Wie man Verhaltenskontrolleure in den Wahnsinn treibt #GegenteilTage

Kybernetische Kontrolle war gestern

Kybernetische Kontrolle war gestern

Instrumente zur Verhaltenskontrolle oder Verhaltensmanipulation werden über kurz oder lang bemerkt. Man erkennt die Absichten und verhält sich absichtsvoll anders. Wolfgang Streeck, Direktor am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, verweist auf die Hawthorne-Experimente (1924 bis 1932). Forscher wollten herausgefunden haben, dass Arbeiterinnen auch ohne Lohnerhöhung schneller und besser arbeiten, wenn man freundlich zu ihnen ist und die Wände gelb anstreicht.

„Aber nachdem sich unter den Beschäftigten herumgesprochen hatte, dass das Management mit seinen guten Worten und der gelben Farbe nur Geld sparen sollte, kam es zu Lohnforderungen und einem Streik“, führt Streeck aus.

Die Geltung derartiger Modelle und Theorien kann durch ihr Bekanntwerden schnell wieder außer Kraft gesetzt werden – und das ist gut so.

Machen wir doch einfach jeden Tag einfach einen Gegenteil-Tag

Gefragt ist deshalb mehr Unberechenbarkeit für das subversive, anarchische und vor allem autarke Protestleben. Das Rüstzeug liefert der Renaissance-Dichter François Rabelais. Nachzulesen in seinem Schelmenstück „Gargantua und Pantagruel“. Das Werk enthält „phantastische und chaotische Auflistungen“ (Umberto Eco), um die engstirnigen Bürokraten, meckernden Hausmeister, Machthaber, Blender, Prahlhänse, Hierarchieverliebten, Phrasendrescher, eitlen Gecken, Heuchler, Verleumder, Vertuscher, schulmeisterlichen Besserwisser und bigotten Status-quo-Verteidiger in den Wahnsinn zu treiben.

Dadaismus

Es ist ein Traktat der fröhlichen Anarchie. Der Held des Romans für unberechenbare Scherze ist Panurge. Den Magistern steckte er Scheißkegel in die Klappenkrempe, heftete ihnen hinten kleine Fuchsschwänze oder Hasenohren an den Rücken oder tat ihnen sonst irgendeinen Schimpf an. In seinem Wams hatte Panurge mehr als sechsundzwanzig Täschchen und kleine Flicken, die waren allezeit einsatzbereit – eine unverzichtbare Ausrüstung für den Flashmob-Aktivisten. Dazu zählen Kletten, mit feinem Flaum befiedert, von Gänschen und jungen Kapaunen; die warf er den biederen Leuten auf Rück und Mützen, und oftmals setzte er ihnen so artige Hörner auf, die sie durch die Stadt trugen, manchmal ihr Leben lang. Dümmlichen Frauen setzte er zuweilen hinten solcherlei Dinger auf die Hauben, jedoch in Form eines Männergliedes. Zum Sortiment zählten auch kleine Tüten, alle gefüllt mit Flöhen und Läusen. Das Geziefer pustete er durch kleine Röhrchen oder Federkiele auf den Halskragen von zimperlichen Zeitgenossen, die er in der Regel in der Kirche fand. In einer anderen Tasche trug er einen erklecklichen Vorrat an Hämen und Haken, mit denen er manches Mal Männer und Frauen aneinander hakte, zumal solche, die feine Taftkleider anhatten. Wenn sie dann auseinander gehen wollten, zerrissen sie ihre Gewänder. Nützlich sind für den Gottesdienst auch Brenngläser. Es bringt so manchen Gläubigen außer Rand und Band und verwischt den Unterschied zwischen einem Kirchgänger, der seine Sünden bereut im stillen Gebet und einem Kirchgänger, der seine Sünden im Stillen begeht.

Nützlich für Panurge sind auch Nadel und Zwirn. So half er einem Franziskaner-Mönch am Ausgang des Palastes beim Ankleiden. Doch während er ihm in die Kleider half, nähte er ihm das Messgewand mit seiner Kutte und dem Hemd zusammen, und als dann die Herren vom Parlamentshof kamen und ihre Plätze einnahmen, um die Messe zu hören, stahl er sich davon. Als der Mönch sein Messgewand wieder ausziehen wollte, streifte er zugleich Kutte und Hemd über den Kopf, die daran festgenäht waren, und stand bis zu den Achseln splitternackt da, zeigte auch aller Welt seinen Zippidilderich, der wahrlich nicht klein war. Und je mehr der Franziskaner zerrte und zog, umso weiter enthüllte er sich, bis einer der Herren vom Hof sagte: „Ei was? Will uns denn der ehrwürdige Pater hier die Opferung und seinen Arsch zum Kuss bieten? Soll ihn das Sankt-Antons-Feuer küssen.“

Hochnäsigen Fräulein streute Panurge Federalaun in den Rücken, sodass sie sich vor aller Welt auskleiden mussten, manche tanzten wie ein Gockelhahn auf Kohlenglut oder wie eine Kugel auf der Trommel, andere rannten wie verrückt durch die Gassen, und er lief hinterdrein. Oder er furzte wie ein Ackergaul, sodass die Oberen sagten: „Aber, aber, Panurge, Ihr furzt ja.“ Er aber erwiderte: „Mitnichten, aber ich spiele die Begleitung zum Gesang, den Ihr mit euren Nasen zum Besten gebt.“

Das Asoziale Netzwerk

Wem die Anarcho-Existenz von Panurge zu anstrengend ist, kann es ja mit dem kommunistischen Känguru von Marc-Uwe Kling probieren. Etwa bei der Gründung eines Asozialen Netzwerks als Anti-Terror-Organisation („Das Känguru-Manifest“, Ullstein Verlag). Gegen den Terror der Schulen und Fabriken, der Medien und der Regierung, der Leitkultur und des Lobbyismus, der Religion und der Wirtschaft. Ein Manifest für das Asoziale Netzwerk ist schnell geschrieben, sagt das kommunistische Känguru und deutet auf das vor ihm liegende Penguin-Buch „Flexibility & Security“: „Ich muss nur Kapitel für Kapital das Gegenteil von dem schreiben, was in diesem BWL-Lehrbuch gedruckt steht.“ Besser hätte es SpongeBob auch nicht ausdrücken können. Machen wir also jeden Tag einen Gegenteil-Tag, das wird den Chef, Lehrer, Professor, Oberbürgermeister, Ordnungsamt-Knöllchenverteiler, Staatstrojaner-Programmierer, Innenminister oder Jägerzaun-Besitzstandswahrer in einen Zustand permanenter Verwirrung setzen.

Siehe auch:
Die Nasenring-Systeme in der Netzwerkgesellschaft.

Über die Kunst des Distanz-Managements – Home Office-Arbeit richtig organisieren

Home Office, dezentrale Arbeit

Distanzen richtig managen

Dezentrale Arbeit ist in Deutschland immer noch ein Randthema und wird von einigen Mythen und Vorurteilen bepflastert. Auf der Arbeitgeberseite und auf der Arbeitnehmerseite. Bei den festangestellten Mitarbeitern gibt es die Befürchtung: „Wenn mich mein Chef nicht sieht, denkt er, dass ich nicht arbeite“. Wer nicht an seinem klassischen Arbeitsplatz sitzt, glaubt, dass seine Leistung von Vorgesetzten nicht wahrgenommen und wertgeschätzt wird.

„Die Tendenz, Beschäftigte lieber im Büro arbeiten zu lassen, ist auf der Arbeitgeberseite beeinflusst von der Tatsache, dass man Führung über Autorität und weniger über Confidence, also Vertrauen, realisiert. Das sind die beiden wichtigsten Angstaspekte: Zum einen die Frage aus Arbeitgebersicht, ob Mitarbeiter ohne Kontrolle überhaupt Ergebnisse leisten und zum anderen, ob Kontrolle außerhalb der Unternehmensgrenzen überhaupt möglich ist“, sagt Thomas Dehler, Geschäftsführer von Value5.

Die Furcht vor sozialer Isolation und der nicht konsequenten Abgrenzung von Arbeit und Freizeit kommen hinzu, wenn in der Öffentlichkeit über Work at Home-Konzepte disputiert wird. Wie viel Erfahrungswissen steckt wirklich hinter diesen Bedenken?

Zwei Gespräche mit Home Office-Mitarbeiterinnen ergeben ein ganz anderes Bild (Namen wurden von der Redaktion geändert). Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für Melanie Stade überhaupt kein Problem:

„Ich bin gelernte Krankenschwester und habe zudem als Selbständige in der Gastronomie gearbeitet. Im Vergleich zu meinen führen Berufen, hatte noch nie so viel Freizeit wie jetzt. Es gibt klar geregelte Arbeitszeiten, die sich in Spätschichten und Frühschichten aufteilen. Ich kann mir die Termine so legen, wie ich sie brauche – etwa für Freizeitaktivitäten oder Arzttermine.“

Es gebe klar definierte Stunden, die man wöchentlich leistet.

„Eine Vermischung von Arbeit und Freizeit findet in unserem Unternehmen nicht statt“, so Stade.

Unter sozialer Isolation leidet sie schon gar nicht:

„Ich bin in einem Rock’n’Roll-Club aktiv, pflege meine Freundschaften, kann in meiner Freizeit soziale Kontakte viel besser organisieren und unternehme sehr viel mehr mit meiner Familie. Mit den Kollegen gibt es einen regen Austausch über Live-Chats, unsere Teamleiter organisieren Treffen und es gibt sogar Betriebsfeiern. Also auch über Home Office-Tätigkeiten funktioniert die Kommunikation mit Kollegen“, sagt Stade.

Arbeiten ohne Flurfunk

Allerdings sieht sie einen großen Unterschied zu klassischen Büro-Formationen: Im Home Office gebe es weniger Konkurrenzdruck, keinen Flurfunk und keine Mobbing-Aktivitäten. Zudem entfällt der Stress im Berufsverkehr:

„Ich war täglich mindestens eine Stunde unterwegs, obwohl ich Arbeitsstellen in meinem Wohnort hatte. Das Auto musste betankt und die Scheiben im Winter frei gekratzt werden, der Stau brachte den Puls nach oben und die Parkplatzsuche ist auch kein Vergnügen. Heute gehe ich in meiner Wohnung eine Tür weiter und bin direkt am Arbeitsplatz.“

Auf dem Konto für Home Office-Pluspunkte vermerkt sie mehr Ruhe und Ausgeglichenheit. Das Prinzip „Ich sitze im Büro, also arbeite“ hält Stade für nicht stichhaltig. Man könne an externen Arbeitsplätzen eine Menge Zeit verplempern, etwa in der Kaffeeküche oder eben schlichtweg mit Bürotratsch.

„Das fällt bei mir weg. Ich nutze die Arbeitszeit effektiver, um die Projektziele zu erreichen.“

Bandbreite ist immer noch der größte Stolperstein

Ein Problem sieht sie bei der mangelhaften Bandbreite in ihrer Region. Hier sollte die Kommune schnellstens Abhilfe schaffen, um die Netzwerkverbindungen, die für Home Office-Tätigkeiten notwendig sind, zu verbessern.

„Das ist zur Zeit der größte Stolperstein.“

Positiv ist auch die Home Office-Bilanz bei Franziska Paschke.

„Ich genieße es, dass ich tagsüber mehr Zeit für Freizeitaktivitäten habe und Dinge erledigen kann, für die ich früher Urlaub nehmen musste. Etwa für die Betreuung meiner pflegebedürftigen Mutter.“

Die Abgrenzung von Arbeit und Freizeit sei überhaupt nicht schwierig.

