Die digitale und innovative Spaltung: Alten Unternehmern fehlt die Netz-Erlebniswelt – Netzökonomie-Campus will das ändern

Netzökonomie-Campus-Spezial in der Cebit-Mittelstandslounge. Von links nach rechts: Bernhard Steimel, Winfried Felser, Gunnar Sohn, Tobias Kollmann, Frank Michna.

Netzökonomie-Campus-Spezial in der Cebit-Mittelstandslounge. Von links nach rechts: Bernhard Steimel, Winfried Felser, Gunnar Sohn, Tobias Kollmann, Frank Michna.

Sobald es um die Heldentaten der stolzen deutschen Industrienation geht, werden Politiker und Lobbyisten nicht müde zu betonen, wie wichtig sie für uns sind – die sogenannten „Hidden Champions“, die Mittelständler, die Industrie- und Technologieunternehmen, die mit knapp 16 Millionen Beschäftigten rund 2,1 Billionen Euro pro Jahr erwirtschaften, heißt es im Ankündigungstext des republica-Vortrages von Marco Petracca mit dem verheißungsvollen Titel „ONLINE? BRINGT UNS NICHTS! – EIN DEPRIMIERENDER LAGEBERICHT AUS DEN CHEFBÜROS DEUTSCHER INDUSTRIEUNTERNEHMEN“.

Die Unsichtbarkeit der heimlichen Giganten liege vielleicht daran, dass der überwiegende Teil ihrer Produkte und Leistungen keine direkte Relevanz für unser tägliches Leben haben – schließlich braucht niemand eine Rohrbiegemaschine oder eine Industriepumpe im Privathaushalt.

„Und es liegt auch daran, dass diese Unternehmen meist irgendwo in der tiefen Provinz sitzen. In einer Welt, deren Horizont an der nächsten Autobahn endet und die sehr weit weg von dem ist, was wir im Netz als Arbeitswelt verstehen.“

Im sauerländischen Konferenzraum verpennt man die Digitalisierung

Die geschichtsträchtigen, oft inhabergeführten und deshalb manchmal leider auch sehr konservativen Unternehmen finden in der Netzwelt genauso wenig statt wie in unserem unmittelbaren Alltag. Das ist die Hauptschwäche des Mittelstandes:

„Denn wenn heute jeder mit jedem online kommuniziert, Geschäfte zunehmend nicht mehr im sauerländischen Konferenzraum, sondern weltweit im Browser getätigt werden, Arbeitsplätze nach digitaler sexyness ausgewählt werden, das Netzwissen unseren Alltag und unsere Kultur prägt, stellt sich die Frage, wie diese Traditionsunternehmen in Zukunft bestehen sollen“, so die republica.

Petracca wagt im Mai zur Berliner Bloggerkonferenz einen Erklärversuch. Es liege wohl nicht an der Technik, sondern vielmehr an einem kulturell schwierigen Mix aus Ingenieurs-, Provinz- und Mittelstandsdenken.

Besonders in diesen Unternehmen wird nach Ansicht von Professor Peter von Mitschke-Collande unterschätzt, dass die Digitalisierung nur zu 20 Prozent eine Frage der Technologie ist.

80 Prozent der Aufgaben liegen im Management und im Verhalten der vernetzten Privat- und Geschäftskunden. Es reicht dabei nicht aus, ein wenig mehr IT und Social Web einzusetzen, um die eigene Organisation zukunftsfähig zu machen.

Die ultimative Kollmann-Frage

Maschinenbauer, Logistiker, Robotik-Spezialisten und Zulieferer sollten sich deshalb die geniale, pointierte und existentiell wichtige Frage stellen, die Professor Tobias Kollmann beim Netzökonomie-Campus in der Cebit-Mittelstandslounge in die Diskussion warf:

„Welches Startup mit einer tollen innovativen Idee aus dem Silicon Valley würde mit viel Geld Ihre Branche kaputt machen.“

Dummerweise ist das Digitale vielfach nicht Teil der Erlebniswelt von Führungskräften, bestätigt Mind Business-Berater Bernhard Steimel beim netzökonomischen Diskurs in Hannover:

„Dadurch schneiden sie unheimlich viel nicht mit. Sie delegieren solche Angelegenheiten lieber an irgendwelche Abteilungen.“

So ähnlichen Erkenntnissen gelangt Thomas Riedel in seinem Blogpost „DIE WEBVIDEOCON UND DIE UNERREICHTE ZIELGRUPPE“:

„Es waren hauptsächlich Video- und Marketing-Profis da. Es ist zwar nett sich mit denen auszutauschen. Letztendlich hat es aber den Zweck der Veranstaltung, die innerhalb der Reihe der IHK ‚Digital Cologne‘ statt findet, verfehlt. Es waren so gut wie keine mittelständischen Unternehmer da, oder Unternehmen, die sich da neu aufstellen wollten.“

Auf der anderen Seite gibt es allerdings auch die Tendenz zur Nichtwahrnehmung. Gemeint ist die so genannte Netzgemeinde, die sich selten mit klassischen Wirtschaftsthemen beschäftigt. Die populärsten Beiträge, die etwa im News-Aggregator hochschießen, sind eher die traditionellen netzpolitischen Beiträge wie Datenschutz, Netzneutralität, der heißeste Scheiß im Social Web, Gadgets oder Social Web-Marketing.

Die Top-Themen des Netzes

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Was Rivva in die Kategorie „Wirtschaft“ einsortiert, ist eher bescheiden:

Die populärsten "Wirtschaftsthemen" des Netzes

Die populärsten „Wirtschaftsthemen“ des Netzes

Asymmetrischer Krieg

Was die Mittelständler erleben werden – ob sie es zur Kenntnis nehmen wollen oder nicht – bezeichnet Steimel als asymmetrischen Krieg, den die Silicon Valley-Partisanen anzetteln. Bei der Gründung von neuen Plattformen, Apps oder Anwendungen sind die jungen Himmelsstürmer „waffentechnisch“ noch unterlegen. Kompensiert wird das mit Nadelstich-Attacken und Zermürbung, um die überlegene Partei zum Rückzug zu zwingen, die ihre Kräfte schlichtweg überdehnt hat.

