#StreamCamp13: Experimentierlabor der TV- und Hörfunk-Autonomen

Thomas Riedel

Blogger, Podcaster, Youtuber, Gamer, Journalisten, Unternehmer, Kulturschaffende, Laien und Profis trafen sich am Wochenende im Kölner Startzplatz zur StreamCamp-Weltpremiere, um sich über Ideen, Konzepte und technische Möglichkeiten sowie Erfordernisse für Liveübertragungen im Internet auszutauschen. Hardware-Feuerwerk von quick & dirty bis pro und Greenscreen-Couch, wie es Thomas Riedel aka Droid Boy von Nerdhub ausdrückte. Es wächst eine autonome TV und Hörfunk-Szene heran, die im Vergleich mit den Webvideo-Größen noch in den Kinderschuhen steckt und mit unglaublicher Experimentierfreude neue Bildsprachen für Echtzeit-Kommunikation bastelt.

Therapeutisches Katzen-Livestreaming

Etwa die stundenlange Übertragung von Katzenbildern, die fast schon eine therapeutische Wirkung in der Web-Hektik entfalten – Schnodderpepe sei Dank. Oder das kollektive Livestreaming in der Session des WDR-Fernsehjournalisten Kai Rüsberg, der über OneShotVideojournalismus sprach.

Sehr vielen klassischen Fernsehmachern fehlt das Mindset, um die richtigen Antworten für die Graswurzel-Bewegung zu finden, meint etwa Markus Hündgen vom Webvideopreis im Sammelband „Einfach fernsehen“ vom Grimme-Institut. Es sei mehr als ein Handwerk, um Bewegtbild zu produzieren. Es sei eine andere Herangehensweise, eine andere Denke und ein anderes Feeling, die hier zum Ausdruck kommt.

Wenn TV-Talkshows abnerven, macht man eigene Formate

Die Livestreaming-Technik bietet nach Ansicht von Youtube-Star Dr. Allwisend völlig neue Möglichkeiten. Auch aus dem kulturellen Blickwinkel heraus könnte da was entstehen – aber was genau, wird man noch sehen müssen. So sei Katerfrühstück ein Versuch, es anders als im Fernsehen zum machen. Was viele in den üblichen Talkshows abnerven würde, seien die immer gleichen Floskeln, die Politiker und Experten zum Besten geben.

Warum wandern millionenfach junge Menschen zu Plattformen wie Twitch.tv ab, um sich live die Pro-Gamer von Starcraft oder League of Legends anzuschauen? Auf dem StreamCamp gaben Constantin Sohn (der Sohn vom Sohn) und Dominik Warwass eine deftige Antwort.

Wetten, dass-Fernsehen vor der Ablösung

Die Pläne von ARD und ZDF zur Gründung eines neuen Jugendsenders seien nur noch Verzweiflungstaten. In der Gaming-Szene hätten diese Sender eh nichts zu bestellen. Serien, Filme oder Berichte über Computerspiele schauen die beiden Twitch.tv-Experten schon lange nicht mehr in der Flimmerkiste. Hier steht das Wetten, dass-Fernsehen vor der Ablösung.

Und wenn sich das seriöse Feuilleton nicht mehr mit Literatur, Literaturzeitschriften und unabhängigen Literaturverlagen fernab des Mainstreams beschäftigt, machen es die Kulturinteressierten in Eigenproduktion, wie beim Wortspiel-Radio mit meinem Freund Wolfgang Schiffer:

Veränderungen sieht man auch in der Unternehmenskommunikation, wie Agrarblogger Hannes Schleeh mit dem kleinsten Ü-Wagen der Welt auf der größten Hallenmesse Agritechnica unter Beweis stellte.

„Messemarketing mit bewegten Live-Bildern wird immer wichtiger, aber auch einfacher. Wo früher riesige Übertragungswagen mit mannshohen Satellitenschüsseln und enorm teures Equipment im Einsatz waren, genügt heute ein schneller Internetzugang über LAN, WLAN oder LTE, um die Livebilder ins Internet zu streamen.“

Die Sendungen fanden im Stundentakt statt und wurden direkt auf der Startseite der Messe http://www.agritechnica.com eingebettet. Schon nach drei Tagen hatten die Youtube-Clips über 40.000 Abrufe erreicht. Mit schwerer Technik ist das nicht machbar.

Mehr dazu in meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“.

