Deutschland 4.0 – Wie die Digitale Transformation gelingt (Rez.)

deutschland_40Zur Digitalen Transformation sind in den letzten Jahren eine ganze Reihe Bücher  erschienen – einige davon habe ich in meinem Blog besprochen: „Dematerialisierung – Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus“ von Ralf Kreuzer & Karl-Heinz Land; Tim Cole  mit „Digitale Transformation. Warum die deutsche Wirtschaft gerade die digitale Zukunft verschläft und was jetzt
getan werden muss!
 – um nur die zu nennen, die Transformation bereits im Titel führen.
Tobias Kollmann (Prof. BWL u. Wirtschaftsinformatik) und Holger Schmidt (Journalist/Netzoekonom) sind seit langem als Speaker und Autoren zu digitalen Themen bekannt. Autoren empfehlen sich mit solchen Titeln als Experten und Berater – hier geht es offensichtlich um Politikberatung. Bereits der Einband kommt schwarz/rot/golden staatstragend daher. Und es geht ausdrücklich um Deutschland als führende Industrienation, die auch in der neuen Digitalen Wirtschaft ein starker Player bleiben soll.
Seitdem Web 2.0 vor einem Jahrzehnt eine ganz Netzepoche prägte, wurden immer wieder Begriffe mit Versionsnummer in den Raum gestellt. Deutschland 4.0 bezieht sich auf Industrie 4.0, ein Konzept, das von den Autoren übrigens kritisch gesehen wird (vgl. S. 166). Industrie 4.0 und davon abgeleitete Begriffe, wie Arbeit 4.0 und Bildung 4.0 gehen auf die von der Bundesregierung eingeleitete Kampagne Zukunftsprojekt Industrie 4.0, Deutschlands Zukunft als Produktionsstandort sichern zurück. „Industrie 4.0 gilt zwar als Zukunftskonzept der deutschen Industrie zur Absicherung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie, ist aber de facto kaum verbreitet“ (nach dem Strukturreport des  Instituts der Deutschen Wirtschaft, s. S. 71).
Das Buch ist sehr strukturiert, übersichtlich gegliedert. Gesellschaft, Technologie, Wirtschaft, Arbeit, Politik – alles 4.0 – sind die Felder von Analyse und Bestandsaufnahme, wobei Wirtschaft und Politik deutlich mehr Raum zugeteilt wird.

die erste Halbzeit der Digitalisierung verpasst

die erste Halbzeit der Digitalisierung verpasst

Die Geschichte ist die: Deutschland hat „die erste Halbzeit der Digitalisierung verschlafen“ (S. 64), v.a. in der Plattformökonomie hat es den Anschluß verpasst. Plattformen sind die Schlüsselstellen zumindest der aktuellen Digitalisierungswelle.
Transaktionsplattformen sind Mittler zwischen Anbietern und Kunden; Innovationsplattformen bündeln die Entwicklung von Technologien/Produkten.
Plattformen bestimmen insbes. die Spielregeln in Konsumentenmärkten und schöpfen den Großteil des Mehrwerts ab. Nicht nur Amazon und Ebay mit ihren Verkaufsplattformen, AirBnb, Uber zählen dazu, Buchungssysteme, Apple’s Plattform für Entwickler und Facebook als Plattform für Medien, auch Datingportale sind weitere Beispiele: Betreiber stellen die Struktur, auf der Angebot und Nachfrage sich in grösstmöglicher und aktuellster Auswahl finden. Branchen wie der Einzelhandel, Reisemarkt, Hotellerie, Medien, Liefer- und Transportdienste u.v.m. wurden längst von diesen Digitalisierungsschüben erfasst. Das ist die digitale Gegenwart.

