Erwerbstätigkeit für chronisch kranke Menschen – brauchen wir neue Arbeitsmodelle? Debatte im Digital Hub Bonn #BT17

Arbeit sichert nicht nur den Lebensunterhalt, sondern ermöglicht Betroffenen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Menschen mit rheumatischen Erkrankungen benötigen spezielle Hilfe am Arbeitsplatz und die Unterstützung ihrer Arbeitgeber, um die Erwerbsfähigkeit langfristig zu erhalten.

Was können Politik und Arbeitgeber dazu beitragen, damit chronisch kranke Menschen (länger) im Arbeitsleben bleiben können?

Reichen die vorhandenen gesetzlichen Regelungen aus oder benötigen wir neue Arbeitsmodelle?
Das Thema finanzielle Absicherung im Alter und eine umfassende Rentenreform sind derzeit in aller Munde. Wie können Bezieher von Erwerbsminderungsrenten besser vor Altersarmut geschützt werden?

Termin
Dienstag, 15. August, 18 Uhr

Ort
DIGITAL HUB REGION
Rheinwerkallee 6 (gegenüber vom Kameha Hotel)
53227 Bonn
Anfahrt: http://www.digitalhub.de/de/
Es diskutieren
• Ulrich Kelber, MdB (SPD)
• Katja Dörner, MdB (Bündnis 90/Die Grünen)
• Franziska Müller-Rech, MdL NRW (FDP)
• Alfred Giersberg, Stadtrat Bonn (CDU)
• Herbert Schulte, BVMW-Bundesverband mittelständische Wirtschaft (Landesgeschäftsführer NRW)
• Michael Castillo, Deutsche Telekom (Arbeitsmediziner)
• Rotraut Schmale-Grede, Deutsche Rheuma-Liga (Präsidentin)
• Marion Rink, Deutsche Rheuma-Liga (Vizepräsidentin)
Die Moderation übernimmt Fernsehmoderator und Arzt Dr. Christoph Specht.

Die Veranstaltung wird am 15. August ab 18 Uhr via Livestream auf http://www.rheuma-liga.de und über die Facebook-Seite der Rheuma-Liga übertragen.

Bonner Unternehmen #Knauber ist Champion als Erdgas-Anbieter

Bereits zum vierten Mal in Folge wurde Knauber im bundesweiten Vergleich als bester Erdgas-Anbieter ausgezeichnet. Bestätigt wurden mit ersten Plätzen auch die Leistungen des Bonner Unternehmens in den Kategorien Service und Ökogas. Das ist das Ergebnis der Studie des Deutschen Instituts für Service-Qualität (DISQ) im Auftrag des Nachrichtensenders n-tv, bei der regionale und überregionale Gasversorger miteinander verglichen wurden.

Dazu schreibt das DISQ:

„Mitentscheidend ist der hervorragende Service (’sehr gut‘): E-Mail-Anfragen werden im Test kompetent und vollständig innerhalb von 24 Stunden beantwortet. Die Auskünfte sind zudem ausgesprochen individuell und inhaltlich gut verständlich. Am Telefon fallen nur kurze Wartezeiten an und die Mitarbeiter beraten sehr souverän und freundlich.“

Vorausgegangen waren dem Testurteil 961 Servicekontakte, für die das DISQ verdeckt Telefon und E-Mail-Tests bei 31 Gasanbietern durchführte. Zudem wurden die Internetauftritte der Anbieter auf Informationswert und Bedienfreundlichkeit geprüft sowie eine Stichtagsanalyse von Preisen und Vertragsbedingungen für Gas und Ökogas durchgeführt. Ziel der Studie ist laut DISQ, Verbrauchern anhand der Testergebnisse Anhaltspunkte für ihre Kaufentscheidung an die Hand zu geben.

Solche Meldungen über Aktivitäten von Bonner Unternehmen werden übrigens regelmäßig auf der Website der IHK Bonn/Rhein-Sieg veröffentlicht.

Jedes Unternehmen kann sich dort registrieren und Pressemeldungen veröffentlichen. So bekommt man über das Wirtschaftsgeschehen in Bonn und Rhein-Sieg einen guten Überblick.

Nominierungsabend #Ludwig2017 – Mittelstandspreis für Bonn/Rhein-Sieg

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Mehr als 30 Unternehmen haben sich in diesem Jahr für die beiden Mittelstandswettbewerbe „Großer Preis des Mittelstandes“ und „Ludwig“ beworben. Am Donnerstag, den 16. Februar entscheidet sich, wer zum Kreis der Nominierten des Wettbewerbs von IHK Bonn/Rhein-Sieg und Servicestelle zählt.

