Zulieferer unter Druck: De-Industriealisierung mit „Target Cost Squeeze”.

Industriemuseum

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Seit den 1960er Jahren geht die Zahl der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe runter. Seit 1980 sind wir nach den Daten des Statistischen Bundesamtes kein Industrieland mehr. Und aktuell gibt es andere “Maßnahmen” der Industriekonzerne, die zu einer Beschleunigung der De-Industrialisierung in Deutschland beitragen, ganz ohne Industrie 4.0-Geschwätz und Digitalisierung. So richtig in Fahrt kam das Ende der 1980er Jahre, wie der Automotive-Experte Thomas Meichsner, Geschäftsführer Operations bei der Firma Faurecia Interior Systems, im Interview mit dem Wirtschaftsmagazin Boardreport deutlich macht:

“In der ersten Phase der Kostensenkung sind wir mit einer so genannten ‘verlängerten Werkbank in die neuen Bundesländer gegangen. Wenige Zeit später eröffnete ich unsere ersten Low Cost Standorte in Polen, Rumänien und dann in China. In diesen Werken sollte nur produziert werden, die Verwaltung mit der Entwicklung und der Hauptproduktion fand immer noch in Deutschland statt. In der zweiten Phase investierten wir massiv in die Kostenreduzierung durch eine hohe Automatisierung in der Produktion durch Roboter und spezielle CIM Fertigungslinien. Die Entwicklung stellten wir komplett vom manuellen Zeichenbrett auf CAD mit 3D Simulation aller Prozessschritte um.”

Das globale Wachstum führte zu einer Vervielfältigung der Produktionsstätten mit den modernsten Fertigungstechnologien rund um den Globus.

“Aus dem Erlernten in einer bestehenden Fabrik wurde jeweils das nächste Werk in einer verbesserten Version aufgebaut. Die modernsten Werke sind heute in China realisiert worden und das ist auch ein Teil der Erfolgsgeschichte der deutschen Automobilkonzerne in Asien”, erläutert Meichsner.

Aktuell lauten die Vorgaben der Einkäufer in der deutschen Automobilindustrie Global Sourcing“ und „Target Cost Squeeze”.

“Lieferanten bei neuen Aufträgen werden nur berücksichtigt, wenn wir osteuropäische Löhne als Kalkulationsbasis zu Grunde legen. Zusätzlich fordern Firmen wie VW sogenannte Quick Savings, das sind sofort fällige Preisreduzierungen auf das bestehende Geschäft in Höhe von fünf Prozent als Gegenleistung für den Erhalt eines neuen Auftrages. Häufig ist es dann so, dass das Bestandsgeschäft noch in Deutschland produziert wird und hier der Nachlass gegeben wird, auch wenn die Produktion später in einem Low Cost Standort erfolgt. Bei jedem neuen Auftrag sinkt die Umsatzrendite im Altstandort immer weiter. Des Weiteren müssen vier Jahre lang je fünf Prozent an Preisreduktion zugesichert werden. Dieser Preisnachlass lässt sich durch Produktivitätssteigerung nur noch in den Low Cost-Standorten darstellen, da in Deutschland die meisten Abläufe bereits automatisiert wurden. Aufgrund des hohen Kostendrucks werden zusätzlich ganze Entwicklungsaufträge in Niedriglohnstandorte verlegt. In Indien arbeitet ein CAD-Entwicklungsingenieur für rund fünf Prozent des deutschen Gehaltsniveaus und zusätzlich ohne Arbeitszeitbegrenzung. Darüber hinaus erfolgt die Produktion der meisten Werkzeuge und Maschinen ohnehin schon in Asien”, weiß Meichsner.

Mit einem Lohnkosten-Unterschied von rund 40 Euro in Deutschland und vier bis sechs Euro in den osteuropäischen Ländern, werden immer mehr Industriearbeitsplätze in Niedriglohnländer verlagert.

