Über digitale Irrläufer in Politik und Wirtschaft

Gruselshow von Oettinger und Co.

Gruselshow von Oettinger und Co.

Die Systemarchitektur der digitalen Netzwerke hat die Spielregeln der Wirtschaft schon längst verändert, bemerkt Professor Peter Kruse in einem Vortrag über den Wandel der Arbeitswelt.

Der Organisationswissenschaftler spricht von einer nicht mehr überschaubaren Vernetzung vieler Teilnehmer, die zu hohen Spontanaktivitäten und Auffschaukelungseffekten führt. Neue Geschäftsmodelle wie WhatsApp können etablierte Geschäftsmodelle in kürzester Zeit pulverisieren. Ablesbar an den sinkenden SMS-Umsätzen, die vor allen Dingen die liebwertesten Gichtlinge der Telekommunikation in den Wahnsinn treiben. Da kann sich Günther Oettinger als „digitaler Irrläufer“ der EU-Kommission noch so viele Maßnahmen ausdenken, um den Netzbetreibern ein Ruhekissen zu verschaffen. Vorhersagen kann man solche Entwicklungen nicht.

Auf Sicht segeln

Die zunehmende Vernetzung führt zu einer nichtlinearen Systemdynamik, die sich nicht prognostizieren lässt, sagt Kruse. Entsprechende Konsequenzen müssen für das Management von Innovationen gezogen werden. Die Wirkung von Zufällen und spontanen Veränderungen sollte niemand mehr unterschätzen.

Den meisten Führungskräften ist das klar, so der Befund von Tiefeninterviews, die die Beratungsfirma nextpractice von Professor Kruse durchgeführt hat. Die große Mehrheit der Befragten sieht die Notwendigkeit eines Wandels ihrer Organisationen. Kollaboration, Dezentralität, kooperative Teamarbeit, dynamische Vernetzung, Selbstbestimmung und Partizipation stehen ganz oben auf der Wunschliste, wenn es um neue Konzepte für gute Führung geht. Wobei auch Skepsis durchschimmert. Etwa die Angst vor zu viel Chaos über basisdemokratische Spielereien.

Wunsch trifft auf Wirklichkeit

Allerdings klaffen Wunsch und Wirklichkeit weiter auseinander. Über 77 Prozent der befragten Führungskräfte halten einen Wandel in der Führungskultur ihrer Organisationen für dringend erforderlich. Als erste Übung für die digitale Transformation sei den Managern angeraten, etwas aktiver im Social Web zu werden. Vielleicht agieren einige von ihnen zu sehr mit dem Rücken zum Internet.

Selbstorganisation, Autonomie, Individualität, Kommunikation auf Augenhöhe, Partizipation, die Ökonomie des Gebens und Nehmens sind mit den Kontrollsehnsüchten vieler Führungskräfte nicht gerade kompatibel. Man braucht sich nur das Netz-Engagement von Deutschlands führenden Medienmachern anschauen: Tote Hose.

Social Web-Werkzeuge für den Chef

Wie man das ändern kann, möchte ich in einer kleinen ichsagmal-Interviewreihe erörtern, die am Montag startet:

Wenn der Chef persönlich twittert: Vom Umgang der Unternehmen mit Social Web-Werkzeugen.

Dabei wird es aber nicht um „Strategien“ für die vernetzte Ökonomie gehen. Das wäre sonst ein Oxymoron, so das Credo von Professor Kruse. Strategie ist laut Definition das planvolle Erreichen eines Ziels unter Kenntnis der Mittel und Wege. Das gibt es im Netz aber nicht. Wenn Firmen von Strategie reden, dann versuchen sie ein dynamisches System mit statischen Mechanismen zu beherrschen. Genau hier liegt der Kardinalfehler. Man versucht Probleme mit deren Ursache zu bekämpfen. Die Folge ist eine Havarie. Die unvernetzten Medienbosse können ein Lied davon singen.

Über Piratensender mit Videorekorder und TV-Autonome, die live senden #StreamCamp14

Krümie ist schon Livestreaming-Profi :-)

Krümie ist schon Livestreaming-Profi 🙂

Die Dialogformen der sozialen Medien sind nach Auffassung von Professor Peter Weibel, Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (ZKM), nichts anderes als die demokratisierte Form der Salonkonversation, die früher nur in elitären Kreisen geführt wurde – heute ist es ein Jedermann-Phänomen. Das Internet habe das Gespräch als politische Kraft zu einem Instrument der gemeinsamen Lebensgestaltung gemacht. Diese Dialoge müsse man als Philosophie des Sprechaktes sehen. „Hier werden Dinge mit Worten gemacht“, so Weibel.

Das Monopol der Sprecher in den Parlamenten, Medien und Massen sei gebrochen. Das hätten allerdings die Politiker und Medienmanager noch nicht verstanden. Jeder kann ein Sender sein. Jeder kann sogar ein TV- und Radio-Sender sein, um die letzte massenmediale Bastion zu erobern. Selbst in der Königsdisziplin des Rundfunks: Live-Sendungen – ausführlich nachzulesen im Kapitel „Eine bewegende Bilderwelt: Von Gutenberg zur neuen Mündlichkeit im Netz – Hier werden Dinge mit Worten gemacht“ des Buches „Live Streaming mit Hangout On Air: Techniken, Inhalte & Perspektiven für kreatives Web TV“, das am 4. September im Hanser Verlag erscheint.

Emanzipatorische Visionen von Brecht und Enzensberger

Für bewegte Bilder und für Audio steht das Handwerkszeug für den digitalen Autodidakten bereit, der heute ohne Ü-Wagen, ohne Ausbildung zum Kameramann oder zur Kamerafrau, ohne Kenntnisse von Ton und Licht sowie ohne schweres technisches Gerät Fernsehen und Hörfunk machen kann. Zu jeder Zeit, an jedem Ort. Erfüllen sich nicht die emanzipatorischen Utopien der Schriftsteller Bertold Brecht und Hans Magnus Enzensberger?

Der Rundfunk wäre nach Meinung von Brecht der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen. Der Rundfunk müsste demnach aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren.

Seine Gedanken brachte Brecht zwischen 1927 und 1932 und bezogen sich natürlich „nur“ auf den Hörfunk. Er dachte an direkte Interaktion mittels Radio über ein funkbasiertes Telefonkonferenzsystem, das die Enträumlichung der Kommunikation möglich machen sollte und zwar live. Visionäre Gedanken in einer Zeit, wo man über Jedermann-Technologie für den Rundfunk noch nicht einmal in Ansätzen verfügte. Radio und später Fernsehen waren schon aus Kostengründen für Otto Normalverbraucher unerschwinglich. Ganz abgesehen von den regulatorischen Restriktionen, denn auch das gute alte Radio war schon in den 1920er- und 1930er-Jahren gebühren- und genehmigungspflichtig.

Das Hauptentscheidungsrecht über Programm, Technik und Wirtschaft besaß die Deutsche Reichspost (!). Aber selbst im Jahr 1970, als Enzensberger seinen „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ entwickelte, war man noch weit entfernt von den Bedingungen, die wir heute vorfinden. Wie auch Brecht fordert er, dass die Distributionsapparate in Kommunikationsapparate umgewandelt werden. Dazu müssten alle Medien offenstehen. Jeder sollte die Möglichkeit haben, sich ungehindert zu informieren und auszutauschen. Und das gehe nur, wenn man die Trennung zwischen Produzenten und Rezipienten überwindet.

Ob die dann produzierten Beiträge dem Gemeinwohl dienen, wie Enzensberger forderte, ist nicht die entscheidende Frage. Der Zugang zu Medien ist wichtiger. Insofern ist Widerspruch angesagt, wenn Medienwissenschaftler wie Joachim Paech die von Brecht und Enzensberger vertretenen Positionen als falsch werten, weil es für die Mehrheit nicht möglich sei, die Technik richtig zu bedienen.

Piratensender mit Videorekorder

Wenn man sich anschaut, welchen Aufwand diverse TV-Piratensender in den 1970er-Jahren mit simpler Videorekorder-Technik treiben mussten, um über „Open Channel“ einige Häuser im eigenen Stadtviertel erreichen zu können, wird man den Unterschied zu den Optionen von Diensten wie Hangout on Air schnell erkennen. Damals reichte der Radius nur bis zu regionalen Initiativen, Protestaktionen und Nachbarschaftsfesten. Heute ist beides möglich: Jedermann-TV für die Nachbarschaft – also hyperlokale Formate, die beispielsweise der Marketingexperte Günter Greff für seinen neuen Heimatort Perinaldo in Ligurien plant – und Formate mit internationaler Ausrichtung. Mobil und stationär sind die Möglichkeiten zum Senden und Empfangen von Audio- und Videobeiträgen nahezu unbegrenzt.

Claus Pias, Professor für Medientheorie und Mediengeschichte, sieht das anders. Die digitalisierte Kultur könne man nicht mit Begriffen der Moderne wie Transparenz oder Partizipation beschreiben, die zwischen 1780 und 1830 entstanden sind. Sein Vorschlag: Digitale Kulturen lassen sich eher mit vormodernen Begriffen verstehen. Bei einem Diskurs der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Bonner Kunstmuseum brachte er die Klimaforschung ins Spiel, die ohne die Digitalisierung gar nicht vorstellbar sei.