Digitalisierung greift in die Kernbranchen deutscher Wirtschaft

Die nächste Digitalisierungswelle greift über auf die Kernbranchen der deutschen Wirtschaft und wird auch hier zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor (vgl. S. 69). Für diese zweite Halbzeit gilt: „Wenn Deutschland die Produktionstechnologie- Abteilung der Welt bleibt, dann haben wir viel erreicht. Auf dieses Ziel arbeiten wir hin.“ Ziel sei es, ,,auch künftig die Welt mit Maschinen zu beliefern, die aber intelligent sind„, so Siemens CTO /Russwurm (S.70). Selbstfahrende Autos, intelligente Roboter, aus der Ferne zu steuernde Maschinen, das Internet of Things (IoT), datengetriebene Industrie und 3D- Druck,  SmartHome, Fintech, E-Health sind die Themen. Letztendlich geht es um die digitale Wettbewerbsfähigkeit der klassischen Industrie, des Mittelstandes und von Start-Ups. Das ist die digitale Zukunft.
Im Kapitel Politik 4.0 werden die Anforderungen an die einzelnen Politikfelder – Infrastruktur-, Bildungs-, Wirtschafts-, Arbeits- und Europapolitik – Schritt für Schritt durchdekliniert. Hervorheben lassen sich das Bekenntnis zum Prinzip Netzneutralität, die Einbindung digitalen Wissens in den Bildungskanon, Unterstützung von Start-Ups und die digitale Aktivierung des Mittelstandes, flexible Beschäftigung und die Einbindung in eine europäische Perspektive.
Gegenüber den Ausführungen v.a. zu Wirtschaft und Politik fällt das Kapitel Gesellschaft 4.0 deutlich ab. Die Wechselwirkung von gesellschaftlicher, technischer und wirtschaftlicher Entwicklung, die Transformation gesellschaftlicher Systeme ist wohl ein eigenes Thema. Konzepte wie Networked Sociality und Vernetzter Individualismus kommen nicht vor.
In der bisherigen Resonanz wurde Deutschland 4.0 ziemlich einhellig positiv bewertet. Das Buch enthält in kompakter Form die wesentlichen Themen des Digitalen Wandels. Mit einem 25- Punkte Programm zur Digitalen Transformation schließt das Buch ab.
Ein wenig irritiert die durchgehende 4.0 Rhetorik. Zwar setzen sich die Autoren von Industrie 4.0 ab – doch sind die davon abgeleiteten Begriffe in allen Kapiteln präsent. 4.0 tritt uns auch in zahlreichen Publikation von Bundes- und Landesregierung NRW entgegen, zuletzt ein Weißbuch Arbeiten 4.0.  Der Begriff soll auf eine vierte industrielle Revolution verweisen – und bringt damit jeweils die Fragen mit sich, was denn nur die zweite und die dritte gewesen sei. Ob der Begriff als weitverbreiter Slogan glücklich gewählt ist, ist fraglich.
Manche Leser sehen in Deutschland 4.0. nicht nur eine Betriebsanleitung für Digitale Transformation, sondern gleich eine Bewerbungsgrundlage für regierungsamtliche Aufgaben als Minister oder Staatssekretär für Digitales – man wird sehen …. klausmjan
Kollmann, Tobias & Schmidt, Holger: Deutschland 4.0 Wie die Digitale Transformation gelingt. Springer Gabler, Wiesbaden 2016, 186 S. 24,95 €.
Nebenbei: Wenn auch Titel zur Digitalisierung vornehmlich als gedrucktes Buch verbreitet werden, dann zeigt das die Resistenz des Mediums Buch gegenüber digitaler Transformation an. 

Wie man eine gemeinwohlorientierte (Netz-)Ökonomie schaffen kann @HeynkesJ #KönigvonDeutschland

KönigvonDeutschlandDer Unternehmer Jörg Heynkes wird bei den Landtagswahlen im Mai 2017 im Wahlkreis Wuppertal II als unabhängiger Kandidat antreten.

„Ob Klimawandel oder die rasanten technologischen und gesellschaftlichen Veränderungsprozesse: es braucht mehr Erfahrung, Wissen, Kommunikation, Empathie und Steuerung – und zwar endlich auch dort wo entschieden wird, im Parlament. Damit Politik wieder Lösungen entwickelt die nah bei den Problemen der Menschen sind und auch verstanden werden können. Ich will das Unmögliche möglich machen“, erklärt Heynkes.

Auch wenn seit 60 Jahren alle Direktmandate in NRW immer nur an Kandidaten von SPD und CDU gingen. Heynkes will beweisen, dass auch ein unabhängiger Bürger das Mandat zur Arbeit im Parlament bekommen kann. So utopisch klingt das gar nicht. Und wer das Unmögliche möglich machen will, ist prädestiniert, um als Interviewgast bei unserer ersten Folge des Utopie-Podcast #KönigvonDeutschland mitzumachen.

Drei Fragen stehen an, die wir in jeder Folge besprechen wollen:

Was bewegt Dich?

Welche Zukunft siehst Du?

Was würdest Du machen, wenn Du König von Deutschland wärst?

Man hört sich 🙂

Mehr Kant, weniger Algorithmen

Gigerenzer

Professor Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, rief in einem sehr interessanten Impulsvortrag auf der re:publica die Netznutzer dazu auf, dem Credo des Philosophen Kant zu folgen: Aufklärung ist der Ausweg des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Und die Unmündigkeit besteht bei vielen Menschen darin, sich nicht seines eigenen Verstandes und Wollens zu bedienen. Gefordert sei eine aufklärerische Algorithmen-Kompetenz. Was die algorithmischen Variablen für Wirklichkeitsmanipulationen produzieren, bleibt in der Regel ein Geheimnis der mathematischen Konstrukteure. Dabei versagen die Systeme in schöner Regelmäßigkeit, wenn es um Vorhersagen geht. So ist der beliebteste Showcase, der von jedem Big Data-Heizdeckenverkäufer präsentiert wird, in sich zusammen gebrochen.

Google Flu Trends verschwinden von den Vortragsbühnen

Gigerenzer erwähnt die Google Flu Trends, die in den vergangenen Jahren dramatisch falsch lagen, weil die Suchabfragen keine eindeutigen Korrelationen mehr zuließen. Generell ist es eine Schwäche der Big Data-Algorithmen, reine Korrelationen zu rechnen und keine Kausalitäten.

„Diese Systeme können nicht denken,“ so Gigerenzer.

