Populismus – Was wir von Trump lernen können

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Ist Trump dumm? Oder eher ‚gerissen‘?
Ist Populismus gut oder schlecht?

2006 schrieb David Brooks in der New York Times den Artikel ‚Gorgias and the Harvard Kids‘, in dem er scharf mit den Elite-Studenten und Intellektuellen ins Gericht ging, dergestalt daß sie die einfachsten erfolgreichen Rezepte und Lehren aus der Geschichte nicht verstehen würden, weil sie unzureichend in Philosophie und Geschichte gebildet seien (1).

Gorgias, wir erinnern uns, steht für die Redekunst und deren Überzeugungskraft:

„Während Gorgias der Meinung ist, dass die Redekunst die höchste der Künste ist, ist sie für Sokrates keine, sondern bloße Schmeichelei. Dem Redner käme es nicht darauf an, dem Volk Gutes zu sagen, sondern darauf, ihm nach dem Munde zu reden. Sokrates vergleicht den Redekundigen mit einem Koch, der möglichst schmackhafte Speisen zubereitet, während der Philosoph einem Arzt gleiche, dem es um die (seelische) Gesundheit der Menschen ginge“ (wikipedia.org)

Es ist nicht schlimm, daß ‚wir‘ auf den Populisten Trump reingefallen sind. Es ist jedoch extrem schlimm, daß wir – seit Gorgias- immer wieder auf Populisten reinfallen.

Einer der Einzigen, der (dieses Mal!) klar vorhergesagt hat, daß und warum Trump gewinnen würde, war Michael Moore (2).

Verkürzt auf ein zentrales Argument lautete seine Analyse, daß Trump die Stimmung der Stahlarbeiter im sog. ‚Rusty Belt‘ richtig erfasst habe und sie geschickt und gewinnbringend in Wählerwillen ummünzen konnte.

Doch gehen wir noch ein paar Jahre zurück. Brigitte Hamann hat in ‚Hitlers Wien‘

Dr. Karl Lüger zu Wort kommen lassen.

Es ist sehr interessant, sich die Mechanismen des ‚Professoren-Hasses‘ zu Gemüte zu führen und sie mit dem System Trump zu vergleichen.

„Lueger hatte ein großes Talent zur Selbstinszenierung. Er liebte öffentliche Auftritte als der schöne Karl mit der goldenen Bürgermeisterkette… Da sie nun wegen ihrer Masse zunehmend den Ausgang der Wahlen bestimmten, mussten neue Wege gefunden werden, um an diese Wähler heranzukommen, die sich den bisher üblichen Propagandamitteln entzogen. Auf allen politischen Ebenen tauchte ein neuer Politikertyp auf, der Volkstribun… Die neuen Politiker, die die Zeichen der Zeit früh erkannten wie Schönerer und Lueger, suchten den Kontakt mit dem Volk: in Gasthäusern, Bierhallen, auf Marktplätzen, in den Betrieben. .. Der Volkstribun Lueger hielt seine Reden gerne im Dialekt, stellte sich im geistigen Niveau auf seine Zuhörer ein, machte alles Schwierige einfach, würzte seine Reden mit Witzen. Und er tat das was die meisten Stimmen einbrachte: Er griff die Feinde seiner Wähler an, verstärkte ihre Antipathien, nicht nur gegen Politiker, sondern auch gegen … Minderheiten, ‚die Reichen da oben‘, ‚den Pöbel da unten‘ und die Fremden… Er appellierte bewusst an Gefühle und Instinkte und eben nicht an die Vernunft und kritischen Verstand.. Hugo von Hoffmannsthal prägte in dieser Zeit das Wort: Politik ist Magie. Welcher die Massen aufzurufen weiß, dem gehorchen sie. So wirkten Luegers Reden auf die Zuhörer wie eine Massensuggestion. Lueger habe nahezu übernatürlich seine Willensübertragung auf andere auszuüben vermocht… Er, ein Gebildeter, ein Doktor, ein Advokat, zerfetzt die Ärzte, zerreißt die Advokaten, beschimpft die Professoren, verspottet die Wissenschaft; er gibt alles preis, was die Menge einschüchtert und beengt… und sie jauchzen, rasen, glauben das Zeitalter sei angebrochen, das da verheißen ward mit den Worten: selig sind die Armen im Geiste. Er bestätigt die Wiener Unterschicht in all ihren Eigenschaften, in ihrer Bedürfnislosigkeit, in ihrem Misstrauen gegen die Bildung… und sie rasen vor Wonne, wenn er zu ihnen spricht…“ (aus Brigitte Hamann: Hitlers Wien, 3)

#system1

Trump wurde oft vorgehalten, daß er sich nicht um Fakten schert. Wir müssen nun zwangsläufig registrieren, daß es Trump trotz bzw. besser wegen der Vernachlässigung von Fakten ins Präsidentenamt geschafft hat.

Matthias Nöllke hat in seinem Buch ‚Die Sprache der Macht‘ sehr schön beschrieben, warum es fahrlässig, ja: kontraproduktiv ist, bei Veranstaltungen, Reden etc. auf Argumente und Fakten zu setzen:

„Was jemand im einzelnen äußert, gerät erstaunlich schnell in Vergessenheit.
Als Zuhörer picken wir uns das heraus, was für uns wichtig ist…
Wir behalten nur einen Bruchteil in Erinnerung.
Und selbst diesen Bruchteil prägen wir uns nicht im Wortlaut ein, sondern wir passen alles, was wir aufnehmen unserem Verständnis an…
Mehr als 3 Kernbotschaften sollten Sie niemandem zumuten…
-> Keine Argumente!
Wir differenziert, hat schon verloren, könnte man die Sache polemisch zuspitzen.
Das mag uns nicht gefallen. Denn wer stark vereinfacht, wird der Angelegenheit,
um die es geht, nicht gerecht. Darüber sind wir uns als Zuhörer vielleicht sogar im Klaren,
dennoch bevorzugen wir einfache Botschaften.
-> Sie ersparen uns die Denkarbeit…
Auf der anderen Seite nützt es uns gar nichts, wenn wir im Wettstreit der Meinungen
stets den Kürzeren ziehen, weil sich die Gegenseite mit ihren einfachen Botschaften zuverlässig durchsetzt… Auf die Kraft des besseren Arguments zu vertrauen, wäre so gesehen geradezu fahrlässig…“ (4)

Trump hat dieses neurobiologische Prinzip – vermutlich aus Unwissen- viel besser verinnerlicht, als manche Akteure aus Politik und Medien.

Trump ist der Molotow-Cocktail der Entrechteten – Trump ist die AFD der USA

Populismus ist vor allem dann erfolgreich, wenn er auf fruchtbaren Boden fällt.

Im ‚Rusty Belt‘ ist dies schon seit den 70er Jahren zu beobachten. Die Evolutionsbiologin Helena Cronin schrieb bei edge.org : „Ich habe neulich gehört, wie ein amerikanischer Komiker sich über kriechende Neodarwinisten lustig gemacht hat.

‚Ich glaube nicht an das kriminelle Gen, aber wenn es eines gibt,
wird man es gleich neben dem Arbeitslosen-Gen finden.‘
Das ist politisch überaus korrekt. Aber völlig falsch, wenn man berücksichtigt, dass die Arbeitslosigkeit  bei Männern und Frauen sehr unterschiedliche Auswirkungen hat.
Für eine Frau bedeutet sie den Verlust einer Arbeitsstelle, für einen Mann einen Statusverlust…In den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es in Chicago jährlich 900 Morde pro 1 Mio. Einwohner, während es in England und Wales nur 30 waren und in Island kaum ein einziger Mord geschah…  Und das sagt uns, welche Bedingungen wir brauchen, um die Mordraten zu senken…“ (5)

Wer die Fernsehreportagen der letzten Wochen über die 2 Zentner Harley-Fahrer und die Redneck-Farmer beobachtet hat konnte diese tiefe Verletzung des Selbstbewusstseins sehen.

Statt nun seit den 70er Jahren Maßnahmen zu ergreifen, schaut ‚Die Politik‘, ‚Die Gesellschaft‘, also ‚wir‘ zu, wie der sog. Strukturwandel kommt und geht -weltweit.

Es hilft nun recht wenig, zu betonen, daß alle, die aus den heutigen Jobs rausfliegen doch bitteschön App-Programmierer bei einer tollen Startup-Klitsche werden sollen; dies funktioniert ja auch in den sog. Neuen Bundesländern nicht.

2017 kommt Le Pen?

Um weiteren Schaden wie Orban, Wilders und Le Pen  abzuwenden, die natürlich ihr Versprechen nicht halten können werden, den ‚einfachen Menschen‘ Jobs zu zaubern, müssen dann schon viele kreative Maßnahmen ergriffen werden, um gegenzusteuern. Es nützt schlichtweg nichts, den ‚weißen alten resp. jungen Männern‘ vorzuhalten, daß sie sich Gender-mäßig verändern bzw. korrekt verhalten sollen. Die Evolution hat immer recht und es ist ziemlich unwahrscheinlich, daß dieser #change in wenigen Jahrzehnten vor sich gehen wird. Die ‚überflüssigen‘ weißen Männer wird es noch viele Jahre geben (6).

Protest oder Neugestaltung?

Natürlich ist Populismus schädlich und die praktischen Erfolge der ‚Rampensau – Charaktere‘  sind oft dürftig. Also müssen wir uns mit den elementarsten Mechanismen, den Wurzeln des Populismus auseinandersetzen. Diese haben weniger mit Trump, Le Pen oder gar dem vielgescholtenen Kapitalismus zu tun sondern viel mehr mit Evolution, Gender, Neurobiologie, Gorgias und dem unbestechlichen Alltagsverhalten.

Protest gegen Trump bzw. gegen die vermeintlich dumpfen Wähler der AFD mag opportun erscheinen,  den Populismus zu geißeln mag verlockend klingen. Es ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, daß jede Beschäftigung mit Protest Zeit kostet, Zeit, die wir sinnvoller gleich in Aufbruch & Gestaltung und (Unternehmens-)Gründungen investieren sollten.

#Meeting

Aktivismus spielt sich keineswegs nur in abstrakten politischen Zusammenhängen ab. Wer’s nicht glaubt, braucht nur seine/ihre persönlichen Erfahrungen aus den Meetings der letzten Jahre Revue passieren lassen. Der Feind lauert hinter der Bürotür und er heißt #system1.

  1. http://ed.iiQii.de/gallery/Die-iiQii-Philosophie/DavidBrooks_slate_com

http://johncampoxford.blogspot.com/2006/03/david-brooks-for-all-you-harvard-kids.html

2. http://michaelmoore.com/trumpwillwin/

3. http://ed.iiQii.de/gallery/KeyPerformance/KarlLueger_wikipedia_org

4. http://ed.iiQii.de/gallery/KeyPerformance/MatthiasNoellke_noellke_de

5. „In den 70er und 80er Jahren 900 Morde auf 1 Mio. Einwohner in Chicago“

http://ed.iiQii.de/gallery/Querdenkerinnen/HelenaCronin_edge_org_001

6. Das Methusalem-Komplott:

http://ed.iiQii.de/gallery/Die-iiQii-Philosophie/FrankSchirrmacher_wikipedia_org

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2 Kommentare - “Populismus – Was wir von Trump lernen können”

  1. vfalle 11. November 2016 um 7:46 #

    Zu den Paralellelen von Trump und der AfD empfehle ich die ZDF-Zoom-Dokumentation „Alles nur Lüge?“. Darin wird beschrieben, wie die Parteien über Soziale Medien manipulieren. Social Bots heißt das Schlagwort.
    http://www.wiwo.de/politik/ausland/us-wahlen/us-wahl-und-die-medien-eine-niederlage-fuer-den-journalismus/14819418.html

    Zum Glück hinterfragen inzwischen auch Journalisten ihre Rolle in dem System:
    http://www.wiwo.de/politik/ausland/us-wahlen/us-wahl-und-die-medien-eine-niederlage-fuer-den-journalismus/14819418.html

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