Netzszene, Politik und Wissenschaft: Klassik trifft Geeks, Nerds, Hacker und Blogger“, so Miliana Romic, Sprecherin der Next Economy-Initiative.

Der erste Tag der NEO15 wird über Barcamp-Sessions gestaltet, bei der die Teilnehmer das Programm über Vorschläge zur Next Economy am Vormittag selbst bestimmen.

„Für den zweiten Tag suchen wir im Vorfeld über ein Call for Papers-Wettbewerb spannende Session-Ideen zu vier Schwerpunkt-Themen, die zu einem Zusammenwachsen von Wirtschaft und Netzszene beitragen sollen: Kundendialog, New Work – die Arbeitswelt von morgen, Digitales Unternehmen/Digitale Organisation und Growth Hacking. Bewerbungen können bis zum 30. September eingereicht werden“, erläutert Romic.

Weitere Informationen zum Auswahlverfahren gibt es auf der NEO-Website.

Generell gehe es um Partizipation, das Teilen und Weitergeben von Wissen unter den Teilnehmern.

„Lebendige Diskurse und der Start von Projekten, die über das Event im November hinausreichen. Dafür soll auch das Format ‚Next Economy Dialog‘ etabliert werden. Ein ständiges Forum für Treffen, Expertendiskussionen, Studien, Weiterentwicklung der Workshop-Ergebnisse, Themen-Setting, programmatische Vor- und Nachbereitung der Next Economy Open. Auf Facebook gibt es eine Event-Seite, die den Zuspruch in der frühen Phase unserer Planungen dokumentiert. Wir freuen uns auf ein neues Format, das langfristig in der Bundesstadt etabliert wird. Für weitere Ideen sind wir immer zu haben“, resümiert Romic.

Über Trutzburgen der Ahnungslosen und digitale Hausmeister in deutschen Unternehmen #HM15 #Industrie40

Trutzburg mit Notausgang

Trutzburg mit Notausgang

„Mit der digitalen Vernetzung der Produktion wird sich unser Verständnis von Industrie so nachhaltig verändern wie niemals zuvor”, so VDMA-Präsident Reinhold Festge zur Eröffnung der Hannover Messe. Die deutschen Hersteller seien für diese globale Veränderung bestens gerüstet, betont der oberste Maschinenbau-Lobbyist.

„Für die deutsche Industrie formuliere ich dabei nicht weniger als den globalen Führungsanspruch.”

Klingt famos. Aber die Realität sieht anders aus. Bisher wird nach Ansicht von Manfred Broy (Professor für Informatik an der Technischen Universität München) und Dietmar Harhoff (Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb und Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation) der Industrie 4.0-Ansatz nur von einigen wenigen Unternehmen gelebt.

„Viele der zumeist mittelständischen deutschen Produktionsunternehmen nehmen von der Thematik bisher kaum Notiz und sind bestenfalls ratlos”, schreiben Broy und Harhoff in einem Gastbeitrag für die Montagsausgabe der FAZ.

Zauberwort Industrie 4.0 entlastet Führungskräfte

Die Autoren bemängeln eine konzeptionelle Einengung:

„Digitalisierung und das Internet der Dinge werden auf einen produktionstechnischen Teilbereich reduziert. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, Teile der deutschen Industrie seien fast erleichtert, dass das ungewohnte und eher unheimliche Thema Digitalisierung durch das Zauberwort Industrie 4.0 seinen Schrecken verliert und gebannt scheint. Aber die Hoffnung der deutschen Industrie, dass mit Industrie 4.0 der Digitalisierung hinreichend Rechnung getragen ist, ist trügerisch.”

Übersehen werde bei der Ausrichtung auf Industrie 4.0, dass die Digitalisierung vor allem Kunden und Märkte verändert. Kein Kundenzugang sei umfassender, enger und schneller als der über das Internet, über internetbasierte Dienste. Hinzu komme, dass die oft als technikfeindlich verpönten Deutschen in Scharen in die schöne neue Welt der Digitalisierung strömen – ob Smartphone, Google, Facebook oder Amazon – das Potential der digitalen Wunderwelt ist höchst attraktiv, gerade auch für deutsche Konsumenten.

Die schnellen Skaleneffekte, die sich international verbreiten, die Ortsungebundenheit des Netze und die beliebige Vervielfältigung von digitalen Diensten lässt sich auch durch deutsche Gerichtsurteile (der Fall Uber) nicht aufhalten, betonen die beiden Wissenschaftler.

„Die Stärken der deutschen Wirtschaft – exzellente Ingenieurleistungen und das Beherrschen technisch anspruchsvoller Produkte – drohen dadurch ein Stück weit ins Hintertreffen zu geraten.”

Die Produkte und Dienstangebote digitaler Technik seien näher am Menschen als jede andere Technik zuvor. Das alles weise darauf hin, das Industrie 4.0 allein kaum eine überzeugende Antwort auf den digitalen Wandel darstellen kann. Reichen die netzökonomischen Kompetenzen von Ingenieuren und IT-Führungskräften für diese Aufgaben aus?

Die Entmachtung der CIOs

In deutschen Unternehmen regieren zu häufig Trutzburgen der Ahnungslosen, bemängeln Broy und Harhoff. Der digitale Wandel wird nicht wahrgenommen oder verdrängt. Man sieht es schon seit langem an der Entmachtung von CIOs, die zu digitalen Hausmeistern degradiert und dem Finanzvorstand unterstellt werden. Es geht beim Einsatz von digitalen Technologien selten um strategische Geschäftsziele, sondern um reine Kostenoptimierung.

„Zu oft wird übersehen, dass ein wesentlicher Teil des Erfolges von Google, Facebook, Amazon und Co. in der höchstprofessionellen Beherrschung der Softwaretechnik und ihrer Möglichkeiten besteht, die neue vernetzte Welt zu meistern“, resümieren Broy und Harhoff.

Wirtschaftsorganisationen brauchen dringend mehr treibende Kräfte, um Software strategisch richtig einzusetzen und um neue Methoden der Zusammenarbeit über Open Source sowie Standards einzuführen, erläutert der Berater Christoph Kappes. Es gehe um Methoden, wie man Marktstellungen knackt. Google habe das mit dem Betriebssystem Android unter Beweis gestellt.

Ausblendung der menschlichen Komponente beim digitalen Wandel

Wir werden nach Einschätzung von Professor Tobias Kollmann nur dann wettbewerbsfähig bleiben, wenn wir auch im Online-Wettbewerb bestehen können:

„Wer nicht digital mitspielen kann oder will, wird bald gar nicht mehr mitspielen. Deswegen geht es bei uns nicht nur um mehr IT in Form von ‚Industrie 4.0‘ in Unternehmen, sondern vielmehr um das digitale Know-how für die Entwicklung, den Aufbau und den Betrieb von elektronischen Wertschöpfungen in Online- und Offline-Geschäftsmodellen für Unternehmen in Deutschland“, so der Vorsitzende des Beirats „Junge Digitale Wirtschaft“ beim Bundeswirtschaftsministerium.

Das Internet der Dinge und Social Media als Vernetzung von Menschen sind die Megatreiber der Netzökonomie, erklärt der Kölner Professor Klemens Skibicki:

„Beide Systeme werden vom Mobile Web ineinander gefügt – alles zusammen ist eben das Internet of Everything! Deutsche Unternehmen blenden die menschliche Komponente zu sehr aus und fokussieren sich mit dem Industrie 4.0-Begriff auf die Perspektive von Ingenieuren und Produkten.“

Produkttechnisch spielen wir in der ersten Liga. Bei der Etablierung von digitalen Ökosystemen schneidet Deutschland mangelhaft ab.

„An Facebook, Google und Apple kann man erkennen, wie Menschen ‚ans Internet angeschlossen werden“, sagt Skibicki vom Beratungshaus Convidera.

Wir haben uns total verirrt, kommen aber gut voran

Im Digitalen werden nicht die perfektionistischen Planer, sondern die schnellen Macher bevorteilt, skizziert Gamification-Experte Roman Rackwitz die Lage:

„‚Fail fast, fail small. Just do it.‘ Was früher die Qualitätsmarke Deutschland groß machte, ist heute eher ein Manko. Die Rahmenbedingungen haben sich aber geändert. Das Problem besteht nicht im technischen Verständnis der Digitalisierung, sondern in der kulturellen Adaption.“

Die penetrante Fokussierung auf den Begriff „Industrie 4.0“ zeigt nach Meinung des Social Media-Managers Frank Michna, dass man die Tragweite der aktuellen Entwicklungen noch lange nicht begriffen hat und an vielen Stellen am Thema vorbei arbeitet:

„Wirtschaft 4.0 oder Gesellschaft 4.0? Fehlanzeige. Lauscht man den Kommentaren von Vorständen und Ministern, könnte man recht frei Tom DeMarco und Tim Lister zitieren: ‚Wir haben uns total verirrt, kommen aber sehr gut voran!‘“ 

Kompetenz-Vernetzung statt IT-Penetration

Die vernetzte Kommunikation wird von Unternehmen unterschätzt oder auf den Endkunden-Markt reduziert. Dabei geht es hier eher um eine Vernetzung von Kompetenzen – das gilt auch für den Geschäftskunden-Markt. Die Ökonomie im Ganzen muss neu gedacht werden, fordert Winfried Felser von der Unternehmer-Plattform Competence Site:

„Nicht die IT-Penetration muss maximiert, sondern die Wertschöpfung neu gestaltet werden in Richtung einer wertvolleren und vor allem fluideren Kombinatorik von Fähigkeiten in kollaborativen Kompetenz-Netzwerken. Das Digitale ist eher der Möglichmacher für neue Wertschöpfungsmuster, was weit über technische Gadgets, Apps und Big Data hinausgeht.“

Vielleicht müssen die liebwertesten Gichtlinge in den deutschen Unternehmen die Methoden der Silicon Valley-Konzern einfach nur besser antizipieren, um Google und Co. zu schlagen. Das jedenfalls verhandelt der nächste Netzökonomie-Campus mit Käsekuchen am 3. Mai.

Man hört, sieht und streamt sich.

Zuerst im The European-Debattenmagazin erschienen.

Innovation, Information, Inspiration und Transpiration für die d!conomy: Volles Programm in der #Cebit15 #Mittelstandslounge Halle 5

Livestreaming-Ankündigung

Mit mehr als 5 000 Innovationen aus der digitalen Welt, interessanten Sprechern und dem Partnerland China startet die Cebit 2015 unter dem Top-Thema d!conomy am kommenden Wochenende.

„Die Digitalisierung übernimmt immer stärker die Rolle als Treiber von Innovation in Unternehmen, unabhängig von Größe und Branche. Sie verändert Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle. Unternehmen und auch die öffentliche Verwaltung sollten die Digitalisierung noch stärker als strategische Aufgabe des Managements begreifen. Auf der Cebit können Verantwortliche aller Bereiche – IT, Marketing, Finanzen, Personal, Vertrieb, Einkauf – erleben, wie sie das Unternehmen heute aufstellen müssen, damit sie morgen noch wettbewerbsfähig sind“, so Oliver Frese, Vorstand der Deutschen Messe AG.

Insbesondere für Mittelständler weitet die Fachmesse ihr Angebot in diesem Jahr deutlich aus. So kann man sich in der Mittelstandslounge in Halle 5 herstellerübergreifend beraten lassen und sich über konkrete Digitalisierungsschritte im eigenen Unternehmen informieren. In der Mittelstandslounge sorge ich mit Hangout On Air dafür, dass Impulsvorträge, Roundtables, spontane Gespräche und Interviews während der gesamten CeBIT live ins Internet übertragen werden. Die von mir angelegten Google Plus-Events untermauern, warum es auch um Transpiration geht 😉

Montag, 16. März

Dienstag, 17. März

Ein Netzökonomie-Campus Spezial in der Mittelstandslounge!

Mittwoch, 18. März

Donnerstag, 19. März

Freitag, 20. März

Dann kommen noch Spontan-Interview dazu – also reichlich Stoff für die Digitalisierung und für den Einstieg in die vernetzte Wirtschaft.

Man hört und sieht sich nächste Woche in Halle 5 in der Mittelstandslounge.

Im Land der digitalen Bräsigkeit: Industrie-Lobbyismus statt Programmatik für die Netzökonomie #wmfra

Schumpeter in der Bonner Innenstadt

Schumpeter in der Bonner Innenstadt

Die Deutschen haben wohl ein Problem bei der Wahrnehmung der Wirtschaftsrealität:

