Digitalisierung im Mittelstand entscheidet sich oft nicht an großen Strategiepapiere, sondern an konkreten betrieblichen Problemen. Wie aus einem alltäglichen Vorgang ein datenbasiertes Servicegeschäft werden kann, hat Oliver Schwarz von Testo im „Smarter Service Talk“ am Beispiel des Managements von Frittieröl in Großküchen beschrieben. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich mit Messtechnik, Software und Prognostik Kosten senken, Qualität sichern und neue Geschäftsmodelle aufbauen lassen. Grundlage des Gesprächs war auch die aktuelle Debatte über die digitale Produktivitätslücke im deutschen Mittelstand.
Testo, ein Mittelständler aus dem Schwarzwald mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Messtechnik, hat nach Angaben von Schwarz aus der Überwachung von Frittieröl einen datengetriebenen Service entwickelt. Gemessen werden dabei unter anderem Stoffe, die bei längerer Erhitzung entstehen und die Qualität des Öls verschlechtern. Auf dieser Basis lassen sich der optimale Wechselzeitpunkt und der tatsächliche Verbrauch genauer bestimmen. „Frittieröl ist eines der teuersten Assets“, sagte Schwarz mit Blick auf industriell geführte Großküchen. Der bisher häufig starre Ölwechsel nach Zeitvorgaben werde damit durch eine zustands- und datenbasierte Steuerung ersetzt.
Nach Darstellung von Schwarz zeigte sich in der Praxis, dass nicht jeder komplette Austausch des Öls nötig ist. Entscheidend sei vielmehr, wie viel Öl mit den entnommenen Portionen verloren geht und wann Nachfüllen wirtschaftlicher ist als ein vollständiger Wechsel. Ein trainiertes Modell soll deshalb vorhersagen, wann das Öl kritische Werte erreicht und wie lange es etwa über Stoßzeiten hinweg noch genutzt werden kann. „Wir haben ein Modell trainiert“, sagte Schwarz, um zu erkennen, wann das Öl schlechter wird und mit welcher Rate.
Im Gespräch wurde der Fall Testo als Beispiel für einen größeren Trend im Mittelstand eingeordnet. Laut der jüngsten Gemeinschaftsstudie von KfW Research und ZEW Mannheim profitieren Unternehmen mit höherem digitalem Kapitalstock deutlich stärker von weiteren Digitalinvestitionen. So steigt die Produktivität bei einem Plus von zehn Prozent beim digitalen Kapitalstock im Durchschnitt um 0,159 Prozent; bei den bereits stark digitalisierten Unternehmen liegt der Effekt bei 0,808 Prozent. Gleichzeitig sind die Digitalisierungsinvestitionen des Mittelstands zuletzt auf 23,8 Milliarden Euro gesunken, 8,1 Milliarden Euro weniger als in der Vorperiode.
Schwarz verwies darauf, dass der Nutzen solcher Lösungen nicht auf große Ketten beschränkt sei. Auch kleine, inhabergeführte Betriebe könnten mit einfachen Messgeräten arbeiten, selbst ohne Anbindung an Apps oder Plattformen. Der Einstieg in die Digitalisierung beginne oft nicht mit komplexen Systemen, sondern mit einem Werkzeug, das einen unsichtbaren Kostenfaktor sichtbar mache. Gerade darin liegt aus Sicht der Gesprächsteilnehmer auch eine wirtschaftspolitische Pointe: Der Mittelstand braucht nicht nur mehr Debatten über Innovation, sondern mehr anwendbare, robuste und bezahlbare Lösungen im Alltag.
Der „Smarter Service Talk“ verknüpfte damit zwei Ebenen: die konkrete Verbesserung eines operativen Prozesses in der Großküche und die größere Frage, wie der deutsche Mittelstand seine Produktivität wieder steigern kann. Der Fall Testo zeigt nach Einschätzung der Runde, dass aus Sensorik und Datenanalyse weit mehr entstehen kann als ein besseres Messgerät. Aus einem Messwert werde eine Handlungsempfehlung, aus der Handlungsempfehlung ein Service – und daraus im besten Fall ein neues Geschäftsmodell.