In Momenten, wo etwas Unerwartetes passiert, kommt es zu irreführenden Prognosen.

Besonders fragwürdig und gefährlich wertet Gigerenzer die das so genannte Big Nudging. Also eine Kombination von Big Data mit Nudging-Steuerung. Der Staat versucht, die Bürgerinnen und Bürger in die richtige Richtung zu lenken, ohne gesetzgeberische Hebel anzusetzen.

Die Regierungen in den USA und Großbritannien verfügen über Nudging-Teams, die täglich das volkspädagogische Steuerrad bewegen. Menschen seien einfach nicht in der Lage, Risiken richtig einzuschätzen, so dass sie ein wenig angestupst werden müssen.

Google und die KP-China

Der chinesische Staatsrat hat Nudging mit Big Data verbunden und einen harmlos klingenden „Social Citizens Score“ eingeführt, der über die kommunalen Regierungsvertreter flächendeckend zur Anwendung kommen soll. Basis für die Korrektheitsberechnung ist der Sesame Credit Score der Ant Financial Services Group, einer Tochtergesellschaft von Alibaba. Neben der finanziellen Kreditwürdigkeit kommen Variablen zur Berechnung der sozialen und politischen „Kreditwürdigkeit“ in den Algorithmus des Plattform-Betreibers rein. Die Kommunistische Partei China macht das sehr transparent, so dass jedem Schäfchen des Landes klar ist, was die Parteiführung von „ihrem“ Volk erwartet. Man kann in dem „moralischen“ Dokument der KP nachlesen, was zu einem schlechten Score-Wert führt. Ähnliches hat der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt formuliert:

„Wenn wir etwas tun, was andere nicht wissen sollten, dann sollten wir es besser nicht tun.“

Gigerenzer verortet erstaunliche Parallelen zwischen Google und der KP China. Am Ende bleibt dann nur noch vorauseilender Gehorsam, um den Regeln der volkspädagogischen Algorithmen zu folgen.

Wie beim Denunzianten-Bonussystem-Programm YouTube Heroes.

Digitaler Wandel und Digitale Transformation

Derzeit kursieren zwei Schlagworte: Digitaler Wandel und Digitale Transformation. Worin besteht der Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen? Beide Begriffe werden oft synonym verwendet, haben aber unterschiedliche Bedeutungshintergründe. Weder Wirtschaft noch Gesellschaft sind statisch. Wandel ist Normalzustand. Digitalen Wandel erleben wir seit mehreren Jahrzehnten in verschiedenen Stufen.

Transformation ist der komplexere Begriff. Er geht zurück auf den der ungarisch-österreichischen, später in die USA emigrierten Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Karl Polanyi (1886 – 1964). In seinem Hauptwerk „The Great Transformation“ bezeichnete er damit die Umstrukturierung der spätfeudalen, agrarischen Gesellschaft zu einer Industriegesellschaft mit reinen Marktgesetzen im England des späten 18. und des 19. Jahrhundert.

Wenn man es genau nimmt, steht Transformation für zwei Bedeutungen. Zum einen die Umstrukturierung in Wirtschaft und Gesellschaft, die durch die Digitalisierung ausgelöst wird. Das geschieht ohnehin. Es entstehen neue Branchen, neue Geschäftsmodelle, auch neue Fertigungsmethoden (z.B. 3 D-Druck). Einige Unternehmen und ganze Wirtschaftszweige werden verschwinden, weil sich das Umfeld verändert.

Zum anderen wird so auf der Ebene der einzelnen Unternehmen der zielgerichtete Einsatz von Maßnahmen bezeichnet, die die eigenen Wertschöpfungsprozesse unter Einsatz von digitalen Technologien neu- bzw. umgestalten sollen. In diesem Sinne ist Digitale Transformation im wesentlichen ein Fall von Change Management. Ob das in jedem Fall gelingt, ist ungewiss. Sicherlich ist dies ein umfangreiches und manchmal umkämpftes Feld von Beratungsdienstleitungen.

Kritik an dem Begriff der Digitalen Transformation weckt die Illusion, dass damit ein Prozess eingeläutet wird, der dann auch irgendwann abgeschlossen ist.

Jedes Unternehmen, jede Organisation hat das Bestreben, seinen Markt und seinen Einfluss beizubehalten. Aber wir haben in der Digitalisierung jetzt eine Stufe erreicht, auf der sich Organisationsformen verändern. Die Art, wie wir miteinander kommunizieren und wie wir zusammenarbeiten, hat sich verändert. Konsequenz der Digitalisierung von allem ist die Vernetzung von allem. Prozesse und Transaktionen sind auf ganz andere Weise steuerbar.

Nehmen Sie beispielsweise die Plattformen. Der Anbieter stellt nur die Plattform zur Verfügung, hat aber weiter mit den Produkten und Dienstleistungen nichts zu tun. Ebay ist ein frühes Beispiel dafür, auch Amazon betreibt Plattformen. Ebay verkauft selber nichts. Das Unternehmen stellt nur die Plattform zur Verfügung, auf der sich Käufer und Verkäufer treffen. Dieses Prinzip sehen wir immer wieder. Eine strukturierte Firma als eine Einheit von Planung, Produktion und Management ist für den Handel mit Gütern und Dienstleistungen in vielen Fällen nicht mehr erforderlich. Viele Unternehmen werden digitalisiert und dematerialisieren ihre Leistungen. Diese Strukturveränderungen finden wir  überall wieder. Letztlich geht es darum, wie bestimmte Nachfragen, auch z.B. in Bildung, nach Mobilität, erfüllt werden.

