Manifeste gegen digitalen Feudalismus schreiben

Google hatte frühzeitig den Instinkt, Plattformen und Netzwerke zu schaffen, statt Inhalte zu kaufen oder zu produzieren – das gilt aber nur für die Technologie. Die Unternehmenskultur nach außen sieht anders aus, wie man am Umgang mit der YouTube-Szene erkennen kann. Auch die rüde AGB-Politik von Google spricht eine andere Sprache. Deshalb ist es vielleicht auch ein Irrweg, die Geschäftsmethoden des Mountain-View-Konzerns zu kopieren.

Unendlich viel wichtiger als die nächste stirnfaltige Beschwerde über die liebwertesten Gichtlinge von Google & Co. wäre es, über die Schaffung eines wirklich intelligenten und dezentralen Netzes nachzudenken, fordert der Systemingenieur Bernd Stahl vom Netzwerkspezialisten Nash Technologies in Stuttgart. Das nötige Geistkapital sei in der deutschen Forschungslandschaft vorhanden, um Google nicht hinterherlaufen zu müssen.

„Mein Traum ist ein sogenannter Social Media Dial Tone. Darüber ist noch nicht viel gesprochen worden. Einen Dial Tone kennt jeder von uns aus dem Telefon – es geht um den Wähl-Ton. Er garantiert den ständigen Zugriff auf Dienste, unabhängig vom Operator und vom Aufenthaltsort meines Kommunikationspartners sowie ohne Ausfälle, die bei Skype, Twitter, Facebook oder Apps an der Tagesordnung sind. Beim Social Media Dial Tone stürzt nichts ab. Keine Mehrfachkonten. Keine separaten Social-Media-Inseln. Ein Access. Ein View. In alle Netze. Semantisch angereichert. Sozusagen unter einer Haube. Wieso muss der Entwickler-Wildwuchs dem Internet-Nutzer eins zu eins zugemutet werden? Es geht darum, aus sozialen Netzwerken echte Services zu generieren: vernetzt, hochverfügbar, flexibel und unabhängig vom Endgerät“, erläutert Stahl.

Gleiches gelte für die Vernetzung von Cloud-Diensten, die bislang nur als Silos angeboten werden.

Social, Offenheit und Vernetzung sind wichtig. Auch neue Arten des Produzierens in der Cloud und mit der Crowd. Sie haben nur nichts mit den Konzerninteressen von Google oder Facebook zu tun. Deshalb sollte man mehr vorausschauen statt vorhersagen, fordern Dietmar Dath und Swantje Karich in ihrem Buch „Lichtmächte“ (diaphanes Verlag). Also mehr über die Möglichkeiten der Selbstbestimmung streiten und gesellschaftliche Voraussetzungen schaffen, um nicht als informationelle Leibeigene auf der Strecke zu bleiben.

Dath und Karich vergleichen das mit der bürgerlichen Emanzipationsbewegung, die die Stände- und Traditionsgesellschaft überwand. Sie hatten Bilder von sich selbst, von ihrer Selbsterschaffung und Selbstregulierung. Gleiches sei heute vonnöten – im Film, im Netz, in den Künsten, um nicht im digitalen Feudalismus der Silicon-Valley-Giganten zu landen.

Schreiben wir mehr Manifeste. Ausführlich in meiner The European-Kolumne nachzulesen.

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