Wer als etablierte Kraft nur auf Google, Facebook oder Apple starrt, werde von Neulingen wie Uber und Co. überrollt, sagt der Smart Service-Experte. Der Springer-Verlag macht es schon richtig, fast die komplette Führungsriege als Hospitanten ins Silicon Valley pilgern zu lassen. Hier bekomme man nach Ansicht von Steimel die überfälligen Erweckungserlebnisse, um böse Überraschungen für das eigene Geschäftsmodell zu antizipieren. Nur über eigene Aktivitäten kann am den blinden Fleck bei der Digitalisierung korrigieren.

Wer beherrscht die Plattformen?

Passives Zuschauen oder die Delegation der digitalen Hausaufgaben sind der falsche Weg: Auch der Ruf nach dem Staat oder die Einführung von Schutzgesetzen, gerichtlichen Verboten und Reglementierungen helfen nicht weiter.

„Das ist eine wirtschaftliche Aufgabe, die eine Plattform braucht“, fordert Kollmann.

So genüge es für die Heizungsindustrie nicht, Daten digital auslesen zu können. Über die Verbrauchswerte lasse sich eine neue Energiehandels-Plattform zu den Heizungselementen etablieren, um zu entscheiden, über welche Energieträger das abgerechnet wird. Wer das in die Hand bekommt, dominiert den kompletten Markt.

„Wir denken alle noch materiell und in alten Produktkategorien, sogar Mister Zetsche, wenn er sein altes Auto nicht durch Apple bedroht sieht, da er nicht die Experience-Ökonomie versteht, wo Produkt- und Branchen-Grenzen eingerissen werden“, erklärt Winfried Felser von der Unternehmer-Plattform Competence Site.

Wenn diese Einsicht bei den liebwertesten Gichtlinge der Wirtschaft nicht von innen kommt, müssen sie ihre Kompetenzen stärker vernetzen und auf Kollaboration setzen.

Startups als Bündnispartner

„So sollten sich Startups und Mittelständler als Bündnispartner positionieren. Wenn die Digitalisierungs-Expertise in der eigenen Firma nicht vorhanden ist, muss man sie sich in Netzwerken holen. Umgekehrt sollten die Technologie-Versteher die nötigen Business-Fähigkeiten bei etablierten Größen der Wirtschaft abholen. Nur in einer Kombination der unterschiedlichen Fähigkeiten können wir den Angreifern aus dem Silicon Valley Paroli bieten“, sagt Felser in der Cebit-Mittelstdandslounge.

Einen ersten Annäherungsversuch wagten übrigens der Bundesverband IT-Mittelstand und Bundesverband Deutsche Startups mit einem Gesprächsformat in der Cebit-Mittelstandslounge unter dem Titel „M@tch digital“.

Einen Hauptgrund für die digitale Blindheit der Unternehmer liegt wohl an der Überalterung, wie das aktuelle KfW-Mittelstandspanel untermauert:

Der demografische Wandel hinterlässt auch bei den Firmenlenkern deutliche Spuren: Die Inhaber von 1,3 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) sind 55 Jahre oder älter – das entspricht rund einem Drittel aller Mittelständler in Deutschland. Wie eine aktuelle repräsentative Analyse von KfW Research auf Basis des KfW-Mittelstandspanels zeigt, ist der Anteil dieser Altersgruppe unter den mittelständischen Unternehmern seit 2002 vier Mal so stark gestiegen wie in der Gesamtbevölkerung (+16 Prozentpunkte bzw. +4 Prozentpunkte). Gleichzeitig fehlt es trotz jüngst etwas anziehender Gründerzahlen (einschließlich der Nachfolger) an ausreichend Unternehmernachwuchs.

Talfahrt bei Unternehmensgründungen

Talfahrt bei Unternehmensgründungen

Die beschleunigte Alterung im Mittelstand hat negative Folgen für die gesamte Volkswirtschaft: Die Investitionsbereitschaft von Inhabern sinkt mit zunehmendem Alter rasant. Von den Unternehmern über 60 Jahren investiert laut KfW-Analyse nur noch rund jeder Dritte. Die anderen ziehen sich aus der Weiterentwicklung ihres Unternehmens zurück. Das gefährdet den künftigen Geschäftserfolg, bremst Modernisierung und reduziert gesamtwirtschaftliches Wachstum. Sinkt die Wettbewerbsfähigkeit, sind häufig Arbeitsplätze gefährdet.

Betroffen von der schnell voranschreitenden Alterung sind nahezu alle Branchen. Besonders schnell in Richtung Demografiefalle bewegen sich die kleinen und mittleren Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes mit einem durchschnittlichen Inhaberalter von 54 Jahren. Unabhängig vom Wirtschaftszweig haben große Mittelständler tendenziell ältere Inhaber. Bei den großen Betrieben mit mehr als 50 Beschäftigten liegt das Durchschnittsalter des Inhabers bei 53 Jahren.

Wie das KfW-Mittelstandspanel der Unternehmensinvestitionen der Jahre 2004-2013 zeigt, ist der Zusammenhang zwischen Inhaberalter und Investitionsbereitschaft unverkennbar: 57 Prozent der Unternehmen mit Chefs unter 40 Jahren investieren. Mit steigendem Unternehmeralter sinkt der Investorenanteil deutlich. Bei den über 60-jährigen Unternehmensinhabern erreicht er nur noch 37 Prozent.

Keine guten Zukunftsaussichten im Unternehmertum

Keine guten Zukunftsaussichten im Unternehmertum

Auch die Art der Investition verändert sich mit steigendem Alter. Stärker risikobehaftete und kapitalbindende Vorhaben werden seltener, die noch durchgeführten Investitionen dienen in erster Linie der Pflege des Kapitalstocks. Die geringere Investitionsneigung hat gravierende Folgen für die Unternehmenssubstanz. Bei acht von zehn Mittelständlern mit älteren Inhabern übersteigt der Wertverlust des Kapitalstocks das Volumen der Neuinvestitionen.

Eine zentrale Ursache für die abflauende Investitionsbereitschaft älterer Unternehmer ist deren kurzer Planungshorizont, die Risikobereitschaft sinkt. Rückt ein Inhaber näher an das Rentenalter heran, besitzen viele Vorhaben eine aus seiner Sicht zu lange Amortisationsdauer. Das gilt umso mehr für alle längerfristig finanzmittelbindenden – dafür aber auch wettbewerbsstärkenden – Zukunftsinvestitionen.

Alte Unternehmer sind pessimistischer

Alte Unternehmer sind pessimistischer

„Der deutsche Mittelstand altert im Zeitraffer“, sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW. „Weil ältere Chefs wesentlich seltener investieren, droht vielen kleinen und mittleren Unternehmen durchaus ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und Anziehungskraft für neue Kunden. Das mindert den Wert des Unternehmens, in dem oft ein ganzes Arbeitsleben steckt.“

Dieses Risiko müsse auch im Interesse sicherer und moderner Arbeitsplätze reduziert werden. Man sollte überlegen, wie wir den Unternehmergeist auch im Alter erhalten können. So könnten Alteigentümer nach dem Rückzug an der Rendite beteiligt werden. Mehr Unternehmer und die frühzeitige Klärung der Nachfolge wäre ein anderer, wesentlicher Baustein für den Erhalt eines dynamischen Mittelstands.

Der Netzökonomie-Campus will das ändern und Wirtschaft, Startups, Wissenschaft sowie digitale Vordenker zusammenbringen. In regelmäßigen Käsekuchen-Diskursen via Hangout on Air und das NetzökonomieCamp Ende November in Paderborn.

Der Artikel dient auch als Werkstattbericht für meinen morgigen Auftritt beim zweiten Blog-Camp in Hannover. Thema: Bekenntnisse eines Wirtschaftsbloggers – Ökonomische Themen in der Blogosphäre.

Siehe auch:

Der Mittelstand im digitalen Partisanen-Kampf.

DEUTSCHLAND AG: HEDGEFONDS-MENTALITÄT STATT GRÜNDERGEIST – DIGITALE KÖPFE GESUCHT #CEBIT15 #MITTELSTANDSLOUNGE

Themen, die bei Rivva hochschießen: Urheberrechtliche Abmahnung wegen Facebook Sharing verursacht (irrtümliche) Panikwelle – Der Versuch einer rechtlichen Aufklärung.

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Antworten auf die Tsunami-Strategien der amerikanischen Internet-Giganten – Netzökonomie-Campus in Halle 5 #Cebit15 #Mittelstandslounge

Cebit-Expertengespräche

Cebit-Expertengespräche

Welche Antworten hat die deutsche Wirtschaft auf die „Tsunami-Strategien” der Internetgiganten Google, Amazon, Facebook, Apple und Co, die mit ihren Angeboten fast alle Branchen überrollen? Es geht dabei nicht um „Software STATT Spoiler“, wie die „Zeit“ titelte, sondern um Spoiler, Software UND Vernetzungsintelligenz. Inhaltlich liegt der „Zeit“-Redakteur Götz Hamann allerdings richtig. Selbst die Perlen der deutschen Industrie – also Autokonzerne und Maschinenbauer – sind nicht mehr unangreifbar. Wenn Apple jetzt bis zu tausend Autoexperten einstellt, sollte das in München, Wolfsburg, Stuttgart und Ingolstadt nicht mit naserümpfender Arroganz beantwortet werden.

„Autos werden heute fast wie Handys und Computer gebaut. Man bestellt die Bauteile, besonders gern bei Continental, Bosch und ZF Friedrichshafen. Dann setzt man alles zusammen, wie es Volkswagen mit seinem Baukastenprinzip vormacht, und vermarktet das Auto. Die eigene Wertschöpfung liegt dadurch nur bei rund 25 Prozent“, so Hamann.

Warum sollte nicht auch Apple dazu in der Lage sein? Es geht nicht mehr um Ego-Produktion, sondern um Eco-Produktion, so das Credo von Netskill-Geschäftsführer Winfried Felser. Das ökonomische Design eines vernetzten Unternehmens ist ein Gesamtkunstwerk.

Die Hidden Champions des Mittelstandes müssen was tun

Wenn es diesen Silicon-Valley-Größen gelingt, „die digitalen Wertschöpfungsprozesse mit den dahinter liegenden realen Produkt- und Plattformentscheidungen zu verbinden, dann werden Nachfrageströme umgeleitet, neue Handelsstrukturen etabliert und die Wahl zu eigenen Endgeräten diktiert“, meint Professor Tobias Kollmann. Das sollten vor allem die Hidden Champions des deutschen Mittelstandes nicht zulassen.

Mehr als drei Viertel der deutschen mittelständischen Unternehmen sehen zwar eine rasante digitale Transformation der Wirtschaft und erkennen, dass ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit ohne zunehmende Digitalisierung bedroht ist. Aber nur bei jedem zweiten Unternehmen ist die Digitalisierung Bestandteil der eigenen Strategie. Für fast die Hälfte der Unternehmen spielt laut einer DZ-Bank-Studie die Digitalisierung der Geschäftsprozesse derzeit noch gar keine oder nur eine geringe Rolle.

„Unsere kulturellen Stärken beruhen auf Qualität, Stabilität und Sicherheit. Deshalb dominiert im Mittelstand eine skeptische und abwartende Haltung“, sagt Hannes Häfele von Oracle Deutschland im Expertengespräch zur CeBit-Mittelstandslounge, die vom 16. bis 20. März in Halle 5 stattfindet.

Dabei verliert man aus dem Blick, die richtigen Dinge zu machen. Die teutonischen Tüftler sollten weniger perfektionistisch agieren. Es wäre nach Ansicht von Häfele fatal, weiter zu warten.

Wie man das ändern kann, ist Thema einer Netzökonomie-Campus-Runde auf der Cebit in Halle 5! Am Dienstag, 17. März 2015 von 12:20 bis 13:10 Uhr. Mit dabei: U.a. Frank Michna, Winfried Felser. Moderation: Gunnar Sohn.

Deutschland AG: Hedgefonds-Mentalität statt Gründergeist – Digitale Köpfe gesucht #Cebit15 #Mittelstandslounge

Innovationsstau-Buch

Die Wirtschaft benötigt einen neuen Gründergeist, so der Tenor der Netzökonomie-Campus-Runde in Bonn. Die Digitalisierung und das Social Web sollten genutzt werden, damit die Firmen in ihren Kernprozessen besser werden, fordert Marketing-Experte Michael Zachrau:

„Ich sehe die Chance, wo die Telekom zufällig auf Social Media gestoßen ist. Nämlich bei den Beschwerden. Funktioniert der Service im Call Center nicht mehr, entsteht auf Twitter zwar nicht gleich ein massiver Shitstorm, aber es gibt eine Vielzahl von Kunden, die ihren Missmut sofort netzöffentlich machen. Das sollte von Unternehmen nicht verteufelt, sondern als Chance gesehen werden.“

Wie könnte man mit den Mitteln des Netzes die Services und Produkte verbessern – ohne Marktgeschrei und ohne Leadgenerierung für dümmliche Online-Kampagnen? Schon beim Management von Ideen und Innovationen errichten die meisten Unternehmen in Deutschland Ziegelstein-Barrieren. Sie meiden den offenen Austausch mit Kunden und der interessierten Öffentlichkeit im Netz, bemängelt Innovationsberater Jürgen Stäudtner.

„Was bei uns in der Wirtschaft abläuft, hat wenig mit digital und social zu tun.“

Da regiert eher die Abschottung über Zertifizierungen und Patente. Wir laufen in eine agile Netzwerk-Ökonomie rein, wo es nicht ausreicht, irgendwelche Praktikanten zur Betreuung der Facebook-Seite abzustellen, meint Winfried Felser von der Unternehmer-Plattform Competence Site.

Mit der Brechstange Gewinne maximieren, ohne Neues zu schaffen

„Die Transformation, die wir jetzt erleben, ist viel fundamentaler. Es geht um smarte Services und Produkte, um die schnelle Allokation von Fähigkeiten, um nach außen und innen besser zu werden. Eine Digitalisierung, die nur eine simple Elektrifizierung ist und die Prozesse unverändert lässt, bringt überhaupt nichts. Wenn wir digital und social nutzen, um unsere Organisationen zukunftsfähiger zu machen, dann ist das perfekt. Am Schluss geht es darum, die Wertschöpfung zu verbessern“, so Felser.

Setzt man die Werkzeuge des Internets nur minimal-invasiv ein, passiert gar nichts. Dann endet das Ganze in Grabreden über Social Media.

Ob man die Entscheider der Wirtschaft jetzt im Social Web begeistern oder mit den Begriffen des Managements abholen sollte oder nicht, sei nach Ansicht von Stäudtner völlig irrelevant.

„Es ist an der Zeit, dass sich die Entscheider endlich selbst abholen. Wir leben seit über einer Dekade in Zeiten dramatischer Veränderungen und in Deutschland regiert noch das Biedermeier. In Unternehmen werden Führungskräfte befördert, die mit der Brechstange die Umsätze erhöhen sowie Gewinne maximieren und nicht jene, die nach vorne denken. Die Eigentümer von Unternehmen sind selber schuld, wenn ihre Manager die Zukunft im Gestern suchen. So sieht man die IT-Mitarbeiter eher als interne Dienstleister und nicht als Antreiber für neue Geschäftsmodelle. Sie sind den Finanzvorständen unterstellt und sollen Kosten reduzieren. Mehr nicht.“

Die Burgen-Erbauer

Das Grundproblem in Unternehmen sei das Silo-Denken, so der Kommunikationsberater Frank Michna:

„Jeder hat sich seine eigene Festung gebaut. Dadurch fehlt eine durchgängige Kommunikation in der Organisation. Da hat der ITler, der Marketing-Manager und der Vertriebschef seine Burg gebaut. Bevor es um die externen Dinge in sozialen Netzwerken geht, müssen Firmen erst einmal intern für Klarheit sorgen. Jeder verteidigt nur seine eigene Abteilung und egozentrischen Interessen. Mit dieser Unternehmenskultur schafft man nie den Schritt ins Digitale. Die führenden Köpfe versauern in dem Glauben, in den nächsten zehn Jahren mit den alten Führungsmethoden weiterarbeiten zu können.“

Mit diesem starren Scheuklappen-Denken sieht man nicht, wie links und rechts die technologischen Himmelsstürmer aus dem Silicon Valley an einem vorbeiziehen.

„Wenn Unternehmen nicht in die schwierige Entwicklung von wirklich Neuem investieren, dann werden sie bedeutungslos, egal welche Gewinne sie heute erzielen“, mahnt Paypal-Gründer Peter Thiel.

Was passiert, wenn wir unsere ererbten Unternehmen so lange weiter optimieren, bis wir sie restlos ausgeschöpft haben, fragt sich Thiel.

„So unglaublich es klingen mag, die Folge wäre eine schlimmere Krise als die des Jahres 2008. Die Best Practices von heute führen morgen in die Sackgasse.“

Dicke Kohle aber keine Innovationen

Aber genau unter diesem Syndrom leide die Deutschland AG, bemerkt Stäudtner. Ausführlich nachzulesen in seinem neuen Buch „Deutschland im Innovationsstau – Wie wir einen neuen Gründergeist erschaffen“.

Wutreden verdienen vor allem die Vermögenden:

„Die reichsten Deutschen haben ihr Vermögen geerbt oder konnten sich ins gemachte Nest begeben. Deutsches Geld ist also relativ altes Geld. Das hat massive Auswirkungen auf das Denken der Eigentümer der Firmen, der Investoren. Während gerade in Großbritannien und Amerika die Reichsten laufend Schlagzeilen mit gewagten Investitionen machen, herrscht bei uns Funkstille“, schreibt Stäudtner in seinem Opus.

Während in Großbritannien und Amerika die Reichsten laufend Schlagzeilen mit gewagten Investitionen machen, herrsche bei uns Funkstille.

„Wenige vermögende Deutsche investieren mutig. Dazu zählen die Tengelmann-Familie Haub sowie die Verleger-Familien Springer, Holtzbrinck und Burda. Ansonsten sind eher die Haniels typisch. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden sie durch die Schwerindustrie des Ruhrgebiets vermögend. Heute hat das Familienunternehmen Franz Haniel & Cie. GmbH über 500 Gesellschafter und hält Beteiligungen an mehreren Hundert Unternehmen – die bekannteste Beteiligung ist der 30prozentige Anteil an der Metro AG. Wenn man was hört von der Familie, dann ist es Streit über Auszahlungen an die Gesellschafter oder Forderungen an die Beteiligungen. Die Familie ist rein finanziell orientiert. Visionen oder Leidenschaft sucht man hier vergebens. Im Prinzip agiert der Clan wie ein Hedge-Fonds. Die Eigentümer deutscher Unternehmen sind oft reiche Deutsche und der Staat. Viele deutsche Firmen sind oder waren deshalb im Würgegriff der Erben—Generation, die kurzfristig Erträge sehen will. Der Rest der Investoren kommt aus dem Ausland, aus Arabien und via Fondsgesellschaften aus Amerika.“

Die Deutschen seien stolz auf ihre technisch überlegenen Produkte – made in Germany. Wenig Platz bleibe für Ideen, Innovation und Leidenschaft.

„Erfolgreiche Innovatoren trauen sich Dinge zu tun, die sonst keiner tut. Sie brechen Regeln, stören Gewohnheiten“, weiß Stäudtner.

Eigentlich eine geniale Gelegenheit für einen neuen Gründergeist. Davon sind wir aber weit entfernt, wie Professor Tobias Kollmann in einem Beitrag für die Huffington Post analysiert:

„Laut Vodafone Institute Survey will kaum ein junger Deutscher seine Karriere in der Digitalen Wirtschaft machen oder etwa in einem zugehörigen Startup arbeiten. 33 Prozent der Deutschen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren schließen eine Karriere in der Digitalen Wirtschaft für sich aus. Umgekehrt beantworten nur 13 Prozent der Befragten die Frage nach einem möglichen Berufseinstieg im digitalen Sektor mit einem eindeutigen Ja.“

70 Prozent der so genannten „Digital Natives“ könne sich zudem nicht vorstellen, für ein Startup zu arbeiten oder gar ein Unternehmen der Digitalen Wirtschaft zu gründen (77 Prozent).

„Das bedeutet, wir werden nicht nur kurzfristig, sondern auch mittel- und langfristig nicht über ausreichend ‚digitale Köpfe‘ als Manager für etablierte Unternehmen sowie Gründer für Startups verfügen“, so die ernüchternde Erkenntnis von Kollmann.

Wie man das ändern kann, diskutieren wir auf der Cebit vom 16. bis 20. März in vielen Vorträgen und Experten-Runden in Halle 5, Mittelstandslounge.

Da wird es auch einen Netzökonomie-Campus geben. Am Dienstag, 17. März 2015, von 12:20 bis 13:10 Uhr. Man hört und sieht sich in Hannover 🙂

Vom zweiten Netzökonomie-Campus gibt es übrigens eine verschriftete Version. Wer die Abschrift haben möchte, sollte sich bei mir per Mail melden: gunnareriksohn@gmail.com

Übrigens sind auch die Silicon Valley-Größen verwundbar. Man muss also nicht in Ehrfurcht erstarren: Umstrukturierung bei Google+: Riesengroß, aber wenig genutzt.

Wutreden an die Deutschland AG – Warum wir einen neuen Gründergeist brauchen

Hulk

Da denkt man, keiner interessiert sich für wirtschaftspolitische Themen, für Startups oder netzökonomische Belange und nur Spaßvögel wie Slimani können virale Hits im Web lostreten:

„Dann kommt Christian Lindner mit seiner Wutrede im NRW-Landtag über die Verachtung von Unternehmertum in Deutschland und in zwei Tagen wird die Rede allein bei welt.de 2,1 Millionen Mal angeklickt und über 18.000 Mal geteilt“, bemerkt Wirtschaftshistoriker und Management-Professor Klemens Skibicki auf Facebook.

Vielleicht müsse man die Themen ja doch nur auf den Punkt bringen, um die vernetzte Ökonomie und das Social Web den politischen Entscheidern schmackhaft zu machen. Abgesehen von der Glaubwürdigkeit der Replik des FDP-Politikers in Fragen des Unternehmertuns, wäre eine breite Debatte über den Gründergeist vonnöten, so das Resümee des zweiten Netzökonomie-Campus in Bonn.

Nicht nur Politik und Staat gefragt

Das ist nicht nur eine Hausaufgabe für Staat und Politik. Auch die Wirtschaft benötigt einen neuen Gründergeist.

Die Digitalisierung und das Social Web sollten genutzt werden, damit die Firmen in ihren Kernprozessen besser werden, fordert Marketing-Experte Michael Zachrau: „

Ich sehe die Chance, wo die Telekom zufällig auf Social Media gestoßen ist. Nämlich bei den Beschwerden. Funktioniert der Service im Call Center nicht mehr, entsteht auf Twitter zwar nicht gleich ein massiver Shitstorm, aber es gibt eine Vielzahl von Kunden, die das sofort netzöffentlich machen. Das sollte von Unternehmen nicht verteufelt, sondern als Chance gesehen werden.“

Wie könne man mit den Mitteln des Netzes die Services und Produkte verbessern – ohne Marktgeschrei und ohne Leadgenerierung für dümmliche Online-Kampagnen.

Ziegelstein-Barrieren im Management

Aber schon beim Management von Ideen und Innovationen errichten die meisten Unternehmen in Deutschland Ziegelstein-Barrieren. Sie meiden den offenen Austausch mit Kunden und der interessierten Öffentlichkeit im Netz, bemängelt Innovationsberater Jürgen Stäudtner:

„Was bei uns in der Wirtschaft abläuft, hat wenig mit digital und social zu tun.“

Da regiert eher die Abschottung über Zertifizierungen und Patente.

Wir laufen in eine agile Netzwerk-Ökonomie rein, wo es nicht ausreicht, irgendwelche Praktikanten zur Betreuung der Facebook-Seite abzustellen, meint Winfried Felser von der Unternehmer-Plattform Competence Site.

Mit der Brechstange Gewinne maximieren, ohne Neues zu schaffen

„Die Transformation, die wir jetzt erleben, ist viel fundamentaler. Es geht um smarte Services und Produkte, um die schnelle Allokation von Fähigkeiten, um nach außen und innen besser zu werden. Eine Digitalisierung, die nur eine simple Elektrifizierung ist und die Prozesse unverändert lässt, bringt überhaupt nichts. Wenn wir digital und social nutzen, um unsere Organisationen zukunftsfähiger zu machen, dann ist das perfekt. Am Schluss geht es darum, die Wertschöpfung zu verbessern.“

Setzt man die Werkzeuge des Internets nur minimal-invasiv ein, passiert gar nichts. Dann endet das Ganze in Grabreden über Social Media.

Ob man die Entscheider der Wirtschaft jetzt im Social Web begeistern oder mit den Begriffen des Managements abholen sollte oder nicht, sei nach Ansicht von Stäudtner völlig irrelevant.

„Es ist an der Zeit, dass sich die Entscheider endlich selbst abholen. Wir leben seit über einer Dekade in Zeiten dramatischer Veränderungen und in Deutschland regiert noch das Biedermeier. In Unternehmen werden Führungskräfte befördert, die mit der Brechstange die Umsätze erhöhen sowie Gewinne maximieren und nicht jene, die nach vorne denken. Die Eigentümer von Unternehmen sind selber schuld, wenn ihre Manager die Zukunft im gestern suchen. So sieht man die IT-Mitarbeiter eher als interne Dienstleister und nicht als Antreiber für neue Geschäftsmodelle. Sie sind den Finanzvorständen unterstellt und sollen Kosten reduzieren. Mehr nicht.“

Die Burgen-Erbauer

Das Grundproblem in Unternehmen sei das Silo-Denken, so der Kommunikationsberater Frank Michna:

Käsekuchen-Selbstversorger Frank Michna

Käsekuchen-Selbstversorger Frank Michna

„Jeder hat sich seine eigene Festung gebaut. Dadurch fehlt eine durchgängige Kommunikation in der Organisation. Da hat der ITler, der Marketing-Manager und der Vertriebschef seine Burg gebaut. Bevor es um die externen Dinge in sozialen Netzwerken geht, müssen Firmen erst einmal intern für Klarheit sorgen. Jeder verteidigt nur seine eigne Abteilung und egozentrischen Interessen. Mit dieser Unternehmenskultur schafft man nie den Schritt ins Digitale. Die führenden Köpfe versauern in dem Glauben, in den nächsten zehn Jahren mit den alten Führungsmethoden weiterarbeiten zu können.“

Mit diesem starren Scheuklappen-Denken sieht man nicht, wie links und rechts die technologischen Himmelsstürmer aus dem Silicon Valley an einem vorbeiziehen.

„Wenn Unternehmen nicht in die schwierige Entwicklung von wirklich Neuem investieren, dann werden sie bedeutungslos, egal welche Gewinne sie heute erzielen“, mahnt Paypal-Gründer Peter Thiel in seinem neuen Opus „ZERO TO ONE – Wie Innovation unsere Gesellschaft rettet“.

Was passiert, wenn wir unsere ererbten Unternehmen so lange weiter optimieren, bis wir sie restlos ausgeschöpft haben, fragt sich Thiel. „

So unglaublich es klingen mag, die Folge wäre eine schlimmere Krise als die des Jahres 2008. Die Best Practices von heute führen morgen in die Sackgasse.“

Dicke Kohle aber keine Innovationen

Aber genau unter diesem Syndrom leidet die Deutschland AG, bemerkt Stäudtner. Ausführlich nachzulesen in seinem in Kürze erscheinenden Buch „Deutschland im Innovationsstau – Wie wir einen neuen Gründergeist erschaffen.“

Wutreden verdienen auch die liebwertesten Gichtlinge mit der dicken Kohle: „Die reichsten Deutschen haben ihr Vermögen geerbt oder konnten sich ins gemachte Nest begeben. Deutsches Geld ist also relativ altes Geld. Das hat massive Auswirkungen auf das Denken der Eigentümer der Firmen, der Investoren. Während gerade in Großbritannien und Amerika die Reichsten laufend Schlagzeilen mit gewagten Investitionen machen, herrscht bei uns Funkstille“, konstatiert Stäudtner, der mit seinem Innovations-Band hoffentlich viele Wutreden-Effekte auslösen wird.

Auch hier sind Innovationen gefragt: Der Niedergang des stationären Handels ist ein neuer Anfang.

Interessant: Wo steht Amazon in 5 Jahren, wo in 10 Jahren?

Vernetzte Ökonomie betrifft alle – Wissenschaft, Wirtschaft und Politik versagen bei der digitalen Transformation

Netzökonomischer Käsekuchen-Diskurs in Bonn

Netzökonomischer Käsekuchen-Diskurs in Bonn

Telekom-Chef Tim Höttges weint sich wieder mal in einem Zeitungsinterview die Augen aus, weil der böse Internetkonzern Google so mächtig ist.

„Kein anderes Unternehmen in der Welt sammelt so viele Daten. Und kein anderes Unternehmen der Welt verwertet sie so gewinnbringend“, moniert der Netzbetreiber-Boss gegenüber der Süddeutschen Zeitung.

Das sorge für „erhebliche Wettbewerbsverzerrungen“. Höttges rügt insbesondere den Umgang mit Daten durch Google.

Für Google würden andere Regeln als für die Telekom gelten, die sich an deutsche Datenschutzgesetze halte. Entsprechend müssen jetzt wohl EU, Bundesregierung, NATO, UNO, Polizei oder Feuerwehr aktiv werden, um den Mountain View-Laden endlich zu regulieren oder gar zu zerschlagen. Um Datenschutz geht es den Telekomikern aber gar nicht. Die liebwertesten Gichtlinge der alten Wirtschaftswelt fürchten sich vor dem digitalen Tsunami, der selbst vor Handwerkern der Gas-Wasser-Scheisse-Branche nicht halt macht. Google und Co. drängen in altehrwürdige Industrien ein mit einer Netzlogik, die für die Wirtschaftskapitäne der Deutschland AG als Bedrohung empfunden wird. Und ihre Abwehrreaktionen folgen dem Lehrbuch des Ökonomen Joseph Schumpeter.

Die Klagen des Routineunternehmers

Das Eindringen von Neulingen in bestehende Branchen würde stets Kämpfe mit der alten Sphäre nach sich ziehen. Die Altvorderen seien bestrebt, den Vorteil, den eine neue Firma durch eine Innovation erlangt, zu verbieten, zu diskreditieren oder auf andere Weise zu beschränken. Was immer dabei auch im Einzelfall geschehe, so Schumpeter, sei der hohe Gewinn jedes Unternehmers stets vergänglich, denn Konkurrenten würden Neuerungen kopieren und damit ein Sinken des Marktpreises bewirken. Der Routine-Unternehmer agiert machtpolitisch und schreit am Ende nach Vater Staat, um seine Pfründe in Sicherheit zu bringen. In Wahrheit ist der Telekom-Boss doch nur sauer auf Google, weil der Suchmaschinen-Gigant seine Dienste kostenlos anbietet, über Werbung gegenfinanziert und damit satte Gewinne einfährt. Etwa Videotelefonie, Livestreaming via Hangout on Air oder Services für Kurznachrichten. Machtvoll ist Google wegen seiner Größe bei der Skalierung seiner Angebote. Selbst vor Bau von Glasfaser-Leitungen schreckt der amerikanische Konzern nicht zurück, um Länder so schnell wie möglich auf eine neue Stufe der Digitalisierung zu heben. Höttges gehört noch der industriellen Glaubenskongregation an, die davon ausgeht, dass die Silicon Valley-Angreifer bei Hardware scheitern werden.

Das mephistophelische Google kann auch Glasfaser

„Wir können Netz besser“, lautet die Parole des Bonner Netzbetreibers. Höttges erwartet nicht, dass Google in Europa Netze bauen werde. Das könnte auch so ein Satz werden, der in die Annalen der technologischen Fehleinschätzungen eingeht. Wenn Deutschland nicht in der Lage für Infrastruktur-Investitionen für schnelles Internet ist, kommt eben eine Lösung von Übersee. Vielleicht nicht über Glasfaser, sondern mobil via Stratosphäre. Die Einen buddeln weiterhin Kabelschächte und die Anderen verdienen noch mehr Geld.

Da helfen Schutzgesetze und Klagemauer-Reden nicht weiter. Was viele liebwerteste Gichtlinge in Politik und Wirtschaft immer noch nicht begriffen haben, sind die volkswirtschaftlichen Effekte der vernetzten Ökonomie, die sich nicht auf das Teilen von Katzenbildern im Social Web reduzieren lassen.

ichsagmal.com-Bibliotheksgespräche

ichsagmal.com-Bibliotheksgespräche

Beim ersten Bonner Netzökonomie-Campus, der in meiner Bibliothek stattfand und über den mephistophelischen Umsonst-Dienst Hangout on Air übertragen wurde, kritisierten die Experten unisono die alten Rezepturen, die selbst hoch qualifizierte Politikberater wie DIW-Chef Marcel Fratzscher dem politischen Führungspersonal in Berlin vorbeten.

Star-Ökonomen ohne digitale Expertise

Im neuen Fratzscher-Opus „Die Deutschland-Ilussion – Warum wir unsere Wirtschaft überschätzen und Europa brauchen“ tauchen eine Vielzahl von klugen Analysen über den brüchigen Status quo der deutschen Wettbewerbsfähigkeit auf. Schaut man im Register unter D wie Digitalisierung oder I wie Internet oder Informationstechnologie nach, findet man nur gähnende Leere.

Der DIW-Chef empfiehlt stattdessen in alter keynesianischer Machart mehr staatliche Investitionen, um etwa dem Verfall von Straßen entgegen zu wirken. Das ist recht erbärmlich für einen „Star-Ökonomen“, der sich zum wichtigsten Stichwortgeber von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hoch gearbeitet hat. Deshalb brachte ich bei der Vorstellungsrunde unserer netzökonomischen Käsekuchen-Diskussion auch als Hashtag „Schumpeter-statt-Keynes“ ins Spiel. Schumpeter warf bekanntlich Keynes und seinen Aposteln vor, das wirtschaftliche Geschehen nur in Aggregaten zu denken und die Rolle von Innovationen sowie unternehmerischen Einzelentscheidungen auszublenden. Makroökonomen seien blind für die Auswirkungen von neuen Technologien und Geschäftsmodellen.

Verpuffender Keynesianismus in neuen Schläuchen

Entsprechend profan fallen die Empfehlungen der volkswirtschaftlich ausgebildeten Politikflüsterer aus. Was Fratzscher und Co. vortragen, ist alter Keynesianismus in neuen Schläuchen: Mehr Staatsausgaben, geldpolitische Globalsteuerung, Industrieförderung, ein wenig mehr bauen und schon läuft die Konjunktur:

„Man kann nicht mit altem Denken in neuen Welten erfolgreich sein. Da ich mich als Wirtschaftshistoriker mit dem Strukturwandel in den vergangenen drei Jahrhundert beschäftigt habe, weiß ich, dass wir andere Methoden und Kompetenzen brauchen“, fordert Wirtschaftsprofessor Klemens Skibicki beim Netzökonomie-Campus.

Das Internet bewirke die größte Senkung der Transaktionskosten, die wir je erlebt oder historisch erforscht haben. Die wirtschaftspolitischen Empfehlungen, die in Berlin und anderswo verlautet werden, seien verpuffender Keynesianismus.

Im Vergleich mit der Merkel-Regierung ist Elmar Weiler, Dekan der Ruhr-Universität in Bochum, in seinen Erkenntnissen schon viel weiter. Er treibt die notwendige Neuerfindung seiner Stadt unter dem Stichwort Bochum 4.0 voran.

„Bochum 1.0 dokumentiert die Zeit, als man Kohle aus der Erde holte, bis keine mehr da war. Allen sei klar gewesen, dass sich die Lagerstätten erschöpfen würden. Dann hat man angefangen, einen Hightech-Werkstoff zu entwickeln – nämlich Stahl. Da brauchte man nicht nur Eisenerz, sondern auch sehr viel Wissenschaft, um etwa rostfreien Stahl herzustellen. Das war Bochum 2.0. Von der Kohle über den Stahl geht die Erfolgsgeschichte weiter zu Fabriken, in denen Hochleistungsmaschinen gefertigt wurden wie Autos und Handys. Diese Zeit geht jetzt auch zu Ende. Also Bochum 3.0″, sagt Weiler.

Jetzt folgt die Phase 4.0:

„Es bricht eine neue Zeit an, die weniger geprägt sein wird von großen Industriewerken”, meint Weiler – auch wenn das viele Industrielobbyisten immer noch nicht ganz wahrhaben wollen.

Der Uni-Rektor ist fest davon überzeugt, dass das in der Region der Vergangenheit angehört.

Relevanter werden Mittelstand und innovative Unternehmen, die sich besser vernetzen müssen bei der Erzeugung von lokalen Wertschöpfungsketten. Es gehe dabei um die Vernetzung von allem. Also Kultur, Sport, Wissenschaft, Wirtschaft und das Engagement der Bürgerschaft. Was Professor Weiler in wenigen Worten skizziert hat, sollte sich die Große Koalition in Berlin hinter die Ohren schreiben.

Wie überzeugt man Zukunftsverweigerer?

Was mit Bochum 4.0 umschrieben und angestoßen wird, ist für den theologisch fundierten Informatiker Winfried Felser ein richtiger Schritt, um die Zukunftsverweigerer der überkommenen Ökonomie abzuholen. Das erreiche man nicht mit Begriffen wie „digitale Wirtschaft“ oder mit Konferenzen wie die re:publica in Berlin. Letzteres würden die Altvorderen als spleeniges Internet-Getöse von esoterischen Nerds abtun. Es müsse Maßnahmen geben, die auch IHK-Mitglieder, inhabergeführte Unternehmen und Konzernchefs erreichen, empfiehlt Netskill-Geschäftsführer Felser beim netzökonomischen Diskurs in der rheinischen Beethoven-Metropole. Jeder Handwerker, jeder Heizungsbauer und jeder Hersteller sollte sich die Frage stellen, ob er morgen noch mit seinem Geschäftsmodell erfolgreich sein kann. Etwa bei der Wartung von vernetzten Heizungen, die digital überwacht und gewartet werden. Da ist ein Systemingenieur gefragt und nicht mehr der klassisch ausgebildete Installateur – vom Schornsteinfeger mal ganz schweigen.

Die Querschnittsfunktion der Netzökonomie

Das Wort „Netzökonomie“ unterstreicht, dass die Digitalisierung und Vernetzung den Querschnitt aller Wirtschaftstätigkeiten betrifft. Mit Furcht, die sich durch Medien, Politik, Wirtschaft und Universitäten zieht, sei die digitale Transformation nicht zu bewerkstelligen, ergänzt Skibicki.

„Was sich im Ruhrgebiet beim Niedergang von Stahl, Kohle und industrieller Massenfertigung abspielt, gilt für ganz Deutschland. Leider beteiligen sich Politik und Verwaltung an diesem Prozess nicht. In anderen Ländern ist man da schon sehr viel weiter“, weiß Kommunikationsberater Frank Michna.

Die Digitalisierung aller Lebensbereiche hängt eng mit der steigenden Leistungsfähigkeit der Mikroprozessoren zusammen:

„Das bekommen dann irgendwann auch Busfahrer und sogar Piloten zu spüren, die von intelligenter Steuerungstechnologie ersetzt werden“, sagt Innovationsexperte Jürgen Stäudtner vom Beratungshaus Cridon.

International werde nur die industrielle Expertise gesehen. Wir sollten schleunigst damit beginnen, dieses Wissen mit digitaler Kompetenz aufzuladen.

Der Dreiklang mobiles Internet, Social Web und Industrie 4.0 betrifft alle. Netzökonomie sei daher kein Thema für außerirdische Aliens, sondern gehört auf die Tagesordnung von BDI und Co., so das Credo des Kommunikationswissenschaftlers Jonas Sachtleber, der für die studentische Unternehmensberatung Oscar tätig ist.

Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspolitik liefern in Deutschland für die digitale Transformation bislang weder Modelle, Methoden noch Metaphern.

Mit dem Netzökonomie-Campus möchte ich das über Tagungen, Studien, E-Books, Workshops, Barcamps, virtuellen Expertenrunden via Hangout on Air ändern. Vielleicht habt Ihr ja Zeit und Interesse, um mitzumachen.