„Wir schauen uns die Unternehmen an, bevor wir sie endgültig nominieren. So kommt es immer wieder vor, dass wir Unternehmen raten, wie auch in diesem Jahr, noch mit einer Kandidatur zu warten“, erläutert Christine Lötters von Oskar-Patzelt-Stiftung.

2013 gestartet, hat sich der regionale Zusatzpreis “Ludwig” nach Angaben des Veranstalters zu einem bedeutsamen Wettbewerb für mittelständische Unternehmen in der Region Bonn/Rhein-Sieg entwickelt. Die Teilnehmerzahl wächst von Jahr zu Jahr. Dies zeige, dass der „Ludwig“ immer stärker wahrgenommen wird und die Unternehmen, die Chance erkennen, die ihnen eine Teilnahme bietet.

Für Innovationen könnte man übrigens noch einen Schumpeter-Preis aufnehmen – kleine Anregung.

Neues Veranstaltungsformat in Bonn: Next Economy Open #NEO15 als Plattform für Wirtschaft und Netzszene

NEO im LVR-Landesmuseum am Bonner Hauptbahnhof

NEO im LVR-Landesmuseum am Bonner Hauptbahnhof

Mit der bloßen Verwendung von Begriffen wie Digitale Transformation, Industrie 4.0, Internet der Dinge, Big Data, Content Marketing, Kollaboration oder Social Media erschließen sich häufig nicht die wesentlichen Triebkräfte für die nächste Stufe der Ökonomie. Oft sind es Leerformeln, die an den Entscheidern in Wirtschaft, Politik und Verbänden vorbei rauschen. Auch die so genannten Gesetze der Managementliteratur, Marktforschung oder Expertenrat sorgen nicht immer für Klarheit, um eigene Trends in der Wirtschaft zu setzen.

„Man braucht Leidenschaft, Ideen, Offenheit und den Gedankenaustausch, um die Betriebsblindheit zu überwinden und nicht in alten Denkmustern zu verharren. Mit der Next Economy Open am 9. und 10. November im LVR-Landesmuseum in Bonn wollen wir kein x-beliebiges Format für Definitionen und Kalenderweisheiten des digitalen Wandels bieten, sondern für Überraschungen sorgen. Es geht nicht nur um den Austausch von Visitenkarten, sondern um das Matchen, Moderieren und Managen der Next Economy – eine dauerhafte Dialog-Plattform für Wirtschaft, Gründer, Netzszene, Politik und Wissenschaft: Klassik trifft Geeks, Nerds, Hacker und Blogger“, so Miliana Romic, Sprecherin der Next Economy-Initiative.

Der erste Tag der NEO15 wird über Barcamp-Sessions gestaltet, bei der die Teilnehmer das Programm über Vorschläge zur Next Economy am Vormittag selbst bestimmen.

„Für den zweiten Tag suchen wir im Vorfeld über ein Call for Papers-Wettbewerb spannende Session-Ideen zu vier Schwerpunkt-Themen, die zu einem Zusammenwachsen von Wirtschaft und Netzszene beitragen sollen: Kundendialog, New Work – die Arbeitswelt von morgen, Digitales Unternehmen/Digitale Organisation und Growth Hacking. Bewerbungen können bis zum 30. September eingereicht werden“, erläutert Romic.

Weitere Informationen zum Auswahlverfahren gibt es auf der NEO-Website.

Generell gehe es um Partizipation, das Teilen und Weitergeben von Wissen unter den Teilnehmern.

„Lebendige Diskurse und der Start von Projekten, die über das Event im November hinausreichen. Dafür soll auch das Format ‚Next Economy Dialog‘ etabliert werden. Ein ständiges Forum für Treffen, Expertendiskussionen, Studien, Weiterentwicklung der Workshop-Ergebnisse, Themen-Setting, programmatische Vor- und Nachbereitung der Next Economy Open. Auf Facebook gibt es eine Event-Seite, die den Zuspruch in der frühen Phase unserer Planungen dokumentiert. Wir freuen uns auf ein neues Format, das langfristig in der Bundesstadt etabliert wird. Für weitere Ideen sind wir immer zu haben“, resümiert Romic.

Wutreden an die Deutschland AG – Warum wir einen neuen Gründergeist brauchen

Hulk

Da denkt man, keiner interessiert sich für wirtschaftspolitische Themen, für Startups oder netzökonomische Belange und nur Spaßvögel wie Slimani können virale Hits im Web lostreten:

„Dann kommt Christian Lindner mit seiner Wutrede im NRW-Landtag über die Verachtung von Unternehmertum in Deutschland und in zwei Tagen wird die Rede allein bei welt.de 2,1 Millionen Mal angeklickt und über 18.000 Mal geteilt“, bemerkt Wirtschaftshistoriker und Management-Professor Klemens Skibicki auf Facebook.

Vielleicht müsse man die Themen ja doch nur auf den Punkt bringen, um die vernetzte Ökonomie und das Social Web den politischen Entscheidern schmackhaft zu machen. Abgesehen von der Glaubwürdigkeit der Replik des FDP-Politikers in Fragen des Unternehmertuns, wäre eine breite Debatte über den Gründergeist vonnöten, so das Resümee des zweiten Netzökonomie-Campus in Bonn.

Nicht nur Politik und Staat gefragt

Das ist nicht nur eine Hausaufgabe für Staat und Politik. Auch die Wirtschaft benötigt einen neuen Gründergeist.

Die Digitalisierung und das Social Web sollten genutzt werden, damit die Firmen in ihren Kernprozessen besser werden, fordert Marketing-Experte Michael Zachrau: „

Ich sehe die Chance, wo die Telekom zufällig auf Social Media gestoßen ist. Nämlich bei den Beschwerden. Funktioniert der Service im Call Center nicht mehr, entsteht auf Twitter zwar nicht gleich ein massiver Shitstorm, aber es gibt eine Vielzahl von Kunden, die das sofort netzöffentlich machen. Das sollte von Unternehmen nicht verteufelt, sondern als Chance gesehen werden.“

Wie könne man mit den Mitteln des Netzes die Services und Produkte verbessern – ohne Marktgeschrei und ohne Leadgenerierung für dümmliche Online-Kampagnen.

Ziegelstein-Barrieren im Management

Aber schon beim Management von Ideen und Innovationen errichten die meisten Unternehmen in Deutschland Ziegelstein-Barrieren. Sie meiden den offenen Austausch mit Kunden und der interessierten Öffentlichkeit im Netz, bemängelt Innovationsberater Jürgen Stäudtner:

„Was bei uns in der Wirtschaft abläuft, hat wenig mit digital und social zu tun.“

Da regiert eher die Abschottung über Zertifizierungen und Patente.

Wir laufen in eine agile Netzwerk-Ökonomie rein, wo es nicht ausreicht, irgendwelche Praktikanten zur Betreuung der Facebook-Seite abzustellen, meint Winfried Felser von der Unternehmer-Plattform Competence Site.

Mit der Brechstange Gewinne maximieren, ohne Neues zu schaffen

„Die Transformation, die wir jetzt erleben, ist viel fundamentaler. Es geht um smarte Services und Produkte, um die schnelle Allokation von Fähigkeiten, um nach außen und innen besser zu werden. Eine Digitalisierung, die nur eine simple Elektrifizierung ist und die Prozesse unverändert lässt, bringt überhaupt nichts. Wenn wir digital und social nutzen, um unsere Organisationen zukunftsfähiger zu machen, dann ist das perfekt. Am Schluss geht es darum, die Wertschöpfung zu verbessern.“

Setzt man die Werkzeuge des Internets nur minimal-invasiv ein, passiert gar nichts. Dann endet das Ganze in Grabreden über Social Media.

Ob man die Entscheider der Wirtschaft jetzt im Social Web begeistern oder mit den Begriffen des Managements abholen sollte oder nicht, sei nach Ansicht von Stäudtner völlig irrelevant.

„Es ist an der Zeit, dass sich die Entscheider endlich selbst abholen. Wir leben seit über einer Dekade in Zeiten dramatischer Veränderungen und in Deutschland regiert noch das Biedermeier. In Unternehmen werden Führungskräfte befördert, die mit der Brechstange die Umsätze erhöhen sowie Gewinne maximieren und nicht jene, die nach vorne denken. Die Eigentümer von Unternehmen sind selber schuld, wenn ihre Manager die Zukunft im gestern suchen. So sieht man die IT-Mitarbeiter eher als interne Dienstleister und nicht als Antreiber für neue Geschäftsmodelle. Sie sind den Finanzvorständen unterstellt und sollen Kosten reduzieren. Mehr nicht.“