„Souveräne Fürsten kennen den Typus der nicht verratbaren Geheimnisse“, so Pias.

Das sei heute die Klimaforschung, weil die Wissenschaftler in der Komplexität ihrer weltweiten Software- und Hardware-Verbünde selber nicht mehr wissen, was in den Maschinen und in den teilweise 50 Jahre alten Codes vor sich geht.

„Trotzdem muss man Entscheidungen treffen auf einer Grundlage, die man nicht mehr verstehen kann.“

Wir würden deshalb eine veränderte Gegenwärtigkeit erleben. Ein Verschmelzen von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, einen Absolutismus der Gegenwart, wie es Robert Musil ausdrückte. Reden über die digitale Zukunft seien verfehlt, genauso wie Diskurse über die Beschleunigung, weil die Zeitstrukturen nicht mehr stimmen.

„Die moderne Zeitordnung, die vor rund 200 Jahren entstand, kollabiert“, bemerkt Pias in der DFG-Podiumsdiskussion.

Er spricht von einem eminenten Zukunftsverlust. Man begegnet dauernd sich selbst in einer erschreckenden Erwartbarkeit mit komischen Formen von Rückkopplungsschleifen, die durch Datenspuren entstehen.

„Das Ganze verschaltet sich zu einer breiten Gegenwart.“

Inszeniertes Geheimnis der idiotischen Maschinisten

Das Arkanum der digitalen Maschinen führt zum Zukunftsverlust? Vielleicht läuft Pias auch nur auf den Leimspuren von inszenierten Geheimnissen? Vielleicht ist die Klimaforschung gar nicht so kosmologisch, wie es der Medienhistoriker skizziert hat? Vielleicht sind die Maschinisten mit ihren Simulationsrechnungen nur so geheimnisvoll, um die Idiotie ihrer Algorithmen zu verbergen? Ein wenig erinnern mich die Pias-Thesen an die prosaischen Gedankenausflüge von Miriam Meckel, die feststellte, dass uns immer mehr Entscheidungen im personalisierten Internet durch Algorithmen abgenommen werden. Auf der Strecke bleiben Zufälle, Überraschungen, Zweifel und Ungewissheit. Was hat uns der arabische Algebraiker Al-Khwarizimi da nur eingebrockt?

Merkwürdig nur, dass die digitalen Maschinenräume bislang verschlossen bleiben. Im Wissenschaftsbetrieb kann man das nachvollziehen. Es geht um milliardenschwere Forschungsaufträge. Da hütet man gerne Geheimnisse. Überhaupt nicht geheimnisvoll sind die Mitmach-Technologien des Social Webs, die weit über die Bedienung des Like-Buttons hinweg gehen. Pias reduziert das auf vormoderne Konsens-Rituale von Ständeversammlungen. Was ist mit den 3,5 Billiarden Wörtern pro Tag, die über soziale Medien veröffentlicht werden? Das ist so viel wie die gesamte Library of Congress. Ähnliches sehen wir bei Videos und Fotos. Die DFG-Organisatoren könnten die nächste digitale Expertenrunde via Hangout on Air live übertragen, damit Claus Pias erlebt, wie intensiv die Netzöffentlichkeit ihren Dissens artikuliert.

Wille zur Partizipation nicht mehr aufzuhalten

Wolfgang Hagen hat in dem von Pias herausgegebenen Band „Was waren Medien?“ die Vorzeichen des digitalen Medienwandels besser gedeutet:

„Internet-Computer simulieren nicht Radio und Fernsehen, sie restituieren vielmehr diese Medien von Grund auf neu. Der Computer stellt von daher auch die Frage, was Massenmedien waren und was sie schon in naher Zukunft sein könnten: nämlich vielleicht alles das, was übrig bleibt, wenn die Bildung neuer multimedialer Publika durch das Internet Kontur gewonnen hat. Also vielleicht dann nur noch eine Art Überbleibsel aus einer alten vergangenen Welt, so wie es der Buchdruck mit den Skriptorien des Mittelalters und der Antike gemacht hat.“

Ob der kalifornische Emanzipationsgeist der 1960er-Jahre nun einer kommerziellen Ausrichtung gewichen ist oder nicht, selbst Google und Co. können den Willen der Menschen zur Partizipation und zum Selbermachen nicht mehr zurückdrehen. Die Asymmetrie von passiven Zuschauern und aktiven Produzenten schwächt sich immer mehr ab. Die Nutzer des Social Webs wollen beides zugleich machen: lesen und schreiben, empfangen und senden. Und das gilt eben auch für die schwierigste Form des Sendens: Live-Fernsehen. Wer es mal ausprobieren will, sollte am 18. und 19. Oktober zum StreamCamp nach München kommen.

Siehe auch:

Weltsprache der Parasiten.