Zugangsökonomie statt Management-Kapitalismus – Vom Ende des Nasenring-Machtsystems

Beschränkt sich die Wirkung von Social Media unternehmensintern nur auf den Trend „Bring Your Own Device“ und auf die Frage, ob den Mitarbeitern im betrieblichen Alltag der Zugang auf Facebook, Twitter oder Google+ gewährt wird? Wohl nicht. Eine Beschränkung auf Gadgets und Social Media-Accounts greift zu kurz. Denn es geht im Social Web auch um Partizipation, Offenheit, Transparenz und liquide Demokratie. Was man als Wähler und Konsument im Internet praktiziert, wird sich auf den Arbeitsplatz ausweiten.

„Die Menschen erleben im Privaten immer mehr die Möglichkeiten des Netzes, Anteil zu nehmen und sich zu äußern. Dann suchen sie die passenden Instrumente auch auf der betrieblichen Ebene. In manchen Unternehmen ist es ein harter Brocken der geschluckt werden muss, wenn sich die Mitarbeiter offener äußern wollen. Es ist aber ein allgemeiner Kulturtrend, der mit der Digitalisierung einher geht und dem sich die Unternehmen nicht verschließen können. Diese partizipativen Softwareelemente werden kommen und die Mitarbeiter werden sie auch entsprechend nutzen. In den Unternehmen kommt es darauf an, dass es im Sinne eines konstruktiven Dialoges genutzt wird“, sagt Unternehmensberater und bwl zwei null-Blogger Matthias Schwenk.

Abschied von reaktionärer Unternehmenskultur

Repression verdünnen, das Leitmotto des ichsagmal-Blogs, täte also auch den Organisationen in Wirtschaft und Politik gut. Hübsch beschrieben in dem Buch “TRIAL AND ERROR” von Tim Harford. Die deutsche Übersetzung ist im Rowohlt-Verlag erschienen. Auf Seite 347 ff. schildert er die Wirkung von so genannten Shunk-Works-Abteilungen. Bei Lockheed ist das schon in den 50er Jahren praktiziert worden. Die beteiligten Ingenieure arbeiteten in einem Zirkuszelt, spielten einander Streiche, kamen zwanglos gekleidet zur Arbeit und waren nicht in die reaktionäre Unternehmenskultur eingebunden.

Repression verdünnen

Sie genossen Narrenfreiheit und entwickelten Dinge, die nichts mit dem Kerngeschäft des Konzerns zu tun hatten. Die üblichen Hahnenkämpfe bei der Verteidigung von Macht und Positionen fanden in diesem Team nicht statt. Üblich ist ja eher Vermeidungsverhalten und Unterdrückung von Innovationen. Sie könnten den eigenen Arbeitsplatz in und die alte Positionselite im Unternehmen in Frage stellen. Ähnlich verhält es sich bei der Einführung von Social Media-Technologien für interne und externe Abläufe in Organisationen. Und das sollte man nicht nur auf Wikis, Blogs und Feeds zur Verbesserung der Unternehmenskommunikation beschränken. Es geht um Partizipation über Werkzeuge der Liquid Democracy:

Ein offenes Feedback müsste nach Ansicht von Matthias Schwenk eigentlich in jedem Unternehmen gefragt sein. Dabei gehe es nicht um eine immerwährende Vollversammlung, die zu einer Lähmung von Entscheidungsprozessen. Es gehe eher darum, Themen schneller aufkommen zu lassen, Inhalte schneller zu finden und Daten leichter aktuell zu halten.

„Deswegen brauche ich nicht gleich die Entscheidungsstrukturen völlig durcheinander zu bringen. Das Management kann schon sehen, in welche Richtung die Mitarbeiter bei bestimmten Fragen tendieren. Es ist heute nicht mehr so, dass die Führungskräfte alleine wissen müssen oder wissen können, wie die bestmögliche Entscheidung aussieht“, erläutert Schwenk.

Der Außendruck steigt: Liquid Democracy könnte vieles beschleunigen

„Der Druck kommt vom Markt und der Öffentlichkeit in die Unternehmen rein, einfach schneller eine Aussage zu treffen oder zu entscheiden. Dafür benötige ich intern solche Tools, die mir ein Gefühl vermitteln, in welche Richtung es gehen könnte. Sie signalisieren, dass ein Problem vorliegt und etwas ansteht, was noch entschieden werden müsste. Im Moment erlebe ich es an einem Beispiel in der Automobilbranche, die sich den Auto-Bbloggern in Deutschland öffnet. Es gibt mittlerweile einige Auto-Blogs in Deutschland, obwohl es noch ein relativ neues Phänomen ist. Die meisten deutschen Automobilhersteller versuchen mit diesen Blogs zu kommunizieren. Es hakt aber meistens an der einen oder anderen Stelle. Manche bekommen es gut hin, einige Unternehmen haben noch ihre Probleme, weil die internen Strukturen gar nicht darauf ausgelegt sind, relativ schnell eine Zusage zu geben oder etwas zu entscheiden. Oft kommunizieren die Unternehmen über zwei bis drei Stufen nach oben und wieder zurück“, resümiert Schwenk.

In der Blogger-Welt habe man für diese hierarchischen Abläufe wenig Verständnis. Wird sich mit der etablierten Managementkaste eine liquide Ökonomie durchsetzen? Das darf man bezweifeln.

„Manager sind die Bürokraten der Wirtschaft, die, die alles ‚am Laufen‘ halten und die Erneuerer, die Unternehmer, fast vollständig verdrängt haben“, moniert der brandeins-Autor Wolf Lotter.

Gegen das Bündnis aus Politik und Management, bei dem reguliert und beherrscht wird, sei das Unternehmerische chancenlos. Es stellt sich also die Systemfrage, die weit über das Narrenspiel von Tim Harford hinausgeht.

„Politische Freiheit ist die Freiheit, etwas zu unternehmen, also zu handeln – und damit am Geschäftsmodell von Politik und Konzernmacht gleichermaßen zu kratzen“, schreibt Wolf Lotter in seinem Buch „Zivilkapitalismus“.

Die alten Machtinstitutionen lassen ihren Kunden und Käufern nie die Wahl, sondern stellen sie stets vor vollendete Tatsachen. “

Die Zivilgesellschaft beruht aber auf Entscheidungs- und Handlungsfreiheit. Abhängigkeit ist kein Geschäftsmodell mehr“, so Lotter.

Was wir in der so genannten digitalen Transformation erleben, ist nichts anderes als analoger Wein in digitalen Schläuchen. Die Bürokraten der alten Ökonomie versuchen, die autoritären Spielregeln der Konzernökonomie in der Netzökonomie zu übertragen. Sie gewähren hie und da Hafterleichterungen, an einer liquiden Wirtschaftsordnung sind sie nicht interessiert. Nach Ansicht der Harvard Ökonomin Shoshana Zuboff entspricht der Manager-Kapitalismus nicht mehr den Ansprüchen selbstbewusster Menschen.

Die Waffe gegen Machtkonzentration heiße Zugang. Zugang zu Wissen, Technologie, zu nützlichen Ideen, die unabhängig machen.

„Wer bessere Produkte will, bessere Unternehmen, bessere Arbeitsbedingungen, der kann das nicht an die Politik delegieren, wie es heute geschieht”, erklärt Lotter.

Das ständige Wegdelegieren führe zwangsläufig zu Machtmissbrauch. Die Zugangsökonomie ist für den brandeins-Autor die Grundlage für Zivilkapitalismus.

„Fast alle Bemühungen und Produkte im Netz haben zugangsökonomischen Charakter. Der Mensch soll sich ausdrücken, kommunizieren, auf Wissen, das vorher verschlossen war, zugreifen können. Social Networks und Suchmaschinen, Blogs und Wikipedia folgen alle diesem Muster.”

Computerexperte müsse man nicht mehr sein, um mit seinem Tablet bei Amazon einzukaufen oder über sein Hobby zu twittern. Damit sei der Computer tatsächlich zur Universalmaschine geworden und das Internet drückt die Vielfalt der Menschen aus, die es gestalten und mit Inhalten füllen.

Niedergang des Manager-Kapitalismus

Die Voraussetzungen zur Schaffung einer neuen Ökonomie der Beteiligung mit den Mitteln der Digitalisierung waren noch nie so gut wie heute. Schließlich erleben wir den Niedergang eines Manager-Kapitalismus, der auf den Prinzipien „Head down and deliver“ beruhen: Schnauze halten und abliefern, was verlangt wird. Führungskräfte definieren sich selbst gerne als Agenten des Wandels.

„In Wahrheit sind sie meist das Gegenteil, nämlich Advokaten des betriebswirtschaftlich optimierten Status quo. Sie sind ökonomische Fossilien einer Zeit vor der Krise. Innovativ sind die Technokraten-Manager nur bei der Gestaltung ihrer PowerPoint-Folien“, kritisiert Benedikt Herles in seinem Opus „Die kaputte Elite: Ein Schadensbericht aus unseren Chefetagen.“

Mit dem inhaltsleeren Change-Geschwätz kann man sich auf irgendwelchen langweiligen Management-Konferenzen als Keynote-Speaker in Szene setzen, aber nicht in der Netzöffentlichkeit. Crowdfunding hat in ersten Ansätzen das Potenzial, die Spielregeln der Ökonomie radikal zu verändern – und nicht nur die digitale Variante.

„Das Fundraising-Prinzip als neues Paradigma revolutioniert Motivationen und Verhaltensweisen der Marktteilnehmer. Der Anbieter wirbt nicht mehr für den Kauf eines Produktes, sondern für die freiwillige Unterstützung bei der Realisierung (Pre-Order-Modell) und bei der Aufrechterhaltung des Angebots“, schreibt Ansgar Warner in seinem Buch „Krautfunding – Deutschland entdeckt die Dankeschön-Ökonomie“.

Das ist weitaus schwieriger, als im Verborgenen irgendetwas auszubrüten und es dann mit großem Marketing-Geschrei unter die Leute zu bringen.

„Um in der Dankeschön-Ökonomie zu bestehen, muss man die Menschen für eine Sache begeistern“, so Warner.

Kunden gehen freiwillig in Vorkasse

Und das schon bei der Ausbreitung der Ideenskizze auf Plattformen wie „Kickstarter“ oder „Startnext“. Jeder Schritt, jeder Fortgang und jede Verfeinerung des Projektes wird mit dem Unterstützerkreis geteilt und durch die Reaktionen der Kunden, die in Vorkasse gehen, verbessert.

Es ist die perfekte Form einer Ökonomie der Beteiligung, die sich im Crowdfunding manifestiert. Es könnte das etablierte Finanzsystem in den Schatten stellen, Unternehmensgründungen beflügeln, als Katalysator für Innovationen fungieren und für eine Demokratisierung der Beziehungen zwischen Unternehmen und Konsumenten beitragen.

Man erlebt dabei immer mehr Menschen, die ohne Zwang, ohne Abo-Modelle, ohne Zahlungsschranken und ohne Schutzgesetze bereit sind, freiwillig für Start-ups, Kunst, Kultur oder Journalismus zu bezahlen. Sie widerlegen damit die Dauerschwätzer des Establishments, die nach staatlichen Hilfen schreien, um nicht durch die vermeintliche Kostenlos-Mentalität der Netzbewohner in den Abgrund gestürzt zu werden.

Bislang ist das in Deutschland noch ein zartes Pflänzchen – aber es breitet sich aus. Soweit eine kleine Steilvorlage für das Bloggercamp.tv-Streitgespräch am Freitag. Man muss die Ökonomie neu denken, da liegt der Stifterverband schon richtig.

Advertisements

Schlagwörter:, ,

ein Kommentar - “Zugangsökonomie statt Management-Kapitalismus – Vom Ende des Nasenring-Machtsystems”

  1. gsohn 10. Februar 2014 um 13:41 #

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

Eure Meinung ist gefragt

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: