„Ich bin zu alt, um nur zu spielen, Zu jung, um ohne Wunsch zu sein“ – Wie hält es die Gesellschaft mit radikalem technologischem Wandel? @UniGraz

Von Rita Strohmaier, Marlies Schütz und Stella Zilian

„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“, fragt Gretchen Faust in Goethes gleichnamiger Tragödie. Nun, vermutlich nicht so. Schließlich ließ sich Faust, der wohl berühmteste Wissenschaftler in der deutschen Literaturgeschichte, auf einen Pakt mit dem Teufel ein, weil er an der Fähigkeit der Wissenschaft, die Natur tatsächlich zu begreifen, (ver)zweifelte. Heute, im Zeitalter der Digitalisierung, scheint die Gesellschaft dem Deus ex Machina, dem Gott aus der Maschine, hinterher zu pilgern. Der Staat tut das seinige dazu, den Technologiewandel – etwa in der Biologie, den Medien, oder der Robotik, – zu orchestrieren. Ohne den Teufel an die Wand zu malen, sollten wir uns die Frage stellen, ob und wie wir mit den aus der Diffusion neuer Technologien resultierenden Veränderungen aus sozioökonomischer Sicht Schritt halten können. Ist das bestehende System fähig, radikalen technologischen Wandel über kurz oder lang zu kontrollieren? Wenn nicht, welchen Gefahren ist die Gesellschaft dann ausgesetzt? Die nachfolgenden Beispiele zeigen die Aktualität des (vermeintlich) faustischen Erkenntnisstrebens sowie die Absurditäten und Risiken im Kontext der heranrollenden Technologiewelle.

„Es leuchtet! seht! – Nun läßt sich wirklich hoffen, Daß, wenn wir aus viel hundert Stoffen […]
Den Menschenstoff gemächlich komponieren,
In einen Kolben verlutieren
Und ihn gehörig kohobieren,
So ist das Werk im stillen abgetan.“ (Goethe 1986, S. 210, V. 6848-V. 6854)
(Faust. Der Tragödie zweiter Teil., Fausts ehemaliger Famulus Wagner zu Mephistopheles)

Ende 2017 berichteten Medien in den USA, dass es einem kanadischen Wissenschaftler gelungen sei, einen Pockenstamm künstlich im Labor zu erzeugen. Bevor sie 1979 durch die WHO für ausgerottet erklärt werden konnten waren die Pocken für den Tod von 300 Mio. Menschen verantwortlich. Im konkreten Fall handelte es sich zwar um die künstliche Erzeugung von Pferdepocken, allerdings können jene Techniken, die für die Herstellung dieses Virus eingesetzt wurden, auch dazu verwendet werden, das für den Menschen gefährliche Pockenvirus zu rekonstruieren. Gereicht synthetische Biologie nun zum Fluch, wenn sie den künstlichen Nachbau von Viren gestattet, deren Auslöschung sich die Medizin zurecht auf die Fahnen heftet? Oder ist sie ein Segen, wenn auf ihrer Basis andere Krankheitserreger wie die Influenza bekämpft werden könnten? Die wissenschaftliche Leistung dahinter – das mechanische Aneinanderfügen kleinster Teile synthetischer DNA zu einem viralen Genom – ist immens; allerdings hinkt der gesetzliche und regulatorische Rahmen, der die Gefahr von Missbrauch eindämmen soll, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene den Forschungsleistungen hinterher: So haben es einzelne Staaten noch immer nicht geschafft, die Biowaffenkonvention von 1972 hinlänglich umzusetzen.

Ähnlich ist es im Fall der CRISPR/Cas9-Methode, einem bahnbrechenden gentechnischen Verfahren für das gezielte Ausschneiden und Bearbeiten von DNA. Sie könnte den Kampf gegen Krebs und virale Krankheiten revolutionieren. Nicht zuletzt deshalb wurde CRISPR/Cas9 im Jahr 2015 von Science zum „Durchbruch des Jahres“ gekürt. Gleichzeitig vereinfacht sie aber auch das Eingreifen in das humane Genom und damit Embryo-Design. Im selben Jahr veröffentlichten daher namenhafte Wissenschaftler in Nature einen Kommentar, in dem sie sich gegen die Genom-Editierung in Embryonen aussprachen und vor unabsehbaren Folgen für künftige Generationen warnten. Trotzdem ließ der chinesische Genetiker He Jiankui zwei Embryonen austragen, deren DNA so geändert wurde, dass die beiden Mädchen immun gegen HIV – dafür aber anfälliger für Influenza – sind: Lulu und Nana, die ersten genmanipulierten Menschen. Sein Experiment, das letzten November publik wurde, stellt keinen technologischen Durchbruch dar; er war schlichtweg der Erste, der es wagte diese gefährliche Grenze zu überschreiten. Und das wohl ohne seine Universität oder nationale Behörden davor in Kenntnis zu setzen. In jedem Fall drängt sich die Frage auf, ob wir von der Erschaffung des Homunkulus, eines künstlichen Menschen, wie ihn Wagner, der frühere Schüler von Faust, ins Leben gesetzt hat, nicht mehr weit entfernt sind.

„Ich bin zu alt, um nur zu spielen,
Zu jung, um ohne Wunsch zu sein.“ (Goethe 1986, S. 53, V. 1546-V. 1547) (Faust. Der Tragödie erster Teil., Faust zu Mephistoteles)
In einer britischen Umfrage, bei der 1000 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 6 und 17 Jahren zu ihrem Traumberuf interviewt wurden, gaben mehr als ein Drittel an, Youtuber werden zu wollen; ein Fünftel entschied sich für Blogger oder Vlogger. Demzufolge sieht sich die Hälfte der Befragten als Influencer, ein Job, der erst durch die Digitalisierung entstanden ist. Auf den Plätzen drei bis fünf folgen eher traditionelle Berufswünsche wie Musiker, Schauspieler und Filmemacher. Immerhin sieht sich jeder sechste Jugendliche in Zukunft noch als Arzt bzw. Krankenpfleger. Die auf sozialen Medien verbreiteten Beiträge sind jedoch keineswegs Spielereien; als Influencer lässt sich auch gutes Geld verdienen. So bietet man sich als idealer Träger für Werbebotschaften an, damit Unternehmen die gewünschten Zielgruppen auch noch in einem Zeitalter erreichen, in dem ein Gros der Kommunikation und Interaktion online abläuft und traditionelle Medien wie Fernsehen und Radio an Bedeutung verlieren.
Ein Viertel der Befragten gab letzten Endes Kreativität als Grund dafür an, YouTuber werden zu wollen.

Kreatives Denken wird auch im Zuge der sogenannten vierten industriellen Revolution stark nachgefragt werden, da diese Eigenschaft schwer von smarten Maschinen repliziert werden kann. Je mehr ein Arbeitnehmer über diese Eigenschaft verfügt, argumentieren Frey und Osborne, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, in Zukunft durch einen Computer ersetzt zu werden. Ihrer Studie nach drohen traditionelle Berufsfelder von der Digitalisierung und Automatisierung überrollt zu werden. Dies beträfe rund 47% der Beschäftigung in den USA. Die globale Dimension der sich anbahnenden Technologiewelle zwingt aber auch uns dazu, uns diesen Herausforderungen zu stellen. Schließlich kann nicht jeder sein Geld auf Youtube verdienen.

„Geheimnisvoll am lichten Tag,
Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.“ (Goethe 1986, S. 28, V. 672-V. 675) (Faust. Der Tragödie erster Teil. Faust mit sich allein).

Maschinen erledigen heute etwa 80 Prozent der Arbeitsschritte in der Automobilproduktion. Was die neue Generation von Robotern wesentlich von ihren Vorgängern unterscheidet, ist die Ausstattung mit künstlicher Intelligenz: die Fähigkeit, mit Hilfe von Algorithmen menschenähnliche Intelligenz nachzuahmen. Damit mutieren sie vom verlängerten Arm zum ersetzbaren Kopf der Arbeitnehmerin.

2017 wurde erstmals einem humanoiden Roboter namens Sophia die Staatsbürgerschaft verliehen, und das ausgerechnet in Saudi-Arabien, einem Land, in dem Menschen- und insbesondere Frauenrechte eine untergeordnete Rolle spielen. Da mutet es schon seltsam an, wenn Geschlechtergleichstellung zwar radikal abgelehnt, aber die formale Gleichstellung von Mensch und Maschine als Symbol der Fortschrittlichkeit des Staats propagiert wird. Mit letzterer sind jedenfalls eine Reihe von tiefgreifenden moralphilosophischen und ethischen Fragen verbunden, die höchste Priorität auf der politischen Agenda haben sollten. Zu Beginn dieses Millenniums entwickelte sich aus diesem Denken heraus auch der interdisziplinäre Ansatz der „robot ethics“, welcher sich unter anderem mit möglichen Modellen der Ko- Existenz von Mensch und humanoidem Roboter beschäftigt. Die Erforschung sozialer Aspekte technologischen Fortschritts sind unerlässlich, zumal die Entwicklung künstlicher Intelligenz rasch an Fahrt gewinnt und man jetzt schon – ähnlich wie beim Klimawandel – einen technologischen Singularitätspunkt befürchtet, ab dem künstliche Agenten den Menschen ausbooten.
Zurück zur Gretchenfrage:

Wie halten wir es mit radikalem technologischem Wandel? Die Beispiele zeigen, dass disruptive Innovationen Wirtschaft und Gesellschaft bereits jetzt in vielerlei Hinsicht fordern. Ob wir eine befriedigende Antwort finden, wird erst die Zukunft weisen. Trotzdem kommen wir nicht umhin, uns der unbequemen Frage zu stellen und auch nachkommende Generationen darauf vorzubereiten. Gerade dafür bedarf es aber eines Staats, der sowohl unternehmerisch denkt, indem er Wissenschaft und Innovation fördert, als auch sozial handelt. Dies impliziert, ethische Normen zu formulieren und das Rahmenwerk zur Einhaltung derselben anzupassen, wenn sich wie bei synthetischer Biologie oder fortgeschrittener Robotik neue Herausforderungen auftun. Beschäftigten, die von Automatisierung bedroht sind, gilt es ein soziales Netz und neue Bildungschancen zu bieten, um die möglichen Folgen technologischer Arbeitslosigkeit abzufedern.

Politische Maßnahmen müssen zielgerichtet und auf Dauer ausgelegt sein; sich technologischem Wandel auf der innovationspolitischen Ebene euphorisch hinzugeben und ihn gesellschaftspolitisch zu verteufeln hinterlässt nur eine größere Kluft zwischen dessen Gewinnern und Verlierern. Und man sollte sich dabei vergegenwärtigen, dass radikaler technologischer Wandel schon so alt ist wie die Menschheit selbst, und Innovationen seit jeher die Triebfeder wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung darstellen. Oder wie der Teufel zu Faust sagte:

„Gestaltung, Umgestaltung
Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung“ (Goethe 1986, S. 193, V. 6287-V. 6288) (Faust. Der Tragödie zweiter Teil. Mephistopheles zu Faust)
Referenzen:
Goethe, J. W. (1986): Faust. In: J. W. G.: Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Hrsg. v. Erich Trunz. Bd. 3. München: dtv.

Die Autorinnen beschäftigen sich mit dem Forschungsprojekt: „Wie smarte Maschinen Österreichs Wirtschaft verändern“. Das Team setzt sich zusammen aus dem Projektleiter, Professor Heinz D. Kurz, sowie zwei Post-Docs (Marlies Schütz und Rita Strohmaier) und einer Dissertantin, Stella Zilian.

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2 Gedanken zu „„Ich bin zu alt, um nur zu spielen, Zu jung, um ohne Wunsch zu sein“ – Wie hält es die Gesellschaft mit radikalem technologischem Wandel? @UniGraz

  1. Es wird schon diskutiert https://www.facebook.com/gsohn/posts/10216882571808368

    Thomas Franke Das, was ich gerade in diesem Artikel las, führe ich schon lange als Argumente in meinem Reden (und das nicht nur, weil ich vor vielen Jahren mal den Faust spielte), denn sooooo neu sind diese Erkenntnisse nicht. Aber da ich mich lange mit der Science Fiction beschäftigt habe, die solches in ihren besten Dystopien darstellt, gruselt’s mich nun doch, daß diese uns bevorstehende Entwicklung langsam, langsam, viel zu langsam nur in den gesellschaftlichen Diskurs einsickert.
    Und hinsichtlich der Ergebnisse der angeführten Befragung der 1000 Kinder im Alter zwischen 6 und 17 Jahren sollten die gegenwärtigen Dränger und Stürmer doch einmal darüber nachdenken, das Wahlalter für Menschen auf ein Alter von höchstens 60 Jahren zu beschränken, denn diese Ergebnisse zeugen doch von fehlender Reife …, – nich woah?

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