Wer von Industrie 4.0 redet, sollte über die Realität nicht schweigen.

Das komplette Interview mit Thomas Meichsner erscheint in der Doppelnummer von Boardreport Ende Januar.

Meldung ausführlich auf ichsagmal.com nachzulesen.

Über Trutzburgen der Ahnungslosen und digitale Hausmeister in deutschen Unternehmen #HM15 #Industrie40

Trutzburg mit Notausgang

Trutzburg mit Notausgang

„Mit der digitalen Vernetzung der Produktion wird sich unser Verständnis von Industrie so nachhaltig verändern wie niemals zuvor”, so VDMA-Präsident Reinhold Festge zur Eröffnung der Hannover Messe. Die deutschen Hersteller seien für diese globale Veränderung bestens gerüstet, betont der oberste Maschinenbau-Lobbyist.

„Für die deutsche Industrie formuliere ich dabei nicht weniger als den globalen Führungsanspruch.”

Klingt famos. Aber die Realität sieht anders aus. Bisher wird nach Ansicht von Manfred Broy (Professor für Informatik an der Technischen Universität München) und Dietmar Harhoff (Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb und Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation) der Industrie 4.0-Ansatz nur von einigen wenigen Unternehmen gelebt.

„Viele der zumeist mittelständischen deutschen Produktionsunternehmen nehmen von der Thematik bisher kaum Notiz und sind bestenfalls ratlos”, schreiben Broy und Harhoff in einem Gastbeitrag für die Montagsausgabe der FAZ.

Zauberwort Industrie 4.0 entlastet Führungskräfte

Die Autoren bemängeln eine konzeptionelle Einengung:

„Digitalisierung und das Internet der Dinge werden auf einen produktionstechnischen Teilbereich reduziert. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, Teile der deutschen Industrie seien fast erleichtert, dass das ungewohnte und eher unheimliche Thema Digitalisierung durch das Zauberwort Industrie 4.0 seinen Schrecken verliert und gebannt scheint. Aber die Hoffnung der deutschen Industrie, dass mit Industrie 4.0 der Digitalisierung hinreichend Rechnung getragen ist, ist trügerisch.”

Übersehen werde bei der Ausrichtung auf Industrie 4.0, dass die Digitalisierung vor allem Kunden und Märkte verändert. Kein Kundenzugang sei umfassender, enger und schneller als der über das Internet, über internetbasierte Dienste. Hinzu komme, dass die oft als technikfeindlich verpönten Deutschen in Scharen in die schöne neue Welt der Digitalisierung strömen – ob Smartphone, Google, Facebook oder Amazon – das Potential der digitalen Wunderwelt ist höchst attraktiv, gerade auch für deutsche Konsumenten.

Die schnellen Skaleneffekte, die sich international verbreiten, die Ortsungebundenheit des Netze und die beliebige Vervielfältigung von digitalen Diensten lässt sich auch durch deutsche Gerichtsurteile (der Fall Uber) nicht aufhalten, betonen die beiden Wissenschaftler.

„Die Stärken der deutschen Wirtschaft – exzellente Ingenieurleistungen und das Beherrschen technisch anspruchsvoller Produkte – drohen dadurch ein Stück weit ins Hintertreffen zu geraten.”

Die Produkte und Dienstangebote digitaler Technik seien näher am Menschen als jede andere Technik zuvor. Das alles weise darauf hin, das Industrie 4.0 allein kaum eine überzeugende Antwort auf den digitalen Wandel darstellen kann. Reichen die netzökonomischen Kompetenzen von Ingenieuren und IT-Führungskräften für diese Aufgaben aus?

Die Entmachtung der CIOs

In deutschen Unternehmen regieren zu häufig Trutzburgen der Ahnungslosen, bemängeln Broy und Harhoff. Der digitale Wandel wird nicht wahrgenommen oder verdrängt. Man sieht es schon seit langem an der Entmachtung von CIOs, die zu digitalen Hausmeistern degradiert und dem Finanzvorstand unterstellt werden. Es geht beim Einsatz von digitalen Technologien selten um strategische Geschäftsziele, sondern um reine Kostenoptimierung.

„Zu oft wird übersehen, dass ein wesentlicher Teil des Erfolges von Google, Facebook, Amazon und Co. in der höchstprofessionellen Beherrschung der Softwaretechnik und ihrer Möglichkeiten besteht, die neue vernetzte Welt zu meistern“, resümieren Broy und Harhoff.

Wirtschaftsorganisationen brauchen dringend mehr treibende Kräfte, um Software strategisch richtig einzusetzen und um neue Methoden der Zusammenarbeit über Open Source sowie Standards einzuführen, erläutert der Berater Christoph Kappes. Es gehe um Methoden, wie man Marktstellungen knackt. Google habe das mit dem Betriebssystem Android unter Beweis gestellt.

Ausblendung der menschlichen Komponente beim digitalen Wandel

Wir werden nach Einschätzung von Professor Tobias Kollmann nur dann wettbewerbsfähig bleiben, wenn wir auch im Online-Wettbewerb bestehen können:

„Wer nicht digital mitspielen kann oder will, wird bald gar nicht mehr mitspielen. Deswegen geht es bei uns nicht nur um mehr IT in Form von ‚Industrie 4.0‘ in Unternehmen, sondern vielmehr um das digitale Know-how für die Entwicklung, den Aufbau und den Betrieb von elektronischen Wertschöpfungen in Online- und Offline-Geschäftsmodellen für Unternehmen in Deutschland“, so der Vorsitzende des Beirats „Junge Digitale Wirtschaft“ beim Bundeswirtschaftsministerium.

Das Internet der Dinge und Social Media als Vernetzung von Menschen sind die Megatreiber der Netzökonomie, erklärt der Kölner Professor Klemens Skibicki:

„Beide Systeme werden vom Mobile Web ineinander gefügt – alles zusammen ist eben das Internet of Everything! Deutsche Unternehmen blenden die menschliche Komponente zu sehr aus und fokussieren sich mit dem Industrie 4.0-Begriff auf die Perspektive von Ingenieuren und Produkten.“

Produkttechnisch spielen wir in der ersten Liga. Bei der Etablierung von digitalen Ökosystemen schneidet Deutschland mangelhaft ab.

„An Facebook, Google und Apple kann man erkennen, wie Menschen ‚ans Internet angeschlossen werden“, sagt Skibicki vom Beratungshaus Convidera.

Wir haben uns total verirrt, kommen aber gut voran

Im Digitalen werden nicht die perfektionistischen Planer, sondern die schnellen Macher bevorteilt, skizziert Gamification-Experte Roman Rackwitz die Lage:

„‚Fail fast, fail small. Just do it.‘ Was früher die Qualitätsmarke Deutschland groß machte, ist heute eher ein Manko. Die Rahmenbedingungen haben sich aber geändert. Das Problem besteht nicht im technischen Verständnis der Digitalisierung, sondern in der kulturellen Adaption.“

Die penetrante Fokussierung auf den Begriff „Industrie 4.0“ zeigt nach Meinung des Social Media-Managers Frank Michna, dass man die Tragweite der aktuellen Entwicklungen noch lange nicht begriffen hat und an vielen Stellen am Thema vorbei arbeitet:

„Wirtschaft 4.0 oder Gesellschaft 4.0? Fehlanzeige. Lauscht man den Kommentaren von Vorständen und Ministern, könnte man recht frei Tom DeMarco und Tim Lister zitieren: ‚Wir haben uns total verirrt, kommen aber sehr gut voran!‘“ 