Von Digitalisierung können wir schon seit den 1980er Jahren sprechen. Das begann mit der Textverarbeitung, mit der Einführung der CD, in der Popkultur mit Computerspielen, elektronischer Musik. Um eine Nachricht zu versenden brauchte man irgendwann keine Briefmarke mehr zu kaufen. Die E-Mail war billiger und einfacher. Niemand mußte z.B. mehr mit Tippex hantieren, Schriftstücke und andere Dokumente können wir ganz einfach korrigieren, ablegen und immer wieder verwenden. So begann die Digitalisierung der Medien: Text, Bild, Ton, Bewegtbild und jetzt auch Life- Streaming.

Das Internet verbreitete sich seit Mitte der 1990er Jahre. Interessant ist die Beobachtung der Leitbegriffe, mit denen wir darüber sprachen: In den 1990er Jahren war es der abenteuerliche Cyberspace, um die Jahrtausendwende die spekulative New Economy, später das partizipative Web 2.0. Social Media verbreitete die Dienste und Plattformen, die die öffentliche Kommunikation veränderten und machte sie jedem zugänglich. Gleichzeitig verbreitete sich mit der mobilen Revolution das Internet im Alltag, weltweit. Es wanderte quasi vom Schreibtisch in die Hände und wurde damit allgegenwärtig und spontaner. Seit einigen Jahren sprechen wir vom Digitalen Wandel und von der Digitalen Transformation. Dahinter steckt allerdings mehr als ein Wandel von Begriffen und Themen. Menschen gewöhnen sich an Veränderungen und nutzen sie. Man nennt es „Habitualisierung“.

Wandel bietet immer wieder Anlass zur Sorge: Wer ist der Gewinner, wer ist der Verlierer. Es gab immer wieder öffentliche Diskussionen über den Verlust von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung. Man denke zurück an die frühe Digitalisierung in der Druckvorstufe: der angesehene Beruf des Schriftsetzers war nach einigen Jahren verschwunden. Immer wieder wurden ganze Branchen und Wirtschaftsbereiche umgekrempelt, die Musikindustrie ist ein weiteres bekanntes Beispiel. Arbeitsplätze und damit soziale Sicherheit, wie wir sie gekannt haben, werden verschwinden –bei steigender Produktivität. Hier liegt eine Aufgabe von Politik und Zivilgesellschaft.

Heute sind digitale Techniken omnipräsent und können sich miteinander verbinden. Das ist erst durch das Internet und durch die entsprechenden Bandbreiten möglich geworden. Die Digitale Transformation, von der wir heute sprechen, umfasst erstmals alle Wirtschaftsbereiche. Wir haben eine Schwelle erreicht, ab der digitale Strukturen die Organisationsformen von gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Leben berühren. Das müssen wir begreifen und wir können es gestalten.

 

 

 

Grundgesetz oder AGB-Willkür – freie Netzöffentlichkeit oder Hausrecht?

denunzianten

Das Internet ist der Dorfplatz der Moderne – doch weil dieses neue Dorf global ist, gelangen die alten Modelle an ihre Grenzen. Es ist an der Zeit, transparent zu ermitteln, welche Regeln in der neuen Netzöffentlichkeit gelten sollen.

Dürfen Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB) von Internet-Giganten wie Google oder Facebook den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs im Netz beeinflussen? Diese Frage verhandelte vor ein paar Jahren ein Expertenpanel auf der re:publica unter dem Titel: „Der digitale Dorfplatz: Privat oder öffentlich?“.

Kommerzielle Plattformen könnten sich zu einem Rohrkrepierer für virtuelle Menschenrechte entwickeln, wenn Accounts willkürlich gelöscht oder geschäftspolitisch über die Zulässigkeit von Meinungsäußerungen entschieden wird. Es muss ja nicht gleich das von Sascha Lobo ins Spiel gebrachte Profilbild mit erigiertem Penis sein, der zu einem Exitus der eigenen Facebook-Präsenz führt. Nacktheit bringt bei amerikanischen Konzernen auf Knopfdruck die Hohepriester von Sittlichkeit und Moral auf den Plan. Aber genau hier muss der Meinungsstreit anfangen. Beispielsweise über die anmaßende Haltung von Infrastruktur-Anbietern, die uns den Zugang zum Internet gewähren und nach Gusto wieder nehmen können.

Neue Definition von Öffentlichkeit im Netz

Man müsse im Netz zu einer neuen Definition von Öffentlichkeit gelangen, so Sascha Lobo. Dass Twitter, Facebook und Google öffentlich seien, dürfte wohl unbestritten sein. Aber sind sie auch Öffentlichkeit? Hier gebe es große Unterschiede zwischen den USA und Europa.

„Es gibt in Europa das Gefühl der Öffentlichkeit auf einem Platz. Das ist historisch entstanden. Da wurde dieser alte Marktplatz irgendwie zusammengemorpht. Bei der Dorf-Metapher schwingt die Allmende mit. Das ist ja etwas, was alle benutzen können und allen gehört. Und der Marktplatz ist etwas, wo eine Öffentlichkeit stattfindet. Der Besitz ist dabei zweitrangig – ob nun staatlich oder privat. Genau so eine Definition der Öffentlichkeit brauchen wir für die digitale Welt. Wenn ich postuliere, Facebook ist Öffentlichkeit, dann ist das eine emotionale Definition“, sagt Lobo.

Hier gibt es einen Grundkonflikt, zwischen dem Gespür der Plattformnutzer und den juristischen Tatsachen.

Lawrence Lessig hat den Spruch geprägt „Code is Law“:

„Genau das muss der Kern der neuen Debatte sein. Wir müssen Gesetze haben, um den Raum und die Funktion der Öffentlichkeit zu fassen. Das geht bis zum preußischen Wasserrecht, wo Öffentlichkeit an Seeufern definiert wurde. Da gibt es Tausende von Fragmenten, die gesetzlich festgelegt haben, wie diese gesellschaftliche und politische Funktion der Öffentlichkeit zu wirken hat. Und jetzt kommen wir in eine Phase, die über Code geprägt wird“, betont Lobo.

Mit den alten Metaphern würde man scheitern. Das Gefühl, dass Twitter eine Öffentlichkeit repräsentiere, stimmt und stimmt doch nicht ganz. Man brauche für eine Lösung des Problems wohl Spezialisten aus verschiedenen Disziplinen: von Ethik, Recht bis Technologie. Etwa eine Ethik-Kommission für virtuelle Öffentlichkeit. Man benötige einen fairen Interessenausgleich.

Ansonsten spitzt sich die Frage zu, ob nun das Grundgesetz gilt oder die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Facebook & Co. die Netzöffentlichkeit regeln. Wenn der politische Meinungsbildungsprozess auf privaten Servern stattfindet und Mark Zuckerberg nach Lust und Laune virtuelle Existenzen ein- oder ausschalten kann, dann sieht man das Konfliktpotenzial für die Gesellschaft. Hier brauchen wir neue Regeln und zwar international. Sascha Lobo brachte die UN ins Spiel. Und in der Tat geht es um ein völkerrechtliches Problem. Es geht um Weltfragen.

Das scheint aber bislang keine Wirkung zu haben. Im politischen Diskurs zeigt man einfach mit dem Finger auf die Silicon Valley-Konzerne, die für Recht und Ordnung zu sorgen haben.

Strafbare Inhalte im Internet werden noch immer „viel zu wenig und viel zu langsam“ gelöscht, bedauert beispielsweise Bundesjustizminister Heiko Maas.

„Von den strafbaren Inhalten, die User melden, löschte Twitter gerade einmal ein Prozent, YouTube nur zehn und Facebook 46 Prozent. Das ist zu wenig“, so Maas.

Welche Rolle spielt dabei eigentlich noch das Gewaltmonopol des Staates, welche Funktion nehmen Exekutive und Judikative in dieser Aufforderung zum Löschen wahr? Maas macht die Social Web-Plattformen zur Ersatzpolizei und stärkt damit die AGB-Willkür.

Wo das Wächteramt der Plattform-Betreiber hinführen kann, zeigt das Beispiel YouTube Heroes 😦

World Café – Transformation der Systeme #iw7

Hashtag

Der Fliegende #Hashtag über Köln

Jedes Jahr  im Herbst, in der letzten Oktoberwoche, startet die Internetwoche Köln. Mittlerweile bei Nummer 7 angelangt und diesmal mit dem Untertitel „Das Festival für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft„. Beteiligt sind Akteure der digitalen Szene Köln: StartUps und andere Unternehmen, Hochschulen, öffentliche Einrichtungen, Verbände, Anwaltskanzleien (!) und unabhängige Veranstalter. Insgesamt gibt es unter der Dachmarke Internetwoche Köln >100 Diskussionen, Workshops, Fachvorträge, Netzwerkrunden  und auch ein Frühstück – meist kostenlos, dank Sponsoring und Eigenarbeit der Veranstalter. Auch das Netnocamp im Jahre 2010 fand übrigens im Rahmen der ersten Internetwoche Köln statt.

Am Dienstag, den 25.10. gibt es unter dem Titel Transformation der Systeme – Wie digitaler Wandel Systeme verändert, die unseren Alltag bestimmen“,  eine  „Gemeinschaftsproduktion“ in den Räumen der IHK Köln. „Gemeinschaftsproduktion“ von fünf Experten aus der „Online-Szene“:  Claudia Schleicher (Prozessbegleitung/Facilitating, OpenSpace Methoden), Pirmin Vlaho (Bildung), Gunnar Sohn (Wirtschaftsblogger, Live-Streaming Pionier), Ibo Mazari (Gamification, Digital Signage) und Klaus Janowitz (Netnographie, Digitaler Wandel).

