Demografischer Wandel

Die demografischen Rahmendaten in Deutschland haben sich nach Analysen des Berlin Instituts verschlechtert. Die jährliche Zahl der Neugeborenen ist noch einmal kräftig gesunken, um rund 40.000. Die Zuwanderung, trotz gegenteiliger Behauptungen, ist in den vergangenen Jahren zum Erliegen gekommen. Sollte die heutige Entwicklung anhalten, wäre die erst im Jahr 2009 publizierte „mittlere“ Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes schon wieder Makulatur: Demnach soll sich die Bevölkerungszahl in Deutschland bis Mitte des Jahrhunderts um acht bis zwölf Millionen vermindern. Doch nach heutigem Trend könnte der Schwund auch ein paar Millionen mehr betragen. Der eigentliche Wandel steht uns noch bevor. Dabei sind weniger Einwohner in einer dicht besiedelten Nation wie Deutschland per se kein Problem. Doch die 70 Millionen, die den Vorausberechnungen zufolge 2050 hierzulande leben werden, unterscheiden sich deutlich von jenen 70 Millionen, die Anfang der 1950er zwischen Rügen und dem Bodensee gelebt haben: Das Medianalter, das eine Bevölkerung in eine jüngere und eine ältere Hälfte teilt, wird in diesem Zeitraum von damals rund 35 auf dann 48 Jahre ansteigen. Und während die Nachkriegsgeneration Aufbau und Wachstum demografischer wie wirtschaftlicher Art vor sich hatte, müssen wir heute mit Stagnation und Rückbau leben lernen. Das gilt vor allem für die peripheren ländlichen Räume in Ost und West, aber auch für jene Ballungsgebiete an Saar und Ruhr, in denen früher rauchende Schlote Prosperität bezeugten. Die urbanen Zentren mit einer stabilen Bürgerschaft und in mittleren und kleinen Städten mit aktivem Unternehmertum und einer starken Mittelklasse werden auch in Zukunft gut funktionieren.

Aber gerade in den vom demografischen Wandel am meisten geplagten Gebieten, wo die qualifizierten jungen Menschen abgewandert sind und die weniger Mobilen, die Alten und die Menschen ohne Arbeit zurückbleiben, gelten andere Voraussetzungen. Zwischen 2002, dem Jahr des Bevölkerungshöchststandes, und 2008 haben 202 von 413 Landkreisen und kreisfreien Städten mehr als ein Prozent ihrer Einwohner verloren. In dem gleich langen Zeitraum zuvor traf das nur auf halb so viele Kreise zu. Diese lagen vorwiegend in Ostdeutschland, das nach der Wende erhebliche demografische Verluste zu verbuchen hatte. Gegenwärtig verliert bereits etwa ein Drittel der westdeutschen Kreise Bevölkerung.

Hier zeigen sich die Zeichen der demografisch-wirtschaftlichen Krise vor allem in den Kreisen des Saarlandes, im Ruhrgebiet und entlang der ehemaligen Grenze zum Eisernen Vorhang, vom niedersächsischen Harz über Nordhessen und die Rhön bis nach Bayern. Dies sind durchweg Gebiete, in denen der Strukturwandel der letzten Jahrzehnte überkommene Industrien dahingerafft hat. Unter den 20 schwächsten Kreisen finden sich Herne, Recklinghausen und Gelsenkirchen in Nordrhein-Westfalen, Goslar und Osterode am Harz in Niedersachsen, Lübeck in Schleswig-Holstein und das zum Land Bremen gehörende Bremerhaven. Wo die Lebensbedingungen schwierig sind, wo es an innovativen Betrieben und gut bezahlten Arbeitsplätzen mangelt, verschärft sich meist auch die demografische Lage.

Betrachtet man die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland differenziert nach Groß- (über 100.000 Einwohner), Mittel- (20.000 bis 100.000), Kleinstädten (5.000 bis 20.000) und ländliche Gemeinden (unter 5.000), so wird deutlich, dass in vielen Bundesländern die Schere zwischen städtischen und ländlichen Regionen weit auseinander geht. Lediglich Schleswig-Holstein und Bayern können aufgrund der landschaftlichen Attrak- tivität und der Nähe zur den Metropolen Hamburg versus München auch im ländlichen Raum noch ihre Bevölkerung relativ stabil halten – dort sind zwischen 2003 und 2008 die ländlichen Gemeinden nur um rund 0,6 Prozent geschrumpft und die Kleinstädte mit durchschnittlich 0,5 Prozent gewachsen. Hierzu tragen viele Ruhestandswanderer bei, die neben ländlicher Idylle auch eine gute Infrastruktur mit Ärzten, Apotheken und Geschäften suchen.

In jenen Bundesländern, die insgesamt deutlich Bevölkerung einbüßen, profitieren vor allem die Großstädte, während der ländliche Raum regelrecht ausblutet. In allen ostdeut- schen Bundesländern verlieren die Großstäd- te am wenigsten Einwohner oder verzeichnen gar Zuwachs. In Sachsen etwa wuchsen die Großstädte wie Dresden und Leipzig zwi- schen 2003 und 2008 im Durchschnitt um 2,4 Prozent. Die sächsischen Mittelstädte ver- loren hingegen im Durchschnitt 5,2, die Klein- städte 5,3 und die ländlichen Gemeinden 6,1 Prozent ihrer Bevölkerung. Ein ähnliches Muster lässt sich in Thüringen, Mecklenburg- Vorpommern und Sachsen-Anhalt beobachten. Den deutschlandweit größten Aderlass erleben die Kleinstädte Sachsen-Anhalts.

Sie verloren im Zeitraum 2003 bis 2008 im Durchschnitt sechs Prozent ihrer Einwoh- ner. In Brandenburg hingegen wachsen die Kleinstädte sogar. Ähnlich wie in Schleswig- Holstein dürfte dies der Nähe zu einer Metropole, in diesem Fall Berlin, zu verdanken sein. Gutverdiener und junge Familien aus der Hauptstadt zieht es häufig in verkehrsgünstig gelegene, kleinere Orte, von denen aus es sich in die Metropole pendeln lässt.

Der ostdeutsche Trend ist auch in westdeutschen Bundesländern zu beobachten. In Hessen etwa, wo das dicht besiedelte Rhein-Main-Gebiet wie ein Bevölkerungsmagnet wirkt, wuchsen die Großstädte um 1,3 Prozent, die ländlichen Gemeinden verloren hingegen 3,3 Prozent ihrer Einwohner. Und selbst in Bayern und Baden-Württemberg, die in den vergange- nen Jahren massive Zuzüge zu verzeichnen hatten, profitieren die ländlichen Gemeinden nicht mehr vom Bevölkerungswachstum.

Wegen der bundesweit rückläufigen Bevölkerungszahlen wird sich der Wettbewerb der Kommunen um Bewohner, insbesondere um Familien und gut verdienende Steuerzahler, verschärfen. Dabei wird die Zahl der Gewinnergebiete schrumpfen und die der Verlierer zunehmen. Tendenziell dürften sich nur die größeren Städte stabilisieren, während ländliche Gemeinden verlieren. Gegenwärtig schrumpfen oft noch die Kleinstädte am stärksten, weil dort noch eine relativ junge Bevölkerung lebt, die auf der Suche nach Ausbildungs- und Arbeitsplätzen sehr mobil ist. In Zukunft ist jedoch zu erwarten, dass sich die Kleinstädte bei einer deutlich geringeren Einwohnerzahl stabilisieren, während manche Dörfer von den Landkarten verschwinden werden. Die starken Bevölkerungsverluste führen in ländlichen Gemeinden wie in Kleinstädten nicht nur zu Leerstand und Verfall von Gebäuden, sondern bereiten auch den kommunalen Finanzen Probleme. Denn Schrumpfung bedeutet stets einen Rückgang der Einnahmen durch weniger Steuer- und Gebührenzahler bei kaum geringeren oder sogar höheren Infrastrukturkosten. Verursacht werden diese durch überdimensionierte Wasser-, Abwasser-, Strom- oder Verkehrsnetze, deren Wartungs- und Instandhaltungskosten bestehen bleiben oder sich sogar erhöhen, wenn es weniger Nutzer gibt. Besonders teuer wird es, wenn Infrastruktursysteme aufgrund
zu weniger Nutzer auszufallen drohen. So können sich beispielsweise Abwasserrohr- leitungen zusetzen oder Trinkwassersysteme verkeimen, wenn der Durchfluss zu gering ist. Der erforderliche Rückbau der Leitungsnetze ist in ländlichen Gemeinden wegen des meist verstreuten Leerstandes von Gebäuden kaum zu bewerkstelligen.
Aus finanziellen aber auch aus ökologi- schen Gründen ist es nicht sinnvoll, in stark schrumpfenden, dünn besiedelten Regionen weiterhin flächendeckend die heute übliche Infrastruktur zu erhalten oder sogar durch Neuinvestitionen den Glauben zu vermitteln, man könne die demografische Entwicklung umkehren. Kommunalplaner wie auch private Investoren sollten deshalb darauf achten, welche Dörfer oder Siedlungen zukunftsfähig sind und welchen mit hoher Wahrscheinlich- keit der Niedergang bevorsteht. Dafür müs- sen die Planer wissen, welche Infrastruktur bei welchen Einwohnerzahlen erforderlich ist, um ungerechtfertigt hohe Kosten zu vermeiden. Damit künftig auf der einen Seite Schulen, Leitungssysteme und Dienstleis- tungsangebote überhaupt ausgelastet, auf der anderen Seite aber Mittel eingespart wer- den können, sollte in bestimmten Regionen die Landflucht sogar gefördert werden. Denn weniger Menschen in Deutschland werden in Zukunft auch in weniger Orten leben.

Mittlerweile hat der demografische Wandel auch den Arbeitsmarkt erreicht – wenngleich zunächst anders als erwartet. Denn die Arbeitslosigkeit ist nicht allein deshalb gesunken, weil zwischen 2005 und 2008 rund 3,7 Prozent mehr Menschen einen Job fanden. Entlastung brachte dem Arbeitsmarkt auch die Verrentung der zahlenmäßig sehr großen, vor 1945 geborenen Altersgruppe. In die Kohorte der 60- bis 64-Jährigen aufgerückt ist hingegen die Generation der in den ersten Nachkriegsjahren Geborenen, die etwa ein Drittel kleiner war. Dadurch hat die Zahl der Personen in der ältesten erwerbsfähigen Gruppe zwischen 2005 und 2008 um 441.000 Menschen, respektive fast zehn Prozent abgenommen. Allein durch diese Alterseffekte sank die Zahl der Arbeitslosen über 55-Jährigen um etwa 150.000 Personen.19
Doch dieser Effekt bleibt einmalig. Von nun an wird die Zahl älterer Erwerbsfähiger jahrelang wachsen. Die eigentliche demografische Wende findet
am jüngeren Ende der Alterspyramide statt: Denn die Zahl der 15- bis 18-Jährigen, darunter viele Lehrlinge, ist zwischen 2005 und 2008 um 360.000 Personen geschrumpft. Während in den Jahren bis 2006 bei den Arbeitsagenturen noch 40.000 bis 50.000 Anwärter registriert waren, die keine Lehrstelle bekamen, gab es davon 2009 nur noch 9.600. Ostdeutschland, wo derzeit die halbierte Nachwendegeneration ins Aus- bildungsalter kommt, hat 2009 zum ersten Mal ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen angebotenen Lehrstellen und Nachfragern registriert. Diese Relation wird sich mehr und mehr zuungunsten der Arbeitgeber entwickeln. Das bedeutet gute Aussichten für Jugendliche, die zunehmend von Unternehmen und Universitäten umworben werden. Und schlechte Aussichten für die deutsche „Sozialindustrie“, die im Auftrag der Politik über Jahre Hunderttausende „nicht vermittelbare“ junge Menschen in vorgeblich berufsqualifizierenden Maßnahmen geparkt und dafür pro Jahr vier bis fünf Milliarden Euro vom deutschen Steuerzahler kassiert hat.
In den kommenden 20 Jahren wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter zwi- schen 20 und 64 Jahren in Deutschland jedes Jahr um durchschnittlich 340.000 Per- sonen abnehmen. Die schrumpfende Zahl Erwerbsfähiger wird nicht nur die wachsende Gruppe der Pensionäre finanzieren, sondern auch die Innovationskraft der Wirtschaft sichern müssen. Der enorme Wohlstandszuwachs, den die Westdeutschen in der Wirtschaftswunderzeit und die Ostdeutschen nach der Wiedervereinigung erlebt haben, ist in Zukunft nicht mehr zu erwarten.

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