Was Dobrindt vom Generalpostmeister Heinrich von Stephan lernen kann: Vom Blechkram zum Cloud Computing

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Wenn man sich die Umbauten des Kommunikationskonzerns Mitel in der Berliner Zeughofstraße anschaut, ist es schon erstaunlich, dass es immer noch Firmen gibt, die von den technologischen Weichenstellungen eines preußischen Beamten profitieren. Es geht um einen Technik-Pionier, der Berlin zum Silicon Valley der Telefonie machte.

Impulsgeber für die Entfaltung einer einzigartigen Startup-Szene war Heinrich von Stephan. Er wurde 1870 von Bismarck zum Generalpostmeister der Norddeutschen Bundespostverwaltung und nach der Reichsgründung zum Reichspostmeister ernannt. Er erfand die Postkarte, gründete die Reichsdruckerei, das Postmuseum (heute: Museum für Kommunikation) sowie den Allgemeinen Postverein (1878 Weltpostverein) und forcierte erst in Deutschland, dann in der ganzen Welt den Aufbau der modernen Telegraphie. Stephan erkannte als einer der Ersten die politische und wirtschaftliche Relevanz des Telefons als Medium der Echtzeit-Kommunikation. Im Oktober 1877 liest Stephan in der Wochenzeitschrift „Scientific American“ einen Bericht über „Bell’s New Telephone“.

Technikbegeisterung in der Bismarck-Zeit

Erst jetzt erkannte die Fachwelt die Tragweite der Telefonie. Eigentlich gebührt Johann Philipp Reis der Ehrentitel des Erfinders. Denn er stellte das erste Gerät zur Übertragung von Tönen durch elektromagnetische Wellen schon 1861 vor. Richtige Gespräche konnten mit dem Apparat allerdings nicht geführt werden. Der Reichspostmeister war jedenfalls von dem wissenschaftlichen Bericht so fasziniert, dass er einen Satz Telefongeräte anforderte, die im Generalpostamt mit Erfolg ausprobiert wurden.

In Berlin lohnt die Spurensuche nach Heinrich von Stephan

In Berlin lohnt die Spurensuche nach Heinrich von Stephan

„Begeistert lässt Stephan sein Amtsgebäude in der Leipziger Straße mit dem Generaltelegraphenamt in der Französischen Straße (Hauptstadtrepräsentanz Deutsche Telekom) verbinden und erklärt wiederum nach gelungenem Versuch den 26. Oktober 1877 zum Geburtstag des deutschen Fernsprechers“, schreibt die Historikerin Gerhild H. M. Komander in dem Band „1881 – Berlins erstes Telefonbuch“.

Das Reichspostamt bat am 1. Juli 1880 die Ältesten der Berliner Kaufmannschaft Berlin zwei Mitglieder zu benennen, die als Agenten Fernsprechteilnehmer werben sollten.

Widerstände gegen Telefon-Innovation

„Der Ingenieur Emil Rathenau war einer der beiden Ausgewählten – der Name des zweiten Agenten ist unbekannt – und bis Ende des Jahres mäßig erfolgreich. Acht Namen enthielt die erste Liste der Fernsprechteilnehmer der am 12. Januar 1881 versuchsweise in Betrieb genommenen Vermittlungsanstalt“, so Komander.

Nur „mit sanfter Gewalt“ konnte Stephan auch Bankiers und Unternehmer zur Teilnahme am Fernsprechverkehr bewegen. Unter Kopfschütteln und mehr aus Gefälligkeit als aus Überzeugung von den zu erwartenden Vorteilen, willigten die Häupter führender Bankhäuser und Firmen ein, schreibt Oskar Grosse 1917 in seinem Buch „40 Jahre Fernsprecher. Stephan – Siemens – Rathenau“. Das erste Telefonverzeichnis ist in der Öffentlichkeit noch als „Buch der Narren“ verspottet worden.

Stephan schildert in der Haushaltsberatung 1889/90 die Schwierigkeiten und Widerstände, die er überwinden musste:

„Es ist kaum glaublich, wie ich über die Achsel angesehen wurde, wenn ich mit Begeisterung von dem Instrumente sprach, wie man hier in Berlin in den ersten Häusern und in den intelligentesten Kreisen vielfach meinte: ach, das ist wohl amerikanischer Schwindel, ein neuer Humbug…, das waren die Reden, die ich täglich zu hören bekam.“

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Es war für den Generalpostmeister – heute würden wir Internetminister sagen – der Beweis für die zurückhaltende und misstrauische Geisteshaltung vieler Menschen in Deutschland. Neue Unternehmungen und Ideen gestalteten sich eher schwerfällig.

Im Todesjahr Stephans, 1897, sah das anders aus: In neun großen Fernsprechämtern in Berlin wurden 170 Millionen Gespräche vermittelt, davon 20 Millionen Ferngespräche nach den von Berlin zu erreichenden 380 Orten: Drei Jahre später hatte Berlin mehr Fernsprechanschlüsse als ganz Frankreich und übertraf sogar London sowie New York. Stephans visionärer Blick, sein Engagement und seine Diplomatie gaben der Erfindung des Telefons ihre wirtschafts- und sozialpolitische Basis, schreibt Rosemarie Wesp in dem Band „Kommunikation im Kaiserreich“:

„Er vermittelte und verhandelte zwischen den Eliten in Politik, Wirtschaft und Technik, um dem Ziel der Popularisierung des Nachrichtenmediums Telefon näherzukommen.“

Zur Jahrtausendwende war die emotionale Besetzung des Telefons so weit vorangeschritten, dass man nicht mehr nur von der Übertragung der Stimme, sondern auch des Bildes träumte.

Technologische Sogwirkung hält bis heute an

Von dieser technologischen Sogwirkung kann allerdings der amtierende Internetminister Alexander Dobrindt nur träumen. So entfalteten sich durch die Politik des Generalpostmeisters Unternehmen wie die „Telegraphenbauanstalt R. Stock“, die 1887 gegründet wurde. Schon 1894 kaufte der Firmeninhaber Robert Stock Grundstücke in der Zeughofstraße und errichtete ein großes Fabrikgebäude, das ein Jahr später bezugsfertig war. Heute die Zentrale von Mitel Deutschland. 1896 stellte Stock in Treptow das erste Telephon-Verbindungsamt vor und expandierte europaweit bei der Errichtung von Fernsprechämtern. Die Aufgaben waren für Robert Stock vor 125 Jahren nicht einfacher als für die Gründer von Web-Unternehmen.

Fachkollegen verspotteten ihn und rümpften über seinen „Stanz- und Blechkram“ die Nase. Schon bald musste die Maschinenindustrie allerdings einsehen, dass bei großen Fernsprechämtern, in denen sich eine ungezählte Menge gleichartiger kleiner Stücke zusammenfand, mit den früheren Mechaniker-Methoden nichts mehr auszurichten war. Jetzt sind es Cloud Computing, Software, Applikationen, Plattformen, modulare Systeme und Smartphones, die in der Kommunikationstechnologie dominieren und den Markt verändern. Am Gründergeist von Persönlichkeiten wie Heinrich von Stephan könnten sich einige Spitzenpolitiker eine Scheibe abschneiden. Sie sollten ihm jedes Jahr einen Ehrenkranz aufs Grab legen in Berlin-Kreuzberg.

Stichwort: Digitale Agenda – vielleicht springt dann der Funken irgendeiner Erkenntnis über.

Statt Impulse für die vernetzte Ökonomie, bekommen wir so etwas: Immaterialgüterrechtsexperte Till Kreutzer zu Günther Oettingers Plänen für ein europäisches Leistungsschutzrecht.

Zum Thema Widerstände: Die Sache mit den erschreckenden persönlichen Daten.

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