Dass Digitaler Wandel bzw. Digitale Transformation genauso ein gesellschaftlicher und kultureller wie ein wirtschaftlicher und technologischer Prozess ist, ist mittlerweile Allgemeingut. In zahllosen Diskussionen geht es um Veränderungen in der Arbeitswelt, in Bildung und Mobilität, im Handel, den Medien und in den grundlegenden Mustern von Vergemeinschaft und gesellschaftlicher Organisation.
Immer wieder treten dabei eine Reihe von Prinzipien hervor: Konnektivität als Möglichkeit der Verbindung zwischen Menschen, Dingen und Prozessen, Personalisierung als Möglichkeit der persönlichen Zuordnung – oft automatisiert mittels Algoritmen. Schließlich das Matching bei gelingender Verbindung. Ein von uns vertretener Leitgedanke ist dabei das Konzept der Vernetzten Sozialität/Networked Sociality, damit verbunden ist u.a. das Bild eines Neuen Sozialen Betriebssystems. 

Café du monde

Café du monde

Ein solches Thema soll nicht allein mit aufeinander abfolgenden Vorträgen von Experten + Diskussion auf Wortmeldungen abgehandelt werden.
Wir geben Impulse – mit dem Open Space Format World Café beziehen wir die Teilnehmer ein. World Café bietet Gelegenheit, mit den im Raum versammelten Kompetenzen Szenarien zu entwickeln und – gerne auch kontrovers – zu diskutieren.
Zu fünf Themenfeldern (Arbeit, Bildung, Handel, gesellschaftliche Organisation, Netzökonomie, evtl. auch Mobilität) werden Thementische eingerichtet, an denen zu drei jeweils gleichen Fragestellungen Szenarien entwickelt und  Haltungen dazu formuliert werden. Nähere Informationen,  sowie einige Kurzvideos zu den Themenfeldern werden wir einige Zeit vorher auf der Facebook- Seite zum Event veröffentlichen.

Zukunftsforscher (und „Erfinder“ des Megatrend– Konzeptes) Matthias Horx  äußerte sich kürzlich skeptisch zur Zukunftsgläubigkeit der Digitalisierung. Sicherlich ist Digitalisierung nicht der einzige Antrieb der Entwicklung, sie ist verbunden mit anderen Innovationen und langfristigen gesellschaftlichen Entwicklungen und Prozessen. Die Verbreitung des Internet und die Digitalisierung der Medien bietet aber die Infrastruktur durch die solche Entwicklungen wirksam werden. Somit sprechen wir zu Recht von Digitalem Wandel und Digitaler Transformation (zu den beiden Begriffen habe ich im Mai einen Blogbeitrag geschrieben).

iw7_banner-silhouette_rgb_100Wir erwarten einen spannenden Nachmittag und freuen uns auf zahlreiche und engagierte Teilnehmer.
Um frühzeitige Anmeldung wird gebeten – die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Ein Klick auf die nebenstehende Graphik führt zum Anmeldeformular (bitte runterscrollen). Falls Ihr am 25.10. doch verhindert seid, gebt bitte eine Nachricht, so dass andere nachrücken können.

#SocialTV mit Hangout on Air weiterhin möglich – Ergebnisse auf der IBM BusinessConnect #ibmbcde

Mobiles SocialTV-Studion beim #ibmbcde

Mobiles SocialTV-Studion beim #ibmbcde

Nachdem Hangout on Air als Google+-Dienst am 12. September abgeschaltet wurde, war es am Tag danach für mich eine kleine Nervenanspannung, wie man mit den vorgeplanten Live-Hangouts nun zurecht kommt.

Am Vormittag hatte ich dann so rund 30 Minuten Stress bei der Vorbereitung. Dann aber lief es wieder gut.

Wie man damit jetzt umgehen kann, habe ich über Facebook Live erläutert 😉

Hier die Hangout-Variante.

Und hier die SocialTV-Interviews auf der IBM BusinessConnect. Alles gut gelaufen 🙂

Man hört, sieht und streamt sich. Auch in eBook-Form.

Einzelhandel in Deutschland: Blumenkübel-Romantik mit #Heimatshoppen Luftballons

Tolle Kampagne

Tolle Kampagne

Den Lautsprechern des deutschen Einzelhandels dämmert so langsam, dass Amazon wie ein Staubsauger die Umsätze aus allen Handelssparten wegsaugt. 2011 hatten viele Händler noch gehofft, dass sich das Internet hierzulande nicht so negativ auf ihre Umsätze auswirken werde wie etwa in den USA – gleiches trällerten ja die Verleger. Nun greift man zu „Gegenmaßnahmen“. Das nennt sich dann beispielsweise „Heimatshoppen“

Aber wie sehen die Gegenmaßnahmen im Netz aus? Existieren Apps für mobile Geräte? Wie ist der Kontakt zu den Kunden im Social Web? Wie schnell werden Kundenanfragen auf Facebook beantwortet? Funktioniert der Onlineshop? Taucht das Unternehmen in den Suchmaschinen weit oben auf – und reagiert es schnell auf Kundenanfragen? Wie gut sind die Bezahlsysteme? Und, und, und.

Kunden erwarten im Netz schnellere Lieferung, bessere Beratung und personalisierte Informationen. Kein umständliches Herumsuchen, keine komplizierten Shop-Systeme, schnelle Bestellung, einfache Handhabung. Und was ich an Amazon so interessant finde: Alles aus einer Hand. Das hat Professor Peter Wippermann im ichsagmal-Interview so schön auf den Punkt gebracht: Amazon taucht in den deutschen Handelsstatistiken gar nicht auf. Der Online-Händler entzieht sich der Branchen-Segmentierung:

„Das hängt damit zusammen, dass es eben ein ganz anderes System ist. Amazon geht nicht über Branchen, sondern es geht über die individuell massenhafte Beziehung zu Kunden“, betont Wippermann.

Deshalb sind die Gegenargumente von Lobbyisten des Handels so luschig: So werden etwa Online-Bestellungen bei Media-Markt überwiegend in einer Filiale abgeholt. Diese Verknüpfung könne Amazon nicht bieten. Lachhaft.

Das mag ja für Elektronikmärkte mit einer nicht überzeugenden Online-Präsenz der Fall sein. Diese Verknüpfung ist mir als Kunde allerdings völlig wurscht, weil ich keine Lust habe, mich durch die Stadt mit dem Auto zu quälen, um eine Bestellung bei einem Filialisten abzuholen. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Wer Filialen vorweisen kann, sollte seinen Allerwertesten zu den Kunden bewegen und Waren vorbeibringen.

„Das klassische Ladengeschäft muss nicht mehr Teil des Distributionsnetzes sein. Als Konsument möchte ich nur die allernötigsten Artikel an Ort und Stelle mitnehmen. Was darüber hinausgeht, soll mir nach Hause gebracht werden. Statt weit zu fahren, damit ich zu einem großen Sortiment komme, werde ich zu einem Showroom gehen, wo man mir das ganze Sortiment zeigt – echt oder virtuell“, sagt Moshe Rappaport, Experte für Technologie- und Innovationstrends.

Es müssten nicht mehr alle Artikel im Laden vorrätig sein. Es reiche vollkommen aus, alles zeigen zu können. Nicht mehr das Produkt steht im Vordergrund, sondern der Service. Bislang passiert genau das Gegenteil. Auf die Ausdünnung der Innenstädte, wo ganze Shop-Gruppen wie Musikgeschäfte, Videotheken, Buchläden oder Elektronik-Filialen verschwinden oder ein kümmerliches Dasein fristen, reagieren die Funktionäre des Handels mit Kundenbeschimpfung und protestieren gegen den Beratungsklau via Smartphone und Co.: Ins Geschäft gehen, Produkt scannen und im Internet das günstigste Angebot einkaufen. Wo käme man da hin? Wie wäre es mit einem großen Warnschild mit einem übergroßen Mobilfunkgerät mit der Aufschrift „In diesem Geschäft muss ich draußen bleiben“ oder so ähnlich.

Das wäre doch die richtige Jägerzaun-Abschottungsvariante, die man auf der Verlagsseite mit dem Leistungsschutzrecht realisiert hat.

Und wie schaut denn das Heimatshoppen-Erlebnis in meiner Fußgängerzone in Bonn-Duisdorf aus? Da werde ich kompetent bedient von acht Friseuren, vier Bäckereien, sechs Optikern, vier Döner-Grillmeistern und der üblichen Zahl an Telefon-Inkompetenz-hier-können-Sie-nicht-kündigen-Zentren. Nicht zu vergessen die unverzichtbaren Sonnenstudios mit ihren ganzjährig gut durchbräunten Beraterinnen, den obligatorischen Nagel-Fußpflege-Haarverlängerungs-Tempeln und Massage-Salons mit den Verkaufsschildern „Ohne Erotik“.
Was für eine Fachberatung bietet denn das Verkaufspersonal in den Fußgängerzonen-Läden?

Wirkliche Profiberatung finde ich eher in Foren, YouTube-Filmen und bei den Kundenbewertungen im Netz, wenn sie nicht von irgendwelchen blöden Agenturen gefälscht werden. Preisvergleiche über spezielle Apps sollten für Verkäufer eher ein Ansporn sein für besseren Service und nicht mit Smartphone-Verboten beantwortet werden.

Deshalb ist auch die Anbieter-Diktatur von Markenartiklern und Fachhändlern ein hoffnungsloses Unterfangen, die wegen der „Beratungsintensität“ ihrer Produkte den Onlinehandel unterbinden wollen. Beratung bekomme ich über virtuelle persönliche Assistenten, die meine Einkäufe optimieren, Produkte und Dienstleistungen bewerten und über die Expertisen anderer Kunden informieren. Unternehmen, die mit ihren vernetzt organisierten Kunden nicht mithalten können, verschwinden vom Markt. Da hilft auch die Blumenkübel-Romantik mit Heimatshoppen-Luftballons vor den Läden nicht weiter.

