Es gibt doch sehr viele Protagonisten, die ihre eigene Meinung, ihr eigenes (Vor)-Urteil in eine Wir-Form kleiden und aus dieser Schlaumeier-Perspektive über andere Menschen Haltungsnoten abgeben. In Netzdiskussionen ist das besonders ausgeprägt. Seit der Gründung von Social Media sei ein Überschuss an Meinung da. Das sagte Christoph Kappes zum Medientag der Hochschule Fresenius in Köln, in der ich in einem Workshop die Entwicklungslinien des Journalismus bis zum Jahr 2030 skizzierte.
Zur Merve-Kultur zählte immer die Lust am Diskurs und nicht die Volkserziehung. Das brachte Michel de Certeau, ein weiterer sehr wichtiger Autor des Berliner Verlags, trefflich zum Ausdruck: Wer die Masse zu repräsentieren vorgebe, kämpfe in Wirklichkeit darum, sie zu erziehen, zu disziplinieren und zu gruppieren.
Peter Gente und Heidi Paris kultivierten ihre gute Laune: „Wir wollen ein kleiner Verlag, unscheinbar und daneben sein, und das macht irre Spaß.“
Sie nutzten das Kontrollvakuum und erfreuten sich an der Partisanenexistenz ihrer Leser. Das lebt auch nach dem Tod von Gente und Paris weiter. Zeitlose Bände mit hoher Diskurs-Dynamik auf billigem Papier. Paperbacks, bei denen man Sätze gegen den Strich lesen kann. Schlüsse aus den Texten ziehen, von denen die Texte nichts wissen und einer Kunst des Lesens aus dem Geist der Respektlosigkeit frönen. Als Netzpartisan ist Merve meine Leitstelle.
Und da präsentierte ich einen
Leitspruch, den Jochen Wegner, Chefredakteur von Zeit Online, vor einigen
Jahren bei einem Kongresse des Deutschen Journalisten Verbandes (DJV)
sagte: Durchwursteln statt bedeutungsschwere Masterpläne zu schmieden
sei das probateste Mittel, um in der digitalen Sphäre zu überleben.
In seiner DJV-Rede sieht er das Merkel-Prinzip als den besten Ansatz, wie
heute Medien entwickelt werden müssen. Man könne vielleicht ein halbes
Jahr weit sehen, aber bestimmt nicht zehn Jahre. „Alle Masterpläne scheitern
permanent“, so Wegner. Wo die Zukunft der Medien liegen werde, kann er
nicht beantworten. „Ich weiß es nicht. Es passieren gerade so viele Dinge bei
der Veränderung des Verhaltens der Nutzer und Leser, dass ich froh wäre,
wenn ich wüsste, was wir nächstes Jahr machen“, so Wegner.
Er gab den Teilnehmern die Empfehlung auf den Weg, mehr zu spielen, zu
experimentieren und die Dinge, die nicht funktionieren, wieder einzustellen.
Dass Journalismus sich "gar nicht" ändern müsse, weil Journalismus Journalismus
sei, hält Kappes für eine Falle. „In allen Berufen steigen die Ansprüche inhaltlich
und methodisch – bei Juristen, Soziologen und Informatikern könnte ich es wohl
belegen.“ Inhalte werden spezieller und breiter zugleich. „Man sieht doch heute
schon sehr gut, wie schwierig es ist: Cambridge Analytica und Wasserkosten sind
zwei aktuelle Fälle“, schreibt Kappes in einem Facebook-Kommentar.
Welche Konsequenzen leiten sich darauf ab, wenn man auf Sicht fahrenund
dennoch vieles verändern muss:
Kappes bringt den Ausbau von fachlichen Rollen im General-Interest-Spektrum ins
Spiel, beispielsweise Tandems mit Experten oder formalisierte Reviews. Da sei
noch viel möglich
Eine veränderte Haltung: „Journalisten beobachten und beschreiben die
Gesellschaft, sie unterscheiden sich von Soziologen nur darin, dass sie weder
Theorie formulieren noch Fachsprache formulieren, aber Haltung und Denkweise
müssen meiner Meinung nach auf den Prüfstand. Empirie und Beschreibung sind
der Königsweg, gefolgt von der Suche nach Mustern. Erst dann kommt
Herummeinen.“
Da die Gesellschaft sich zunehmend ohne Massenmedien mit Meinung versorgt,
müsse auch hier der Journalismus mit der Zeit besser werden: Einordnung und
Bewertung werde immer wichtiger – begleitet von der Einspeisung von
historischem, politischem und soziologischem Fachwissen. Also die Rolle des
Journalisten als Kurator.
Zudem muss man an der Vielfalt der Formate arbeiten, da sich die Öffentlichkeiten
immer mehr zergliedern. Aus Mikro werde Nano. Hier muss man die Theorie der
öffentlichen Meinung neu schreiben.
„Daher müssen Journalisten Brücken in andere Bereiche von Öffentlichkeit bauen.
Wo man sich heute heraushält, muss man hinein. Das ist eine politische
Forderung“, so Kappes. Das gilt auch für den Überschuss an Meinungen, der in
sozialen Netzwerken produziert wird. Mit all seinen negativen Begleiterscheinungen
– von Fake News bis zu Hassbotschaften. Auch hier könne der Journalismus mit
Kuration und Verdichtung vorgehen. „Warum nicht mal auf Meinungen im Netz
beziehen und diese gegeneinander halten, nach Argumenten suchen und einen
Vorschlag machen?“.
Das Problem liege nicht bei den Meinungen, so Professor Volker Banholzer von der TH Nürnberg. Problmatisch sei der Überschuss Aburteilungen in der Social Web-Kommunikation. Der schnelle Aufreger, die Ausschaltung der Kontextinformationen und die reflexhaften Boshaftigkeiten, die sich massiv im Netz ausbreiten. Wie kann man das anders machen? Schaut Euch doch mal den Merve-Verlag an. Vor allem die Geschichte dieses Unternehmens. Zur Merve-Kultur zählte immer die Lust am Diskurs und nicht die Volkserziehung. Das brachte Michel de Certeau, Autor des Berliner Verlags, trefflich zum Ausdruck: Wer die Masse zu repräsentieren vorgebe, kämpfe in Wirklichkeit darum, sie zu erziehen, zu disziplinieren und zu gruppieren.
Peter Gente und Heidi Paris kultivierten ihre gute Laune: „Wir wollen ein kleiner Verlag, unscheinbar und daneben sein, und das macht irre Spaß.“
Sie nutzten das Kontrollvakuum und erfreuten sich an der Partisanenexistenz ihrer Leser. Das lebt auch nach dem Tod von Gente und Paris weiter. Zeitlose Bände mit hoher Diskurs-Dynamik auf billigem Papier. Paperbacks, bei denen man Sätze gegen den Strich lesen kann. Schlüsse aus den Texten ziehen, von denen die Texte nichts wissen und einer Kunst des Lesens aus dem Geist der Respektlosigkeit frönen.