Das belegt eine Abhandlung von Joseph Schumpeter aus dem Jahr 1928 mit dem Titel „Die Ten­den­zen unse­rer sozia­len Struk­tur“. Hier unter­sucht Schum­pe­ter die Dis­kre­panz zwi­schen der Wirt­schafts­ord­nung Deutsch­lands und der Sozi­al­struk­tur. Die Wirt­schafts­or­ga­ni­sa­tion war kapi­ta­lis­tisch, die deut­sche Gesell­schaft war aber in ihren Gebräu­chen und Gewohn­hei­ten nach wie vor in länd­li­chen, ja sogar feu­da­len Denk­wei­sen gefan­gen – heute indus­trie­ka­pi­ta­lis­tisch. Zur Reichs­grün­dung 1871 haben nahezu zwei Drit­tel der Bevöl­ke­rung auf Gütern oder Gemein­den mit weni­ger als 2000 Ein­woh­nern gelebt, noch nicht ein­mal 5 Pro­zent in Groß­städ­ten von mehr als 100.000 Ein­woh­nern. Bis 1925 hatte sich der Anteil der Stadt­be­woh­ner ver­fünf­facht, wäh­rend der Anteil der Land­be­völ­ke­rung um die Hälfte zurück­ge­gan­gen ist. Ursa­che war vor allem ein sprung­haf­ter Anstieg der Agrar­pro­duk­ti­vi­tät. Wäh­rend 1882 in Deutsch­land nur 4 Pro­zent der klei­nen Land­wirt­schafts­be­triebe Maschi­nen ein­setz­ten, waren es 1925 schon über 66 Pro­zent. Die Mecha­ni­sie­rung löste eine Land­flucht aus und trieb die Land­ar­bei­ter in die Städte. Landjunker, barfüssige Propheten, Zurück-zur-Scholle-Ideologen dominierten die Berliner Politik.

Quelle: Statistisches Bundesamt

Quelle: Statistisches Bundesamt

Heute dominieren die Gesänge der Industrielobbyisten

Wir ergehen uns in industriepolitisch motivierten Abwehrschlachten und verplempern damit eine Menge Zeit. Wir setzen keine Akzente in der Wirtschaftspolitik, um uns von den Anachronismen der untergegangenen Industriewirtschaft zu befreien, wie es der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser in seinem Standardwerk “Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945″ ausdrückt. Wo sind klare Konzepte für einen institutionellen Rahmen zu erkennen, um uns auf die Bedürfnisse der nachindustriellen Ära auszurichten? Weder die wirtschaftlichen Eliten noch die öffentliche Meinung waren und sind sich der Realität bewusst, „dass schon Anfang der sechziger Jahre selbst bei stark rohstofforientierten Produzenten, wie der deutschen Großchemie, bis zu zwei Drittel der Wertschöpfung auf der Fähigkeit zur Anwendung von wissenschaftlich basierter Stoffumwandlungsprozesse beruhte”, schreibt Abelshauser in der erweiterten Auflage seines Opus.

1980 zählte der Industriesektor das erst Mal nicht mehr zur dominanten Branche in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Den Gipfelpunkt hatte das produzierende Gewerbe 1960 erreicht, seit dem geht es stetig bergab.

Seit den neunziger Jahren sind mehr als 75 Prozent der Erwerbstätigen und ein ebenso hoher Prozentsatz der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung durch immaterielle und nachindustrielle Produktion entstanden. Die innere Uhr der politischen Entscheider ist immer noch auf die industrielle Produktion gepolt. Man merkt es an der wenig ambitionierten Digitalen Agenda der Bundesregierung, man erkennt es an den lausigen Akzenten, die in der Bildungspolitik gesetzt werden und man hört es bei den Sonntagsreden der Politiker, wenn es um Firmenansiedlungen geht. Es gibt keine Konzeption für eine vernetzte Ökonomie jenseits der industriellen Massenfertigung aus den Zeiten des Fordismus.

Wolf Lotter, brandeins-Autor:

“Die Re-Industrialisierung hat vom Ton her etwas reaktionäres und gehört zur Vorstellungswelt der Volksparteien, die sich hier sehr einig sind. Sie sind in der Industriegesellschaft geboren worden und sind mit der Kultur der Industriegesellschaft eng verhaftet. Sie haben ein mechanistisches Menschenbild und gehen davon aus, dass Fabriken leichter zu kontrollieren sind. Mit der neuen Welt der Wissensgesellschaft können sie sich nicht anfreunden.“

Der Anteil der Industrie an der Wertschöpung liege nur bei einem Viertel, so Lotter. Industriepolitiker und Verbandsfunktionäre beanspruchen aber in Berlin 100 Prozent des Theaters, weil sie ihre Macht nicht aufgeben wollen und in dieser alten Welt ihre Erfüllung sehen. Es sei vollkommener Unsinn, wenn die Politik sich immer noch auf das mechanistisch Anfassbare kapriziert.

„Das beweist, dass der durchschnittliche deutsche Politiker ein Beamter ist, der von der Ökonomie und von der Praxis keine Ahnung hat”, so Lotter im ichsagmal-Interview.

