Vom Minenfeld des Lebens und von der Kunst der Verstellung

Das Leben als Tarnung

Das Leben als Tarnung

Zum Mantra des Bloggers Sascha Lobo zählt seine kritische Haltung zur Authentizität. Interessantheit im Internet sei der relevantere Punkt.

„Wie kann etwas authentisch sein in der Netzöffentlichkeit, wenn jedes Medium Inszenierung sein muss. Ich halte Authentizität für eine dramatisch überschätzte Eigenschaft. Im medialen Kontext kann man sie gar nicht darstellen“, so Lobo. Wer von sich behauptet, authentisch „rüber zu kommen“, ist es in der Regel sowieso nicht.

Ratschläge über kluges Verhalten findet man in dem grandiosen Opus „Die schonende Abwehr verliebter Frauen“ von Adam Soboczynski: Das Inhaltsverzeichnis wirkt schon programmatisch. „Niemals perfekt scheinen“, „Auszuteilen verstehen“, „Einzustecken wissen“, „Witz zeigen“, „Vertrauen erzeugen“, „Mit Bildung glänzen“, „Einen Kompromiss vortäuschen“, „Höflichkeiten austauschen“, „Peinlichkeiten verkraften“, „Sich selbst belügen“, „Dünn sein“, „Über Bande spielen“, „Seine Meinung ändern“. Soboczynski wandelt auf den Spuren von Baltasar Gracián. Der spanische Jesuit lebte in der „Goldenen Zeit“. Er leitete das Jesuitenkolleg von Tarragona, predigte in Valencia und diente als Feldkaplan in der Schlacht von Lérida.

Den Stoff seiner aphoristischen Schreibkünste lieferte die Grunderfahrung, dass die Wahrheit nicht ohne Waffnung durchdringt. Da das Leben seinen Kampfcharakter vollständig entfaltet, reduziert sich die ganze Moral auf die taktischen Regeln zur Behauptung inmitten einer allgemeinen Bedrohtheit.

„Man muss sich selbst zum Regisseur seines Mythos machen und sich durch Unfassbarkeit und Unnahbarkeit der indiskreten Einschätzung entziehen, die alles sofort herabwürdigt und einebnet.“

Soboczynski hat aus den listenreichen Zeilen von Gracián ein Handbuch der Inszenierung, der Maskerade und des strategischen Handelns komponiert:. „Nie sind wir bei uns selbst“, heißt es da, „die Schöpfung, seit wir den Sündenfall erlitten, ist reines Welttheater.“

„Es mag Menschen geben – Soboczynski nennt sie Anhänger des ‘alten Wahrhaftigkeitskults’ –, die derlei als Propaganda für die Falschheit missbilligen. Doch folgt man dem Autor, so verkennen diese vermeintlich Aufrechten nicht nur das Wesen des Menschen, sondern auch eine ehrwürdige philosophisch-literarische Tradition: die alteuropäische Moralistik. Baldassare Castiglione und Niccolò Machiavelli, die im 16. Jahrhundert kanonisch festschrieben, wie sich ‚Hofmann’ und ‚Fürst’ am klügsten zu verhalten haben, werden zitiert; wir begegnen Montaigne, La Rochefoucauld und vor allem dem spanischen Jesuiten Baltasar Gracián (1601–1658)“, so René Aguigah in der Zeitschrift Literaturen.

Soboczynski schreibt dazu:

„Was ist das Leben? Es ist ein Minenfeld. Was die Verstellung? Bedingung unseres Aufstiegs. Was ist die Liebe? Die schönste aller Täuschungen.“

Kapitel 12 heißt „AUSZUTEILEN VERSTEHEN“. Man sollte die Schwächen anderer erkennen.

„Wie irritiert reagieren eitle Menschen, wenn ihre Schönheit angezweifelt wird! Wie empfindlich berührt sind die sich intelligent Wähnenden, werden sie ihrer gedanklichen Beschränktheit überführt! Und die Stolzen, wenn sie ungeschickt sich zu verhalten genötigt sehen! Jeder Mensch hat eine Stelle, die besonders angreifbar ist, sie zu erspähen zeugt von Klugheit“, führt Soboczynski aus.

Agieren sollte man dabei als Einzelkämpfer, denn es gibt kaum mehr den Komplott, der von mehreren, durch eine gemeinsame Absicht vereinte Komplizen ausgeführt wird. Die Netzwerke seien heute weitaus labiler und wechseln beständig ihre Mitglieder, als dass sich mit ihrer Hilfe ein Plan schmieden ließe.

Eine wichtige Lebensweisheit steht in Kapitel 23: „ANDERE IN RAGE BRINGEN“. Das liegt auf der Hand und braucht nicht näher erläutert werden, denn so gut wie jeder ist hässlich, der sich aufregt. Essentiell ist auch das Kapitel 19: „MIT BILDUNG GLÄNZEN“.


Hapert es mit der Bildung, sollte man sich zumindest einen kleinen Katalog kluger Sätze erstellen, damit man in Gesellschaft glänzen kann. Da hilft der Band von Pierre Bayard:

„Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“. Die liebwertesten Gichtlinge der Netzöffentlichkeit könnten auch einen Rat von Gracián beherzigen: „Nicht aus Besorgnis, trivial zu sein, paradox werden.“

Und generell sollte man zwischen dem Wissen und der Anwendung von Klugheitslehren unterscheiden. Häufig reicht es schon, Muster der Verstellung, Inszenierung und Theatralik zu erkennen, um Lebenssituationen richtig zu beurteilen. Man kann auch durch bewusstes Nicht-Handeln eine indirekte Wirksamkeit erzielen.

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