In einer Wohlfühl-Kontrollblase findet keine Kommunikation statt #StreamCamp13 #Bloggercamp.tv

Gesprächskultur im Social Web

Gesprächskultur im Social Web

Die Ökonomie der Beteiligung, die zum Hauptwesen von sozialen Netzwerken zählt, macht auch vor den CIOs in Unternehmen nicht halt. Darauf verweist Udo Nadolski, Chef des Düsseldorfer Beratungshauses Harvey Nash:

„Wir haben irgendwann mal mit einem Produkt angefangen, dann ging es über die Marke hin zu Kundenbeziehungen. Heute haben wir es mit dem Anfang einer sozialen Orientierung im Geschäftsmodell zu tun. Es basiert auf dem simplen Satz: ‚Du gehörst zu uns’. Das hat Auswirkungen auf alle Einheiten im Unternehmen und muss von der IT gestützt werden. Mobilität gepaart mit Social Media sind die Haupttreiber für die Umwälzungen von Organisationen – und das gilt nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für Politik und Gesellschaft“, so Nadolski.

Was als vernetzte Ökonomie definiert werde, müsse der CIO auf sein Unternehmen anpassen.

„Wir haben es mit verschiedenen Einflussfaktoren zu tun. Es ist zwar ein Buzzword, aber wir dürfen uns davor nicht verschließen. Wir leben in einer Welt, die zunehmend von der so genannten Generation Y geprägt wird. Und die findet man nicht in der Telefonzelle, sondern auf Twitter oder Facebook. Das gilt für die Beziehungen zu Kunden, wie für die Unternehmenskultur. Im Büro fragen sich die Mitarbeiter, warum sie Social Media nicht auch hier nutzen können. Daraus entsteht für die Unternehmen ein ganz großer Zwang, das private Nutzungsverhalten im Social Web in die berufliche Welt zu transferieren. Und das hört am Arbeitsplatz nicht auf. Wir erleben eine soziale Orientierung fast aller Geschäftsmodelle“, meint Nadolski.

Das gilt besonders für die Kommunikation mit Kunden. Vernetzte und offene Services verlangen ein völlig neues Denken und neue Technologien, die weit über die beschränkten Hotline-Kompetenzen der Unternehmen hinausgehen. Soziale Medien werden von einer Logik der Versprachlichung beherrscht, schreibt Alexander Pschera in seinem Buch „800 Millionen“ (erschienen im Matthes & Seitz-Verlag). Alles, was ausgesprochen werden könne, kommt zur Aussprache. Die Netz-Anarchie der Privatsprachen zersetze den Code allgemeingültigen Sprechens. Das soziale Netz sei ein System der sozialen Unordnung:

„Die Bewegung der Netzkommunikation ist ein stetes Sagen, Weiter-Sagen, Kommentieren, Anfügen. Alles ist hier verflüssigt, nichts verhärtet sich zum Dokument.“

Aus dieser unübersichtlichen Textur kann man sehr viel Wissen für die eigene Organisation gewinnen, wenn man sich öffnet. Nennen wir es liquide Kommunikation oder eine Kultur der Beteiligung – etwa in öffentlichen Gesprächsrunden, die über Streamingdienste wie Hangout on Air live ins Netz übertragen werden.

Sie stehen direkt nach der Ausstrahlung als Aufzeichnung zur Verfügung und ermöglichen Netzwerkeffekte über die asynchrone Kommunikation. Auf diese Weise entsteht eine virale Logik, die Mercedes Bunz am Beispiels des Globalisierungsvideos “Did You Know?/Shift Happens” (Filmmusik aus Braveheart) veranschaulicht.

Der Film entstand 2006 und wurde erst im Laufe der Zeit ein Erfolg, weil immer mehr Blogger das Video kommentierten und ein halbes Jahr nach der Entstehung auf Youtube veröffentlichten. Mittlerweile liegen die Zugriffszahlen bei über 5,6 Millionen.

“Damit ist das Video zu einem viralen Erfolg geworden, mit der britischen Psychologin Susan Blackmore kann man sogar sagen, es wird zu einem ‘Mem’. Es wird also nicht einfach nur wiedergegeben, sondern ist zum Vorbild und Muster geworden, das in verschiedenen Fassungen verbreitet wird”, schreibt Bunz.

Allerdings funktionieren hier die Controlling-Künste der Unternehmen nicht mehr, wie Patrick Breitenbach von der Karlshochschule verdeutlicht:

“Ich stelle als Marke meinen Mem-Pool der Öffentlichkeit zur Verfügung und sie kann ihn nach Belieben remixen.”

Der memetische Code wird nicht mehr bewacht, sondern freigegeben. Das sei ein radikaler Paradigmenwechsel im Vergleich zu den Dogmen, die in der Werbeindustrie immer noch gehegt und gepflegt werden:

“Es muss die Freiheit eingeräumt werden, mit der Marke zu spielen, wie bei den Hope-Plakaten des Obama-Wahlkampfes, wo sich eine völlig neue Ästhetik entwickelt hat“, so Breitenbach.

Unternehmen sollten sich von der ganzen Kampagnen-Denke verabschieden, um irgendwelche Botschaften in den Markt zu drücken. Ihre Zahlenspielchen helfen dabei auch nicht weiter. Es dominiert aber in den meisten Organisationen immer noch die Sehnsucht nach einer kontrollierbaren Welt in völliger Harmonie. Schönwetter-Philosophien ohne Ecke und Kanten. Wo aber keine Kritik und keine Gegnerschaft existiert, da gedeihen auch keine Fans. In einer Wohlfühl-Kontrollblase findet keine Kommunikation statt.

Was die Echtzeit-Kommunikation via Live-Streaming bietet, ist heute Thema von Bloggercamp.tv. Gast ist der StreamCamp-Mitorganisator Gerhard Schröder. Beginn 18:30 Uhr. Hashtag für Twitter-Zwischenrufe während der Liveübertragung #bloggercamp.

Hier läuft die Bloggercamp.tv-Session:

Autodidaktische TV-Produzenten: Ein Blick in die Streaming-Wundertüte #Bloggercamp.tv #StreamCamp13

Bloggercamp.tv mobil

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Eine Welt verändert sich, wenn sich die Medien ändern, meinte der Schriftsteller Walter Benjamin.

Und vielleicht sind es gar nicht so gravierende Veränderungen, die zu einer gesellschaftlichen Veränderung beitragen. Zu dieser Auffassung neigt auch der Philosoph Peter Sloterdijk im Gespräch mit Hubert Burda – veröffentlicht in dem Band „IN MEDIAS RES – Zehn Kapitel zum Iconic Turn”:

„Die Griechen haben ja bekanntlich zu den orientalischen Schriftsystemen, die reine Konsonantenschriften gewesen sind, eine kleine Erfindung hinzugefügt, die aus der historischen Entfernung genauso geringfügig erscheinen könnte wie der Übergang bei Gutenberg zum Druck mit den beweglichen Lettern.”

Es geht um die Erfindung des autonom lesbaren Textes, weil man zum ersten Mal die Stimme des Autors rekonstruieren konnte – es geht eben um Vokale. Für die Entzifferung der Konsonantenschrift brauchte man immer einen Vorleser, der sagt, wie der Text gesprochen werden muss – „ein Sachverhalt, der im Hebräischen bis auf den heutigen Tag fortbesteht”, so Sloterdijk. Tendenziell sei der europäische Leser also ein autonomer Leser.

„Oder anders ausgedrückt, ein Autodidakt, der auf eigene Faust die Stimme der Ahnen entziffern kann”, erklärt Sloterdijk.

Und das beschränkt sich schon lange nicht mehr auf das Lesen. Selbst für bewegte Bilder steht das Handwerkszeug für den digitalen Autodidakten bereit, der heute ohne Ü-Wagen, ohne Ausbildung zum Kameramann oder zur Kamerafrau und ohne schweres technisches Gerät Fernsehen machen kann. Zu jeder Zeit, an jedem Ort.

Videokommunikation ist spätestens seit den Erfolgen von Diensten wie Skype oder Google-Hangout ein beherrschendes Thema für Beruf und Freizeit: Die Popularität dieser Angebote führt auch zu einer stärkeren Nachfrage nach technischen Lösungen, die speziell auf Unternehmen zugeschnitten sind. Davon ist Produktmanager Johannes Nowak vom ITK-Spezialisten Aastra überzeugt:

„Vor allem die Erfahrungen aus der privaten Nutzung übertragen sich auf die Wirtschaftswelt.“

72 Stunden Videomaterial pro Minute

Pro Minute werden auf Youtube mittlerweile 72 Stunden Videomaterial hochgeladen, so Google-Sprecher Stefan Keuchel. 77 Prozent der Internet-Nutzer in Deutschland schauen Online-Videos. 50 Prozent sehen Filme und 47 Prozent schauen bei Live-Events über das Internet zu, in beiden Fällen etwa 12 Prozent auf mindestens wöchentlicher Basis. Das ist das Ergebnis einer Umfrage im Auftrag des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW).

Bei der jüngeren Bevölkerungsgruppe geht es dabei weniger um reine Download-Angebote, sondern um Streaming-Dienste.

„Diese Entwicklung wird durch Social Media und Social TV weiter gesteigert, so dass rund um Bewegtbildinhalte die zwischenmenschliche Kommunikation begünstigt wird“, sagt Holger Schöpper, Sprecher des Forums Bewegtbild im BVDW.

@Videopunk

@Videopunk

„Video ermöglicht eine persönlichere Kommunikation, als es das geschriebene Wort jemals bieten kann. Und anders als beim geschriebenen Wort, benötigt Video keine Vorbildung, keinen Duden und keine Schönschrift. Video ist kein Abbild, sondern ein echter Einblick in unser Leben. Video ist gelebte Kulturtechnik”, so Markus Hündgen (@videopunk).

Angriff auf die Bastion des klassischen Fernsehens

Streaming-Dienste wie Hangout on Air sind die technische Basis für Jedermann-TV. Selbst die massenmediale Bastion des klassischen Fernsehens ist vor der Eigendynamik der autonomen TV-Produzenten nicht mehr sicher. Was bewirkt die Graswurzel-Talkultur? Bislang wird ja das so genannte Social TV in der Kategorie des “Second Screen” gesehen – also als Begleitmedium für TV-Sendungen, wo etwa über Twitter „Wetten, dass” mit Markus Lanz hoch und runter kommentiert wird. In der Streaming-Wundertüte steckt mehr drin.

Hangout-Experte Gerhard Schröde

Hangout-Experte Gerhard Schröder

Wo die Reise hingeht, diskutieren wir morgen, um 18:30 Uhr in Bloggercamp.tv mit dem StreamCamp-Mitorganisator Gerhard Schröder: „Inhalte und Konzepte beim Livestream“.

Kein Gespräch über die Streaming-Technik, sondern über Anwendungsmöglichkeiten von Literaturlesungen, Live-Podcasting bis zu Sportveranstaltungen. Ein Ausblick auf das StreamCamp am 16. und 17. November in Köln.

Interessant auch: ARD: Alte. Rentner. Doofe? 6 Utopien für die ARD.

Live-TV mit dem Handy und der Blick für technologische Revolutionen #StreamCamp13

Onkel Pelle in Aktion

Onkel Pelle in Aktion

In Deutschland gibt es eine merkwürdige Stimmungslage, wenn es um Netzthemen und neue Technologien geht. Besonders die Berichterstattung gehe in eine Richtung, die viele nicht mehr ertragen können, sagt Sebastian Matthes, Ressortleiter Technik & Wissen der Wirtschaftswoche und designierter Chefredakteur der Huffington Post Deutschland.

Es komme eine neue Idee oder Technik auf den Markt und man findet alles ganz fürchterlich.

„Technologie hat in Deutschland einen positiveren Blick verdient“, so Matthes in Deutschlandradio Wissen.

Es gebe auch einen negativen Bias der Medien, wenn über Internet-Themen berichtet wird. Deutschland könne einen etwas konstruktiveren Blick auf das Netz und auf das Leben im Netz vertragen. Genau das werde er in seiner neuen Aufgabe bei der Huffington Post versuchen.

Google macht vieles richtig

Das heißt nicht, alles hochzujubeln. So machen Google im Umgang mit den eigenen „Kunden“ eine Menge falsch. Stichwort: Content-Zensur und AGB-Diktatur. Technologisch macht der Suchmaschinen-Konzern aber auch einen unglaublich guten Job. Etwa bei der Etablierung des Streaming-Dienstes Hangout on Air, mit dem man Videos live ins Internet übertragen kann. Vor gut einem Jahr war das noch ein unglaublicher Kraftakt und es gab Experten, die betrachteten das Livestreaming von Video- oder Audio-Beitragen als Königsdisziplin der Datenübertragung im Netz. Die Bedenkenträger in Deutschland zerreden das Ganze entweder medienrechtlich oder mosern an der Einfachheit der Anwendung herum. Wer so etwas nicht selber zusammen bastelt, sei kein würdiger Vertreter der Podcast- oder Videozunft.

Völlig unterschätzt wird die bahnbrechende Veränderung durch die Graswurzel-TV-Bewegung.

„Technologisch beginnt der Wandel mit der Atomisierung der Distributionskosten. Das Betreiben eines Blogs kostet im Gegensatz zum Druck einer Zeitung praktisch kein Geld mehr. Die Aufnahme und Bereitstellung eines Podcasts ist kaum den Betriebskosten eines Radiosenders zu vergleichen. Nur im Fernsehen hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die Distributionskosten unbezahlbar seien“, schreibt Nikolai Longolius in seinem Buch „Web-TV – AV-Streaming im Internet“.

Auch diese Bastion wird niedergerissen. In einem Focus-Gastbeitrag hat Andreas Graap von Webschorle.de kompakt die Vorteile von Liveübertragungen via Hangout on Air zusammengefasst:

„Fernsehen und Rundfunk arbeiten bei Live-Übertragungen mit schwerer Maschinerie: Ein oder gleich mehrere Übertragungswagen bringen Mitarbeiter mit der notwendigen Technik zum Ort der Liveübertragung. Die Bandbreite reicht von Kleinbus bis Sattelschlepper. Aber der bisher kleinste Übertragungswagen ist der ‚Smart’, mit dem zum Beispiel die ‚Lokalzeit’ des WDR von unterwegs Fernsehen macht. Hier laufen Regie, Ton, Kamera und Moderation zusammen und werden per Satellit übertragen. Erstaunlich also, dass all diese Technik heute in ein Smartphone passt.”

Vor nicht allzu langer Zeit dachte wohl auch der professionelle Journalismus nicht daran, dass man mit Mobiltelefonen bald eigene Live-Reportagen starten könnte, so Graap.

„Heute geht das: Live-Streaming-Dienste wie Hangout on Air haben es vorgemacht, andere werden folgen. Das könnte die Medienlandschaft und insbesondere den TV-Journalismus komplett verändern.”

Die Huffington Post setzt Hangouts intensiv in den TV-Nachrichtensendungen ein, um Zuschauer direkt in die Live-Berichterstattung reinzuholen und mitdiskutieren zu lassen. Bis auf wenige zaghafte Versuche ist davon in Deutschland noch nichts zu sehen. Beim StreamCamp in Köln kann man das übrigens am 16. und 17. November nachholen.

Ahnungslos im Jammer-Modus

Der deutsche Jammer-Michel beklagt sogar Phänomene, die man noch nicht einmal in Spurenelementen verorten kann, wie etwa die so genannte Gamification. So warnt ein emeritierter Volkswirtschaftsprofessor gegenüber der Computerwoche vorauseilend vor der Ausbeutungsgefahr, obwohl er sich nicht gerade als Experte für Computerspiele in der Vergangenheit hervorgetan hat. Das Bewusstsein von Ort und Zeit gehe beim Spiel verloren. Man stehe im Wettbewerb mit sich selbst:

„Heute schaffe ich mehr als gestern.“

Von dieser verschärften Konkurrenz profitiere in erster Linie der Arbeitgeber. Peng. Ende. Aus. Der Schlaumeier-Michel hat sein Urteil gesprochen – als Blindfisch der Gaming-Szene. Dabei geht es genau um das Gegenteil.

„Was die so genannten Experten wie der VWL-Professor von sich geben, ist eigentlich ein trauriger Indikator für die Lage in Deutschland. Es geht bei Gamification eben nicht darum, noch mehr aus den Mitarbeitern herauszuholen oder Zockergefühle für einen sechzehnstündigen Arbeitstag zu wecken. Es geht darum, Unternehmen besser zu machen im Umgang mit Mitarbeitern und Kunden. Es soll ein Umfeld geschaffen werden, in dem man gerne arbeitet“, erläutert der Gaming-Experte Christoph Deeg im Interview mit Bloggercamp.tv.

Gamification könne dumme Chefs oder ausbeuterische Unternehmen nicht ändern. Bei solchen Verhältnissen werde es aber auch nicht gelingen, Gamification in die Organisation zu tragen und zu verankern.

„Auch mit den Bonitätsmodellen ist es nicht möglich, Leute wirklich zu motivieren, wenn der Laden autoritär und schlecht geführt wird. Wenn Führungskräfte Gaming einsetzen und sich dennoch als unangreifbare Gottheiten in Szene setzen, sollte ihnen klar sein, was am Ende eines Computerspiels lauert. Da kommt der große Endgegner“, bemerkt Deeg.

Es gehe nicht um den Einsatz irgendwelcher Tools oder Web-Anwendungen. Es gehe um die Unternehmenskultur, die sich fundamental ändern müsse.

„Wer mit Computerspielen sozialisiert wurde, was bei vielen IT-Nachwuchskräften der Fall ist, der erkennt sehr schnell, ob Gamification nur als Blendwerk bei der Mitarbeiterführung eingesetzt wird. Das wird sich auf die Rekrutierung von talentierten Fachleuten eher negativ auswirken“, meint IT-Personalexperte Karsten Berge von SearchConsult.

Ähnliches gilt übrigens auch für Aktivitäten im Social Web. Sie bringen die unternehmensinternen Probleme erst so richtig ans Tageslicht. Wer sich öffentlich zum Dialog bekennt, ihn aber im Umgang mit Kunden oder Mitarbeitern ignoriert, zählt schnell zum Fallobst des Netzes.