Otto finden wir doch nicht so gut: Über Machtmissbrauch und alte Eliten

Industriepolitik ausmisten

Industriepolitik ausmisten

Wir sollten uns von den alten Regeln des Industriekapitalismus trennen und stärker auf Zugang statt auf Machtkonzentration setzen, fordert brandeins-Autor Wolf Lotter im Interview mit Bloggercamp.tv.

„Aus dem Industriekapitalismus haben wir bis heute einen starren Arbeitstag übernommen, dessen drei mal acht Stunden – Schlaf, Arbeit, Freizeit zur Erholung für die Arbeit – bis heute als normal, manchen sogar als ‚natürlich‘ gelten.“

Die alten Machtinstitutionen lassen ihren Kunden und Käufern nie die Wahl, sondern stellen sie stets vor vollendete Tatsachen. Die Zivilgesellschaft, so Lotter, beruht aber auf Entscheidungs- und Handlungsfreiheit. Abhängigkeit sei kein Geschäftsmodell mehr. Wird heute die Vision der Beat- und 68er-Bewegung Wirklichkeit, aus den kollektivistischen, gleichförmigen und normierten Strukturen ausbrechen zu können, wie es Stewart Brand in seinem berühmten „Whole Earth Catalogue“ demonstrierte? Die Waffe gegen Machtkonzentration heißt Zugang. Zugang zu Wissen, Technologie, zu nützlichen Ideen, die unabhängig machen.

„Wer bessere Produkte will, bessere Unternehmen, bessere Arbeitsbedingungen, der kann das nicht an die Politik delegieren, wie es heute geschieht“, erklärt Lotter.

Das ständige Wegdelegieren führe zwangsläufig zu Machtmissbrauch. Die Zugangsökonomie ist für den brandeins-Autor die Grundlage für Zivilkapitalismus:

„Fast alle Bemühungen und Produkte im Netz haben zugangsökonomischen Charakter. Der Mensch soll sich ausdrücken, kommunizieren, auf Wissen, das vorher verschlossen war, zugreifen können. Social Networks und Suchmaschinen, Blogs und Wikipedia folgen alle diesem Muster.“

Computerexperte müsse man nicht mehr sein, um mit seinem Tablet bei Amazon einzukaufen oder über sein Hobby zu twittern. Damit sei der Computer tatsächlich zur Universalmaschine geworden und das Internet drückt die Vielfalt der Menschen aus, die es gestalten und mit Inhalten füllen. Und das Bewegtbild, live ausgestrahlt, zählt dazu. Wie das Establishment in Deutschland in Wirklichkeit tickt und welche alten Machtapparate die Berliner Politik beherrschen, könnten wir ganz hautnah erleben.

Kurz vor der letzten Lesung des Leistungsschutzrechtes im Bundestag Ende Februar 2013 waren wir der festen Überzeugung, einen echten Medien-Scoop in Bloggercamp.tv zu landen. Unser Interviewgast war der damalige Parlamentarische Staatssekretär Hans-Joachim Otto. Die vertragliche Einigung zwischen Verlegern und Google, die in Frankreich getroffen wurde, könnte auch Vorbild für Deutschland sein, so das Credo des FDP-Politikers.

„Es ist mir allemal lieber, wenn sich die Marktteilnehmer auf vernünftige Regelungen einigen können, auf eine Privatautonomie, als dass der Staat irgendwelche Gesetze schreiben muss“, so Otto.

Die Verleger in Deutschland hätten leider in einer ersten Stellungnahme bekundet, dass das französische Modell für sie nicht infrage kommt.

„Ich denke, die Bundesregierung sollte durchaus mit den Verlegern darüber reden, ob wir nicht doch einen Weg finden, der gewähr- leistet, dass sie ihre berechtigten Interessen durchsetzen und ihren Qualitätsjournalismus auch für die Zukun􏰀 retten, ohne in die Gefahr zu laufen, dass neue Business-Modelle damit erschwert oder abgewürgt werden“, erklärt Otto.