Die Burgen-Erbauer

Das Grundproblem in Unternehmen sei das Silo-Denken, so der Kommunikationsberater Frank Michna:

Käsekuchen-Selbstversorger Frank Michna

Käsekuchen-Selbstversorger Frank Michna

„Jeder hat sich seine eigene Festung gebaut. Dadurch fehlt eine durchgängige Kommunikation in der Organisation. Da hat der ITler, der Marketing-Manager und der Vertriebschef seine Burg gebaut. Bevor es um die externen Dinge in sozialen Netzwerken geht, müssen Firmen erst einmal intern für Klarheit sorgen. Jeder verteidigt nur seine eigne Abteilung und egozentrischen Interessen. Mit dieser Unternehmenskultur schafft man nie den Schritt ins Digitale. Die führenden Köpfe versauern in dem Glauben, in den nächsten zehn Jahren mit den alten Führungsmethoden weiterarbeiten zu können.“

Mit diesem starren Scheuklappen-Denken sieht man nicht, wie links und rechts die technologischen Himmelsstürmer aus dem Silicon Valley an einem vorbeiziehen.

„Wenn Unternehmen nicht in die schwierige Entwicklung von wirklich Neuem investieren, dann werden sie bedeutungslos, egal welche Gewinne sie heute erzielen“, mahnt Paypal-Gründer Peter Thiel in seinem neuen Opus „ZERO TO ONE – Wie Innovation unsere Gesellschaft rettet“.

Was passiert, wenn wir unsere ererbten Unternehmen so lange weiter optimieren, bis wir sie restlos ausgeschöpft haben, fragt sich Thiel. „

So unglaublich es klingen mag, die Folge wäre eine schlimmere Krise als die des Jahres 2008. Die Best Practices von heute führen morgen in die Sackgasse.“

Dicke Kohle aber keine Innovationen

Aber genau unter diesem Syndrom leidet die Deutschland AG, bemerkt Stäudtner. Ausführlich nachzulesen in seinem in Kürze erscheinenden Buch „Deutschland im Innovationsstau – Wie wir einen neuen Gründergeist erschaffen.“

Wutreden verdienen auch die liebwertesten Gichtlinge mit der dicken Kohle: „Die reichsten Deutschen haben ihr Vermögen geerbt oder konnten sich ins gemachte Nest begeben. Deutsches Geld ist also relativ altes Geld. Das hat massive Auswirkungen auf das Denken der Eigentümer der Firmen, der Investoren. Während gerade in Großbritannien und Amerika die Reichsten laufend Schlagzeilen mit gewagten Investitionen machen, herrscht bei uns Funkstille“, konstatiert Stäudtner, der mit seinem Innovations-Band hoffentlich viele Wutreden-Effekte auslösen wird.

Auch hier sind Innovationen gefragt: Der Niedergang des stationären Handels ist ein neuer Anfang.

Interessant: Wo steht Amazon in 5 Jahren, wo in 10 Jahren?

Brecht und die Emanzipationsbewegung im Social Web – Über digitale Kultur und Fürsten-Geheimnisse

Buch für die TV-Autonomen

Buch für die TV-Autonomen

Die Dialogformen der sozialen Medien sind nach Auffassung von Professor Peter Weibel Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (ZKM)
nichts anderes als die demokratisierte Form der Salonkonversation, die früher nur in elitären Kreisen geführt wurde – heute ist es ein Jedermann-Phänomen. Das Internet habe das Gespräch als politische Kraft zu einem Instrument der gemeinsamen Lebensgestaltung gemacht. Diese Dialoge müsse man als Philosophie des Sprechaktes sehen.

„Hier werden Dinge mit Worten gemacht”, so Weibel.

Das Monopol der Sprecher in den Parlamenten, Medien und Massen sei gebrochen. Das hätten allerdings die Politiker und Medienmanager noch nicht verstanden. Jeder kann ein Sender sein. Jeder kann sogar ein TV- und Radio-Sender sein, um die letzte massenmediale Bastion zu erobern. Selbst in der Königsdisziplin des Rundfunks: LIVE-SENDUNGEN.

Emanzipatorische Visionen von Brecht und Enzensberger

Für bewegte Bilder und für Audio steht das Handwerkszeug für den digitalen Autodidakten bereit, der heute ohne Ü-Wagen, ohne Ausbildung zum Kameramann oder zur Kamerafrau, ohne Kenntnisse von Ton und Licht sowie ohne schweres technisches Gerät Fernsehen und Hörfunk machen kann. Zu jeder Zeit, an jedem Ort. Erfüllen sich nicht die emanzipatorischen Utopien der Schriftsteller Berthold Brecht und Hans-Magnus Enzensberger?

Der Rundfunk wäre nach Meinung von Brecht der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen. Der Rundfunk müsste demnach aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren. Seine Gedanken brachte Brecht zwischen 1927 und 1932 und bezogen sich natürlich „nur“ auf den Hörfunk. Er dachte an direkte Interaktion mittels Radio über ein funkbasiertes Telefonkonferenzsystem, das die Enträumlichung der Kommunikation möglich machen sollte und zwar live. Visionäre Gedanken in einer Zeit, wo man über Jedermann-Technologie für den Rundfunk noch nicht einmal in Ansätzen verfügte. Radio und später Fernsehen waren schon aus Kostengründen für Otto-Normalverbraucher unerschwinglich. Ganz abgesehen von den regulatorischen Restriktionen, denn auch das gute alte Radio war schon in den 20er- und 30er-Jahren gebühren- und genehmigungspflichtig. Hauptentscheidungsrecht über Programm, Technik und Wirtschaft besass die Deutsche Reichspost (!). Aber selbst im Jahr 1970, als Enzensberger seinen „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ entwickelte, war man noch weit entfernt von den Bedingungen, die wir heute vorfinden. Wie auch Brecht fordert er, dass die Distributionsapparate in Kommunikationsapparate umgewandelt werden. Dazu müssten alle Medien offenstehen. Jeder sollte die Möglichkeit haben, sich ungehindert zu informieren und auszutauschen. Und das gehe nur, wenn man die Trennung zwischen Produzenten und Rezipienten überwindet. Ob die dann produzierten Beiträge dem Gemeinwohl dienen, wie Enzensberger forderte, ist nicht die entscheidende Frage. Der Zugang zu Medien ist wichtiger. Insofern ist Widerspruch angesagt, wenn Medienwissenschaftler wie Joachim Paech die von Brecht und Enzensberger vertretenen Positionen als falsch werten, weil es für die Mehrheit nicht möglich sei, die Technik richtig zu bedienen.

Piratensender mit Videorekorder

Wenn man sich anschaut, welchen Aufwand diverse TV-Piratensender in den 70er Jahren mit simpler Videorekorder-Technik treiben mussten, um über „Open Channel“ einige Häuser im eigenen Stadtviertel erreichen zu können, wird man den Unterschied zu den Optionen von Diensten wie Hangout on Air schnell erkennen. Damals reichte der Radius nur bis zu regionalen Initiativen, Protestaktionen und Nachbarschaftsfesten. Heute ist beides möglich: Jedermann-TV für die Nachbarschaft – also hyperlokale Formate, die beispielsweise der Marketingexperte Günter Greff für seinen neuen Heimatort Perinaldo in Ligurien plant – und Formate mit internationaler Ausrichtung. Mobil und stationär sind die Möglichkeiten zum Senden und Empfangen von Audio- und Videobeiträgen nahezu unbegrenzt.

Fürsten und Geheimnisse

Claus Pias, Professor für Medientheorie und Mediengeschichte, sieht das anders. Die digitalisierte könne man nicht mit Begriffen der Moderne wie Transparenz oder Partizipation beschreiben, die zwischen 1780 und 1830 entstanden sind. Sein Vorschlag: Digitale Kulturen lassen sich eher mit vormodernen Begriffen verstehen. Bei einem Diskurs der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Bonner Kunstmuseum brachte er die Klimaforschung ins Spiel, die ohne die Digitalisierung gar nicht vorstellbar sei.

„Souveräne Fürsten kennen den Typus der nicht verratbaren Geheimnisse“, so Pias.

Das sei heute die Klimaforschung, weil die Wissenschaftler in der Komplexität ihrer weltweiten Software- und Hardware-Verbünde selber nicht mehr wissen, was in den Maschinen und in den teilweise 50 Jahre alten Codes vor sich geht.

„Trotzdem muss man Entscheidungen treffen auf einer Grundlage, die man nicht mehr verstehen kann.“

Wir würden deshalb eine veränderte Gegenwärtigkeit erleben. Ein Verschmelzen von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, einen Absolutismus der Gegenwart, wie es Robert Musil ausdrückte. Reden über die digitale Zukunft seien verfehlt, genauso wie Diskurse über die Beschleunigung, weil die Zeitstrukturen nicht mehr stimmen.