Kompetenz-Vernetzung statt IT-Penetration

Die vernetzte Kommunikation wird von Unternehmen unterschätzt oder auf den Endkunden-Markt reduziert. Dabei geht es hier eher um eine Vernetzung von Kompetenzen – das gilt auch für den Geschäftskunden-Markt. Die Ökonomie im Ganzen muss neu gedacht werden, fordert Winfried Felser von der Unternehmer-Plattform Competence Site:

„Nicht die IT-Penetration muss maximiert, sondern die Wertschöpfung neu gestaltet werden in Richtung einer wertvolleren und vor allem fluideren Kombinatorik von Fähigkeiten in kollaborativen Kompetenz-Netzwerken. Das Digitale ist eher der Möglichmacher für neue Wertschöpfungsmuster, was weit über technische Gadgets, Apps und Big Data hinausgeht.“

Vielleicht müssen die liebwertesten Gichtlinge in den deutschen Unternehmen die Methoden der Silicon Valley-Konzern einfach nur besser antizipieren, um Google und Co. zu schlagen. Das jedenfalls verhandelt der nächste Netzökonomie-Campus mit Käsekuchen am 3. Mai.

Man hört, sieht und streamt sich.

Zuerst im The European-Debattenmagazin erschienen.

Zündkerze an Keilriemen: Maschinen lernen die Androiden-Sprache und Google entert Industrie 4.0

Wir reden, Google und Samsung machen einfach, ätsch

Wir reden, Google und Samsung machen einfach, ätsch

Der IT-Spitzenverband BITKOM ist stolz darauf, mit „Industrie 4.0“ vor zwei Jahren einen Begriff erfunden zu haben, über den mittlerweile die ganze Welt spricht, so die Aussagen des BITKOM-Experten Wolfgang Dorst in Bloggercamp.tv.

Es geht um das Internet der Dinge und die Maschine-zu-Maschine-Kommunikation. Also die automatische Verbindung zwischen Komponenten, weitestgehend ohne menschlichen Einfluss. Die Frage ist nur, wer mit den Diensten für die Industrie 4.0 am Ende den geschäftlichen Erfolg machen wird. Der ehemalige IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck streute in einer Talkrunde des Digitalen Quartetts etwas Sand ins Getriebe der deutschen Ingenieurskunst.

Deutsche Ingenieurskunst liefert kein Betriebssystem

Wir basteln in teutonischer Gründlichkeit zwar kräftig an der Grundlagenforschung für Industrie 4.0, liefern aber keine Antworten für das Betriebssystem und die Infrastruktur. Unterdessen bekommen Waschmaschinen, Geschirrspüler und Kaffee-Vollautomaten von Samsung einfach mal das Google-Betriebssystem Android eingepflanzt, um die Vernetzung voranzutreiben. Die deutschen Hersteller wie Bosch oder Miele machen das auch mit eigenen Lösungen – sozusagen im Augsburger Puppenkisten-Format „Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer”.

„Dann fragen die deutschen Hersteller, wer macht die Infrastruktur, wer sagt, unter welchem Standard sich die Maschinen unterhalten. Google und Samsung haben einen einfachen Plan und nutzen das Handy-Betriebssystem”, so Dueck.

Die bauen das überall ein und die Maschinen werden mit semantischer Intelligenz bestückt.

Wenn dann in Deutschland und Europa alle aufgewacht sind, „kann der FAZ-Herausgeber Schirrmacher wieder jammern, dass die Amerikaner oder Südkoreaner uns das aufdrücken.”

Oder wie beim Google-Kauf von Nest Labs den kritischen Einwand kommunizieren, ob denn der Suchmaschinen-Gigant bei der Heimvernetzung mit Raumthermostaten auch die Privatsphäre ernst nehmen würde. Auweia. So verspielen wir wichtige Zukunftsfelder.