Qualmende Schlote bringen der deutschen Wirtschaft gar nichts, auch keine Arbeitsplätze, da die Fertigungstiefe in den vergangenen Jahren nicht zugenommen hat und wohl auch in Zukunft nicht zunehmen wird. Exporte – Basar-Ökönomie – Robert Basic – Südkorea

Warum transportieren eigentlich Organisationen wie das Institut der deutschen Wirtschaft dann immer noch das Märchen von der heilsamen Wirkung der Re-Industrialisierung?

“Es gibt viele Institute und Direktoren, die eng mit dem industriellen Sektor verflochten sind. Insgesamt gibt es eine enge Verflechtung zwischen Industrie, Wirtschaftsinstituten und Politik. Man muss sich nur die Namensliste der Berliner Industrielobby anschauen. Teilweise sogar in Personalunion. Das spielt sich vor allem im roten und schwarzen Lager ab. Da wird jemand Politiker mit einer alt-industriellen Lackierung, der dann später zum Verbandschef aufsteigt, um seine Freunde im Industrielager weiter zu unterstützen”, sagt Lotter.

Die einseitig Industriesicht könnte sich rächen:

Mehr als drei Viertel der deutschen mittelständischen Unternehmen sehen zwar eine rasante digitale Transformation der Wirtschaft und erkennen, dass ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit ohne zunehmende Digitalisierung bedroht ist. Aber nur bei jedem zweiten Unternehmen ist die Digitalisierung Bestandteil der eigenen Strategie. Für fast die Hälfte der Unternehmen spielt laut einer DZ Bank-Studie die Digitalisierung der Geschäftsprozesse derzeit noch gar keine oder nur eine geringe Rolle. Ich halte das sogar für eine konservative Einschätzung. Selbst deutsche Autokonzerne gehen recht lässig mit den Herausforderungen der digitalen Transformation um: So hat sich Daimler-Chef Dieter Zetsche in einem Interview zum Gerücht geäußert, Apple werde in das Automobilgeschäft einsteigen:

Zetsche

Das klingt nach einer Selbstsicherheit, die man auch als betriebsblinde Arroganz interpretieren könnte. Oder anders ausgedrückt: Die Geschäftserfolge der Vergangenheit wirken wie Denkfallen.

Es geht bei der Thematik allerdinsg nicht um “Software STATT Spoiler”, wie die Zeit titelte, sondern um Spoiler, Software UND Vernetzungsintelligenz.

Inhaltlich liegt der Zeit-Redakteur Götz Hamann allerdings richtig. Selbst die Perlen der deutschen Industrie – also Autokonzerne und Maschinenbauer – sind nicht mehr unangreifbar. Wenn Apple jetzt bis zu tausend Autoexperten einstellt, sollte das in München, Wolfsburg, Stuttgart und Ingolstadt nicht mit naserümpfender Arroganz beantwortet werden.

”Autos werden heute fast wie Handys und Computer gebaut. Man bestellt die Bauteile, besonders gern bei Continental, Bosch und ZF Friedrichshafen. Dann setzt man alles zusammen, wie es Volkswagen mit seinem Baukastenprinzip vormacht, und vermarktet das Auto. Die eigene Wertschöpfung liegt dadurch nur bei rund 25 Prozent”, so Hamann.

Warum sollte nicht auch Apple dazu in der Lage sein? Es geht nicht mehr um Ego-Produktion, sondern um Eco-Produktion, so das Credo von Winfried Felser vom Unternehmer-Portal Competence Site.

Google verlegt Glasfaserkabel, produziert Laptops, Tablets und Software, steigt in die Pharmaindustrie ein, experimentiert mit fliegenden Windturbinen zur Produktion von Ökostrom, bringt die Robotik in der industriellen Produktion auf ein höheres Level, engagiert die besten Genetiker, Hirnforscher, Elektrotechniker, Maschinenbau-Ingenieure (!) und Chemiker. Die Silicon-Valley-Giganten machen also auch vor dem Allerheiligsten in Deutschland nicht halt.

Wo ist der Industrie 4.0-Vorsprung nur geblieben?

Im April 2013 ging die so genannte Plattform Industrie 4.0 als Gemeinschaftsprojekt der Wirtschaftsverbände BITKOM, VDMA und ZVEI mit großen Erwartungen an den Start, um die Hightech-Strategie der Bundesregierung maßgeblich zu unterstützen. Die Initiative steht für die Anwendung des Internets der Dinge und der Dienste in industriellen Prozessen, in Produktion und Logistik, mit weitreichenden Konsequenzen für die Wertschöpfung, die Geschäftsmodelle sowie die nachgelagerten Dienstleistungen und die Arbeitsorganisation. Was die drei Verbände zustande gebracht haben, die immerhin rund 6000 Mitgliedsunternehmen der deutschen Spitzenindustrie repräsentieren, ist spärlich.

Die USA sind dabei, auch bei der vernetzten Industrie Trendsetter zu werden, warnt Franz Eduard Gruber, Gründer und Chef der Software-Firma Forcan, die sich auf die Steuerung von Maschinen spezialisiert hat. Die Amerikaner haben nach seinen Erfahrungen erkannt, dass die Standardisierung in der Kommunikation von Maschinen und Sensoren entscheiden ist.

„Wer den Standard definiert, der definiert, in welche Richtung der Weltmarkt künftig läuft“, so der ehemalige SAP-Manager auf einer Fachtagung des Hasso-Plattner-Instituts in Potsdam.

Die USA hätten mit dem offenen Standard MTConnect bereits Fakten geschaffen. Und dann folgt eine denkwürdige Replik.

Industrie 4.0

Das sei einer Gründe, warum die Plattform unter dem Dach des Bundeswirtschaftsministerium umorganisiert wird. Hat man das eigentlich bei der Gründung der Plattform nicht gewusst? In den vergangenen Tagen wurde jedenfalls deutlich, dass wir trotz hektischem Aktionismus von Kanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Wissenschaftsministerin Johanna Wanka auch beim „Internet der Industrie“ den Wettbewerb mit den USA verlieren könnten.

So langsam werden wir zur verlängerten Werkbank, die sich auf die Veredelung von Produkten und Diensten zurückzieht. Wie viele unserer Projekte in der Grundlagenforschung, Patente und Ingenieurleistungen bringen wir zum Markterfolg? Welchen Stellenwert hat bei uns die Digitalisierung und die Konzentration auf Anwendungen, die bei Produkten immer entscheidender wird? Von der Heimvernetzung bis zur großspurig verkündeten Energiewende, die im Streit um das EEG gerade kräftig zerredet wird, verspielen für wichtige Themen, die eng mit der vernetzten Ökonomie zusammenhängen.

Umberto Eco

Genug Stoff für die Disputation beim Webmontag in Frankfurt. Soweit mein Vortrag.

Plattform Industrie 4.0: Mit viel Tamtam gestartet und nun gescheitert – Deutschland versagt auch bei Industrievernetzung

Wie viel 4.0 steckt in der Industrie?

Wie viel 4.0 steckt in der Industrie?

Der ZVEI bestätigt, dass zur Hannover Messe 2015 eine „Umstrukturierung“ der Plattform Industrie 4.0 ins Haus steht. Unklar ist, ob dabei die vom Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) bereits im Juli 2014 angekündigte ‚Dialogplattform Industrie 4.0‘ eine Rolle spielt, berichtet all-elektronics.de:

„2013 ging die Plattform Industrie 4.0, getragen von Bitkom, VDMA und ZVEI, mit viel Tamtam an den Start. Mit dem Auftreten des amerikanischen Pedants, dem Industrial Internet Consortium (IIC), wurden Stimmen laut, die der Plattform vorwarfen, nichts Konkretes auf die Beine zu stellen. Reinhard Clemens, CEO von T-Systems, erklärte auf der VDI-Tagung Industrie 4.0 Ende Januar: ‚Die erste Halbzeit der Digitalisierung haben wir verloren.‘ Das ist durchaus als Selbstkritik zu verstehen, denn die Telekom – Mutterkonzern von T-Systems – gehört zum Vorstandskreis der Plattform. Außerdem gibt es Gerüchte, dass auch das BMWi mit der Arbeit der Plattform nicht zufrieden sei.“

Noch auf der Cebit im vergangenen Jahr proklamierten Vertreter der Bitkom, welchen großen Vorsprung Deutschland bei der Frage der vernetzten Industrie habe. Davon ist nicht viel übrig geblieben. So bekamen deutsche Industrievertreter auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos von Kanzlerin Angela Merkel eine semantische Kopfnuss für ihre Bräsigkeit bei der Etablierung von Industrie 4.0-Standards. Die USA und asiatische Länder seien bereits enteilt. Begleitet wird die Zaghaftigkeit der Industriekonzerne von Ressortstreitigkeiten im Merkel-Kabinett. Forschungsministerin Johanna Wanka leistet sich einen Wettstreit mit Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Ein schlagkräftiges Industrienetzwerk, das die Digitalisierung vorantreibt, bleibt auf der Strecke. Von der Unzulänglichkeit des notwendigen Breitbandausbaus ganz zu schweigen.