„Die moderne Zeitordnung, die vor rund 200 Jahren entstand, kollabiert“, bemerkt Pias in der DFG-Podiumsdiskussion.

Er spricht von einem eminenten Zukunftsverlust. Man begegnet dauernd sich selbst in einer erschreckenden Erwartbarkeit mit komischen Formen von Rückkopplungsschleifen, die durch Datenspuren entstehen.

„Das Ganze verschaltet sich zu einer breiten Gegenwart.“

Inszeniertes Geheimnis der idiotischen Maschinisten

Pias diagnostiziert Zukunftsverlust

Pias diagnostiziert Zukunftsverlust

Das Arkanum der digitalen Maschinen führt zum Zukunftsverlust? Vielleicht läuft Pias auch nur auf den Leimspuren von inszenierten Geheimnissen? Vielleicht ist die Klimaforschung gar nicht so kosmologisch, wie es der Medienhistoriker skizziert hat? Vielleicht sind die Maschinisten mit ihren Simulationsrechnungen nur so geheimnisvoll, um die Idiotie ihrer Algorithmen zu verbergen? Ein wenig erinnern mich die Pias-Thesen an die prosaischen Gedankenausflüge von Miriam Meckel, die feststellte, dass uns immer mehr Entscheidungen im personalisierten Internet durch Algorithmen abgenommen werden. Auf der Strecke bleiben Zufälle, Überraschungen, Zweifel und Ungewissheit. Was hat uns der arabische Algebraiker Al-Khwarizimi da nur eingebrockt? Merkwürdig nur, dass die digitalen Maschinenräume bislang verschlossen bleiben. Im Wissenschaftsbetrieb kann man das nachvollziehen. Es geht um milliardenschwere Forschungsaufträge. Da hütet man gerne Geheimnisse. Überhaupt nicht geheimnisvoll sind die Mitmach-Technologien des Social Webs, die weit über die Bedienung des Like-Buttons hinweg gehen. Pias reduziert das auf vormoderne Konsens-Rituale von Ständeversammlungen. Was ist mit den 3,5 Billiarden Worten pro Tag, die über soziale Medien veröffentlicht werden? Das ist so viel, wie die gesamte Library of Congress. Ähnliches sehen wir bei Videos und Fotos. Die DFG könnte die nächste digitale Expertenrunde via Hangout on Air live übertragen, damit Claus Pias erlebt, wie intensive die Netzöffentlichkeit ihren Dissens artikuliert.

Wille zur Partizipation nicht mehr aufzuhalten

Wolfgang Hagen hat in dem von Claus Pias herausgegebenen Band „Was waren Medien?“ die Vorzeichen des digitalen Medienwandels besser gedeutet: „

Internet-Computer simulieren nicht Radio und Fernsehen, sie restituieren vielmehr diese Medien von Grund auf neu. Der Computer stellt von daher auch die Frage, was Massenmedien waren und was sie schon in naher Zukunft sein könnten: nämlich vielleicht alles das, was übrig bleibt, wenn die Bildung neuer multimedialer Publika durch das Internet Kontur gewonnen hat. Also vielleicht dann nur noch eine Art Überbleibsel aus einer alten vergangenen Welt, so wie es der Buchdruck mit den Skriptorien des Mittelalters und der Antike gemacht hat.“

Ob der kalifornische Emanzipationsgeist der 60er Jahre nun einer kommerziellen Ausrichtung gewichen ist oder nicht, selbst Google und Co. können den Willen der Menschen zur Partizipation und zum Selbermachen nicht mehr zurückdrehen. Die Asymmetrie von passiven Zuschauern und aktiven Produzenten schwächt sich immer mehr ab. Die Nutzer des Social Webs wollen beides zugleich machen: Lesen und schreiben, empfangen und senden. Und das gilt eben auch für die schwierigste Form des Sendens: Live-Fernsehen.

Ausführlich nachzulesen im Kapitel „Eine bewegende Bilderwelt: Von Gutenberg zur neuen Mündlichkeit im Netz – Hier werden Dinge mit Worten gemacht“ des Buches „Live Streaming mit Hangout On Air: Techniken, Inhalte & Perspektiven für kreatives Web TV“, das am 4. September im Hanser Verlag erscheint. Man kann das Opus schon vorbestellen 🙂

Siehe auch:

Wie verändert die Digitalisierung unser Denken und unseren Umgang mit der Welt?

Digitale Gesellschaft wohin?