„Ich weiß immer sehr genau, wann und viele Tage pro Woche Home Office-Arbeit gemacht wird. Danach richte ich meine Freizeit aus.“

Keine Konkurrenz mit Büro-Modepüppchen

Das gehe sehr flexibel im Gegensatz zu ihren früheren Arbeitsverhältnissen. Netto bleibe definitiv mehr Zeit für private Belange übrig. Früher waren es rund zwei Stunden, die Paschke für den Hin- und Rückweg im Auto verbrachte. Da sie mit ihren 55 Jahren mit den Büro-Modepüppchen nicht mehr mithalten könne, bleibt ihr dieser Konkurrenzdruck in den eigenen vier Wänden erspart. Es zähle nur ihre Leistung und nicht das Aussehen.

Zwei Meinungen, die zwar nicht repräsentativ sind, aber dennoch als Indikator für die Vorteile dezentraler Arbeit gewertet werden können.

„In unserer Firma haben wir frühzeitig Strategien entwickelt, um die Mitarbeiter nicht einem Allways on-Stress auszusetzen. Um dieser Gefahr aus dem Weg zu gehen, adressieren wir genau dieses Thema quartalsweise: Und zwar mit Umfragen in der Belegschaft der Festangestellten und räumlich verteilt Beschäftigen. Bisher wurde diese Befürchtung bei uns nicht bestätigt, da wir über ein rotierendes Schichtsystem verfügen, das ganz genau den Einsatz in seiner jeweiligen Art und Weise ankündigt und auch befristet. Darüber hinaus beläuft sich die zusätzliche Arbeitsleistung, die ein Mitarbeiter im Spitzen- oder Bedarfsfall erbringt, auf Eigenmotivation und eigener Opt-in-Entscheidung“, erläutert Dehler.

In der Praxis gebe jeder Mitarbeiter im Vorfeld seiner Beschäftigung an, dass er einen gewissen „Kann-Arbeitszeiten-Korridor” hat.

„Während dieser Periode kann er Arbeit verrichten, wenn wir ihn kurzfristig oder außer Plan benötigen. Dann entscheidet er, ob er auf diese Art von Alarmierung positiv reagiert oder den Alarm einfach vorbeiziehen lässt. Reagiert jemand positiv auf den zusätzlichen Arbeitsbedarf, sammeln wir natürlich Intensivierungs-Vermerke ein. Denn die Flexibilität eines Angestellten wird bei uns immer als treibende Kraft betrachtet und somit auch belohnt“, sagt Dehler.

Was viele Unternehmen noch lernen müssen, sei das Distanz-Management.

„Man braucht nur auf die Analysen des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation zu schauen“, betont Dehler.

Arbeit werde immer mehr standort- und länderübergreifend organisiert, was wesentliche Anstrengungen zur Etablierung des kommunikativen Rahmens, der Orientierung und der Rückmeldung in virtuellen Teams erforderlich macht. Kommunikation müsse professionalisiert werden und die Kommunikationsfähigkeit noch viel mehr ins Zentrum des Trainings von Mitarbeitern und Führungskräften rücken. „Führung auf Distanz” werde immer mehr Regel denn Ausnahme sein.

Siehe auch:

DAS EINZIGE, WAS WIR BEI DEZENTRALER ARBEIT NICHT SCHAFFEN, DIE GEBURTSTAGSTORTE GEMEINSAM ANSCHNEIDEN #HOMEOFFICE

Schwätze heißt Schaffe: Führung auf Distanz will gelernt sein – Warum Unternehmen virtuelle Medienkompetenz benötigen #StreamCamp14

Könnte auch der Video-Kommunikation Aufschwung verschaffen: Yahoo bastelt YouTube-Konkurrenten: Kommt jetzt die Vimeo-Übernahme?

Mythos „Digitale Demenz“: Machen digitale Medien tatsächlich dumm, aggressiv und einsam?