“Während bei uns wild an komplexen Netzwerkplänen für das Internet der Dinge gebastelt wird, nehmen die Amis den vernetzten Kunden als Ausgangspunkt für die Entwicklung von smarten Services. Und sie nehmen sich einen Markt nach dem anderen vor, anstatt alles mit allem vernetzen zu wollen. Der entscheidende Unterschied ist die Denke: Die einen sind geprägt durch ihre langjährige Erfahrung als Hardware-Hersteller, Nest dagegen greift wie ein Internetunternehmen Märkte an, in denen sich in den letzten 50 Jahren nichts fundamental geändert hat”, konstatiert Smarter Service-Blogger Bernhard Steimel.

Tony Fadell, ehemaliger Apple-Manager und „Vater des iPods“ gehe mit einem ganz anderen Mindset an die Sache als die von Ingenieurskunst getriebenen Hersteller. Google kauft halt Nest und Samsung baut einfach das Betriebssystem Android in die Elektronikprodukte ein – von der Waschmaschine bis zum Kaffee-Vollautomaten, wie der Ex-IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck süffisant bemerkt.

Industrie 4.0 sei vor allem eine dezentral-intelligente, vernetzte, kooperative Industrie, Technik ist dafür „nur“ der Enabler – wobei Enabler wie Android fundamental wirken können, stellt Winfried Felser von der Competence Site fest. Wir machen es in Deutschland eben schön kompliziert, statt komplex zu denken und einfache Lösungen auf dem Markt zu etablieren.

Das Rennen wird das in den USA initiierte Konsortium IIC mit dem alerten Richard Mark Soley an der Spitze machen. Soley sei ein Antreiber, Marktkenner und exzellenter Redner im Unterschied zu den Industrie 4.0-Bürokraten in deutschen Spitzenverbänden und Ministerien, erklärt ein Branchenkenner gegenüber ne-na.de. Wenn jetzt Bundesminister ihre eigene Suppe kochen, um die deutsche Förderung der 4.0-Initiative zu schützen, gehe das voll in die Hose. Das haben wohl Siemens und Bosch erkannt. Die Minister Wanka und Gabriel wohl noch nicht.

Siehe auch:

Industrie 4.0-Nekrolog – Kompetenzstreit zwischen Industrie und Politik schreit nach einem Kompetenzgespräch.

Über Apple und die deutsche „Industrie, wir verwurschteln uns untereinander 4.0-Denke“

Was deutsche Ingenieure von Apple lernen können

Was deutsche Ingenieure von Apple lernen können

Das Online-Magazin Business Insider wartet mit einer kleinen Quiz-Frage auf, die selbst Kenner der Technologiebranche aus dem Stegreif nicht korrekt beantworten können. Welches Apple-Produkt wächst am stärksten? Wer jetzt an iPhone oder iPad denkt, liegt falsch. Im E-Commerce über iTunes, iBooks und den App-Store erreicht der Cupertino-Konzern Rekordzahlen. So legte der Verkauf von Nicht-Apple-Produkten im ersten Quartal 2014 um 19 Prozent auf 4,4 Milliarden Dollar zu. Auf das gesamte Jahr gerechnet kommt man auf über 16 Milliarden Dollar – da schrumpfen selbst E-Commerce-Ikonen wie Zappos mit einem Jahresumsatz von 2 Milliarden Dollar zu Zwergen.

Der heimliche Riese im Online-Handel

Während die Tech-Medien und Tech-Blogger jedes heiße Hardware-Gerücht aus dem Hause Apple hoch und runter kommentieren, bleibt der E-Commerce-Faktor relativ unbeleuchtet: “Apple Is Already Building Its Next Massive Business And No One Seems To Have Noticed”, titelt Business Insider und liegt damit nicht ganz richtig – zumindest für den deutschen Markt. Ehre, wem Ehre gebührt. Mind Business-Geschäftsführer Bernhard Steimel zählt zu den ersten Analysten, die den E-Commerce-Faktor in aller Ausführlichkeit untersucht haben. Und das war im September 2013!

Apple agiere schon lange nicht mehr als ein Hersteller klassischer Prägung. Das Unternehmen habe sich ein Eco-System aufgebaut, in dessen Zentrum iTunes als Plattform regiert.

„Mit jeden Verkauf eines iOS-Gerätes wird das App- und Content-Geschäft weiter angefacht. Dabei profitiert Apple bislang von einer sehr hohen Rate des Wiederkaufs, die bei 90 Prozent liegt. Die Wechselrate berechnet auf die Gesamtheit aller Kunden liegt bei derzeit nur 5 Prozent. Ein Wert von dem Kabel- und Telefongesellschaften nur träumen können.”

Plattform-Weltmeister

Apple habe in den vergangenen sieben Jahren den Wandel vom Hardware-Hersteller zum Plattform-Anbieter gemeistert. Wobei das Design-Genie Jony Ive schon immer auf eine perfekte Symbiose von Geräten, Betriebssystem und Apps achtete, was man an der Relevanz von Software-Engineering bei Apple erkennt. Im Online-Handel erntet man jetzt die Früchte für diese Strategie:

„Die iTunes-Umsätze wachsen schneller als jedes andere Apple Business (das iPad ausgenommen – zum damaligen Zeitpunkt, gs)”, schreibt Steimel. Die 575 Millionen aktiven iTunes-Konten sind die Trumpfkarte für den E-Commerce-Erfolg. „Vor drei Jahren lagen die Umsätze je Kunde noch bei 400 Dollar pro Jahr, mit der Versechsfachung der Nutzerzahlen ist dieser Wert zwar auf 300 Dollar gesunken. Wer jedoch die Wachstumslinie fortschreibt, wird verstehen, dass selbst bei sinkendem Pro-Kopf-Umsatz iTunes für Apple noch viele Jahre eine Goldgrube bleiben wird”, resümiert der Smarter Service-Blogger.

Service-Umsätze statt Industrie 4.0-Träume

Und genau hier liegen nicht nur die Schwächen der amerikanischen Apple-Konkurrenten: Auch die 4.0-Träumer der Industrie haben nicht begriffen, wie wichtig produktbegleitende Dienstleistungen als Quelle der Wertschöpfung sind.

„Wer sich das Geschäftsmodell von iTunes anschaut, wird verstehen, dass bei Apple der angeschlossene Service-Umsatz bis zum Achtfachen den Produktumsatz je iPhone-Kunde übersteigt“, erläutert Steimel.

Die liebwertesten Industrie-Gichtlinge in Deutschland löten lieber weiter an ihren Produkten herum, erfreuen sich an inflationären Patentanmeldungen und versagen in schöner Regelmäßigkeit bei den Anwendungen sowie der Vermarktung.

Das klassische Lösungsdenken der Ingenieure reicht nicht mehr aus:

„Die meisten Unternehmen erreichen ihre Identifikation durch den Erfolg von Produkten der Gegenwart. Diese Status quo-Denken ist aber eine Barriere. Wichtiger ist ein offenes Denken auf der grünen Wiese. Diesen Klimmzug schaffen nur wenige“, erläutert der Schweizer Systemarchitekt Bruno Weisshaupt.

Deshalb spricht er auch von der Notwendigkeit von Systeminnovationen und der Orientierung an den Bedürfnissen von vernetzten Kunden, die Apple perfekt bedient: „Das Systemdenken muss sich von Produkten abkoppeln. Produkteigenschaften und Dienstleistungen müssen als Ganzes betrachtet werden, um die Erfüllung von Kundenbedürfnissen zu erreichen“, so Weisshaupt.

Davon will man in deutschen Forschungslaboren nichts hören, was man an den Industrie 4.0-Schwurbeleien der IT-Silberrücken von Bitkom und Co. ablesen: Damit perfektioniert die Industrie ihre Wagenburg-Mentalität, kritisiert Innovationsberater Jürgen Stäudtner im Bloggercamp.tv-Interview: „Mit diesem blöden Kunstbegriff beschränken wir uns selbst.“

Aus der Kunden-Perspektive werde da nicht gedacht, bemerkt Bloggercamp.tv-Kollege Hannes Schleeh: „Das ist eher ‚Industrie, wir verwurschteln uns untereinander 4.0-Denke‘. Der Endkunde wird dabei vergessen.“

Aber das stört doch keinen großen Industrie-Geist, würde Karlsson vom Dach jetzt kontern.

Der Beitrag ist zuerst im The European-Debattenmagazin erschienen.