Vom Niedergang des homo hierarchicus

Banner-Kreation von Isabel Morales Rey

In vielen Unternehmen herrschen nach Auffassung des Organisationsexperten Guido Bosbach auf allen hierarchischen Ebenen Grund- und Glaubenssätze vor, die einen Wandel von innen heraus schlichtweg verhindern. Misstrauen und intransparente Geheimnistuerei statt Vertrauen und einer offenen Kommunikation auf Augenhöhe seien die Folgen. Ein Fundament auf dem kein kritischer und wichtiger digitaler Wandel erfolgreich gedeihen kann.

Die von Bosbach ins Spiel gebrachte Hilfestellung bezieht sich weniger auf Change-Lehrbuchwissen, als auf die Fähigkeit, Kommunikation im Netzwerk zu moderieren und ein Gefühl dafür zu haben, zu welchem Zeitpunkt welcher Impuls angebracht und richtig ist. Das passt aber nicht zur Denke jener Führungskräfte, die ihre Organisation nur auf Effizienz trimmen wollen.

Für eine erfolgreiche Veränderung kommt es nicht nur darauf an, Fakten zu vermitteln, erfolgskritisch ist es, Menschen emotional zu erreichen und für den Wandel zu begeistern. Betrachtet man allerdings die in der Praxis angewandten Methoden, so überwiegt die fachlich-sachliche Ansprache entlang der etablierten Hierarchiestrukturen.

Zu beobachten ist das Substrat einer pseudo-modernen Organisation, entworfen auf dem Reißbrett von Planungs- und Prozessfanatikern. Zum Lieblingsvokabular vieler Manager zählen Ziel, Optimierung, Strategie, Change, Projekt, Performance, Evaluation und der berühmte Prozess. Eine semantische Powerpoint-Brühe, die das bürokratisch-industrielle Büroleben prägt – angetrieben von einem Gemisch aus BWL und IT, wie es Christoph Bartmann in seinem Buch „Leben im Büro“ (Hanser Verlag) ausgebreitet hat. Ein Regime der Standards, Formulare, Meetings, Organigramme und To-Do-Listen. Das Ganze wird von einem Mehltau an Sprachregelungen, Leerformeln, Zielen, Strategien und operativen Handlungsanweisungen überzogen. Wichtigtuerei, gesteuert von einem rhetorischen Autopiloten.

Die Rolle des Managers als homo hierarchicus löst sich auf. Seine Strategie, sich als Schaltstelle zwischen den Hierarchien eines Unternehmens einzunisten, läuft ins Leere. Selbstorganisation, Autonomie, Individualität, Kommunikation auf Augenhöhe, Partizipation, die Ökonomie des Gebens und Nehmens machen den Kontrollsehnsüchten der Führungskräfte einen Strich durch die Rechnung.

Mit Evaluations-, Controlling- und Buchführungs-Diktaturen kommt man nicht mehr weit.

„Die Kultur der meisten Mega-Konzerne mit ihren ausgeprägten Hierarchien, ihren starren Formalitäten, ihren unbeholfenen Kommunikationsmechanismen und als Resultat davon ihren langsamen Reaktionszeiten passt offensichtlich nicht mehr zu dem heute herrschenden Tempo. Sie ist nicht mehr vereinbar mit der heute existierenden Wirtschaftskultur und erscheint im Vergleich dazu alt und atemlos“, bemerkt der Philosoph Frithjof Bergmann.

Welche anderen Wege Unternehmen beschreiten können, skizziert Guido Bosbach in seinem Opus „Change ist der falsche Ansatz für die Digitale Transformation“.

Auf dem Weg in die netzökonomische Abstiegsgesellschaft? #NEO16

ichsagmal.com

Über die Eseleien der Old Boys der Wirtschaft - Herr W. und Konsorten Über die Eseleien der Old Boys der Wirtschaft – Herr W. und Konsorten

In der sozialen Moderne gründeten sich nach Analysen des FAS-Autors Oliver Nachtwey gesellschaftliche Integration und Stabilität auf die Arbeit, war die unbefristete Stelle mit Kündigungsschutz und sozialer Sicherheit Ausdruck des sogenannten Normalarbeitsverhältnisses.

„In den sechziger Jahren machten diese Beschäftigungsverhältnisse geschätzt fast 90 Prozent aller Stellen aus. Das hat sich inzwischen nachdrücklich geändert. Im Jahr 1991 waren 79 Prozent aller Arbeitnehmer in einem Normalarbeitsverhältnis beschäftigt, 2014 waren es nur noch 68,3 Prozent. 20,9 Prozent der Erwerbstätigen waren 2014 atypisch angestellt, arbeiteten entweder in befristeten oder geringfügigen Arbeitsverhältnissen, in Teilzeit oder als Leiharbeiter. Von den 11 Prozent Selbständigen waren mehr als die Hälfte sogenannte Solo-Selbständige“, schreibt Nachtwey in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Prekäre Arbeitsverhältnisse seien nicht gleichmäßig über alle Gruppen verteilt, sondern konzentrieren sich vor allem bei Niedrigqualifizierten. Aber auch Hochqualifizierte brauchen immer länger, bis sie eine sozial gesicherte…

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