Forschungsarbeiten in Reallaboren gesucht – Forschungspreis des Wuppertal Instituts @Wupperinst ‏

Zum zweiten Mal vergibt das Wuppertal Institut den Forschungspreis „Transformative Wissenschaft“. In diesem Jahr werden Forschungsarbeiten gesucht, die in Reallaboren stattfinden. Reallabore sind wissenschaftlich konstruierte Räume einer kollaborativen Nachhaltigkeitsforschung mit Interventionscharakter. Sie verweisen auf Forschung, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Transformationsprozesse anstoßen oder auch aktiv begleiten. Die Spannbreite reicht von Interventionen mit Randomisierung und Kontrollgruppen, über Quasi- und Feldexperimente bis zum Aufbau von Transformationsräumen mit kontinuierlichen Interventionen. Die Begriffsvielfalt rund um Reallabore ist groß, neben Reallaboren sind beispielsweise Begriffe wie Sustainable Living Labs, Urban Transition Labs und Innovation Labs im Gespräch.

Bewerbungen aus diesen und ähnlichen Feldern können für den Forschungspreis „Transformative Wissenschaft 2018“ bis zum 14. Mai 2018 eingereicht werden. Das Preisgeld in Höhe von 25.000 Euro soll dafür genutzt werden, um Freiräume und Ressourcen für die Durchführung zukünftiger Projektideen im Bereich transformativer Forschung in Reallaboren zu schaffen. Neben Forscherinnen und Forschern aus Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen können sich auch Personen aus der Zivilgesellschaft bewerben. Die Preisträgerinnen und Preisträger werden von einer unabhängigen Jury ausgewählt.

Auswahlkriterien und Bewerbungsunterlagen

Die Jury bewertet die eingereichten Arbeiten anhand folgender Auswahlkriterien: Die Jury legt großen Wert auf die Qualität und Innovativität der transformativen Forschung sowie die gesellschaftliche Relevanz des Themas. Darüber hinaus sind die transformativen Wirkungen der Forschung in Reallaboren sowie die Form und Qualität der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung und -qualifizierung im Kontext von Reallaboren in diesem Jahr maßgebend für die Bewertung.

Neben einem Motivationsschreiben sollte die Bewerbung eine kurze Darstellung der bisher durchgeführten transformativen Forschung und der ausgelösten transformativen Impulse beinhalten. Außerdem wird ein tabellarischer Lebenslauf mit maximal fünf Publikationen sowie Projektverweisen erwartet. Die Bewerbungsunterlagen sind in deutscher Sprache und elektronischer Form als PDF-Datei bis zum 14. Mai 2018 einzureichen. Bewerbungen nimmt Dr. Franziska Stelzer per E-Mail entgegen: franziska.stelzer@wupperinst.org

Ausgezeichnet: Institut für Entwicklungspolitik, das Internationale Konversionszentrum Bonn und das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie

In die Spitzenkategorie im globalen Ranking von Denkfabriken haben es auch in diesem Jahr drei Institute der Johannes-Rau-Forschungsgemeinschaft (JRF) geschafft. Das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE), das Internationale Konversionszentrum Bonn (BICC) und das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie zählen nach dem Global Go To Think Tank-Ranking 2017 zu den renommiertesten Forschungs- und Beratungsinstituten weltweit.

Im Vergleich zu den Vorjahren konnten die drei Institute ihre guten Platzierungen halten oder verbessern. Das DIE ist neuerdings auch in der Kategorie „Beste Qualitätssicherungs- und Integritätsrichtlinien und –verfahren“ vertreten.

Professor Uwe Schneidewind, wissenschaftlicher Vorstand der JRF und Präsident des Wuppertal Instituts zeigt sich hoch erfreut:

„Für die JRF als Dachorganisation ist das wiederholt gute Abschneiden gleich dreier Institute ein Qualitätssiegel. Das Ranking bestätigt, dass die wissenschaftliche Arbeit der unabhängigen JRF-Institute international hoch geschätzt ist.“

Vor allem die Top-Ten-Platzierung in der Kategorie Umweltpolitik sei eine schöne Anerkennung für unsere internationale Arbeit.

DIE-Direktor Professor Dirk Messner zog eine positive Bilanz der Arbeit des DIE für 2017:

„Als interdisziplinär ausgerichtetes Institut arbeitet das DIE seit vielen Jahren weltweit daran, exzellente Forschung in politikrelevante Konzepte zu übersetzen und gemeinsame Verantwortung mit internationalen Partnern für die Gestaltung globaler Kooperationsprozesse zu übernehmen. 2017 hat das DIE durch die Co-Leitung des T20-Prozesses im Rahmen der deutschen G20-Präsidentschaft sowie durch die Initiative zur Gründung der T20 Africa Standing Group einmal mehr unterstrichen, dass es ein wichtiger Netzwerkpartner für Forschung und Beratung zu Fragen globaler nachhaltiger Entwicklung in wichtigen Global-Governance-Arenen wie der G20 ist.“

Professor Conrad Schetter, Forschungsdirektor des BICC freut sich über das gute Abschneiden:

„Das BICC wird seit Jahren im Global Think Tank Ranking geführt – auch wenn es zu den national wie international vergleichsweise kleinen Denkfabriken gehört. Das ist eine tolle Anerkennung und Motivation für unsere innovative Arbeit. Dass neben dem BICC auch das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE) und das Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) im Ranking mehrfach aufgeführt werden, verdeutlicht das große Potenzial, das die UN-Stadt Bonn bei der Bewältigung von globalen Herausforderungen zu bieten hat.“

Das Global Go To Think Tank-Ranking wird jährlich vom Think Tanks and Civil Societies Program (TTCSP) der Universität von Pennsylvania erstellt. Im Jahr 2017 beteiligten sich insgesamt 3.750 Journalisten, Politiker, Wissenschaftler aus Universitäten und Think Tanks sowie Vertreter öffentlicher und privater Fördereinrichtungen. Der unabhängige Think Tank Index soll helfen, weltweit die führenden Exzellenzzentren zu identifizieren und anzuerkennen.

Exaktes Denken am Rand des Untergangs #Globale #ZKM #Ausstellung

ZKM

Als Teil der GLOBALE wird die von dem Mathematiker Karl Sigmund und dem Wissenschaftshistoriker Friedrich Stadler (beide Universität Wien) kuratierte Ausstellung „Der Wiener Kreis – Exaktes Denken am Rand des Untergangs“ gezeigt, die für die Feiern zum 650-Jahre-Jubiläum der Universität Wien 2015 konzipiert wurde. Das ZKM zeigt eine reduzierte Version der Ausstellung unter dem Titel „Der Wiener Kreis – Digitale Logik und wissenschaftliche Philosophie“.

Der Wiener Kreis wurde in den 1920er Jahren vom Philosophen Moritz Schlick, dem Sozialreformer Otto Neurath und dem Mathematiker Hans Hahn gegründet. Wöchentlich trafen sich die Protagonisten zum Gedankenaustausch und legten Grundsteine für wichtige Forschungsfelder des 20. Jahrhunderts. Zentrales Anliegen seiner Mitglieder war es, dem um sich greifenden Irrationalismus in Politik und Kultur ein System des empirisch-rationalen, wissenschaftlichen Handelns und Denkens entgegenzusetzen. Heute mehr denn je vonnöten.

Namhafte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nahmen an den Treffen teil: Neben dem Philosophen Ludwig Wittgenstein schätzten auch die Logiker Bertrand Russell, Kurt Gödel und Rudolf Carnap oder die Mathematikerinnen Olga Hahn-Neurath und Olga Taussky die Runde. Der Philosoph Karl Popper und der Mitbegründer der Spieltheorie Oskar Morgenstern bezogen wichtige Anregungen aus den Diskussionen im Wiener Kreis.

Die Ausstellung wird am 21. April eröffnet und endet am 21. August 2016.

Brecht und die Emanzipationsbewegung im Social Web – Über digitale Kultur und Fürsten-Geheimnisse

Buch für die TV-Autonomen

Buch für die TV-Autonomen

Die Dialogformen der sozialen Medien sind nach Auffassung von Professor Peter Weibel Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (ZKM)
nichts anderes als die demokratisierte Form der Salonkonversation, die früher nur in elitären Kreisen geführt wurde – heute ist es ein Jedermann-Phänomen. Das Internet habe das Gespräch als politische Kraft zu einem Instrument der gemeinsamen Lebensgestaltung gemacht. Diese Dialoge müsse man als Philosophie des Sprechaktes sehen.

„Hier werden Dinge mit Worten gemacht”, so Weibel.

Das Monopol der Sprecher in den Parlamenten, Medien und Massen sei gebrochen. Das hätten allerdings die Politiker und Medienmanager noch nicht verstanden. Jeder kann ein Sender sein. Jeder kann sogar ein TV- und Radio-Sender sein, um die letzte massenmediale Bastion zu erobern. Selbst in der Königsdisziplin des Rundfunks: LIVE-SENDUNGEN.

Emanzipatorische Visionen von Brecht und Enzensberger

Für bewegte Bilder und für Audio steht das Handwerkszeug für den digitalen Autodidakten bereit, der heute ohne Ü-Wagen, ohne Ausbildung zum Kameramann oder zur Kamerafrau, ohne Kenntnisse von Ton und Licht sowie ohne schweres technisches Gerät Fernsehen und Hörfunk machen kann. Zu jeder Zeit, an jedem Ort. Erfüllen sich nicht die emanzipatorischen Utopien der Schriftsteller Berthold Brecht und Hans-Magnus Enzensberger?

Der Rundfunk wäre nach Meinung von Brecht der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen. Der Rundfunk müsste demnach aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren. Seine Gedanken brachte Brecht zwischen 1927 und 1932 und bezogen sich natürlich „nur“ auf den Hörfunk. Er dachte an direkte Interaktion mittels Radio über ein funkbasiertes Telefonkonferenzsystem, das die Enträumlichung der Kommunikation möglich machen sollte und zwar live. Visionäre Gedanken in einer Zeit, wo man über Jedermann-Technologie für den Rundfunk noch nicht einmal in Ansätzen verfügte. Radio und später Fernsehen waren schon aus Kostengründen für Otto-Normalverbraucher unerschwinglich. Ganz abgesehen von den regulatorischen Restriktionen, denn auch das gute alte Radio war schon in den 20er- und 30er-Jahren gebühren- und genehmigungspflichtig. Hauptentscheidungsrecht über Programm, Technik und Wirtschaft besass die Deutsche Reichspost (!). Aber selbst im Jahr 1970, als Enzensberger seinen „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ entwickelte, war man noch weit entfernt von den Bedingungen, die wir heute vorfinden. Wie auch Brecht fordert er, dass die Distributionsapparate in Kommunikationsapparate umgewandelt werden. Dazu müssten alle Medien offenstehen. Jeder sollte die Möglichkeit haben, sich ungehindert zu informieren und auszutauschen. Und das gehe nur, wenn man die Trennung zwischen Produzenten und Rezipienten überwindet. Ob die dann produzierten Beiträge dem Gemeinwohl dienen, wie Enzensberger forderte, ist nicht die entscheidende Frage. Der Zugang zu Medien ist wichtiger. Insofern ist Widerspruch angesagt, wenn Medienwissenschaftler wie Joachim Paech die von Brecht und Enzensberger vertretenen Positionen als falsch werten, weil es für die Mehrheit nicht möglich sei, die Technik richtig zu bedienen.

Piratensender mit Videorekorder

Wenn man sich anschaut, welchen Aufwand diverse TV-Piratensender in den 70er Jahren mit simpler Videorekorder-Technik treiben mussten, um über „Open Channel“ einige Häuser im eigenen Stadtviertel erreichen zu können, wird man den Unterschied zu den Optionen von Diensten wie Hangout on Air schnell erkennen. Damals reichte der Radius nur bis zu regionalen Initiativen, Protestaktionen und Nachbarschaftsfesten. Heute ist beides möglich: Jedermann-TV für die Nachbarschaft – also hyperlokale Formate, die beispielsweise der Marketingexperte Günter Greff für seinen neuen Heimatort Perinaldo in Ligurien plant – und Formate mit internationaler Ausrichtung. Mobil und stationär sind die Möglichkeiten zum Senden und Empfangen von Audio- und Videobeiträgen nahezu unbegrenzt.

Fürsten und Geheimnisse

Claus Pias, Professor für Medientheorie und Mediengeschichte, sieht das anders. Die digitalisierte könne man nicht mit Begriffen der Moderne wie Transparenz oder Partizipation beschreiben, die zwischen 1780 und 1830 entstanden sind. Sein Vorschlag: Digitale Kulturen lassen sich eher mit vormodernen Begriffen verstehen. Bei einem Diskurs der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Bonner Kunstmuseum brachte er die Klimaforschung ins Spiel, die ohne die Digitalisierung gar nicht vorstellbar sei.

„Souveräne Fürsten kennen den Typus der nicht verratbaren Geheimnisse“, so Pias.

Das sei heute die Klimaforschung, weil die Wissenschaftler in der Komplexität ihrer weltweiten Software- und Hardware-Verbünde selber nicht mehr wissen, was in den Maschinen und in den teilweise 50 Jahre alten Codes vor sich geht.

„Trotzdem muss man Entscheidungen treffen auf einer Grundlage, die man nicht mehr verstehen kann.“

Wir würden deshalb eine veränderte Gegenwärtigkeit erleben. Ein Verschmelzen von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, einen Absolutismus der Gegenwart, wie es Robert Musil ausdrückte. Reden über die digitale Zukunft seien verfehlt, genauso wie Diskurse über die Beschleunigung, weil die Zeitstrukturen nicht mehr stimmen.

„Die moderne Zeitordnung, die vor rund 200 Jahren entstand, kollabiert“, bemerkt Pias in der DFG-Podiumsdiskussion.

Er spricht von einem eminenten Zukunftsverlust. Man begegnet dauernd sich selbst in einer erschreckenden Erwartbarkeit mit komischen Formen von Rückkopplungsschleifen, die durch Datenspuren entstehen.

„Das Ganze verschaltet sich zu einer breiten Gegenwart.“

Inszeniertes Geheimnis der idiotischen Maschinisten

Pias diagnostiziert Zukunftsverlust

Pias diagnostiziert Zukunftsverlust

Das Arkanum der digitalen Maschinen führt zum Zukunftsverlust? Vielleicht läuft Pias auch nur auf den Leimspuren von inszenierten Geheimnissen? Vielleicht ist die Klimaforschung gar nicht so kosmologisch, wie es der Medienhistoriker skizziert hat? Vielleicht sind die Maschinisten mit ihren Simulationsrechnungen nur so geheimnisvoll, um die Idiotie ihrer Algorithmen zu verbergen? Ein wenig erinnern mich die Pias-Thesen an die prosaischen Gedankenausflüge von Miriam Meckel, die feststellte, dass uns immer mehr Entscheidungen im personalisierten Internet durch Algorithmen abgenommen werden. Auf der Strecke bleiben Zufälle, Überraschungen, Zweifel und Ungewissheit. Was hat uns der arabische Algebraiker Al-Khwarizimi da nur eingebrockt? Merkwürdig nur, dass die digitalen Maschinenräume bislang verschlossen bleiben. Im Wissenschaftsbetrieb kann man das nachvollziehen. Es geht um milliardenschwere Forschungsaufträge. Da hütet man gerne Geheimnisse. Überhaupt nicht geheimnisvoll sind die Mitmach-Technologien des Social Webs, die weit über die Bedienung des Like-Buttons hinweg gehen. Pias reduziert das auf vormoderne Konsens-Rituale von Ständeversammlungen. Was ist mit den 3,5 Billiarden Worten pro Tag, die über soziale Medien veröffentlicht werden? Das ist so viel, wie die gesamte Library of Congress. Ähnliches sehen wir bei Videos und Fotos. Die DFG könnte die nächste digitale Expertenrunde via Hangout on Air live übertragen, damit Claus Pias erlebt, wie intensive die Netzöffentlichkeit ihren Dissens artikuliert.

Wille zur Partizipation nicht mehr aufzuhalten

Wolfgang Hagen hat in dem von Claus Pias herausgegebenen Band „Was waren Medien?“ die Vorzeichen des digitalen Medienwandels besser gedeutet: „

Internet-Computer simulieren nicht Radio und Fernsehen, sie restituieren vielmehr diese Medien von Grund auf neu. Der Computer stellt von daher auch die Frage, was Massenmedien waren und was sie schon in naher Zukunft sein könnten: nämlich vielleicht alles das, was übrig bleibt, wenn die Bildung neuer multimedialer Publika durch das Internet Kontur gewonnen hat. Also vielleicht dann nur noch eine Art Überbleibsel aus einer alten vergangenen Welt, so wie es der Buchdruck mit den Skriptorien des Mittelalters und der Antike gemacht hat.“

Ob der kalifornische Emanzipationsgeist der 60er Jahre nun einer kommerziellen Ausrichtung gewichen ist oder nicht, selbst Google und Co. können den Willen der Menschen zur Partizipation und zum Selbermachen nicht mehr zurückdrehen. Die Asymmetrie von passiven Zuschauern und aktiven Produzenten schwächt sich immer mehr ab. Die Nutzer des Social Webs wollen beides zugleich machen: Lesen und schreiben, empfangen und senden. Und das gilt eben auch für die schwierigste Form des Sendens: Live-Fernsehen.

Ausführlich nachzulesen im Kapitel „Eine bewegende Bilderwelt: Von Gutenberg zur neuen Mündlichkeit im Netz – Hier werden Dinge mit Worten gemacht“ des Buches „Live Streaming mit Hangout On Air: Techniken, Inhalte & Perspektiven für kreatives Web TV“, das am 4. September im Hanser Verlag erscheint. Man kann das Opus schon vorbestellen 🙂

Siehe auch:

Wie verändert die Digitalisierung unser Denken und unseren Umgang mit der Welt?

Digitale Gesellschaft wohin?

Reinhard Karger neuer Präsident der Deutschen Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis (DGI)

Die DGI-Mitgliederversammlung hat Reinhard Karger zu ihrem neuen Präsidenten gewählt. Zuvor hatte er den Abschlussvortrag der Konferenz mit dem Titel: Wenn Informationswelten und Weltwissen zusammenwachsen: Das Internet der Dinge erreicht die Welt der Gegenstände“ gehalten. Der bisherige Schatzmeister Peter Genth wurde, wie auch die Vorstandsmitglieder Dr. Luzian Weisel (bisheriger Vizepräsident), Barbara Reißland, Matthias Staab und Clemens Weins, im Amt bestätigt. Der bisherige Präsident Prof. Dr. Stefan Gradmann, der seit dem Jahr 2009 an der Spitze der DGI stand, bleibt der Fachgesellschaft weiterhin als Vorstandsmitglied verbunden.

Karger studierte theoretische Linguistik in Wuppertal, arbeitete ab 1991 als Assistent am Lehrstuhl Computerlinguistik der Universität des Saarlandes und seit 1993 bis heute für das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken. Er war Projektmanager des weltgrößten Sprachtechnologieprojekts „Verbmobil: Multilinguale Verarbeitung von Spontansprache“ (1993-2000). Seit 2000 ist er Leiter Unternehmenskommunikation des DFKI; ab 2001 zusätzlich Leiter des Deutschen Demonstrationszentrums für Sprachtechnologie im DFKI, seit 2011 Unternehmenssprecher des DFKI.

Paul K. Feyerabend und der elitäre Wortschwall der Experten

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Das Internet funktioniert nach Auffassung des Philosophen Ludwig Hasler wie ein Restaurant, das am Eingang mit der Affiche begrüßt „Hier kocht Ihr Tischnachbar für Sie!“ Die Profis seien beurlaubt, die Laien übernehmen – nicht allein die Küche, auch die Medien, den Kommerz, das Sozialnetz.

„Das Internet, die Galaxie der Dilettanten? Für Eliten/Fachleute zum Fürchten? Die Antwort kann nur diffus ausfallen. Das Internet erklären zu wollen ist wie im Trüben fischen“, so Hasler.

Der Laie sei – frei nach Max Frisch – ein Mensch, der sich in seine eigenen Angelegenheiten einmischt.

„Die Griechen nannten ihn idiotes, die Römer idiota: Er lebt für sich, vertraut seiner Erfahrung, pfeift auf die Finessen der Theoretiker. Als ‚Idioten’ traten die Apostel an gegen verblendete Welt- und verstockte Schriftgelehrte. Franziskus von Assisi nannte sich einen einfältigen idiota. Luther fand, die unverbildete ‚Albernheit des Laien’ sei für göttliche Botschaften empfänglicher als die eingebildete Gescheitheit der Wissenden. Das ‚Lob der Torheit’ war längst angestimmt, als Erasmus von Rotterdam es besang: Der Humanist verspottete den Bildungsdünkel, spielte Leben gegen Schule aus, Common Sense gegen Dogma, Lachen gegen Tintenernst, erklärte die Torheit zur alleinigen Quelle des sozialen und privaten Lebensglücks“, so Hasler.

Er stellt die richtigen Fragen: Reiht sich die digitale Kultur in diese Laienbewegungen ein? Das Internet als Maschine zur Umverteilung der Macht – weg von den Experten, hin zu den Idioten? Wann zuvor waren Kunden so sehr Könige? Und er gibt die richtige Antwort:

„Nie hatten plebiszitäre Neigungen eine vergleichbare Chance, sich selbst zu organisieren. Im Web fällt die traditionelle Grenze zwischen Fachmann und Amateur.“

Experten bevorzugen störrische Esel

Die Warnungen der so genannten Profis und Experten sind häufig nur elitäres Gehabe. „Seriöse“ Bewertungen von politischen Ereignissen, Wirtschaft, Finanzen, Büchern, Restaurants verlören gegen User-Sternchen und YouTube-Filmchen an Bedeutung. Im Aufstieg der Dilettanten wittert der Internet-Skeptiker Andrew Keen gar eine „kulturelle Verflachung, die die traditionelle Trennung von Künstler und Publikum, von Urheber und Verbraucher verwischt“. Entscheidend ist ja wohl, dass jeder (selbsternannte) Experte auf vielen Gebieten zugleich Idiot und Laie ist. Der eine kennt sich mit Naturwissenschaften aus und ist in der Philosophie oder Wirtschaftswissenschaft ein blindes Huhn und umgekehrt. Die Gedankenwelt der Experten sei zudem oft von Vorurteilen behaftet, nicht von vertrauenswürdig und der Kontrolle von außen bedürftig, so das Credo des Philosophieprofessors Paul K. Feyerabend. Er hasste den elitären Wortschwall der Experten. Ihre Dogmatik könne dazu verführen, dass sie anstelle von Pferden, störrische Esel besteigen und somit auf wirre Wege geraten.

„Solche Fehler können von Laien und Dilettanten entdeckt werden und sind oft von ihnen entdeckt worden“, erklärt Feyerabend.

Einstein, Bohr und Born waren Dilettanten und sie haben das bei zahlreichen Gelegenheiten gesagt. Schliemann, der die Vorstellung zurückwies, Mythos und Legende hätten keinen Tatsachengehalt, begann als erfolgreicher Kaufmann, bevor er als erster Forscher Ausgrabungen im kleinasiatischen Hisarlık durchführte und die Ruinen des bronzezeitlichen Trojas fand. Wie ist es möglich, dass die Unwissenden oder schlecht Informierten mehr zuwegebringen als diejenigen, die einen Gegenstand in- und auswendig kennen, fragte sich Feyerabend.

„Eine Antwort hängt mit der Natur des Wissens selbst zusammen. Jede Einzelinformation enthält wertvolle Elemente Seite an Seite mit Ideen, die die Entdeckung von Neuem verhindern.“

Außerhalb ihres Spezialgebietes seien Experten von weitverbreiteten und zählebigen Gerüchten abhängig. Viele Gerüchte, die mit anmaßender Gewissheit aufgetischt werden, seien nicht anderes als simple Fehler, die aus einer Mischung von Selbstgefälligkeit und Ignoranz entstehen.

„Das Management der Zukunft findet unter den Bedingungen der Komplexität und Zufall statt. Zufallsfluktuationen und Komplexität erzeugen nichtlineare Dynamik“, schreibt der Wissenschaftstheoretiker Klaus Mainzer in seinem Buch „Der kreative Zufall – Wie das Neue in die Welt kommt“.

In unsicheren und unübersichtlichen Informationsräumen könnten Menschen nur auf Grundlage beschränkter Rationalität entscheiden und nicht als homo oeconomicus. Der Laplacesche Geist eines linearen Managements von Menschen, Unternehmen und Märkten sei deshalb zum Scheitern verurteilt. Auch wissenschaftliche Modelle und Theorien seien Produkte unserer Gehirne.

„Wir glauben in Zufallsreihen Muster zu erkennen, die keine sind, da die Ereignisse wie beim Roulette unabhängig eintreffen. Wir ignorieren Spekulationsblasen an der Börse, da wir an ein ansteigende Kursentwicklung glauben wollen“, erläutert Professor Mainzer.

Zufall führe zu einer Ethik der Bescheidenheit. Es gebe keinen Laplaceschen Geist omnipotenter Berechenbarkeit. In einer zufallsabhängigen Evolution sei kein Platz für Perfektion und optimale Lösungen. Zufällig, spontan und unberechenbar seien auch Einfälle und Innovationen menschlicher Kreativität, die in der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte als plötzliche Ereignisse beschrieben werden. Ohne Zufall entstehe nichts Neues.

„Nicht immer fallen die Ereignisse und Ergebnisse zu unseren Gunsten aus – das Spektrum reicht von Viren und Krankheiten bis zu verrückten Märkten und Menschen mit krimineller Energie“, resümiert Mainzer.

Politiker, Entdecker und Unternehmer sollten weniger auf Top-down-Planung setzen, sondern sich auf maximales Herumprobieren und das Erkennen der Chancen, die sich ihnen bieten, konzentrieren, rät der frühere Börsenhändler Nassim Taleb, Autor des Opus „Der Schwarze Schwan – Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“.

Die beste Strategie bestehe darin, möglichst viel auszuprobieren und möglichst viele Chancen zu ergreifen, aus denen sich Schwarze Schwäne ergeben könnten.

„Dass wir in Umgebungen, in denen es zu Schwarzen Schwänen kommen kann, keine Vorhersagen machen können und das nicht einmal erkennen, bedeutet, dass gewisse ‚Experten’ in Wirklichkeit gar keine Experten sind, auch wenn sie das glauben. Wenn man sich ihre Ergebnisse ansieht, kann man nur den Schluss ziehen, dass sie auch nicht mehr über ihr Fachgebiet wissen als die Gesamtbevölkerung, sondern nur viel bessere Erzähler sind – oder, was noch schlimmer ist, uns meisterlich mit komplizierten mathematischen Modellen einnebeln. Außerdem tragen sie mit größter Wahrscheinlichkeit Krawatten“, bemerkt Taleb.

Siehe auch:

Hoodie-Journalist oder nicht: Herumprobieren statt schwadronieren!