Mehr Visionen, weniger Pläne – Abschied von der „alten“ Industriepolitik #wmfra

MS Wissenschaft

Jetzt werden wieder von den liebwertesten Industrie-Gichtlingen die üblichen Gegenargumente zu meinen kritischen Industriethesen gepostet, die ich beim Webmontag in Frankfurt vorgetragen habe:

Vom gegenseitigen Haare schneiden können wir nicht leben” (kann man auch abwandeln mit Pizza-Lieferservice oder Maniküre oder, oder, oder). Gleich danach folgen: „Wir sind ein Land des Maschinenbaus und des Ingenieurswesens” sowie “Deutschland ist doch eine Exportnation”.

Noch einmal: Wie viele Arbeitsplätze stellt denn der Maschinenbau in Deutschland? Wie hoch ist der Wertschöpfungsanteil der industriellen Produktion, der das Label „Made in Germany“ wirklich verdient?

Relevanz von Design, Marketing und Software

Das Verhältnis zwischen in den Exporten enthaltener inländischer Bruttowertschöpfung und importierten Vorleistungen hat sich stark zu Gunsten des Auslandes verschoben. Die Fertigungstiefe in Deutschland hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich abgenommen. Bei uns findet die Forschung, Veredelung und Endmontage statt. Kein Service-Experte würde von einer Ökonomie ohne Produktion und Produkte träumen. So ist das „Industrieprodukt“ iPhone sicherlich der Ausgangspunkt für den Erfolg der Dienste. Aber von welcher Wertschöpfung profitiert denn die amerikanische Volkswirtschaft? Die iPhone-Produktion findet in Asien statt und steht am Ende der Forschung und Entwicklung des Cupertino-Konzerns. Apple ist ein Paradebeispiel für die Relevanz von Design, Marketing, Software und intelligenten Anwendungsprogrammen. All das treibt den Wert von Apple und nicht der reine Akt der Industrieproduktion.

Stark bei neuen Technologien sein

„Meine Maschine, mein Produkt, mein geniales Ingenieurswissen, meine Erfindungen und meine Patente“ als Geisteshaltung der stolzen Industrienation reichen nicht aus, um Markterfolge zu erzielen.

Der Netzökonom Holger Schmidt stellte dem Internetexperten Andrew McAffee zu diesem Themenkomplex eine interessante Frage:

„Die USA haben die besten Internetunternehmen, Deutschland hat die beste Industrie. Wer wird das ‚industrielle Internet‘ gewinnen?“ Die Antwort des MIT-Forschers: „Wenn man sich die Geschichte der großen technologischen Umwälzungen anschaut, haben sich meist die Unternehmen durchgesetzt, die besonders stark in der neuen Technologie waren – und nicht die Unternehmen, die in der vorherigen Technik führend waren.“

Missionen ohne Pläne

So manchem Firmenlenker in Deutschland sei das klar. Selbstzufriedenheit wäre nach Ansicht von McAffee in der aktuellen Situation ganz gefährlich. Der deutsche Google-Forscher Sebastian Thrun vermisst in seinem Heimatland den Optimismus der Silicon Valley-Szene. Er glaubt nicht an Pläne und Vorhersagen, wie sich etwas zu entwickeln hat. „Ich glaube an ambitionierte Ziele, an Missionen“, sagt Thrun gegenüber dem Spiegel.

Visionärer sollten deutsche Firmen bei der Entwicklung von Eco-Systemen sein mit einer smarten Kombination von Produkten, Anwendungen und Services: „Wachsender Dienstleistungsanteil heisst ja auch, dass mehr Dienstleistung ‚in‘ den Produkten steckt.

Das eben auch ‚das Harte‘ nur verkauft werden kann, weil immer mehr ‚Weiches‘ drin ist. Das ist das Prinzip der Co-Adaption“, bemerkt Wirtschaftsprofessor Lutz Becker.

Ausführlich nachzulesen in meiner The European-Mittwochskolumne.

Siehe auch:

Kommentar zur Energiewende: Lasst die Stromkonzerne sterben.

So sieht sie aus, die Industriepolitik in Berlin: Direkter Draht ins Kanzleramt: Der Lobbyismus von RWE.

Experten, Laien und die Rhetorik der Technik – Strategien gegen den Technostress

Der große Technikvereinfacher

Der große Technikvereinfacher

Schon Adam Smith sprach zu seiner Zeit vom Standard der Notwendigkeit. Albert Einstein forderte: „So einfach wie möglich. Aber nicht einfacher.“ Matthias Horx definiert das Herstellen des richtigen Maßes an Komplexität als Rightsizing. Nicht die möglichen, sondern diejenigen Funktionen eines Gerätes müssen demnach vorhanden und einfach anwendbar sein, die der Benutzer tatsächlich gebrauchen will.

Können die Alleskönner tatsächlich zuviel? Oder sind wir ein Volk von Technikfeinden? Verderben die Tücken der Technik die Freude am Fortschritt? Gibt es die Angst des Nutzers beim Lesen der Gebrauchsanweisung? In der Regel kreist nutzerfreundliche Technik in der Warteschleife und wird nur selten als Bestandteil von Technikinnovation gesehen.

„Einer der größten Nachteile neuer Technologien ist es, dass sie in der Regel von Ingenieuren und Technikern entwickelt werden. In der Hierarchie vieler Unternehmen sind Designer nur für die Verpackung der technischen Produkte zuständig, dafür, dass am Ende alles schön und begehrenswert aussieht“, so das Credo von Holm Friebe und Sascha Lobo.

Wir brauchen eine Rhetorik der Technik

Das äußere Design sei „oft genug preisverdächtig und wird dem Imageanspruch eines jeden Gadget-Angebers mehr als gerecht. Die Software allerdings wird von den meisten Menschen als unterirdisch dysfunktional empfunden.

„Es fehlt eine Rhetorik der Technik. Der berechtigte Stolz deutscher Ingenieure war immer damit verbunden, zu schweigen. In der kulturellen Diskussion spielen sie keinerlei Rolle“, sagt Medienphilosoph und Designtheoretiker Norbert Bolz.

Ähnliches könne man bei Medizinern feststellen:

„Sie kommunizieren gegenüber Laien völlig unverständlich. Hier liegt das Problem. Die Unterscheidung zwischen Experte und Laie. Wir alle wechseln ständig unsere Rollen. Wir alle sind in irgendeinem Arbeitsbereich Experten und in diesem Bereich brauchen wir keine Benutzerfreundlichkeit. Es wäre lächerlich, jemandem, der einen Computer programmieren kann, irgendwelche Bildchen anzubieten. Der macht das mit seinem kurzen Programmbefehlen eleganter, schneller, effektiver und wahrscheinlich auch lustvoller. Während wir aber gleichzeitig in fast allen anderen Lebenssituationen Laien sind, also jeder Mensch ist fast immer ein Laie, nur in seinem eigenen Berufsfeld eben nicht und deshalb denke ich, müsste etwas erreichbar sein in der Gestaltung der Schnittstelle oder bei der Rhetorik der Technik“, fordert Bolz.

Man müsse deshalb den gleichen Gegenstand mit einer unterschiedlichen logischen Tiefe behandeln. Entsprechend unterschiedlich seien die Anforderungen an das Interface-Design. Man brauche nach Ansicht von der beratenden Ingenieurin Anett Dylla vor allen Dingen Menschen, die sich in unterschiedlichen Welten bewegen können.

„Der Philosoph Ludwig Wittgenstein sagte, die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. Und da kommt eigentlich all das zum Ausdruck, um was es geht. Ingenieure leben in einer anderen Welt als Verkäufer und Konsumenten. Jeder hat eine eigene Welt. Und jeder spricht eine eigene Sprache. Hier könnte ein neues Berufsbild entstehen für Fachleute, die diese verschiedenen Welten vereinen.“

Bolz wirbt um Verständnis angesichts mancher Auswüchse an Zusatzfunktionen und Untermenüs. Denn gerade das Einfache ist inzwischen so schwer geworden:

„Die Verführung durch die unendlich vielen technischen Möglichkeiten ist heute natürlich so groß wie nie zuvor. Deshalb gehört schon geradezu Askese dazu, auf irgend etwas verzichten zu können, sowohl als User zu verzichten auf das, was technisch möglich wäre mit einem bestimmten Gerät, aber vor allen Dingen natürlich auch, als Ingenieur darauf zu verzichten, alles, was technisch möglich wäre, auch in ein bestimmtes Gerät hineinzubauen.“

Es ist ein Dilemma: Apparate, die weniger können als Konkurrenzprodukte, gelten bisweilen als technisch rückständig; Geräte, die zu viel können, sind im schlimmsten Fall unbrauchbar. Eine Lösung sind Menüs, die eine normale Ansicht und eine Expertenansicht haben, auf die man bei Bedarf umschalten könne. So sind nur die Funktionen aufgelistet, die man auch wirklich sehen will. Generell gilt: Die Benutzeroberfläche müsse klar gestaltet sein – und sie soll schön sein, damit sie Appetit auf die Anwendung macht.

Lust auf Technik mit Emotional Design

„Ein intelligentes Nutzer-Interface gibt auf jeden Fall das Gefühl, man sei Herr der Technik, auch wenn man vielleicht in Wahrheit letztlich doch der Sklave der Maschine bleibt. Aber dieses Gefühl, ich bin der Souverän im Umgang mit meinen Technologien, ist unverzichtbar dafür, dass man Lust bekommt, sich auf die Möglichkeiten der Technik überhaupt einzulassen. Und meines Erachtens ist Lust der Königsweg zur Nutzung der modernen Technologien, was man übrigens an unseren eigenen Kindern am besten studieren kann“, betont Bolz.

Er plädiert daher für Emotional Design, für ein Schnittstellen-Design, das nicht allein ordentlich und übersichtlich ist, sondern beim Benutzer obendrein positive Gefühle weckt. Lange Zeit war dieser Trend auf die Konsumgüterindustrie beschränkt. Doch inzwischen hat die Entwicklung auch Investitionsgüter erfasst. Lösungen aus dem Privatkunden-Markt haben Auswirkungen auf die Investitionsgüterindustrie. Einige Industrieunternehmen haben das verstanden. Ingenieure gehen bei der Erstinstallation mit zum Kunden, damit sie dort lernen, wie der Bediener mit dem Gerät umgeht – und welche Schwierigkeiten dabei auftreten. Für Anett Dylla ist das ein wichtiges Kriterium:

„Gut gemacht ist, wenn ich zum Beispiel durch ein Menü geführt werde, wo ich einen bestimmten Schritt vollziehe und dann sofort angesagt wird, was ist der nächste Schritt oder anhand von Symbolen klar ist, was die nächsten Schritte sind, und wo ich ziemlich zielgerichtet und stringent ans Ziel komme, ohne noch mal 25 Schleifen zu drehen.“

Verständnisvolle Maschinen

Die berüchtigten 25 Schleifen kennen geplagte Anrufer vor allem von sprachgesteuerten Telefondialogsystemen. Darüber ärgert sich ein Profi nicht weniger als der normale Kunde in der Warteschleife. Ob Sprachsteuerung oder Tastatureingabe am Bildschirm – die elementaren Prinzipien für gutes Interface-Design sind immer gleich: Anstatt darum zu kämpfen, die Maschine zu verstehen, wollen wir uns von der Maschine verstanden fühlen. Professor Bolz wirbt für eine klare Unterscheidung von kompliziert und komplex:

„Technik ist kompliziert, aber nicht komplex. Deshalb können Sie auch, wenn jemand Angst vor einer Technik hat, sagen, komm mal zu mir in den Betrieb, ich zeig Dir, wie das funktioniert. Wenn man sich Mühe gibt, kann man jede Technik verstehen. Das heißt, Technik ist kompliziert, aber niemals komplex. Denn Komplexität kann man prinzipiell nicht verstehen, man kann sie nur managen. Deshalb mein Vorschlag, nicht zu sagen, Design ist ein Problem der Technik, sondern Technik ist ein integraler Bestandteil des Designs. Man kann zwar Technik simplifizieren und Technik ist selber auch immer eine Art von Simplifikation, aber Komplexität muss man ganz anders reduzieren.“

Die Komplexität komme nicht durch die Technik ins Spiel, sondern durch das Zusammenspiel mit den Menschen, also durch die soziale Situation.