Ein Konzern wie Google wäre noch in der Lage, sich die notwendigen Lizenzen für die Veröffentlichung von Nachrichten zu kaufen. Für junge Unternehmen, die Nachrichtenportale oder News-Aggregatoren betreiben wollen, sehe das anders aus.

„Wenn es zu einer Einigung kommt, dann ist die rechtliche Änderung überflüssig. Eine Vereinbarung ist die Alternative zum Gesetzentwurf. Dazu muss es aber eine Bereitscha􏰀 auf beiden Seiten geben. Und ich kann nur an alle Beteiligten appellieren, dass sie ihren Teil dazu beitragen auszuloten, ob nicht doch eine Regelung auf vertraglicher Ebene die sinnvollere und flexiblere Lösung ist. Der Gesetzentwurf, der von der Bundesregierung eingebracht wurde, hat eine Menge Kritik und Fragen aufgeworfen. Diese Fragen müssen wir seriös beantworten. Es könnte deshalb im Interesse aller Beteiligten sein, wenn wir statt der Gesetzes- maschinerie zu einer Lösung kommen, die einvernehmlich ist“, betont Otto.

Branchenlösungen seien der bessere Weg als starre Antworten des Gesetzgebers, die den technologischen Ent- wicklungen stets hinterherhinken. Allerdings müsste das jetzt schnell gehen, denn die Legislaturperiode endet im Sommer. Es sei jetzt fünf vor zwölf.

„Keiner kann die Hände in den Schoß legen, keiner sollte sich sicher sein, dass die Gesetzesänderung genau so durchgeht, wie sie eingebracht wurde. Es gilt immer das sogenannte Struck ́sche Gesetz: Ein Gesetz kommt immer anders aus dem Bundestag heraus als es eingebracht worden ist. Das kann beim Leistungsschutzrecht auch passieren“, lautete das Fazit von Otto in der Talkrunde von Bloggercamp.tv.

Wir waren überrascht und schickten eine Meldung an die Nachrichtenagenturen raus. Wird sich im Bundestag das Blatt noch wenden, wenn ein parlamentarischer Staatssekretär sich so weit aus dem Fenster lehnt? Von wegen Struck’sches Gesetz. Das „Ja“ der Hinterzimmer-Polit-Funktionäre zu einem Regelwerk, das die Alt-Verleger mit lebenserhaltendem Viagra versorgt, ist die Fortsetzung des Lamento über massive Veränderungen, die mit der Vernetzung von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft zusammenhängen. Es befördert noch einige Jahre die Selbstzerfleischungsrituale, Abmahnorgien und Konservierung von überkomme- nen Geschä􏰀smodellen.

Im digitalen Wettbewerb verlieren wir international immer mehr den Anschluss. Was soll man denn mit Spitzenpolitikern in Berlin anfangen, denen man die Informatik-Aversionen in jeder Sekunde anmerkt? Gleiches gilt für den parlamentarischen Staatssekretär, der im Bloggercamp.tv-Gespräch noch den großen Otto spielte und vor den negativen Folgen des Leistungsschutzrechts für die digitale Wirtschaft in Deutschland warnt und dann bei der Abstimmung im Bundestag brav sein Händchen zur Zustimmung des Springer-Burda-Lobbyisten-Gesetzes hebt. Kleiner Auszug aus dem Kapitel „Jean Paul und das Ideen-Gewimmel mit Hangout on Air“ unseres Livestreaming-Buches, das am 4. September im Hanser-Verlag erscheint.

Kleiner Tipp: Sichert Euch für Oktober das SPECIAL-TICKET für 60 Euro: Beinhaltet die zweitägige StreamCamp-Teilnahme, Getränke und Essen sowie ein signiertes Buch “Livestreaming mit Hangout on Air”!!!!

Advertisements

Schlagwörter:, , , , ,

Es gibt noch keine Kommentare.

Eure Meinung ist gefragt

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: