Experten, Laien und die Rhetorik der Technik – Strategien gegen den Technostress

Der große Technikvereinfacher

Der große Technikvereinfacher

Schon Adam Smith sprach zu seiner Zeit vom Standard der Notwendigkeit. Albert Einstein forderte: „So einfach wie möglich. Aber nicht einfacher.“ Matthias Horx definiert das Herstellen des richtigen Maßes an Komplexität als Rightsizing. Nicht die möglichen, sondern diejenigen Funktionen eines Gerätes müssen demnach vorhanden und einfach anwendbar sein, die der Benutzer tatsächlich gebrauchen will.

Können die Alleskönner tatsächlich zuviel? Oder sind wir ein Volk von Technikfeinden? Verderben die Tücken der Technik die Freude am Fortschritt? Gibt es die Angst des Nutzers beim Lesen der Gebrauchsanweisung? In der Regel kreist nutzerfreundliche Technik in der Warteschleife und wird nur selten als Bestandteil von Technikinnovation gesehen.

„Einer der größten Nachteile neuer Technologien ist es, dass sie in der Regel von Ingenieuren und Technikern entwickelt werden. In der Hierarchie vieler Unternehmen sind Designer nur für die Verpackung der technischen Produkte zuständig, dafür, dass am Ende alles schön und begehrenswert aussieht“, so das Credo von Holm Friebe und Sascha Lobo.

Wir brauchen eine Rhetorik der Technik

Das äußere Design sei „oft genug preisverdächtig und wird dem Imageanspruch eines jeden Gadget-Angebers mehr als gerecht. Die Software allerdings wird von den meisten Menschen als unterirdisch dysfunktional empfunden.

„Es fehlt eine Rhetorik der Technik. Der berechtigte Stolz deutscher Ingenieure war immer damit verbunden, zu schweigen. In der kulturellen Diskussion spielen sie keinerlei Rolle“, sagt Medienphilosoph und Designtheoretiker Norbert Bolz.

Ähnliches könne man bei Medizinern feststellen:

„Sie kommunizieren gegenüber Laien völlig unverständlich. Hier liegt das Problem. Die Unterscheidung zwischen Experte und Laie. Wir alle wechseln ständig unsere Rollen. Wir alle sind in irgendeinem Arbeitsbereich Experten und in diesem Bereich brauchen wir keine Benutzerfreundlichkeit. Es wäre lächerlich, jemandem, der einen Computer programmieren kann, irgendwelche Bildchen anzubieten. Der macht das mit seinem kurzen Programmbefehlen eleganter, schneller, effektiver und wahrscheinlich auch lustvoller. Während wir aber gleichzeitig in fast allen anderen Lebenssituationen Laien sind, also jeder Mensch ist fast immer ein Laie, nur in seinem eigenen Berufsfeld eben nicht und deshalb denke ich, müsste etwas erreichbar sein in der Gestaltung der Schnittstelle oder bei der Rhetorik der Technik“, fordert Bolz.

Man müsse deshalb den gleichen Gegenstand mit einer unterschiedlichen logischen Tiefe behandeln. Entsprechend unterschiedlich seien die Anforderungen an das Interface-Design. Man brauche nach Ansicht von der beratenden Ingenieurin Anett Dylla vor allen Dingen Menschen, die sich in unterschiedlichen Welten bewegen können.

„Der Philosoph Ludwig Wittgenstein sagte, die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. Und da kommt eigentlich all das zum Ausdruck, um was es geht. Ingenieure leben in einer anderen Welt als Verkäufer und Konsumenten. Jeder hat eine eigene Welt. Und jeder spricht eine eigene Sprache. Hier könnte ein neues Berufsbild entstehen für Fachleute, die diese verschiedenen Welten vereinen.“

Bolz wirbt um Verständnis angesichts mancher Auswüchse an Zusatzfunktionen und Untermenüs. Denn gerade das Einfache ist inzwischen so schwer geworden:

„Die Verführung durch die unendlich vielen technischen Möglichkeiten ist heute natürlich so groß wie nie zuvor. Deshalb gehört schon geradezu Askese dazu, auf irgend etwas verzichten zu können, sowohl als User zu verzichten auf das, was technisch möglich wäre mit einem bestimmten Gerät, aber vor allen Dingen natürlich auch, als Ingenieur darauf zu verzichten, alles, was technisch möglich wäre, auch in ein bestimmtes Gerät hineinzubauen.“

Es ist ein Dilemma: Apparate, die weniger können als Konkurrenzprodukte, gelten bisweilen als technisch rückständig; Geräte, die zu viel können, sind im schlimmsten Fall unbrauchbar. Eine Lösung sind Menüs, die eine normale Ansicht und eine Expertenansicht haben, auf die man bei Bedarf umschalten könne. So sind nur die Funktionen aufgelistet, die man auch wirklich sehen will. Generell gilt: Die Benutzeroberfläche müsse klar gestaltet sein – und sie soll schön sein, damit sie Appetit auf die Anwendung macht.

Lust auf Technik mit Emotional Design

„Ein intelligentes Nutzer-Interface gibt auf jeden Fall das Gefühl, man sei Herr der Technik, auch wenn man vielleicht in Wahrheit letztlich doch der Sklave der Maschine bleibt. Aber dieses Gefühl, ich bin der Souverän im Umgang mit meinen Technologien, ist unverzichtbar dafür, dass man Lust bekommt, sich auf die Möglichkeiten der Technik überhaupt einzulassen. Und meines Erachtens ist Lust der Königsweg zur Nutzung der modernen Technologien, was man übrigens an unseren eigenen Kindern am besten studieren kann“, betont Bolz.

Er plädiert daher für Emotional Design, für ein Schnittstellen-Design, das nicht allein ordentlich und übersichtlich ist, sondern beim Benutzer obendrein positive Gefühle weckt. Lange Zeit war dieser Trend auf die Konsumgüterindustrie beschränkt. Doch inzwischen hat die Entwicklung auch Investitionsgüter erfasst. Lösungen aus dem Privatkunden-Markt haben Auswirkungen auf die Investitionsgüterindustrie. Einige Industrieunternehmen haben das verstanden. Ingenieure gehen bei der Erstinstallation mit zum Kunden, damit sie dort lernen, wie der Bediener mit dem Gerät umgeht – und welche Schwierigkeiten dabei auftreten. Für Anett Dylla ist das ein wichtiges Kriterium:

„Gut gemacht ist, wenn ich zum Beispiel durch ein Menü geführt werde, wo ich einen bestimmten Schritt vollziehe und dann sofort angesagt wird, was ist der nächste Schritt oder anhand von Symbolen klar ist, was die nächsten Schritte sind, und wo ich ziemlich zielgerichtet und stringent ans Ziel komme, ohne noch mal 25 Schleifen zu drehen.“

Verständnisvolle Maschinen

Die berüchtigten 25 Schleifen kennen geplagte Anrufer vor allem von sprachgesteuerten Telefondialogsystemen. Darüber ärgert sich ein Profi nicht weniger als der normale Kunde in der Warteschleife. Ob Sprachsteuerung oder Tastatureingabe am Bildschirm – die elementaren Prinzipien für gutes Interface-Design sind immer gleich: Anstatt darum zu kämpfen, die Maschine zu verstehen, wollen wir uns von der Maschine verstanden fühlen. Professor Bolz wirbt für eine klare Unterscheidung von kompliziert und komplex:

„Technik ist kompliziert, aber nicht komplex. Deshalb können Sie auch, wenn jemand Angst vor einer Technik hat, sagen, komm mal zu mir in den Betrieb, ich zeig Dir, wie das funktioniert. Wenn man sich Mühe gibt, kann man jede Technik verstehen. Das heißt, Technik ist kompliziert, aber niemals komplex. Denn Komplexität kann man prinzipiell nicht verstehen, man kann sie nur managen. Deshalb mein Vorschlag, nicht zu sagen, Design ist ein Problem der Technik, sondern Technik ist ein integraler Bestandteil des Designs. Man kann zwar Technik simplifizieren und Technik ist selber auch immer eine Art von Simplifikation, aber Komplexität muss man ganz anders reduzieren.“

Die Komplexität komme nicht durch die Technik ins Spiel, sondern durch das Zusammenspiel mit den Menschen, also durch die soziale Situation.

„Und das ist etwas, worauf es keine technische Antwort gibt. Deshalb meine Vermutung, dass letztlich unser Problem ein Designproblem ist, dass es um einen Designprozess geht, wo die Technik natürlich eine fundamentale Rolle spielt, aber da, wo es weh tut, wo wir uns die Köpfe zerbrechen, das ist nicht die Kompliziertheit der Technik, denn damit kann sich jeder anfreunden“, resümiert Bolz.

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2 Kommentare - “Experten, Laien und die Rhetorik der Technik – Strategien gegen den Technostress”

  1. StefanP. 26. Oktober 2015 um 20:39 #

    Hallo Gunnar, viele richtige Feststellungen. Deshalb gehen wir in IBM jetzt konsequent den Weg des Design Thinkings, um andere, benutzerfreundlichere, benutzerorienterite Oberflächen zu erstellen. IBM Verse – der neue E-Mail-Klient – ist ein erstes Ergebnis. Weitere Produkte erhalten gerade nach diesem Prinzip neue Oberflächen.

    Im vergangenen Jahr haben wir dazu auf der re:publica unter der der Leitung von Gerhard Pfau einen Workshop gemacht und in die Methodik eingeführt. War sehr gut besucht. Vielleicht können wir ja auch hier mal was zusammen machen? Kann auch gerne ein Gespräch mit Gerhard arrangieren.

    • gsohn 26. Oktober 2015 um 20:45 #

      Beim Workshop war ich ja auf der Autobahn und vergnügte mich mit einer Totalsperrung. Auf alle Fälle ein interessantes Thema, Stefan. Am Rande der #NEO15 sollten wir darüber reden. Vorher bin ich zu.

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