„Und das ist etwas, worauf es keine technische Antwort gibt. Deshalb meine Vermutung, dass letztlich unser Problem ein Designproblem ist, dass es um einen Designprozess geht, wo die Technik natürlich eine fundamentale Rolle spielt, aber da, wo es weh tut, wo wir uns die Köpfe zerbrechen, das ist nicht die Kompliziertheit der Technik, denn damit kann sich jeder anfreunden“, resümiert Bolz.

„Altes Ingenieurswissen“ up to date

Altes Wissen für neue Technologien

Altes Wissen für neue Technologien

Je höher die Innovations-Geschwindigkeit ist, desto weniger veraltungsanfällig sind alte Lebensformen, so die überraschende Feststellung des Philosophen Odo Marquard. Die moderne Wandlungsbeschleunigung würde selber in den Dienst der Langsamkeit treten. So sollte man sich beim modernen Dauerlauf Geschichte – je schneller sein Tempo wird – unaufgeregt überholen lassen und warten, bis der Weltlauf – von hinten überrundend – wieder bei einem vorbeikommt. Gerade die neuesten Technologien benötigen die alten Fertigkeiten und Gewohnheiten. Unsere Arche Noah im Umgang mit der Überinformation sei eine alte Kunst: der Rückgriff aufs Mündliche. Das war schon so zur Zeit des Buchdrucks so.

Renaissance von Schrift und Mündlichkeit

„Wir werden künftig mitnichten dauernd vorm Bildschirm sitzen, sondern – je mehr datenspendende Schirme flimmern – wir werden fern vom Bildschirm im kleinen oder großen Gesprächskreise mündlich jenes Wenige besprechend ermitteln, was von dieser flimmernden Datenflut wichtig und richtig ist“, schreibt Marquard in seinem überaus klugen Essay „Zukunft braucht Herkunft“.

So bleiben die schnellen Informationsmedien zähmbar und in der Reichweite der langsamen Menschen. Auch die neue Welt kommt ohne die alten Fähigkeiten nicht aus. Jedes Medium rücke verdrängte Effekte oder Eigenschaften wieder in den Vordergrund.

Die Renaissance der Verschriftung im Kundenservice bestätigt das. Wo dumme Call Center-Anbieter vom Markt gefegt und in die Insolvenz getrieben werden, entdeckt man alte Fähigkeiten mit überraschenden Vorteilen. Die Kundenanfrage über eine Hotline ist anonym und garantiert nicht, auf den richtigen Experten zu treffen. Läuft die gleiche Anfrage in schriftlicher Form über Twitter, Facebook oder über eine Online-Community, dann kann sie gesichtet und gezielt an den Spezialisten weitergegeben werden.

Fähigkeiten für All-IP-Netze

Im technischen Service eines größeren Heizungsherstellers sind das Meister, Techniker und Ingenieure, die speziell für das Social Web geschult werden. Die beantworten auch Fragen auf Facebook und eben nicht das Marketingteam. Effekt: Viele Fragen werden gar nicht mehr gestellt, da die Antworten auf den Social Web-Präsenzen des Unternehmens schon abrufbar sind – andere Kunden hatten das gleiche Problem und eine Lösung liegt für die Crowd vor.

Selbst beim Umgang mit Datenbanken ist altes Können gefragt. Egal, wo Daten abgelegt und organisiert werden. In Fragen der Systemsoftware braucht man immer noch Kenntnisse der alten Programmiersprachen, um die Migration der Daten in andere Umgebungen erfolgreich abzuschließen. Auch die radikale Umstellung und Konvergenz von Fernsehen, Telefon, Videokonferenzen oder Musikdienste auf das Internet-Protokoll ist kein profaner Vorgang, der ein- und ausgeschaltet werden kann wie ein Lichtschalter, so die Erfahrung des Netzwerkspezialisten Bernd Stahl von Nash Technologies.

So genannte All-IP-Netze benötigen einen sanften Übergang von der alten analogen in die digitale Welt.

„Um das zu realisieren, muss man beide Welten gut verstehen. Entsprechend ist auch das alte Systemwissen der Telekommunikation mehr denn je gefragt, wenn es um Ausfallsicherheit und dergleichen mehr geht“, bestätigt Stahl im ichsagmal-Interview.

Siehe auch:

Telekommunikationsnetze im Übergang – Vom Telefon zum intelligenten Allzwecknetz

Das Netz der Zukunft.

Alles in die Wolke.