Die Zusammenarbeit von Audi und Google beim vernetzten Auto, die bei der Elektronikshow CES in Las Vegas für Furore sorgte, sollte uns nachdenklich stimmen. Denn auf einmal entsteht das Internet der Dinge. Der Keilriemen spricht mit der Zündkerze – zum Einsatz kommt Android. Kein Mensch macht sich in der deutschen Industrie darüber Gedanken, wie ein Betriebssystem aussehen sollte. BMW, VW, Mercedes Porsche und Co. hätten sich zusammenschließen können, um ein vernünftiges Betriebssystem zu etablieren – „machen sie aber nicht”, kritisiert Dueck.

„Man wartet bis Google über die Unterhaltungselektronik ausliest, welche Fehler ein Auto hat – da ist in Deutschland keiner dran.”

Exportüberschüsse als Beruhigungspille

Stattdessen verweist man im jovialen Beschwichtigungston auf die satten Exportüberschüsse, die sich vor allem Maschinenbauer und andere Firmen des produzierenden Gewerbes gut schreiben. Wie viel wird von den Komponenten, die in Autos und Maschinen einbaut werden, noch in Deutschland produziert? Wie hoch ist der Anteil der Kapitalexporte? Ein großer Anteil geht in ausländische Sach- und Finanzinvestitionen und schwächt die inländische Investitionsquote. Die deutsche Volkswirtschaft zählt zu den vier größten Industrienationen. Das ist nicht zu bestreiten.

Allerdings liegt der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung des Bruttoinlandsproduktes bei rund 21 Prozent.

„Das repräsentiert gerade mal ein Fünftel der Wirtschaftsleistung, aber 100 Prozent des Theaters, weil Politiker und Verbandsfunktionäre ihre Macht nicht aufgeben wollen und in dieser alten Welt ihre Erfüllung sehen“, bemerkt brandeins-Autor Wolf Lotter.

Qualmende Schlote bringen der deutschen Wirtschaft gar nichts, auch keine Arbeitsplätze, da die Fertigungstiefe in den vergangenen Jahren nicht zugenommen hat und wohl auch in Zukunft nicht zunehmen wird. Das sieht auch Lotter so.

Wir brauchen Ideen und keine qualmenden Schlote

„Wir verdienen unser Geld, indem wir Ideen und Wissen produzieren. Das ist eine völlig andere Welt als die Skalierungswelt der Industrie, die auf Massenfertigung setzt“, erklärt Lotter.

Entscheider sollten den Prinzipien folgen, die der Ökonomie Erfolg bringen. Und der liegt in einer wissensbasierten Ökonomie und das schon seit langer Zeit. Bedenkenträger, die sich über Google aufregen, sollten sich intensiver mit Wirtschaftshistorikern beschäftigen, um sich ein klares Bild zu verschaffen. Sie könnten etwa mit Professor Werner Abelshauser sprechen oder sein Opus „Deutsche Wirtschaftsgeschichte“ lesen.

Der würde ihnen erklären, dass die Industriegesellschaft in Deutschland strukturell diesen Namen seit fast 100 Jahren gar nicht mehr verdient. Die ungezähmten Ideen an der Peripherie sind der Rohstoff, aus dem morgen glänzende Markterfolge erwachsen. Wer also von Industrie 4.0 redet, sollte sofort auch über die geschäftliche Relevanz nachdenken. Sonst erleben wir ein ähnliches Schicksal wie bei der Erfindung des digitalen Musikstandards MP3.

Steve Jobs für die deutsche Forschungslandschaft gesucht

„Fraunhofer und MP3 sind ein gigantisch schönes Beispiel für die Schwächen bei der Eroberung neuer Märkte. In einer Studie geht hervor, dass sich Fraunhofer in Fragen der Management-Kompetenz im unteren Drittel eingruppiert. Die bescheinigen sich selbst eine hohe Innovationskraft aber nur eine sehr begrenzte Umsetzungskraft. Und da liegt der Hebel. Man sollte einen Steve Jobs an die Spitze der Fraunhofer-Gesellschaft stellen”, fordert Udo Nadolski, Geschäftsführer des IT-Beratungshauses Harvey Nash in Düsseldorf.

An der Forschungslandschaft liege es jedenfalls nicht, dass wir als vernetzte Ökonomie noch so weit zurückliegen.

Vielleicht sollten die etablierten Organisationen und Unternehmen anfangen, wie Bundesliga-Vereine Scout-Systeme zu entwickeln, um vermarktungsfähige Innovationen zu suchen. Steve Jobs habe das auch nicht anderes gemacht, bemerkt Nadolski. Der Google-Deal mit Nest Labs unterstreicht diesen Ansatz. Schließlich zählt Tony Fadell als Mitgründer von Nest Labs zu den Vätern der iPod-Revolution. Er gilt als Ideengeber für das integrierte Geschäftsmodell von iPod und iTunes. Ähnliches werden wir bei den Heizungen und den Thermostaten zur Regelung der Raumtemperatur in unseren eigenen vier Wänden erleben. Die Industrie 4.0 wird von den Google-Androiden erobert.

Ich würde das Thema gerne vertiefen und weitere Interviews führen. Wer Interesse hat, möge sich bei mir melden. Entweder unten einen Kommentar hinterlassen oder eine E-Mail schicken an: gunnareriksohn@gmail.com

Man hört und sieht sich 🙂

Siehe auch:

Nest-Übernahme: Google will in Ihr Schlafzimmer.

Google übernimmt nach Roboterhersteller nun auch das Automatisierungsunternehmen Nest.

Mit Industrie 4.0 in die Warteschleife: Über die teutonische Breitband-Müdigkeit #bloggercamp.tv

Ökonomie der Selbermacher – Wie sich das Gesicht der Industrie verändert

Selbermacher

Selbermacher

Auch wenn es die Industrielobbyisten nicht wahrhaben wollen: Qualmende Schlote bringen der deutschen Wirtschaft gar nichts, auch keine Arbeitsplätze, da die Fertigungstiefe in den vergangenen Jahren nicht zugenommen hat und wohl auch in Zukunft nicht zunehmen wird.

„Wir verdienen unser Geld, indem wir Ideen und Wissen produzieren. Das ist eine völlig andere Welt als die Skalierungswelt der Industrie, die auf Massenfertigung setzt. Würden wir den Empfehlungen zur Re-Industrialisierung folgen, dann wäre Deutschland bald ein Armenhaus. Wir könnten auf gar keinen Fall gegen die Massenproduzenten konkurrieren, die es längst in aller Welt gibt und von denen wir heute profitieren. Es sind die Märkte für unsere guten Ideen”, so der Wirtschaftspublizist Wolf Lotter.

Der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung des Bruttoinlandsproduktes liegt zwar stabil bei 20,7 Prozent. Das repräsentiert gerade einmal ein Fünftel der Wirtschaftsleistung, aber 100 Prozent des Theaters in der Öffentlichkeit, weil Politiker und Verbandsfunktionäre ihre Macht nicht aufgeben wollen und in dieser alten Welt ihre Erfüllung sehen.

Die Vorzeichen einer tiefgreifenden Veränderung der Ökonomie sind schon zu spüren. Die klassische Industrie produziert mit großen Stückzahlen, erfordert Fachwissen, Ausrüstung sowie Kapital und blieb daher die Domäne von großen Unternehmen und ausgebildeten Spezialisten. Das ändert sich jetzt. Warum?

„Weil heutzutage immer mehr digital produziert wird: Physische Objekte entstehen zunächst als Entwürfe auf Bildschirmen, und diese Entwürfe können als Dateien online verbreitet werden. In Fabriken und den Büros der Industriedesigner waren die Auswirkungen in den vergangenen Jahrzehnten bereits zu spüren, aber jetzt kommt die Entwicklung auch auf den heimischen Computern der Verbraucher und in den Kellerräumen an“, schreibt Chris Anderson in seinem neuen Buch „Makers“.

Vernetzung für neue Produktionsideen

Sobald etwas auf einem normalen Computer ausführbar sei, kann es jeder. Und genau das geschieht derzeit in der Fertigung. Jede Erfindung und jeder gute Entwurf könne heute als Datei bei einem Dienstleister hochgeladen werden, der das Produkt in jeder gewünschten Stückzahl herstellt. Ein Erfinder kann das Ganze mit digital gesteuerten Desktop-Werkzeugen wie 3-D-Druckern in Eigenregie anfertigen ohne auf das Wohlwollen von Konzernen und ihrer Skalierungsideologie abhängig zu sein. Die Makers vernetzen sich autonom, finanzieren ihre Ideen über Crowdfunding-Plattformen und zeigen der maroden Bankenwelt eine lange Nase. Weltweit gibt bereits rund 1000 so genannte „Makerspaces“ – also gemeinsam genutzte Produktionsstätten. Und das Wachstum dieser Selbermacher-Netzwerke nimmt immer mehr zu. So gibt es Köln die Dingfabrik, einem sogenannten Fablab, wo gesägt, gefaltet, gelötet und gecoded wird.

„Aus der Dingfabrik kommen sowohl Möbel als auch Origami-Kunstwerke. Geräte, die kaputt hereingetragen werden, verlassen sie oft wieder heil“, so Spiegel Online.

Aus Hobbybastlern werden Unternehmer

Hier überträgt die digitale Sphäre ihre Ideen auf die reale Wirtschaftswelt und leitet einen Wandel der Volkswirtschaften ein.

„Durch die Maker-Bewegung verändert sich langsam das Gesicht der Industrie; der Unternehmerinstinkt erwacht und Hobbys werden zu kleinen Unternehmen. Tausende Maker-Projekte Crowdfunding-Websites wie Kickstarter finanziert, wo allein im Jahr 2011 fast 12.000 erfolgreiche Projekte, von Design und Technik bis Kunst, knapp 100 Millionen Dollar erzielten“, erläutert der ehemalige Wired-Chefredakteur Anderson, der mittlerweile Vorstandschef von 3DRobotics ist sowie Gründer von DIY Drones.

Er rechnet übrigens mit einer Umkehr der Outsourcing-Bewegung. Bei der Produktentwicklung sorgt die Maker-Bewegung für einen Wettbewerbsvorteil der Kulturen mit dem besten Innovationsmodell, nicht den niedrigsten Lohnkosten. Es gewinnen Länder, in denen die Co-Kreation also die gemeinschaftliche Entwicklung floriert. Beste Startbedingungen also für kleine Tüftler, die sich auf wissensbasierte und personalisierte Industrielösungen konzentrieren. Hier liegen die Potenziale für künftigen Wohlstand:

„Es sind die vielen Menschen, die in mittelständischen und kleinen Unternehmen oder als Selbständige arbeiten. Und die können gar nicht anders als innovativ zu denken, sonst wären sie sofort weg vom Fenster. Sie sind meistens in wissensbasierten Dienstleistungsbranchen tätig im weitesten Sinne. Sie lösen Probleme für andere Leute. Manchmal ist es auch eine alberne Definitionsgeschichte. So glauben manche Mittelständler, dass sie noch zum industriellen Sektor gehören. In Wirklichkeit kümmern sie sich aber um Software, Logistik und denken sich Lösungen aus”, führt Lotter aus.

Es sind Abweichler und Spinner, die sich den schnellen Wandel und die Auflösung alter Kontexte zunutze machen. Wie etwa der Hersteller von personalisierten Dartscheiben, der den angelsächsischen Markt aufmischen will. Unternehmensgründer Charles Rechberger hat solange mit dem Material der Scheiben experimentiert bis es ihm gelang, die Scheiben digital bedrucken zu können. Die ungezähmten Ideen an der Peripherie sind eben der Rohstoff, aus dem morgen glänzende Markterfolge erwachsen.