Hangout on Air wird erwachsen – Über Social TV-Shows und die Graswurzel-Uni

Sarah Wiener im Hangout on Air-Gespräch

Sarah Wiener im Hangout on Air-Gespräch

Social-TV auf dem Niveau einer Magazinsendung zelebrierte Bloggercamp.tv in Live-Hangouts auf der Generalversammlung der GLS Bank im Ruhr Congress. Mit zwei Laptops, zwei Logitech-Kameras, einem Mikrofon mit Behringer-Mischpult und einem Smartphone machten wir in zwei Sendungen in jeweils knapp 30 Minuten Außenreportagen, vorproduzierte Einspieler und Interviews mit Vorständen, Filialleitern, Gründungsmitgliedern der ersten sozial-ökologischen Universalbank, wichtigen Kunden sowie Prominenten wie die Starköchin Sarah Wiener.

Wir stellten Bioprodukte vor und übertrugen eine musikalische Kostprobe vom Schauspielhaus Bochum mit ihrem Singspiel „Bochum“. Redaktioneller Plan, alles drei bis fünf Minuten ein neues Ereignis, unterschiedliche Kameraperspektiven, Regie und Moderation machten das Ganze zu einem abwechslungsreichen Livestreaming-Erlebnis.
Zwei überraschende Reaktionen kamen direkt nach unserem kleinen Experiment:

„Was Sie da gemacht haben mit geringem technischem Aufwand, da hätten wir vom Bayerischen Rundfunk eine Großübertragung daraus gemacht. So viele Gesprächsgäste und dazu noch Außenreportagen. Das ist beeindruckend, was heute mit der Hilfe des Internets möglich ist“, meint ein Wirtschaftsredakteur des BR.

Und ein Konzernsprecher sagte uns:

„Wir machen auch Live-Streams von unseren Bilanzpressekonferenzen. Die Übertragungen kosten ein paar Tausend Euro plus Kamerateam. Aber solche moderierten Live-Shows sind wirklich auch sehr interessant.“

Der Google-Experte Frank Schulz postet:

„Hangout on Air wird erwachsen… Sieht gut aus.“

Die Technik ist noch lange nicht ausgereizt.

„Social TV steckt in den Kinderschuhen. Besser gesagt, die Möglichkeiten und der gewaltige ‚Bums‘ dahinter sind noch nicht im Ansatz erkannt. Das mag mit der mangelnden Beweglichkeit der ‚alten‘ Bewegtbild-Generation zusammen hängen, kann aber natürlich auch mit der natürlichen Angst vor Veränderung und Marktneudefinition erklärt werden. Eines scheint sicher: Die Entwicklungen bei Social TV, Hangout & Co. werden die lokale Berichterstattung und das Segment der Spartensender komplett verändern. Wie sich in diesem Umfeld lokale Tageszeitungen, Radiosender und auch die großen privaten und öffentlichen Sendeanstalten entwickeln bleibt abzuwarten“, kommentiert Frank Michna von der MSWW PR-Agentur.

Denkt man das Thema einmal bis zum Ende, so entwickelt sich hier ein ungeheures Potential, das aber wiederum zu erheblichen Verschiebungen in der uns heute bekannten Berichterstattung führen werde:

„Das Senden und Empfangen wird noch einmal neu definiert, der Live-Charakter stellt ganz neue Anforderungen an alle Beteiligten. Das wird spannend“, so die Reaktion von Michna.

Graswurzel-Uni

Steil nach oben gehen auch die Livestreaming-Angebote für Aus- und Weiterbildung. Dazu zählen Netzwerke von Freelancern, die sich bei Ununi.tv zusammen gefunden haben. Eine Graswurzel-Uni am eigenen Tisch, im Internet, wie Martin Lindner meint.

„Wir nutzen die Live-Hangouts, um Bildung zu ermöglichen und um Menschen auf Augenhöhe zusammen zu bringen“, sagt Anja C. Wagner gegenüber Bloggercamp.tv.

Es geht vor allem um die wechselseitige Fortbildung. Die Gründerin von Umuni.tv hat ein anderes Verständnis Lern- und Bildungsverständnis. Weg von dem klassischen Topdown-Lehrende-Lernende-Ansatz und hin zu einem Lernende-Lernende-Verständnis. Jeder weiß etwas und kann Expertenwissen weitergeben.

„Und genau dafür eignen sich Live-Hangouts hervorragend“, erläutert Wagner. Die sind Themen wie Crowdfunding, Fotografie oder angewandte Improvisation, wo es noch keine formalen Weiterbildungen an irgendwelchen Instituten gibt. „Wir haben so viele gesellschaftlichen Probleme und sollten uns daher bemühen, in den schnellen Innovationszyklen unsere Kompetenzen zu bündeln.“

Wie kann man die kollektive Intelligenz des Netzes für viele Menschen nutzbar machen? Die traditionellen Bildungseinrichtungen versagen auf diesem Feld. Wer erst vier oder fünf Jahre studieren muss, um dann in einem Berufszweig Anerkennung zu genießen, verliert Zeit und startet mit einem veralteten Wissen ins Berufsleben. Der Austausch von Wissen müsse schneller erfolgen, fordert Wagner. Die Qualifizierung müsse on-the-fly möglich sein.

„Mit Hangout on Air haben wir das erste Mal ein System zur Verfügung, was man sich leisten kann. Es kostet nämlich nichts. Ich habe zehn Jahre an der Uni mit Videokonferenz-Technik gearbeitet und das war eine sehr mühsame Angelegenheit. Und das ist auch weiterhin sehr mühsam, wenn man sich auf anderen Systemen bewegt. Insofern ist der Hangout-Dienst ein sehr großer qualitativer Schritt für Nutzer, die nicht über das nötige Kleingeld Verfügung, um sich eine Technologie für mehrere Tausend Euro zuzulegen, wie die Charité. Bei denen macht es natürlich Sinn, weil dort Videoübertragungen auch für Operationen eingesetzt werden. Mit der Hangout-Technologie steht für alle die nötige Infrastruktur zur Verfügung, um neue Formate zu entwickeln.“

Das stecke überall noch in einer sehr experimentellen Phase. Wichtig sei es allerdings, die Chancen der Vernetzung auch zu nutzen und die Digitalisierung anzunehmen.

Kleiner Auszug aus dem Kapitel „Social TV und die Kultur der Beteiligung“ unseres Livestreaming-Buches, das am 4. September im Hanser Verlag erscheint. Gehet hin und erfreut uns mit unendlich vielen Vorbestellungen 🙂

Eine weitere Vorabveröffentlichung erschien im Debattenmagazin „The European“: Über den Piratensender der Regierungschefin.

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  1. Hangout on Air als demokratisierte Form der Salonkonversation #Bloggercamp.tv | Ich sag mal - 17. Juni 2014

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